MeinungDie Kieler Woche und die Rinne des Grauens

YACHT

 · 24.06.2023

Meinung: Die Kieler Woche und die Rinne des Grauens
YACHT-Woche – Der Rückblick

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Liebe Leserinnen und Leser,

wer in den vergangenen Tagen in Kiel-Schilksee war oder dieses Wochenende noch dafür nutzt, kann was erleben. Segel-Volksfest wird sie gern genannt, die weltgrößte Regattawoche. Doch diese Worthülsen geben nicht im Ansatz wieder, was sich dort abspielt. Wenn mehrere Klassen gleichzeitig gestartet werden, verwandelt sich das Hafenvorfeld, auf dem es eben noch beschaulich zuging, in einen Ameisenhaufen. An den Slipanlagen entstehen Staus, Boote rein, Slipwagen raus. Im Hafen werden die engen Gassen zu Ameisenstraßen, und es ist immer wieder ein kleines Wunder, dass alle heil hinauskommen. Auf der Förde, eben noch fast booteleer, wimmelt es plötzlich von Segeln.

Zeit für einen Rundgang durch das Olympiazentrum. Irre, was sich dort mit den Jahren getan hat; Zelte, Hallen und Pagoden, Aussteller und Sponsoren, Partyzelt, Open-Air-Arena, Lounges. Auf dem Stellplatz für Wohnmobile, Wohnwagen und Zelte dann der Schock: Es gibt sie immer noch – die Rinne des Grauens. Sie spült, fast im Wortsinne, Erinnerungen von vor über 30 Jahren hoch.

Es war 1990, die erste Kieler Woche nach der Wiedervereinigung und damit für mich als junger Finn-Dinghy-Segler die erste Chance, an dieser sagenumwobenen Veranstaltung teilzunehmen. Es wurde ein Fiasko. Angereist mit meinem 78er Passat und einem Iglu-Zelt, stellte sich dieses Arrangement schnell als die falsche Wahl heraus – wobei ich als Jungspund auch gar keine andere hatte. Es regnete in Strömen, in meiner Erinnerung die ganze Woche. Ich wurde nie trocken. Morgens raus aus dem Zelt, zum Passat sprinten, Heckklappe auf und erst mal unterstellen. Dort dann umziehen, Regattaklamotte an, Trockenkombi, und in diesem Aufzug ab zum Waschen. Was bedeutete: ab an die Rinne.

Das ist eine simple Konstruktion aus Edelstahl. Oben läuft eine Wasserleitung mit Hähnen in gewissen Abständen, darunter Wannen, um das aufzufangen, was von oben kommt. Am Ende ein Ablauf. Wenn man, wie ich, diese Waschstelle noch nie benutzt hat, begeht man leicht, wie ich, den Fehler, sich an das Ende mit dem Abfluss zu stellen. Die Beschreibung im Detail, was dort als Ergebnisse vom Zähneputzen und Rasieren mehrerer Personen ankommt, erspare ich Ihnen, lieber Leser. Mit einem Wort: ekelerregend.

Dann raus aufs Wasser, nach Stunden und damals noch elendig langen Kursen und Anfahrtswegen völlig kaputt wieder an Land, immer noch bei Regen. Der nahezu unmögliche Versuch, sich unter der Passat-Heckklappe umzuziehen und etwas Trockenes anzubekommen, was gleich wieder beim Anstellen an der Dusche nass wurde.

So ist meine erste Erinnerung an die Kieler Woche. Und für längere Zeit sollte es die letzte bleiben. Offenbar hatte ich einfach Pech, wie die Teilnehmerzahlen in den folgenden drei Jahrzehnten zeigen. Der Reiz der „Kiwo“ blieb ungebrochen.

Aber, so meine Vermutung, die Rinne des Grauens werden heute wohl nur noch wenige erleben. Jedenfalls, wenn ich die Annahme vom Verhältnis der Wohnmobile zu den Zelten ableite. Letztgenannte waren bei dieser Ausgabe deutlich weniger vertreten als ich es von damals in Erinnerung habe, und in Wohnmobilen kann man sich ja auch waschen.

Die Diskussion, ob die Kieler-Woche-Klientel wohlhabender oder einfach älter geworden ist, mache ich hier aber nicht mehr auf.

Lars Bolle

Chefredakteur Wassersport digital

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