Mini-TsunamisWarum Häfen plötzlich überschwemmt werden

Lars Bolle

 · 28.08.2026

Mini-Tsunamis: Warum Häfen plötzlich überschwemmt werdenFoto: Ports de Balears
Das zurückströmende Wasser an der Promenade am Hafen von Alcúdia auf Mallorca.
Mini-Tsunamis auf Mallorca und Menorca sorgten in dieser Woche für Schlagzeilen. In Ciutadella wurden am Montag, 24. August, 1,44 Meter Schwankung gemessen. Wie kommt es zu so plötzlichen Pegeländerungen und wie können sich Skipper darauf vorbereiten?

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Am 24. August wurden Mini-Tsunami an mehreren Küstenabschnitten Mallorcas beobachtet. In Port d’Alcúdia erreichte das Wasser den Uferbereich und die Außengastronomie. Auch aus Port d’Andratx, Port de Sóller und Port Adriano wurden ungewöhnliche Wasserstandsänderungen gemeldet.

Auf Menorca war die Lage ausgeprägter. Im Hafen von Ciutadella schwankte der Pegel am Montag um bis zu 1,44 Meter. In der Nacht zum Freitag, 28. August, wurde zudem die Bucht von Santandria vollständig überflutet. Wasser drang dort bis ins Erdgeschoss eines Hotels und weiterer Betriebe. Feuerwehr und Polizei pumpten das Wasser ab. Es besteht weiterhin eine Warnung für Menorca.

Mini-Tsunami auf Mallorca

​Die Bilder aus Häfen und Strandbereichen wirken zwar dramatisch, bestätigte Berichte über Schäden an Segel- oder Motoryachten auf Mallorca oder Menorca gibt es bislang jedoch nicht

Was eine Rissaga von einer normalen Welle unterscheidet

„Rissaga“ ist der lokale Begriff auf Menorca. Meteotsunami ist die wissenschaftliche Bezeichnung. „Mini-Tsunami“ beschreibt das Phänomen zwar anschaulich, kann aber in die Irre führen. Es geht nicht um eine einzelne brechende Welle wie bei Brandung.

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Vielmehr schwingt ein ganzer Wasserkörper. Das Wasser kann in einem Hafen zunächst ungewöhnlich stark ablaufen. Wenige Minuten später strömt es wieder zurück. Diese Bewegung kann sich mehrfach wiederholen. Entscheidend sind nicht nur die Pegelunterschiede, sondern die Strömungen, die beim raschen Füllen und Leerlaufen entstehen.

Ein tektonischer Tsunami wird typischerweise durch eine plötzliche Bewegung des Meeresbodens ausgelöst, etwa bei einem Seebeben. Ein Meteotsunami beginnt dagegen in der Atmosphäre. Schnelle Luftdruckschwankungen regen die Meeresoberfläche zu langen Wellen an.

Wenige Hektopascal reichen nicht, Resonanz schon

Am Anfang steht der inverse Barometereffekt: Ein Hektopascal Luftdruckänderung entspricht statisch ungefähr einem Zentimeter Änderung des Wasserstands. Ein Drucksprung von wenigen Hektopascal erzeugt also nicht unmittelbar eine meterhohe Rissaga.

Die entscheidende Verstärkung passiert in mehreren Stufen. Eine wandernde atmosphärische Druckstörung kann eine lange Wasserwelle immer wieder anschieben, wenn beide fast gleich schnell unterwegs sind. Diese Proudman-Resonanz funktioniert ähnlich wie eine Schaukel, die mit kleinen, aber exakt getimten Schubsern immer höher kommt.

Für den Menorca-Kanal sind solche Bedingungen besonders gut untersucht. Eine aktuelle Studie im Journal of Geophysical Research: Oceans nennt für optimale Verstärkung Ausbreitungsgeschwindigkeiten der atmosphärischen Störung von etwa 24 bis 36 Metern pro Sekunde. Das entspricht rund 86 bis 130 Kilometern pro Stunde. In Tiefen von etwa 70 bis 120 Metern passt dies zur Geschwindigkeit langer Wasserwellen. Modellierungen kommen im Menorca-Kanal auf eine Verstärkung um ungefähr den Faktor zehn.

Danach folgt der zweite Verstärker an der Küste. Trifft die lange Welle auf eine passende Bucht oder ein langes Hafenbecken, kann dieses selbst in Resonanz geraten. Dann schwingt der Hafen wie eine Badewanne mit. Aus einer zunächst kleinen Meeresspiegelschwankung kann im ungünstigen Fall eine viel größere Bewegung werden.

Wie eine Rissaga entsteht

Entstehung von MeteotsunamisFoto: YACHT/KI

Warum Ciutadella besonders anfällig ist

Ciutadella vereint beide Effekte. Der lange, schmale Hafenschlauch liegt am Ende des Menorca-Kanals. Das Hafenbecken besitzt eine natürliche Schwingungsdauer von etwa 10,5 Minuten. Trifft eine langperiodische Welle mit viel Energie in diesem Zeitbereich ein, wird sie im Hafen zusätzlich verstärkt.

Die Kombination aus Proudman-Resonanz auf offener See und Hafenresonanz in Ciutadella gilt als Schlüssel für große Rissagas. Eine 2026 veröffentlichte 50-Jahres-Auswertung erfasste in Ciutadella von 1975 bis 2025 insgesamt 191 Meteotsunami-Ereignisse mit mindestens 60 Zentimetern Wasserstandsschwankung. Die Studie bestätigt auch: Besonders extreme Ereignisse mit über drei bis vier Meter standen häufig mit konvektiven Wetterlagen und abrupten Drucksprüngen in Verbindung.

So können zwei nahe beieinanderliegende Häfen während derselben Wetterlage völlig unterschiedlich reagieren. Die Atmosphäre liefert den Anstoß. Wassertiefe, Ausrichtung der Küste sowie Form und Eigenperiode eines Hafens entscheiden mit darüber, wie stark die Bewegung am Ende wird.

Dieses Video erklärt den Effekt anschaulich

Was an Bord gefährlich wird

Im Mittelmeer ist der normale astronomische Tidenhub klein. In Ciutadella liegt er bei ungefähr 20 Zentimetern. Eine schnelle Schwankung um einen Meter oder mehr ist daher für Liegeplätze, Festmacher und Fender eine Ausnahmesituation.

Beim plötzlichen Absinken kann eine Yacht aufsetzen oder so tief neben der Pier hängen, dass Leinen unter ungewöhnliche Last geraten. Beim anschließenden Einströmen des Wassers ändern sich Pegel und Strömungsrichtung schnell. Boote können gegen den Kai, Nachbaryachten oder Steganlagen gedrückt werden. Bei extremen Ereignissen reißen Leinen, Boote können vertreiben.

Beim schweren Rissaga-Ereignis vom 15. Juni 2006 modellierten Forscher im Hafen von Ciutadella Strömungen von bis zu etwa 1,8 Metern pro Sekunde, rund 3,5 Knoten. Historische Rissagas zeigen damit das Schadenspotenzial.

Warnungen helfen, die genaue Höhe bleibt schwierig

Rissagas lassen sich heute besser erkennen als früher. Für Ciutadella existieren spezielle Modellansätze, die Wetterdaten und die Reaktion des Meeres verbinden. Dennoch bleibt die konkrete Höhe schwer vorherzusagen. Schon kleine Unterschiede bei Richtung, Geschwindigkeit und zeitlichem Verlauf einer Druckwelle können die Resonanz deutlich verändern.

Für Ciutadella waren am Montag bis zu 1,20 Meter erwartet worden, gemessen wurden 1,44 Meter. Die Warnlage ist deshalb für Skipper wichtiger als der Versuch, aus einer regionalen Vorhersage einen exakten Pegel am eigenen Liegeplatz abzuleiten.

Die richtige Vorbereitung

Für Besatzungen und Hafenlieger bedeutet das: Warnungen ernst nehmen, Leinenführung und Scheuerschutz kontrollieren, ausreichend Bewegungsspielraum vorsehen und das Boot bei auffälligem Wasserablauf nicht unbeaufsichtigt lassen. Wer sich in einem besonders anfälligen Hafen befindet, sollte örtliche Anweisungen von Hafenbehörde, Marina und Wetterdienst beachten.

​Für die Vorbereitung am Liegeplatz gelten ansonsten dieselben Grundsätze wie bei Sturm oder außergewöhnlichem Hochwasser, sie müssen bei einer Rissaga aber besonders konsequent umgesetzt werden. Lange Festmacher und Springs schaffen Spielraum für den raschen Pegelwechsel. Zusätzliche Leinen, belastbare Befestigungspunkte und Scheuerschutz verteilen Lastspitzen. Bei Schwell und starken Bewegungen helfen zudem dehnungsfähige Festmacher und Ruckdämpfer. Fender müssen so verteilt sein, dass die Bordwand auch bei wechselnder Lage zur Pier geschützt bleibt. Welche Formen dafür passen, erklärt der Überblick zu Fenderarten an Bord.


Buchtipps

Die Seemannschaft behandelt Wetter- und Gezeitenkunde ebenso wie Manöver, sichere Bootsführung und das Verhalten bei Havarien. Für den Zusammenhang einer Rissaga hilft das Buch vor allem dabei, Wetterentwicklung und praktische Vorbereitung an Bord zusammenzudenken. Erfahrene Skipper finden darin zudem eine systematische Auffrischung zu Festmachern, Hafenmanövern und Notfallabläufen, wenn ungewöhnliche Bedingungen den normalen Bordalltag plötzlich verändern.

Das Praxiswissen für den Skipper ist stärker als kompaktes Nachschlagewerk für den Bordgebrauch angelegt. Es bündelt Wetter, Navigation, sicheres Ankern, Anlegemanöver und Hilfe bei Notfällen in kurzer Form. Zum Thema Rissaga passt es als praktische Ergänzung: Wer bei einer Warnung seine Leinenführung, den Liegeplatz und die Handlungsoptionen an Bord überprüfen will, findet die grundlegenden Verfahren konzentriert erklärt.


Haben Sie eine Rissaga selbst erlebt, und wie haben sich Wasserstand und Strömung in Ihrem Hafen verändert?

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Lars Bolle

Lars Bolle

Chefredakteur Digital

Lars Bolle ist Chefredakteur Digital und Gründer von YACHT-Online. Viele Jahre war der Diplom-Sportwissenschaftler als Redakteur der YACHT in den Bereichen Sport und Seemannschaft tätig und hat die größten Segelsport-Veranstaltungen der Welt begleitet, vom America's Cup bis zu Olympischen Spielen. Seine persönliche Segel-Vita reicht vom Leistungssport in der Jolle (Deutscher Meister 1992 im Finn Dinghi) über historische und moderne Jollenkreuzer bis hin zu europaweiten Charter-Törns.

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