ReportageWie sich ein Paar den Traum eines dauerhaften Lebens an Bord verwirklicht

Antonia von Lamezan

 · 17.03.2026

Lukas Hoppe, 31, und Antonia von Lamezan, 30, als stolze neue Eigner an Bord.
Foto: Lukas Hoppe
​Nach dem Studium lässt ein junges Paar das Großstadtleben hinter sich und kombiniert Arbeits- und Bordalltag auf einer Reise von der Ostsee bis zum Mittelmeer. Über den steinigen Weg zur Verwirklichung eines Traums.

​Mitte September 2023 in Bremen-Vegesack. Es ist kalt, es regnet – aber wie sollte es auch anders sein hier oben um diese Jahreszeit. Wir stehen vor dem geschlossenen Tor der Hafenanlage vom Wassersportverein Roland und warten auf Frank. Es ist ein großer Tag für uns, denn gleich werden wir, wenn alles gut läuft, zum ersten Mal unser neues Zuhause sehen. Wir sind beide Anfang dreißig, gebürtig aus Hamburg und im Begriff, die verrückte Idee vom Leben auf dem Wasser in die Tat umzusetzen.

Frank kommt in seinem Auto vorgefahren, schüttelt uns die Hand und seinen Schlüsselbund aus der Hosentasche. Wir gehen den nassen Steg entlang und sehen sie sofort: Stolz liegt der Grund dafür, dass wir den weiten Weg aus unserem Wohnort Berlin in aller Frühe auf uns genommen haben, in cremefarbenem Weiß im Wasser. Der Mast scheint uns leicht zuzunicken, als wir über den Seezaun das erste Mal den Fuß auf ihr Deck setzen.

Die Zeit, in der Frank uns alles zeigt, was man bei einer solchen Bootsbesichtigung zeigen kann, inklusive einer kurzen Testfahrt raus auf die Weser, vergeht schnell. Am Ende gucken wir uns an und sind uns sicher: Das hier wird unser Boot, unser neues Zuhause.


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Auf diesen Tag haben wir fast zwei Jahre hingearbeitet. Anfangs noch mit wenig Ahnung davon, was uns erwartet, haben wir uns informiert, gelernt, mit Leuten gesprochen und uns dabei mehr als einmal als blutige, unwissende Anfänger zu erkennen gegeben.

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Angefangen hat unsere Reise wohl mit viel zu vielen Stunden, die vor Youtube verbracht wurden und bestens dazu geeignet waren, vom notwendigen Lernen für das Studium abzulenken. Sailing La Vagabonde und Sampson Boat Co – um hier nur zwei der lieb gewonnenen Zeitfresser zu erwähnen. Man konnte sich wegträumen, vom kalten Norddeutschland und Vorlesungssälen, hin zu einem Leben an Bord, von Wasser und Sonne umgeben. Aber selbst ein Boot zu steuern oder gar zu besitzen – absolute Verrücktheit, das auch nur in Erwägung zu ziehen!

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Von Berlin aufs Meer

Ein paar Jahre vergehen, und zum Ende des Studiums übt das Segeln immer noch eine Faszination auf uns aus. Durch Zufall hören wir von Seiten wie HandGegenKoje.de, wo Skipper nach Crewmitgliedern suchen. Wir werden aktiv und schließlich auch fündig. Es geht zu Gast auf eine erste große Fahrt auf der „Brass Monkey“ mit Skipper Rob von England aus durch die Biskaya mit einem kurzen Zwischenstopp in Portugal, bis weiter runter auf die Kanarischen Inseln.

Das Segelfieber hat uns vollständig befallen. Wir gucken uns an und denken beide, dass ein eigenes Boot ein Traum wäre. Doch der ist damals noch in weiter Ferne. Stattdessen folgt der Berufseinstig, ein echtes Nine-to-five-­Leben. Denn nach der Uni heißt es erst mal Geld verdienen, den Lebenslauf pflegen und einer geregelten Arbeit nachgehen.

Wir wohnen in dieser Zeit in Berlin, weit weg vom Meer und vom Leben auf dem Wasser. Aber die Idee ist geboren, und unser Plan nimmt langsam Gestalt an. Irgendwann werden auch wir Skipper sein und unseren Morgenkaffee im Schaukeln der Wellen trinken! Aber wie stellt man so was an? Erst mal Geld auf die Seite legen. Denn eines haben wir schon gelernt: Wir werden viel davon brauchen, um unseren Plan umzusetzen. Also wird ein Sparplan aufgestellt. Jeden Monat legen wir von unseren Gehältern etwas auf die Seite und unser Bootskonto füllt sich Stück für Stück ein wenig mehr.

Der Traum vom Leben an Bord wächst

Was brauchen wir noch? Vor allem müssen wir erst mal segeln lernen. Auch wenn wir mittlerweile ein wenig Erfahrung haben, möchten wir die Sache noch einmal richtig angehen. Wir suchen uns eine Bootsschule aus und fangen erst mal klein an. Als Erstes machen wir den Sportbootführerschein See. Die Theorie bringen wir uns selbst bei, weil jeder Euro zählt, den wir stattdessen in unsere Bootskasse legen können. Der Dienstagabend wird zur „Boat Night“ erklärt. Da sitzen wir mit Zirkel und Kursdreieck an unserem Küchentisch über Seekarten und fragen uns Aufgaben aus den Prüfungsbögen ab. Wir schrauben sogar eine alte Klampe auf unseren Couchtisch, um abends beim Filme­gucken noch Knoten zu üben. Nach ein paar Fahrstunden auf einem der vielen Berliner Seen bestehen wir die erste Hürde – der Sportbootführerschein ist in der Tasche.

Danach geht es weiter mit dem Sportküstenschifferschein. Es ist Sommer und wir nutzen unseren Urlaub, um mit einem Ausbildungstörn rund um Rügen zu schippern. Wir bestehen die Praxisprüfung, wenn auch um Haaresbreite. Lukas fährt in seiner Prüfung beinahe eine Patenthalse, und Antonia schießt beim Boje-über-Bord-Manöver knapp an der Boje vorbei – aber eben nur knapp. Im Winter heißt es dann wieder Theorie lernen. Diesmal deutlich umfangreicher und intensiver. Die Dienstagabende werden mit Gezeitentabellen und Navigationsaufgaben verbracht.

Neben all den Scheinen, die wir absolvieren, fehlt natürlich noch ein wichtiges Detail: Wir brauchen auch noch das passende Boot. Aber wie findet man das? Und was ist überhaupt passend?



Wir reden in dieser Zeit mit vielen Experten. Experten in unseren Augen hauptsächlich dadurch, dass sie schon mal ein Boot besessen haben. Wir gucken Youtube-Videos, in denen erklärt wird, worauf man beim Bootskauf zu achten hat, und schicken uns gegenseitig Hunderte verschiedene Gebrauchtbootanzeigen.

Langsames Herantasten

Und irgendwann ist es dann so weit, wir gucken uns einfach mal ein Boot an. Wir nutzen einen Familienbesuch im Norden und fahren weiter Richtung Flensburg, um uns ein altes Holzboot anzugucken. Noch auf dem Weg werden diverse Boots-Vokabeln gegoogelt, um nicht als totale Stümper dazustehen. Was sind Wanten? Wo sind noch mal die Salinge? Und ein Skeg ist kein Teil des Masts, oder doch? Was für all jene, die seit ihrer Kindheit segeln, schwer vorstellbar ist: Für uns als Neulinge stellen sich genau solche Fragen beim Betreten dieser neuen Welt.

Und so kommen wir unserem Ziel Stück für Stück näher. Mal planen wir einen Campingurlaub in den Niederlanden, um uns dort zwei Boote anzugucken, mal steigen wir einfach in die S-Bahn in Berlin und fahren für eine Bootsbesichtigung zum Wannsee. Eine feste Kaufabsicht haben wir bei diesen Terminen ebenso wenig wie ausreichend Geld, aber anders können wir uns der Sache damals einfach nicht nähern. Und so sind wir sehr dankbar dafür, dass wir uns im Laufe der zwei Jahre wohl acht oder neun Boote genau angucken können.

Auf diese Weise lernen wir stetig dazu, und mehr und mehr wissen wir, was wir möchten, und vor allem, was im Bereich unserer Möglichkeiten liegt. Es entsteht eine Checkliste für unser Wunschboot: Auf jeden Fall Stehhöhe für Lukas, eine Achterkajüte für Gäste und als Stauraum, unter zehn Meter wäre gut, denn mehr Größe geht auch mit höheren Kosten einher.

Liebe auf den ersten Blick mit einer Malö 40

Irgendwann finden wir dann einen Typ, der uns auf Anhieb gut gefällt: Es ist die Malö 40, ein schwedisches Boot, das all unsere Wünsche in sich vereint. Leider war die Malö, die wir zuerst gefunden haben, in einem zu schlechten Zustand. Auch wenn wir Lust auf all die handwerklichen Herausforderungen haben, die so ein Boot mit sich bringt – wir stellen uns doch vor, auf einem Boot zu leben und nicht auf einer ewigen Baustelle. Von jetzt an halten wir jedoch die Augen offen nach weiteren Malös.

Irgendwann ist es dann so weit und wir finden die Anzeige der richtigen, und der verregnete Tag in Bremen rückt näher. Es ist Liebe auf den ersten Blick – und wie der Zufall es so will, füllt sich unser Bootskonto genau in diesem Monat auf den passenden Betrag.

Es passiert also wirklich: Wir unterschreiben einen Kaufvertrag mit Frank und geben so viel Geld aus wie noch nie zuvor in unserem Leben. Es ist ein unwirklicher Moment – ein Moment, auf den wir so lange hingearbeitet haben und der so viel für unsere Zukunft bedeutet. Alles vorher war noch Träumerei, und es gab Punkte, an denen wir die Reißleine hätte ziehen können, aber diese Unterschriften unter dem Vertrag bedeuten den Start in ein ganz neues Leben.

Erste Schritte als Neueigner

Mitte Oktober folgt ein genauso nervenaufreibender wie anstrengender Tag: Wir heben unser zukünftiges Zuhause aus dem Wasser, um es gut verpackt auf den Winter vorzubereiten. Der Verein in Bremen erlaubt uns freundlicherweise, sein Gelände für diesen Winter noch als Lagerplatz zu nutzen. Das erste Mal fahren wir das Boot als Eigner zur Slipanlage. Schon an diesem ersten Tag lernen wir so viel über unser Boot, wie es uns kein Youtube-Video dieser Welt hätte erklären können: Wie hebt man einen Mast fachgerecht vom Boot? Wie macht man sein Boot winterfest, vom Motor bis zu den Batterien? Gut verpackt unter Planen wartet unsere „Eleanor“ also diesen Winter noch in Bremen bis zum nächsten Frühjahr, wenn ihr – und unser – großes Abenteuer endlich starten kann!

Nun haben wir also ein eigenes Boot und die Segelscheine in der Tasche. Aber die To-do-Liste wird nicht kürzer und die vielen Fragen nicht weniger. Was brauchen wir eigentlich alles für ein Leben auf dem Wasser? Was machen wir mit unserer Wohnung? Und wie verdienen wir eigentlich unser Geld in der Zeit an Bord? Eines ist nämlich klar: Nach dem Bootskauf reicht unser Erspartes gerade noch, um ein Eis essen zu gehen.

Die Wohnung ist noch das geringste Problem, Wohnungen in Berlin sind noch gefragter als Dauerliegeplätze an der Ostsee. Wir vermieten unsere Wohnung also erst mal an gute Freunde unter, denn was sollten wir machen, wenn das Bootsleben doch nichts für uns ist – oder wir den Kahn auf den ersten Stein setzen, den wir nach dem Verlassen der Weser finden?

Office an Bord?

Schwieriger gestaltet sich die Frage nach unseren Arbeitsplätzen. Aber auch dafür entwickeln wir einen Plan. Wir stellen uns vor, von Bord aus und in Teilzeit zu arbeiten. So bereiten wir uns auf Gespräche mit unseren Vorgesetzten vor und verkünden ihnen unsere frohe Botschaft. Und obwohl sich die Begeisterung in Grenzen hält, besteht vor dem Hintergrund der Erfahrungen aus der Corona­zeit dankenswerterweise durchaus Offenheit für unsere Idee von den alternativen Arbeitsmodellen. So haben auch wir das Glück und das Privileg, Jobs zu haben, die wir online fortführen können, und Vorgesetzte, die uns, nach ersten Überlegungen, hier keinen Riegel vorschieben. Für ein stabiles Internet an Bord wird eine Starlink-Antenne sorgen. Noch vor wenigen Jahren hätten wir unser Vorhaben wohl nicht in dieser Form realisieren können.

Den Winter verbringen wir mit den typischen Bootsarbeiten und werden dabei tatkräftig von Lukas’ Vater und unseren Freunden Andreas und Kalle unterstützt. Wir polieren den Rumpf, nähen neue Bezüge für die Polster, recherchieren, was wir an Bord noch für Ausrüstungsgegenstände brauchen, und kaufen sie ein. Am 1. April ist es endlich so weit, die Sachen in unserer Berliner Wohnung sind gepackt. Aussortiert wird, was wegkann. Mitgenommen wird, was aufs Boot muss, und alles, was aufgehoben werden soll, verfrachten wir in den Keller der Eltern, die darüber mäßig begeistert sind. Wir buchen Bahntickets nach Bremen, und zwar dieses Mal ohne Rückfahrt. Die Jungfernfahrt steht an. Zusammen mit Lukas’ Vater und Klaus, einem erfahrenen Segler, als Unterstützung brechen wir in Bremen auf mit Ziel Rendsburg. Unsere „Eleanor“ verlässt nach über vierzig Jahren in Bremen das letzte Mal ihren angestammten Liegeplatz auf dem Weg zu neuen Abenteuern.

Alles machen wir auf dieser Fahrt zum ersten Mal: das erste Mal Leinen los, das erste Mal die Segel setzen, das erste Mal den Tidenkalender nutzen, wie wir es in der Segelschein-Theorie gelernt haben, und das erste Mal anlegen. Nach all der Zeit des Planens, Sparens und Kopfzerbrechens sind wir also tatsächlich endlich am Ziel unserer Träume angekommen. Wohnungslos, aber stolze Bootsbesitzer.

Der Start an Bord ist holprig – auch als Paar

Auf die Frage, wie sich der Start in dieses neue Leben anfühlt, von dem wir so lange geträumt haben, müssen wir ehrlich antworten: Ziemlich holprig. Und von Langfahrten, türkisblauem Wasser und Drinks auf dem Sonnendeck sind wir noch meilenweit entfernt. Der Sommer 2024 in Norddeutschland ist verregnet. Wir sehen uns mit all den Realitäten konfrontiert, die so ein Leben an Bord mit sich bringt – und die in keinem Youtube-Video erzählt werden. Angefangen mit ständig leckenden Luken, nie enden wollendem Suchen nach dem richtigen Ersatzteil und blauen Flecken und Beulen überall, aufgrund der Platzverhältnisse, die Gewöhnung erfordern.

Und auch als Paar stehen wir vor neuen Herausforderungen. So ein gemeinsames Leben auf einem Raum, der kleiner ist als manche Abstellkammer, erfordert, sich ganz neu aufeinander einzustellen. Wir sind gereizt, und manchmal fließen sogar Tränen.

Als wir Rendsburg nach sechs Wochen Umbauarbeiten Richtung Ostsee verlassen – es ist das erste Mal, dass wir zwei alleine unterwegs sind –, erleben wird direkt hinter der Schleuse von Holtenau den nächsten Schock: Die Genua reißt ein, die Großschot verabschiedet sich, und es tun sich noch 100 weitere kleine Baustellen auf, die so ein 40 Jahre altes Boot halt mit sich bringt. Und so folgt ein weiterer, längerer Reparaturaufenthalt in Flensburg. Wir sind also wirklich im Leben an Bord angekommen.

Irgendwann starten wir dann aber doch endlich und laufen zu einem längeren Übungstörn aus, der uns über Dänemark, Schweden und Polen führt. Denn, wie unser Segellehrer mal gesagt hat: So ein SKS-Schein ist eigentlich nur die Lizenz zum Üben.

Anderthalb Jahre später schreiben wir nun über unseren Wechsel vom Land- ins Bordleben. Wir sitzen dabei abwechselnd mal in einem Café und mal an Deck in der Sonne – denn wir sind mittlerweile in Griechenland angekommen, haben 3.500 Seemeilen im Kielwasser, waren in acht Ländern und haben viele wunderschöne und einige brenzlige Situationen erlebt. Vieles ist leichter geworden, wir sind an der Reise gewachsen und lernen immer noch jeden Tag dazu. Und auch wenn es Momente gibt, in denen wir das Boot verfluchen, haben wir es nicht ein einziges Mal bereut, unseren Traum vom Leben auf dem Wasser wahr werden zu lassen.

Antonia von Lamezan ist gebürtige Hamburgerin und studierte Kultur- sowie Sozialwissenschaftlerin (Lüneburg/Kopenhagen). Obwohl die Seefahrt zur Familiengeschichte gehört, fand sie den eigenen Weg aufs Wasser erst als Erwachsene – dann jedoch mit voller Begeisterung und Konsequenz: Innerhalb eines Jahres absolvierte sie alle für die Langfahrt erforderlichen Scheine, tauschte das geregelte Stadtleben gegen das eigene Boot und segelte zwei Jahre lang auf eigenem Kiel durch Europa. Als Volontärin in der Redaktion verbindet sie nun fachlichen Hintergrund mit ihrer Leidenschaft für das Meer, Boote und das Schreiben.

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