YACHT
· 02.12.2023
Liebe Leserinnen und Leser,
Ich habe diese Woche ein paar Male Lachtränen vergossen. Und ich muss gestehen: Das tat richtig gut in Zeiten, in denen vieles eher zu traurigen Tränen rührt. Am Anfang der Woche ging es los mit den ersten Trainingsbildern vom deutschen Team beim neuen Nationenwettbewerb SSL Gold Cup. Im Revier vor Las Palmas de Gran Canaria wird bis zum 2. Dezember die weltbeste Segelnation ermittelt. Die bereits zweimal verschobene Großveranstaltung lockte Segelprominenz aus aller Welt ins kanarische Revier. 25 olympische Medaillengewinner, America’s-Cup-Größen, Hochseehaudegen – Segler und Seglerinnen aus zwei Generationen genossen das Mit- und das Gegeneinander.
Nicht alle der ursprünglich rund um die Welt elektrisierten Segler und Seglerinnen konnten nach den Planungsunwägbarkeiten und der recht kurzfristigen Ansetzung des Termins bei diesem Gipfeltreffen mitmischen. Dennoch machten viele Stars den SSL Gold Cup zur attraktiven Segelsportschau. Neben reichlich Seglerprominenz trugen der „Look“ der Teams, die goldglänzenden Boote und das Format zu neugierigen Blicken und einer Salve von Kommentaren bei. Weil sich der SSL Gold Cup bewusst stark an Format und Erscheinungsbilder des Weltfußballs anlehnt – das offizielle Motto lautet „Die erste Fußball-WM – im Segelsport“ – mussten sich die Fans und auch die Segler selbst kurz an den Anblick und das Tragen von langen Kniestrümpfen, Trikots und flatternden Shorts gewöhnen, wie man sie sonst vom Weltsport Nummer eins kennt.
Kick it like Beckham, wollte man ihnen zurufen. Für manch einen traditionsbewussten Zuschauer war der Anblick aber nur schwer zu ertragen. Ein No-Go aus Sicht des Segel-Establishments. Im Spaß wurde gar der Ruf nach einer Unterschriftenaktion gegen diese Art der „Verkleidung auf See“ laut. Andere amüsierten sich prächtig über die in weiße Strümpfe gehüllten strammen Waden der deutschen Teammitglieder. Natürlich war es der reine Zufall, dass einen Tag nach dem ersten Startschuss im SSL Gold Cup hierzulande am 11. November ganz offiziell die Karnevalssaison begonnen hat.
Modebewusste erinnerten daran, dass Kniestrümpfe doch wieder hip seien. Wenngleich dieser Trend doch eher bei weiblichen Fashionistas zu beobachten ist. Der zweimalige 49erFX-Olympiasiegerin und Weltumseglerin Martine Grael standen die gelben langen Strümpfe gut. Während die Portugiesen mit grasgrünen Wadenkleidern optisch den Vogel abschossen, fielen die Australier mit ihren Blautönen und Sternen auf den Shirts kaum aus dem üblichen Seglerrahmen. Viele Zuschauer nahmen die einheitlichen Kicker-Outfits der Segler an Bord aber auch einfach nur als gut sicht- und unterscheidbare Teambekleidung wahr. Der deutsche Teamkapitän Frithjof Kleen stellte klar: „Ich finde die Fußballkleidung total cool! Endlich können auch alle, die vom Segeln nicht so viel Ahnung haben, den Nationenwettbewerb auf einen Blick verstehen und gut verfolgen.“
Der Punkt geht an Kleen.
Und dann waren da noch diese Boote! Sie rauschten ernsthaft in funkelnder Goldfolierung über die Wellen. Auch das war nicht jedermanns Geschmack, die Boote aber fotogen und sehr schnell, wie die Crews einhellig versicherten. Wer schon die jüngsten Folgen der deutschen Kriminal-Fernsehserie „Babylon Berlin“ gesehen hat, bekam vielleicht wie ich die Melodie von Max Rabes „Ein Tag wie Gold“ nicht mehr aus dem Kopf. Ich summte ständig „Ein Boot wie Gold“ vor mich hin…
Dann fragte ich mich: Ist der SSL Gold Cup visuell so „drüber“, wie einige meiner Kollegen finden? Ich denke, das bleibt Geschmackssache. Fakt ist: Die Macher haben sehr bewusst mit einer Reihe von auch mir lieben Segelsport-Traditionen gebrochen. Ja, wenn ich aussuchen darf, tragen Regattaboote elegant-zurückhaltende Lackierungen im Stile einer wunderschönen J-Class-Yacht oder haben das Glück, dass ihre Sponsoren sie mit einigermaßen attraktiven Logos und Farben auf die Bahn schicken. Auch für mich sind Teams am besten funktional und schlicht gekleidet, was Franzosen oder Italiener oft noch mit einem Extra-Touch Chic hinbekommen. Siehe America’s-Cup-Teams wie Frankreichs Orient Express oder Patrizio Bertellis Cup-Jäger vom Team Luna Rossa Prada Pirelli. Die Bandbreite der maritim-modischen Bekleidungsmöglichkeiten ist in jedem Fall auch auf höchstem Leistungsniveau riesig.
Müssen es da also wirklich Fußball-Trikots, Flattershorts und Feinripp-Strümpfe aus Kunstfaser sein? Erstaunlich ist, wie schnell man sich beim Zuschauen der Übertragungen aus Gran Canaria an diesem Look gewöhnte. Und wie gut man die Teams im Gefecht tatsächlich auseinanderhalten konnte. Die starken Fußball-Anleihen wurden getätigt, um den Segelsport aus seiner medialen Nische zu zerren und ins Rampenlicht zu rücken.
Sportlich kann sich die neue, über Jahre vorbereitete Veranstaltung sehen lassen. „Es hat sehr viel Spaß gemacht, mit einer rein deutschen Mannschaft in einem Team zu arbeiten. Ich hoffe, wir können beim nächsten Mal wieder dabei sein“, sagte Paul Kohlhoff. Der deutsche Mannschaftskapitän Frithjof Kleen setzte noch eins drauf: „Es wäre ein Drama, wenn diese Veranstaltung nicht fortgesetzt wird. Sie ist der Länderwettbewerb auf Weltniveau, der dem Segelsport fehlte.“ Das unterstrich auch Tim Kröger, Coach der im Viertelfinale ausgeschiedenen deutschen Mannschaft: „Hier kamen starke Akteure aus olympischen Gefilden, aus dem America’s Cup, aus der 52 Super Series oder auch der J-Class zusammen zu Nationenteams. Auch für die sogenannten „Emerging Nations“, aufsteigende Segelländer, war es eine Riesenchance, sich mit den Besten der Segelwelt zu messen. Daher sollte man auch nicht zu despektierlich über die erst einmal ungewohnte Fußball-Bekleidung sprechen. Ein bisschen was hat sie zum Gesamtgefühl der Nationenteams schon beigetragen.“
Ein paar Bootslängen Rückstand nach dramatischem Verlauf des letzten und entscheidenden Viertelfinallaufs haben Team Germany im SSL Gold Cup den Einzug ins Halbfinale gekostet. Sportlich und menschlich aber nimmt die Mannschaft kurz vor dem Weihnachtsfest viel mit nach Hause von diesem nicht ganz gewöhnlichen Segelgipfel.
Langweilig wird es nach dem deutschen Aus in den kommenden Wochen nicht. Wir können unsere Augen auf weitere Höhepunkte lenken. Boris Herrmann ist am 30. November in sein erstes großes Solorennen des Jahres gestartet, will bei der Retour à La Base von Martinique zurück nach Lorient sehen, wo er auf Kurs Vendée Globe 2024/2025 solo mit seiner „Malizia – Seaexplorer“ steht. Im saudi-arabischen Dschidda wird an diesem Wochenende die 2. Vorregatta zum 37. America’s Cup serviert. Ein Wochenende später ist Thomas Riedels und Sebastian Vettels Germany SailGP Team mit Steuermann Erik Heil am 9. und 10. Dezember in Dubai gefordert. Im Januar beginnt das mit Welthöhepunkten wie nie zuvor gespickte neue Jahr mit der Ilca-7-WM im australischen Adelaide. Philipp Buhl, Laser-Weltmeister von 2020, und Nik Willim wollen vorne mitmischen. Dann wird sich das außergewöhnliche Segeljahr mit spannenden nationalen Olympiaausscheidungen und weiteren Herausforderungen seinen drei großen Höhepunkten in der zweiten Jahreshälfte nähern: der olympischen Regatta im Sommer vor Marseille, dem America’s Cup mit den deutschen Teams für den Youth und Puig Women’s Amerca’s Cup im Spätsommer und Herbst vor Barcelona und der Vendée Globe, in die Boris Herrmann am 10. November zum zweiten Mal startet.
Welche Sportart kennen Sie, die so eine Vielfalt, so viele unterschiedliche und hochinteressante Akteure und so viel Spannung zum Mitfiebern zu bieten hat?
Ich freue mich sehr auf 2024 und die voraussichtlich zunehmend intensive Berichterstattung für Sie und Euch – gemeinsam mit dem YACHT-Team!
YACHT-Sportexpertin
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