InterviewSind Freizeitkapitäne eigentlich zu leichtsinnig?

Morten Strauch

 · 05.11.2022

Interview: Sind Freizeitkapitäne eigentlich zu leichtsinnig?Foto: Söhnke Thaden
Kleiner Kutter auf großer Fahrt: Die „Christine“ fährt in der sogenannten Kleinen Hochseefischerei, ihr Fahrtgebiet reicht bis zu den Lofoten. Auch Seebestattungen werden auf dem Krabbenkutter vorgenommen

Der 52-jährige Söhnke Thaden aus Fedderwardersiel ist in fünfter Generation Fischer aus Berufung. Er besitzt das Patent zum Kapitän der Großen Hochseefischerei. Kürzlich rettete er in der Wesermündung einen älteren Einhandsegler aus höchster Not

Sagen Sie mal, Herr Thaden …

... haben Sie oft Segler am Haken?

Wir haben in der Tat immer mal wieder Freizeitboote im Schlepp, ab und zu aber auch Kollegen. Das kommt schon mal vor, auch ohne dass die Betroffenen was dafür können. Auf See verhält es sich ja etwas anders als im Straßenverkehr, wo man mal kurz rechts ranfahren kann. Draußen auf dem Wasser muss meist sofort Hilfe geleistet werden, damit sich eine Notsituation nicht noch verschlimmert.

Wie bei dem dramatischen Rettungseinsatz im September zwischen Jade und Weser, richtig?

Ja, da trieb ein Segler mitten in der Nacht manövrierunfähig bei 20 Knoten Wind im Fahrwasser, während sich gleichzeitig ein Containerriese näherte, die „Magleby Maersk“. Bremen Rescue sah auf dem AIS, dass mein Kutter mit drei Seemeilen Abstand am nächsten dran war, und bat uns, Hilfe zu leisten. Das war für uns natürlich keine Frage. Wir haben die Netze hochgenommen und sind so schnell wie möglich zu dem Havaristen gefahren.

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Wie ging es weiter?

Da das Containerschiff bereits zu nah war, um aufstoppen zu können, erhielten wir von Bremen Rescue die klare Ansage, dass wir 15 Minuten Zeit hätten, eine Schleppverbindung herzustellen, um das Boot aus dem Fahrwasser zu ziehen. Sonst hätten wir den Mann abbergen und das Boot aufgeben müssen. Gerade rechtzeitig konnten wir das Segelboot an den Rand des Schifffahrtsweges ziehen.

Auf welchen Fang gehen Sie denn normalerweise?

Hauptsächlich fangen wir Nordseegarnelen, und in den Sommermonaten gehen wir regelmäßig um Helgoland herum auf Plattfischfang.

Haben Sie in all den Jahren auch mal etwas anderes, Ungewöhnliches im Netz gehabt?

Ja, jede Menge! Zum Beispiel Wrackteile, 200 Jahre alte Anker, Bernstein in jeder Größe, Findlinge, Spielzeug und andere verlorene Waren aus Seecontainern. Aber auch Fahrräder, Einkaufswagen und Europaletten. Die Sachen, die nicht verwertet werden können, bringen wir an Land zum NABU. Die haben ein Projekt namens Fishing for Litter. Die entsorgen den Müll aus dem Meer dann fachgerecht. Aber wir fangen nicht nur irgendwelche Gegenstände, sondern auch Fische, die nicht in die Nordsee gehören. Die kommen teils aus dem Mittelmeerraum. Vor wenigen Wochen habe ich zum Beispiel meine erste Dorade in der Weser gefischt – der Klimawandel lässt grüßen!

Sind Freizeitkapitäne eigentlich zu leichtsinnig?

Mitunter ja. Es gibt natürlich viele sehr gute Skipper. Oftmals fehlt es aber an Erfahrung oder Revierkenntnis. Nicht jeder, der gerade seine Sportbootführerscheinprüfung bestanden hat, ist gleich ein vollwertiger Skipper. Das Gleiche gilt für Leute, die jahrelang nicht mehr auf dem Wasser waren und dann sofort das Wattenmeer unsicher machen wollen. Da verschätzen sich viele und begeben sich in Gefahr. Ich finde, es müsste einen Praxisnachweis geben wie in der kommerziellen Seefahrt.

Haben Sie denn selbst ein Segelboot?

Unsere Familie besitzt einen alten Piraten, auf dem mein Bruder und ich das Segeln gelernt haben. Aus Zeitgründen fahre ich heute aber ein Sportmotorboot, wenn ich nicht gerade mit meiner „Christine“ auf Fang gehe.


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