Knapp vor KollisionFischer rettet havarierten Einhandsegler

Ursula Meer

 · 02.09.2022

Knapp vor Kollision: Fischer rettet havarierten EinhandseglerFoto: Die Seenotretter - DGzRS

In tiefer Dunkelheit mit 20 Knoten Wind und Welle auf den berüchtigten Nordergründen erlebt in der Nacht zum Donnerstag (1. September 2022) ein Einhandsegler den Albtraum seines Lebens: Wassereinbruch. Im viel befahrenen Fahrwasser der Weser nähert sich ein Containerriese. Kollisionsgefahr!

Um 23:20 Uhr erreicht die Rettungsleitstelle der Seenotretter der Notruf des Skippers. Er treibt nach dem Wassereinbruch hilflos und manövrierunfähig im Seegebiet zwischen Jade und Weser in der Nordsee. Nach dem missglückten Versuch, mit seinem Zehn-Meter-Boot im flachen Wasser vor der unbewohnten Insel Mellum zu ankern, bleibt ihm nur noch die Hoffnung auf rasche Schlepphilfe. Unverzüglich machen sich die Seenotrettungskreuzer aus Bremerhaven und Hooksiel auf den Weg. Die Zeit drängt: Im Fahrwasser nähert sich ein Containerriese.

Schmale Fahrwasser, Sandbänke und starker Gezeitenstrom bringen im berüchtigten Seegebiet zwischen Jade und Weser immer wieder Segler in Bedrängnis. Der Einhandsegler trieb in der Nacht zum Donnerstag hilflos nordöstlich der unbewohnten Insel MellumFoto: Open Sea Map
Schmale Fahrwasser, Sandbänke und starker Gezeitenstrom bringen im berüchtigten Seegebiet zwischen Jade und Weser immer wieder Segler in Bedrängnis. Der Einhandsegler trieb in der Nacht zum Donnerstag hilflos nordöstlich der unbewohnten Insel Mellum

Söhnke Thaden ist mit seinem Fischkutter „Christine“ nur gut drei Meilen vom Havaristen entfernt. Das sehen die Seenotretter der Leitstelle im AIS und bitten ihn um Hilfe. „Für uns war es keine Frage, ob wir helfen. Wir haben die Netze hochgenommen und sind zu dem Havaristen gefahren“, erläutert der Kutterkapitän aus Fedderwardersiel.

„Ohne die Fischer wäre der Einsatz anders ausgegangen!“

Bei der Segelyacht ist durch den Wassereinbruch mittlerweile die Bordelektrik ausgefallen. Unbeleuchtet und ohne Funk lässt sie sich nur mit einer Radarpeilung ausmachen. Erst als sich der Kutter in der Nähe befindet, ist auch das Licht einer Taschenlampe zu erkennen, mit der der Skipper auf sich aufmerksam macht. Sein Boot wird unterdessen von Wind und Tide immer weiter in das Fahrwasser geschoben. Dort nähert sich das 400 Meter lange Containerschiff „Magleby Maersk“, das nicht ausweichen oder aufstoppen kann; zu flach ist es neben dem Fahrwasser, zu lang wäre der Bremsweg.

Was es bedeutet, einen Containerriesen aufzustoppen oder auch nur den Kurs um ein paar Grad zu ändern, berichtete jüngst Kapitän Jan Rüsch in einem Interview mit der Yacht: „336 Meter Schiff mit 130.000 Tonnen Gewicht bremst man nicht mal eben. Allein bis die Maschine heruntergefahren ist, braucht es drei Minuten. Das Ruderblatt eines Vollcontainerschiffs ist größer als ein Einfamilienhaus.“ So kann auch der Lotse der „Magleby Maersk“ den Kurs lediglich um wenige Grad ändern, die eine Havarie nicht verhindern können.

„Wir haben von Bremen Rescue die klare Ansage erhalten: Wir hatten 15 Minuten Zeit, eine Schleppverbindung herzustellen und das Boot aus dem Fahrwasser zu ziehen. Sonst hätten wir den Mann abbergen und das Boot aufgeben müssen“, schildert Söhnke Thaden die Situation. Das Boot macht beim Eintreffen des Fischkutters einen recht guten Eindruck und liegt nicht zu tief im Wasser. Der Einhandsegler ist ansprechbar, wenn auch aufgeregt. „Für ihn war die Situation viel dramatischer als für uns. Wir befanden uns zu keiner Zeit in Gefahr“, erläutert Thaden.

Vorsichtig fährt er den Kutter rückwärts an den Havaristen heran, stellt eine Leinenverbindung her und schleppt das Boot in langsamer Fahrt an den Rand des Schifffahrtswegs. Gerade noch rechtzeitig: Im selben Moment schiebt sich wie eine riesige Wand das Containerschiff vorbei. „Das war schon eine seltsame Situation: Der Tiefgänger saust vorbei, über uns kreist ein Rettungshubschrauber, und von beiden Seiten nähern sich die Seenotretter“, schildert Thaden den Moment der glücklichen Rettung.

Die Seenotretter übernehmen das Segelboot, bringen eine Lenzpumpe an und schleppen es nach Hooksiel. Die See ist dabei weiterhin so ruppig, dass die Fender zwischen der Yacht und dem Rettungsboot platzen. Gegen 5:30 Uhr trifft der Schleppverband im gut zehn Meilen entfernten Hooksiel ein, und am Morgen wird das Segelboot in die dortige Werft gebracht. Das Unterwasserschiff weist nach Angaben der Werft keine Schäden auf; die Ursache für den Wassereinbruch ist derzeit noch unklar.

Retter in der Not: der Fischkutter „Christine „aus Fedderwardersiel. Fischer Söhnke Thaden fackelt nicht lange, als ihn die Seenotretter um Unterstützung bitten – „Für uns ist das selbstverständlich“Foto: Privat
Retter in der Not: der Fischkutter „Christine „aus Fedderwardersiel. Fischer Söhnke Thaden fackelt nicht lange, als ihn die Seenotretter um Unterstützung bitten – „Für uns ist das selbstverständlich“

Die Seenotretter resümieren in ihrem Bericht: „Ohne die Fischer wäre der Einsatz anders ausgegangen!“ „Wir wollen davon aber keine große Welle machen, für uns ist das selbstverständlich“, sagt hingegen der Fischer Söhnke Thaden. Es komme immer wieder mal vor, dass er mit seinem Kutter Sportbootfahrern helfen müsse im nicht ganz einfachen Tidenrevier.

„Besonders die Nordergründe sind eine extrem schwierige Ecke, die man bei Nacht besser meidet. Auf der Sandbank steht immer gleich eine Riesendünung“, weiß Söhnke Thaden aus langer Erfahrung. Immer wieder geraten dort Gefahr für Segler. Zuletzt mussten die Seenotretter ein junges Paar aus der gefährlichen Brandung retten.

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