Seenotrettung"Meine Leute haben ihr Leben riskiert"

Ursula Meer

 · 29.06.2022

Seenotrettung: "Meine Leute haben ihr Leben riskiert"Foto: Jan Rüsch

Wenn die Crew eines Containerschiffs einen Segler in stürmischer See retten muss, wird es für alle gefährlich. Ein Kapitän, selbst Yachteigner, berichtet

Ob Golden Globe, Atlantic Rally for Cruisers oder Solo-Langfahrt: In jüngster Zeit sind vermehrt Segler mitten auf dem Ozean in Not geraten. Wer fernab aller Küsten Mastbruch erleidet, schwer erkrankt oder vom Untergang bedroht ist, kann aber nicht mal eben von der Küstenwache oder den Seenotrettern abgeborgen werden. Dann müssen häufig die Großen helfen: Tanker oder Containerschiffe, deren Besatzungen in oft stürmischer See und winzigen Rettungsbooten mit waghalsigen Manövern den Havaristen beispringen.

Oft liest man später die Berichte der geretteten Segler, auch in der YACHT. Wie aber ergeht es denen, die sich aus großer Höhe in einem winzigen Boot abseilen? Und den Kapitänen, die dabei nicht selten die Gesundheit und das Leben ihrer Leute aufs Spiel setzen?

Kapitän Jan Rüsch hat es erlebt. Im Nordatlantik barg seine Crew einen belgischen Segler von dessen leckgeschlagener Elf-Meter-Yacht ab. Das Manöver liegt schon einige Jahre zurück, aber es bewegt Rüsch, der selbst Segler ist, bis heute. Er berichtet von den Schwierigkeiten und Gefahren einer solchen Rettungsaktion und gewährt einen seltenen Blick von der Brücke eines Berufsschiffs auf das Geschehen.

YACHT: Herr Rüsch, wie kam es dazu, dass Sie den Segler retten mussten?

Jan Rüsch: Uns erreichte an einem Freitagmorgen eine ganz allgemein gehaltene Navtex-Nachricht an alle Schiffe im Seegebiet. Es wurde darum gebeten, scharf Ausguck zu halten nach einem weißen Segelboot auf dem Weg von Halifax nach Belgien. Die Angaben waren sehr unkonkret und die Wetterbedingungen denkbar schlecht. Wir hatten tagelang Sturm mit acht Meter hohen Wellen und Regen. Ich dachte, den müssten wir schon fast umfahren, ehe wir ihn sehen. Wir haben zwar Ausguck gehalten, aber nichts entdeckt. Nachmittags hatte ein Suchflugzeug der US Coast Guard ihn dann aber gefunden; es bat uns gezielt per Funk um Hilfe. Der Segler befand sich 450 Meilen von Cape Cod entfernt und damit außerhalb der Reichweite eines Helikopters, der ihn hätte abbergen können.

  Von Land aus nicht zu retten. 450 Meilen von Cape Cod entfernt in acht Meter hohen Wellen, kann die Coast Guard den Havaristen nicht mit dem Helikopter bergenFoto: Jan Rüsch
Von Land aus nicht zu retten. 450 Meilen von Cape Cod entfernt in acht Meter hohen Wellen, kann die Coast Guard den Havaristen nicht mit dem Helikopter bergen

Was war denn auf dem Segelboot geschehen?

Der Einhandsegler wollte sich täglich einmal per Satelliten­telefon bei einem Freund melden. Das hat er auch einmal getan und dabei erzählt, dass er sich in schlechtem Wetter befindet und Wasser im Boot hat. Als der nächste avisierte Anruf nicht kam, hat der Freund die Küstenwache alarmiert.

Wie schwer war es, den Segler an der angegebenen Position zu finden?

Sehr schwer. Wir konnten ihn lange Zeit nicht ausmachen. Was auch kein Wunder ist – ein weißes Boot, das nur wenig größer ist als die Schaumkronen ringsum! Hätte er ein Segel gesetzt gelassen, wäre er besser zu sehen gewesen. Als wir ihn dann entdeckten, war er nur noch eine Meile entfernt und ich mit 18 Knoten Fahrt viel zu schnell! 336 Meter Schiff mit 130.000 Tonnen Gewicht bremst man nicht mal eben. Allein bis die Maschine heruntergefahren ist, braucht es drei Minuten. Ich konnte das Schiff nur abbremsen, indem ich einen Kreis um ihn gedreht habe. Das Ruderblatt eines Vollcon­tainerschiffs ist größer als ein Einfamilienhaus. Auf 35 Grad angestellt ist das wie ein Bremsfallschirm.

  Winziges Boot in aufgewühlter See – ein Suchbild. Wenngleich ein Rettungsflugzeug die Position übermittelt, scheint es beinahe aussichtslos, den Segler inmitten der Wellen zu entdecken (mittig im oberen Drittel des Bildes)Foto: Jan Rüsch
Winziges Boot in aufgewühlter See – ein Suchbild. Wenngleich ein Rettungsflugzeug die Position übermittelt, scheint es beinahe aussichtslos, den Segler inmitten der Wellen zu entdecken (mittig im oberen Drittel des Bildes)

Hatte der Havarist denn kein Funkgerät oder AIS an Bord, das die Suche erleichtert hätte?

Doch, aber infolge des Wassereinbruchs hatte seine gesamte Elektrik und Elektronik Schaden genommen – damit hatte er auch kein Funkgerät mehr. Das Suchflugzeug hatte bereits versucht, ihm ein schwimmfähiges Walkie-Talkie an einer langen Leine zuzuwerfen. Aber er konnte sie nicht fangen.

In welcher Verfassung waren der Segler und sein Schiff?

Wir sind bis auf 30 Meter dicht an ihm vorbeigefahren. Ich wollte von Nahem sehen, ob er wirklich in Seenot ist. Das Boot sah desolat aus: Die Fallen wurden nachgeschleppt, die Segel waren nicht gesichert und trieben im Wasser. Er muss in das schlechte Wetter hineingesegelt sein, ohne auch nur zu reffen. Er hatte offenbar nichts gesichert, und das hat ihm alles zerfetzt. Im Grunde hat er seemännisch komplett versagt. Was mich irritierte, war: Er fühlte sich offensichtlich in Seenot, aber für mich hatte das Boot einen normalen Trimm. Es schien, als liege es nicht tiefer im Wasser als normal. Ich fand das seltsam und habe einen großen Widerstand in mir gespürt, die Sicherheit und das Leben meiner Leute zu riskieren, um ihn zu retten. Doch er hat uns mit Handzeichen deutlich zu verstehen gegeben, dass er umsteigen möchte.

Wie ging dann die Rettung genau vonstatten?

Wir üben solche Manöver regelmäßig und sind nach Plan vorgegangen. Zunächst haben wir die Lage besprochen und überlegt, wie wir überhaupt an den Havaristen herankommen. Zum Abbergen eignet sich am besten unser kleines offenes Rettungsboot mit einem 25-PS- Außenborder. Das hängt im Davit etwa 17 Meter über Wasser. Drei Mann sind in das Boot übergestiegen, dann haben wir es herabgelassen. Das Zuwasserlassen ist ein sehr kritischer Moment, aber wenn das Boot erst mal frei ist vom Schiff, ist der Rest nur noch eine Frage der Seetüchtigkeit.

War es nicht zu stürmisch?

Im Grunde schon. Aber ich konnte einen Ententeich fahren. So nennen es Kapitäne, wenn sie eine Kurve fahren, in der das Schiff nach außen driftet. Das Wasser fließt dann unterm Schiff durch und kommt in Lee wieder hoch, dadurch hat man dort eine ganz glatte Meeresoberfläche. In diesen Ententeich setzt man das Rettungsboot und klinkt den Haken aus. Dann fährt es los. Bei uns lief bei der Sache allerdings etwas schief.

"Mir war klar, wenn die Rettung vorm Dunkelwerden nicht gelingt und etwas passiert, finde ich die Crew nicht wieder"

Was ist passiert?

Die Kommunikation zwischen Schiff und Rettungsboot möchte man in so einer brenzligen Situation natürlich unbedingt aufrechterhalten. Deshalb haben wir eigens wasserdichte und schwimmfähige Walkie-Talkies für solche Notfälle. So ein Teil trug der Steuermann des Rettungsboots um den Hals. Nachdem es die Glattwasserzone verlassen hatte, hat die erste Welle die Mannschaft allerdings einmal geduscht – und das teure und fast neue Walkie-Talkie ging nicht mehr. Es war wohl doch nicht wasserdicht.

Das klingt nicht gut!

Mehr als das, in dieser Situation war es ein Desaster! Auf der Brücke hatten wir keinerlei Funkkontakt mehr – weder zu dem Segler noch zu unseren Leuten im Rettungsboot.

Das ist aber dennoch weitergefahren zum Havaristen, oder?

Ja. Aber meine Leute konnten nicht sehr dicht an das Boot heran. Wegen der vielen im Wasser treibenden Leinen, die sich im Propeller des Außenborders hätten verfangen können, war das zu gefährlich. Also musste der Mann ins Wasser springen. Er hatte einen Overall an, das war gut, und auch eine Automatikweste um, das war ebenfalls gut. Allerdings trug er die Weste unter seinem Overall – sie hat ihn beim Aufblasen halb erwürgt. Meine Jungs haben ihn dann aus dem Wasser gezogen, zu dritt an einer Seite des Boots über die Kante. Ich hatte auf meiner Brücke Angst, dass das Boot dabei kentern würde. Als der Segler an Bord war, hat einer meiner Männer ein Messer genommen und seine Rettungsweste durchstochen, damit er wieder atmen konnte. Mit dem Fernglas aus 300 Meter Entfernung sah das aus, als wolle er ihn abstechen. Wenn man ein Funkgerät gehabt hätte, hätte man wenigstens mal fragen können, was da gerade passiert.

  Gefährliches Durcheinander an Bord des Havaristen. Das Rettungsboot läuft Gefahr, Leinen in den Propeller zu bekom­men, und kann nicht näher heran. Der Segler muss ins Wasser springenFoto: Jan Rüsch
Gefährliches Durcheinander an Bord des Havaristen. Das Rettungsboot läuft Gefahr, Leinen in den Propeller zu bekom­men, und kann nicht näher heran. Der Segler muss ins Wasser springen

Hat sich der Segler während der Rettung Ihrer Einschätzung nach denn richtig verhalten?

Das war eigentlich schon alles okay. Er hätte zu dem Manöver selbst nichts beitragen können. Dass er nichts getan hat, war in diesem Fall genau richtig. Aber er hat es uns sehr erschwert mit den Leinen, die im Wasser trieben. Und die Weste hätte er vielleicht über dem Overall tragen können. Gut war aber, dass er uns sehr deutliche Zeichen gegeben hat, die jeder verstehen konnte. Und dass er seinen Pass dabeihatte – das ist ganz entscheidend! Ohne Pass hat man Riesenprobleme, je wieder vom Schiff runterzukommen.

"Auf dem Nordatlantik habe ich schon Wellen gesehen, die kein Boot schafft – es sei denn, es kann durchkentern"

Wie ging die Rettung weiter, nachdem der Segler sicher im Boot war?

Da wurde es noch einmal gefährlich. Ich habe versucht, wieder einen Ententeich zu fahren. Das ging aber nicht so gut, weil ich das Schiff nicht ausreichend beschleunigen konnte – wir hätten uns viel zu weit entfernt. Die See war daher noch sehr rau, als sich das Rettungsboot unserem Schiff näherte. Um es wieder aufzunehmen, haben wir einen großen Haken an einem Block herabgelassen. 20 Kilogramm schwingen da in der Luft, während sich das Boot im Seegang einige Meter hoch und runter bewegt. Einer der Männer musste den Haken fangen und am Boot befestigen. Das ist lebensgefährlich, aber zum Glück beim ersten Versuch gelungen. Das Boot wurde noch zwei-, dreimal von einer Welle erwischt und kam ordentlich ins Schwingen, aber zum Glück in Längsrichtung. Sonst wäre es gegen die Bordwand geschlagen. 20 Sekunden später waren dann alle wohlbehalten an Deck.

  Noch nicht ganz in Sicherheit. Das Boot kehrt zum Containerschiff zurück. Dort wartet auf die Crew das schwierigste Manöver: am Haken schwingend zurück an BordFoto: Jan Rüsch
Noch nicht ganz in Sicherheit. Das Boot kehrt zum Containerschiff zurück. Dort wartet auf die Crew das schwierigste Manöver: am Haken schwingend zurück an Bord

Wie lange hat die Rettung insgesamt gedauert?

Gefühlt waren es drei Tage, in Wirklichkeit keine zwei Stunden. In der kurzen Zeit sind wir zehn Meilen zu dem Segler gefahren, haben eine Erkundungsrunde gedreht, das Boot klargemacht und ihn abgeborgen. Das hat uns später ein Lob der US Coast Guard eingebracht.

Wie hoch war das Risiko für Ihre Crew bei der Aktion?

Ich habe das Ganze nur riskiert, weil ich noch mehr als zwei Stunden Tageslicht hatte. Ich hatte vorher überlegt: Wenn da jetzt etwas passiert und es wird dunkel, finde ich die Crew nicht wieder. Für meine Leute war das ein großes Abenteuer, die haben hinterher gefeiert. Sie haben sich auch nicht gefährdet gefühlt. Für mich fühlte sich das riskanter an. Es ist etwas anderes, wenn man sich selbst in Gefahr begibt, als wenn man seine Kollegen schickt. Das eigene Leben kann man riskieren – aber das von anderen? Wenn da etwas passiert, fühlt man sich ein Leben lang verantwortlich. Diese Gedanken hatte ich die ganze Zeit. Und ich habe mich gefragt, ob es überhaupt so weit hätte kommen müssen.

Wieso das?

Ich bin selbst Segler seit Kindesbeinen. Bei der Rettung hat in mir der Seemann mit dem Segler geschimpft. Das Schwer­wettergebiet kam ja nicht überraschend – ich hatte das eine Woche vorher im Wetter­bericht. Der Segler ist von Halifax ausgelaufen und mitten rein in diesen Sturm, und das auch noch ohne zu reffen. Wenn man sich einhand in der falschen Jahreszeit auf den Atlantik begibt, dann weiß man auch um die Gefahr und sollte nicht unbedingt mit Rettung rechnen. Das ist meine persönliche Einschätzung. Gerade auf dem Nordatlantik habe ich schon Wellen gesehen, die kein Segelboot schafft. Wenn die steil genug sind, werfen sie ein Boot um. Also muss ich eines haben, das auch durchkentern kann!

  Kapitän Jan Rüsch. Mit einem 336 Meter langen Containerschiff war Rüsch unterwegs, als ihn der Notruf erreichte. Privat segelt er seine Hanse 331 auf der ElbeFoto: Jan Rüsch
Kapitän Jan Rüsch. Mit einem 336 Meter langen Containerschiff war Rüsch unterwegs, als ihn der Notruf erreichte. Privat segelt er seine Hanse 331 auf der Elbe

Nachdem Sie den Segler gerettet hatten, ist er mit Ihnen nach Europa gefahren. Was hat er denn selbst zu all dem gesagt?

Er berichtete, über die Mechanik des Hubkiels sei Wasser ins Schiff eingebrochen. Das Leck konnte er nicht beheben, und nachdem seine elektrischen Pumpen ausgefallen waren, musste er von Hand lenzen. Als wir ihn aufgefischt haben, war er schon mehr als zwei Tage in dieser Situation. Er war wirklich fertig. Er selbst sagte von sich, dass er viel Segelerfahrung hätte, auch auf hoher See. Aber ich glaube eher, er ist immer nur mitgesegelt. Er hat insgesamt recht wenig über den ganzen Verlauf erzählt. Wir konnten nur vermuten, dass der Wind ihn überrascht und er das Reffen allein nicht mehr geschafft hat. Nachdem auf Deck alles zerfetzt war, ist er wohl nur noch nach unten in die Kajüte gegangen und hat sich um sein Überleben gekümmert. Ich hatte am ersten Abend echte Angst um ihn.

Warum das?

Ich habe nach der Rettung nur sehr nüchterne Sätze von ihm gehört. Ich habe ihm erklärt, dass ich sein Boot nicht abbergen kann, weil ich nicht einmal einen Kran dafür an Bord habe. Dass irgendjemand es auffischen oder es sinken würde, hat er völlig ungerührt zur Kenntnis genommen. Ich habe mich gefragt, wie es mir gehen würde, wenn mein Boot untergeht. Da wäre ich ganz sicher nicht so gelassen! Ich hatte daher Sorge, dass er sich womöglich etwas antut, wenn er realisiert, was er da verloren hat. Deshalb habe ich in der ersten Nacht eine Wache vor seine Tür gestellt.

Wie ging die Sache aus?

Die Sorge war unnötig. Er erzählte später, dass es ihm wirtschaftlich sehr gut geht. Das Boot war versichert, also kein großer Schaden für ihn. Er hat von uns Essen und Kleidung bekommen und wurde auch mal zum Bier eingeladen. In den sechs Tagen bis Le Havre hat er es aber nicht einmal geschafft, sich bei irgendwem zu bedanken. Ein großer Dank kam erst in einem langen Brief vier Wochen später von seiner Frau.

Interview: Ursula Meer

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