InterviewLutz Kohne, der Deutsche im Golden-Globe-Team

Kristina Müller

 · 03.09.2022

Interview: Lutz Kohne, der Deutsche im Golden-Globe-TeamFoto: lutzkohnesailing

Noch liegen die Boote dicht an dicht im Port Olona von Les Sables d’Olonne. Schon morgen aber, am Sonntag den 4. September, heißt es für Skipper des Golden Globe Race Abschied nehmen von Familie, Freunden und Festland. Dann startet das zweite Golden Globe Race, das der Australier Don McIntyre organisiert – ein Revival der ersten Nonstop-Regatta um die Welt von 1968/69.

Zwar ist unter den 17 zum Start qualifizierten Skippern kein Deutscher dabei – wohl aber im Organisationsteam des Rennens an der Seite von McIntyre. Lutz Kohne, ein 27-jähriger Segelenthusiast aus Niedersachsen, hat durch Zufall seinen Weg in die Schaltzentrale des Golden Globe Race gefunden und blickt wie die Skipper auf eine aufregende Vorbereitungszeit zurück und spannenden Monaten entgegen.

Im YACHT-Interview berichtet Kohne von seinem ungewöhnlichen Einstieg ins Segeln und eigenen Segelplänen.

Herr Kohne, wie wird man Assistant Race Director, also stellvertretender Wettfahrtleiter, beim Golden Globe Race?

Lutz Kohne: Das ist eine längere Geschichte, und tatsächlich beginnt sie mit dem YACHT-Magazin. Während der Coronazeit saß ich in meiner Wohnung in Berlin und habe in der YACHT die Geschichte über Georg Lützelberger gelesen, der sich im Garten einen Sperrholzmini vom Typ Class Globe 5.80 baut.

Das ist eine Bootsklasse, die der Golden-Globe-Veranstalter Don McIntyre ebenfalls ins Leben gerufen hat.

Genau, und sie hat mich total fasziniert. Ich habe recherchiert und dann gelesen, dass Don einen ehrenamtlichen Wettfahrtleiter für das erste Transatlantikrennen in dieser neuen kleinen Bootsklasse sucht. Ich habe ihn kontaktiert, wir haben gesprochen und gemerkt, dass die Chemie zwischen uns stimmt. Also habe ich meinen Schreibtisch in Berlin aufgeräumt, Job und Wohnung gekündigt, ein Boot gekauft und bin damit nach Frankreich gesegelt. Es war Zeit, ein neues Kapitel aufzuschlagen.

Und dort wurden Sie fester Teil des Golden Globe Teams?

Ich habe zuerst die Wettfahrt der kleinen Class Globe 5.80 betreut, und dann hat es sich ergeben, dass ich fest für das Golden Globe Race dabei bleibe, sozusagen als zweiter Mann neben Don. Wir sind nur ein sehr kleines Team, das aus fünf Leuten besteht.

 Lust auf Segelabenteuer: Kohne kam über der Class Globe 5.80 Transat zum Golden-Globe-TeamFoto: Jane Zhou
Lust auf Segelabenteuer: Kohne kam über der Class Globe 5.80 Transat zum Golden-Globe-Team

Was war Ihre Aufgabe während der Vorbereitung des Rennens?

In den letzten Monaten war ich für die Skipper Ansprechpartner für alle Fragen rund um das Race, vor allem aber für technischen Aspekte – was darf an Bord sein und was nicht, und so weiter. Ich habe auch viele Dokumente vom letzten Rennen für das neue überarbeitet.

Und was kommt nun, wenn die Boote weg sind? Ein wenig Pause?

Nein, während Don McIntyre zu den Film Gates entlang der Route reist, werde ich die ganze Zeit über in Les Sables d’Olonne auf Standy-By sein, das Regattabüro leiten und die Flotte beobachten. Ich bin auch 24/7 über einen Notfall-Kommunikationsweg erreichbar. Wenn die EPIRB auf einem der Boote aktiviert wird, geht ein Alarm bei Don und mir ein.

Das klingt nach einem außergewöhnlichen Job. Was haben Sie denn vorher in Berlin gemacht?

Ich habe Politik studiert und hatte in Berlin meinen ersten Job, das war beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag. Das hieß Anzug tragen, Excel-Tabellen, eine halbe Stunde Lunch-Pause jeden Tag (lacht). Das war gut, aber für mich nichts auf Dauer.

Und dann haben Sie Ihr erstes Boot gekauft, um sich in das neue Abenteuer zu stürzen?

Nein, ich hatte vorher schonmal eines. So bin ich überhaupt erst zum Segeln gekommen, das war 2018. Damals habe ich mit einer Freundin zusammen eine alte Contest 34 gekauft, um darauf während des Studiums in Amsterdam zu wohnen. Die Mieten waren hoch und wir dachten, das ist eine gute Idee (lacht). Wir wussten noch nicht einmal, ob Segel dabei sind oder ob der Motor läuft. Aber gut, wir haben es gekauft, haben darauf gewohnt und schließlich bin ich damit sogar über die Biskaya bis nach Gibraltar gesegelt. Das war mein Einstieg ins Segeln. Und wenn man so etwas mit Anfang zwanzig erlebt, dann lässt es einen nicht mehr los.

Sie sind auch schon über den Atlantik gesegelt, richtig?

Ja, gleich im Anschluss an den Törn nach In Gibraltar. Allerdings nicht auf der Contest. Als ich in Gibraltar ankam, zeigte mein Konto rote Zahlen an, und es wurde Zeit, mit einen Job zu suchen. Durch Zufall habe ich dort aber eine britische Familie kennengelernt, die mit ihrem großen Kat und drei Töchtern zwischen elf und dreizehn Jahren über den Atlantik segeln wollte. Die suchten noch jemanden, der auch mal in den Mast klettert. Dort bin ich dann spontan an Bord und mit ihnen in die Karibik. Das war meine erste Ozean-Erfahrung.

Und es soll nicht die letzte bleiben?

Genau! (lacht) Ich habe hier so viel mit den Golden-Globe-Skippern zu tun, sitze abends mit ihnen zusammen, da bleibt es nicht aus, dass man infiziert wird. Das ist alles wahnsinnig inspirierend hier. Mein Plan ist also mittlerweile beim nächsten Mal, das wird dann 2026 sein, selbst mitzusegeln. Es kann doch nicht sein, das bisher kein Deutscher dabei war! Ich bin sogar schon in Gesprächen für ein Boot.

Vorher haben Sie aber noch etwas anderes zu tun.

Ja, ich werde im Team bleiben und auch das Ocean Globe Race mitorganisieren, das nächstes Jahr im September startet. Das ist dann für Crews, die in Etappen um die Welt segeln wollen. Vorerst bleibe ich also hier.

Nonstop um die Welt: die Route des Golden Globe RaceFoto: GGR
Nonstop um die Welt: die Route des Golden Globe Race

Golden Globe Race 2022: Start und Rennen verfolgen

Der Start des Golden Globe Race 2022 ist für Sonntagnachmittag, 4. September um 16 Uhr in Les Sables d’Olonne geplant.

Alle Infos zum Rennen gibt es hier.

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