Tatjana Pokorny
· 13.10.2026
Sie ist erst 32 Jahre alt, doch sie ist schon so reich an Erfahrungen wie Frankreichs Salzgärten an Fleur de Sel. Nie zuvor hat eine Profiseglerin ihren breiten Horizont erreicht. Weder in ihrem noch in irgendeinem anderen Alter. In weniger als einem Jahrzehnt hat die in der Seefahrerstadt La Rochelle geborene Frau von der Atlantikküste die komplette klassische Karriereleiter französischer Seesegler erklommen. Amélie Grassi segelte Minis, Figaros, Class40s, Imocas und Ultims. Nun greift sie auch noch im America’s Cup an. Dabei bleibt die Einhand-Weltregatta Vendée Globe das Fernziel.
Das Meer war und ist für Amélie Grassi nie weit weg. Auch mangelte es ihr in der Kindheit nicht an Vorbildern. Ihre Mutter bestritt 2009 das Mini-Transat und arbeitete später im professionellen Teammanagement. Ihr Vater hatte die Route du Rhum 2010 in der Class40 gemeistert und in La Rochelle seinen Yachthandel Grassi Bateaux gegründet. Sandrine Bertho und Olivier Grassi haben ihrer Tochter eine wirksame Segeldosis in die Wiege gelegt.
Zwar gefällt der kleinen Amélie bis zum Alter von 13 Jahren der Balletttanz besser als das Segeln. Doch der Segelsport zieht sie zunehmend stark an. Geprobt hat sie dafür schon als kleines Mädchen. Sie verbringt mit den Geschwistern nahezu sämtliche Ferien bei den Großeltern: entweder denen mütterlicherseits im Norden der Bretagne oder denen väterlicherseits in der Nähe von Brest. Beide Großväter hatten Segelboote, mit denen es regelmäßig raus ging aufs Meer. Oft auch zum Makrelenfischen. Das Cruisen war das gemeinsame „Plaisir“, eher Alltag als exotisches Abenteuer.
Mit dem Regattasegeln lässt sich Amélie Zeit. Als Zwölfjährige folgt sie einem Aufruf im Segelverein La Rochelle Nautique. Dort wird ein Mädchen gesucht, das mit einem Jungen 420er segelt. Dieser Crew-Startschuss passt bis heute gut zur Grassi-Ältesten, die in ihrem Sport nie einen Unterschied zwischen Männern und Frauen macht.
Später wechselt sie für zwei Jahre ins Sport- und Studienzentrum nach La Baule, macht dort 2012 ihr Abitur am Lycée Grand Air. „Wir waren mindestens vier Tage die Woche segeln. Das war gut, aber ich hatte spät angefangen und war klein“, erinnert sich Amélie Grassi an die Zeit, in der sie das Segeln, Taktik und Strategie erstmals systematisch lernt.
Im dreijährigen Jura-Bachelor-Studium an der Universität von Nantes tritt sie etwas kürzer, segelt „noch einigermaßen viel Katamarane wie Vipers oder F18“. Sie erinnert sich: „Wir waren als Gruppe gut, gewannen auch nationale oder europäische Meisterschaften, hatten aber nicht die Zeit für eine Olympia-Kampagne. Trotzdem war der Segelsport noch ein großer Teil meines Lebens.“
Das änderte sich mit dem nächsten Studienschritt radikal. Amélie Grassi wird zum Arbeitsrecht-Masterstudium an der berühmten Pariser Universität Sorbonne zugelassen. Mit dem Umzug nach Paris lässt sie die Welt von Wind und Wellen hinter sich: „Ich habe fast mit dem Segeln aufgehört. Das Studium habe ich genossen. Wenn du Zugang zur Sorbonne erhältst, willst du das auch leben. Da muss man Opfer bringen.“
Am Ende von zwei Jahren Masterstudium in der Hauptstadt ist die Sehnsucht nach dem Segelsport überbordend groß. Amélie Grassi schiebt die Pläne für ihre Doktorarbeit auf. Sie beginnt 2017, über das Offshore-Segeln nachzudenken, und erinnert sich daran, dass sie 2015 den Start zum Mini-Transat beobachtet hatte. „Ich dachte damals, dass die alle komplett verrückt sein müssen. Aber ich habe es auch geliebt“, erzählt sie herzlich lachend.
Sie befindet, dass es gerade ein guter Moment für eine Pause zugunsten des Segelsports ist. Ihr Plan damals: „Ich mache ein Zwei-Jahres-Projekt daraus und nehme am Mini-Transat teil. Ich weiß, dass es hart wird. Aber ich bin auch sicher, dass ich es managen kann.“ Die Fähigkeiten dafür bringt sie nicht nur auf dem Wasser mit. „Mein Hobby ist es, Tabellen, To-do-Listen und Fahrpläne zu erstellen. Im Job mag ich es, Daten zu verarbeiten, Einstellungen zu analysieren, all die harte Arbeit zu erledigen“, sagt die als sehr diszipliniert geltende Antreiberin.
Die ersten Sponsoren sind die Eltern: Amélie bekommt eine Verdier-Pogo 3. „Sie haben mir ein echt schönes Boot gekauft, mit dem ich ziemlich gut segeln konnte. Und wenn du erst mal segelst, ist es auch viel leichter, Sponsoren zu finden“, hat sie schnell verstanden.
Während sie sich dem Mini-Transat 2019 mit bemerkenswert guten Vorergebnissen entgegenackert, entdeckt sie bei einem Besuch im Haus ihrer Mutter einen Zeitungsartikel. Darin steht, dass der große Loïck Peyron im Einführungsjahr der neuen Figaro-3-Boote in den Figaro-Circuit zurückkehrt. Mehr noch: Die Segel-Ikone will beim Comeback junge Leute mit an Bord nehmen, um seine Erfahrungen zu teilen. „Da stand auch, dass er gerne mit einer Frau segeln würde. Ich dachte noch, wie glücklich sich diese Frau schätzen kann, die mit ihm segeln darf“, erinnert sich Amélie lächelnd.
Sie erzählt ihrer Mutter davon. Deren Antwort: „Ich habe seine Nummer. Du solltest ihn anrufen.“ Amélie gibt zu bedenken, dass sie erst zwei Monate zuvor mit dem Offshore-Segeln begonnen hat. Das sei keine Option. Sandrine Bertho schaut ihre Tochter an und sagt: „Ich bin ja wirklich froh, dass ich dir mit dem Boot und anderen Dingen helfen konnte. Aber wenn du die Chance hast, Loïck Peyron anzurufen, dann machst du das auch. Wenn er Ja sagt, ist es gut. Wenn er Nein sagt, auch.“ Inständig hofft Amélie beim langsamen Tippen der Nummer, dass am anderen Ende niemand rangeht. Doch Peyron ist dran. Das Gespräch läuft, wie der Tausendsassa des französischen Segelsports auch sonst auftritt: offen, interessiert und lustig. Weil er noch auf seine neue Figaro wartet, beschließen sie ein Testsegeln auf ihrem Mini in Lorient.
Am vereinbarten Tag steht ein Training mit der Zweihandgruppe auf dem Programm. Amélie erinnert sich lebendig: „Loïck kommt immer zu spät. So war es auch an diesem Morgen. Die anderen fragten mich, mit wem ich heute segeln wolle. Ich traute mich nicht, seinen Namen zu sagen, weil ich dachte, dass er vielleicht gar nicht kommt.“ Peyron kommt mitten im Briefing. „Alle dachten, das sei ein Scherz – ernsthaft?“, so Grassi. „Der Tag war dann so cool, einfach unvergesslich! Loïck ist so glücklich, wenn er segelt. Er genießt jeden einzelnen Moment beim Segeln – es ist fantastisch!“
Amélie Grassi wird in die Figaro-3-Crew aufgenommen. Peyron, der ihr ein „guter Lehrer und Ratgeber“ wird, redet auch mit seinen Projektpartnern über die aufstrebende junge Frau. Er beschreibt sie als „leidenschaftlich und konstruktiv“. Action Enfance wird Hauptsponsor ihrer Mini-Kampagne, die sie 2019 mit Platz acht als beste Serienboot-Solistin beendet, obwohl sie die zweite Etappe mit technischen Problemen erst 14 Stunden nach dem Start angehen kann und dem Feld hinterherhetzen muss. Sie tut es meisterlich. Diese Leistung rückt ihre Kampfstärke ins Rampenlicht. Sie weiß danach: „Ich genieße das Racing, das Alleinsein auf See, das Spiel und seine Intensität.“
Schon kurz vor dem Rennen hat sie sich mit ihrem damaligen Sparringspartner, gutem Freund und WG-Mitbewohner Ambrogio Beccaria über vage Profi-Ideen ausgetauscht. Dabei stand aber noch der Plan, für die Doktorarbeit nach Paris zurückzugehen. Nach dem Rennen, das Beccaria in der Serienbootwertung gewinnt, ist auch für Amélie Grassi klar: „Ich muss einen Weg finden, das weiterzumachen.“
Zwei Tage nach dem Zieldurchgang bekommt sie einen Anruf: „Zwei Leute kontaktierten mich, die ein professionelles Projekt starten wollten. Da wusste ich, dass ich nicht nach Paris zurückgehen würde.“ Das Projekt platzt später, weil die Covid-Pandemie auch Segelträume niederwalzt. Dann aber fruchten Gespräche mit dem Sponsor La Boulangère Bio, mausern sich zu einem Vier-Jahres-Projekt in der Class40 für Amélie Grassi.
Es geht steil aufwärts. Später wird sie sagen: „Dieses Projekt hat mich gelehrt, alles zu managen: das Boot, das Team, die Partner und den Druck.“ Doch auch die Aufsteigerin bleibt nicht von Tiefschlägen verschont. Bei der Route du Rhum ist sie am 12. November 2022 eines von vier Opfern am schwarzen Tag, an dem Thibault Voucher-Camus mit seinem Tri kentert, Louis Burton seinen Imoca-Mast verliert und die Masten auf „La Boulangère Bio“ sowie einer weiteren Class40 in stürmischen Winden brechen.
Für Grassi kein Grund für langes Lamentieren. Sie treibt ihre Aus- und Fortbildung ein- und zweihand mit wechselnden Co-Skippern weiter voran. Ihr Tempo bleibt hoch. Für 2023 holt „Biotherm“-Skipper Paul Meilhat sie in sein Team, der Imoca-Einstieg. Parallel zum Class40-Programm bestreitet Grassi zwei Etappen mit dem knapp finanzierten Projekt. Für Meilhat und Grassi ist es trotz vieler technischer Rückschläge der Beginn einer von enormem Respekt geprägten Zusammenarbeit, die zwei Jahre später in den Sieg beim Ocean Race Europe mündet. Da ist sie schon seine Co-Skipperin.
„Amélie ist definitiv eine großartige Seglerin. Sie kann aber auch ein Team und Sponsoren managen. Sie hat viel Reife, Wissen und natürlich ihr Erbe. Dabei ist sie noch so jung“, verneigt sich der 44-jährige Paul Meilhat vor der zwölf Jahre Jüngeren.
Sie kann zu diesem Zeitpunkt zusätzlich zu allen anderen gesegelten Klassen auch schon bemerkenswerte Ultim-Erfahrung vorweisen. „Schon während des Class40-Projekts hatte ich Gelegenheit, auf dem Ultim ‚Actual‘ zu segeln, weil meine Familie das Projekt betrieb, aber auch, weil ich es mir verdient hatte“, erzählt Amélie Grassi. Yves Le Blevec ist der Teammanager. Er hatte seine Stieftochter schon beim Mini-Einstieg unterstützt, wusste von Beginn an: „Sie ist ein Kämpfercharakter, wie er im Buche steht. Sie ist imstande, enorme Energien freizusetzen, hat eine hohe Arbeitsintensität. Sie ist extrem wettbewerbsstark.“
Amélie dient dem anspruchsvollen Ultim-Projekt über viele Jahre als Aushilfe, ist dann bei Überführungen dabei, bei Trainings und schließlich auch bei Regatten. „Diese Erfahrung auf dem großen Boot hat mir beim Imoca-Einstieg geholfen“, weiß die Frau mit dem explosionsartig wachsenden Aktionsradius.
Kaum vorstellbar, aber wahr: 2025 ist für sie ein noch intensiveres Jahr als alle zuvor. Neben dem Ocean Race Europe bestreitet sie zum Jahresende bei der Class40-Weltumseglung Globe40 auch zwei lange Etappen mit Ian Lipinski auf dessen siegreicher „Crédit Mutuel“. Zwischendurch hat sie sich noch um einen OceanFifty-Platz im Förderprogramm UpWind by MerConcept beworben. Vor laufender Kamera wird ihr nach dem Auswahlprozess mitgeteilt, dass sie nicht für das Programm ausgewählt wurde. Als sie sich gerade fragt, ob man sie „live“ zum Weinen bringen will, folgt die Begründung.
Amélie Grassi erzählt: „Dann sagten sie: ‚… weil wir jemanden für die Jules Verne Trophy für ‚SVR Lazartigue‘ suchen‘.“ Sie kann es kaum glauben. „Das ist eines der schnellsten Offshore-Boote, die auf der Welt existieren. Es ist so ein Glück, dass ich Teil des Teams sein konnte“, sagt sie rückblickend.
Im Sommer 2025 nimmt sie mit der erlesenen „SVR Lazartigue“-Crew am Fastnet Race teil. Von und mit Skipper Tom Laperche, Multihull-Ikone Franck Cammas, dem dreimaligen America’s-Cup-Gewinner Peter Burling, Antoine Gautier und Emilien Lavigne lernt, lernt und lernt sie weiter in rasendem Tempo.
Das Jahr 2025 bleibt auch privat unvergesslich: Sie heiratet Profisegler Alan Roberts, der seit Jahren in der Bretagne lebt und für große Rennställe arbeitet. Wie andere Größen der Imoca-Szene hat auch Roberts Schiffbau an der renommierten Universität in Southampton studiert. Er hat Ausbildungen in der Artemis Offshore Academy und im Pôle Finistère genossen, alleine in der Figaro-Klasse 70.000 Solomeilen absolviert und auf Imocas schon mit und auch gegen seine Frau gesegelt.
2019 hatten sich der Brite und die Französin bei der Figaro-Regatta Sardinha Cup kennengelernt. Seit zwei Jahren leben sie in ihrem Haus in der Nähe von Lorient, das sie gemeinsam renoviert haben. „Ich mag Handwerken im Haus, wenn ich Zeit habe“, sagt Amélie Grassi, die zur Entspannung gerne mal eine Runde Wingfoilen einflicht oder Wandern geht. Bald schon wird ein neuer Grassi-Spross ihr Leben bereichern: Amélie Grassi und Alan Roberts erwarten im November ihr erstes Kind.
Eingebettet ist diese neue Lebensphase in eine weitere steile Herausforderung mit krassem Perspektivwechsel: Amélie Grassi ist seit März Mitglied im französischen America’s-Cup-Team La Roche-Posay Racing, was ihre Vita endgültig unverwechselbar macht. „Es ist in Frankreich selten, dass zwischen diesen beiden Welten – dem Offshore-Segeln und dem America’s Cup – gewandelt wird. Ich war überrascht, als ich den Anruf von Teammanager Bruno Dubois erhielt“, erzählt Amélie, die laut Teamkollegen bei den Simulator-Tests herausragende Ergebnisse erzielt hat.
Für Bleu-Blanc-Rouge ist sie im Bereich Systeme & Strategie aktiv. Mit der aus der K-Challenge-Akademie kommenden Maelenn Lemaitre wechselte sie sich in der für den 38. Cup-Zyklus vorgeschrieben Frauenposition auf dem AC75-Foiler ab. „Das Fliegen darauf sollte ich lieben, denn ich bin ja schon auf 32-Meter-Booten geflogen“, sagte Grassi mit Verweis auf die Ultims, die rund zehn Meter länger sind als die Einrumpf-Foiler im America’s Cup.
Im September ist das gesamte französische Cup-Team bereits nach Neapel umgezogen. Amélie Grassi hat dort ein Haus gemietet, in dem auch die Omas und die Familie Platz finden, die sich nach der Geburt mit um das Baby kümmern.
Gefragt nach den wichtigsten Förderern in ihrer schon jetzt einzigartigen Segelkarriere, sagt Amélie Grassi: „Zuerst meine Eltern, die so viel Zeit mit mir auf See verbracht haben, als wir noch jung waren. Dann der Mann meiner Mutter: Yves Le Blevec hat mir beim Start meiner Profikarriere viel Zeit, Input und Entwicklungsmöglichkeiten zur Verfügung gestellt – von Mini bis Ultim. Dann Paul Meilhat, der später dazu kam, aber der Erste war, der mir die Rolle als Co-Skipperin und damit das Vertrauen gegeben hat. Das bedeutet mir viel, weil es die Denkweise verändert. Pauls Haltung hat mir Selbstvertrauen gegeben. Und Loïck ganz sicher auch.“
Alle ihre vorhandenen und dazugewonnenen Qualitäten wird Amélie Grassi bis zum Sommer für ihr Cup-Team einsetzen. Sie glaubt an die Mannschaft, sagt: „Wir sind als Cup-Team früh durchgestartet, haben ein starkes Team.“
Eine längere Pause plant sie auch nach dem Neapel-Cup im kommenden Sommer nicht. Denn das nächste Ziel ist längst ins Visier genommen: ihre Vendée-Globe-Premiere.
Der Idealplan sieht in weiterhin enger Kooperation mit Paul Meilhat vor, dass er ab 17. Januar das Ocean Race um die Welt mit Crew auf „United by the Ocean“ bestreitet, in dem auch Boris Herrmann startet. Amélie Grassi könnte die Meilhat-Imoca danach übernehmen. Zuerst für mögliche gemeinsame Zweihand-Regatten mit Paul Meilhat, dann fürs Solo um die Welt.
Amélie Grassis Weg führt von einem großen Ziel zum nächsten. Trauen Sie ihr auch den Erfolg bei der Vendée Globe zu? Schreiben Sie uns Ihre Meinung in die Kommentare.

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