Als dritte Mannschaft im Feld des 38. America's Cup ließ das La Roche-Posay Racing Team seinen AC75-Boliden zu Wasser – in neuem Gewand, mit neuem Sponsor und mit einem klaren Signal an die internationale Konkurrenz. Der Neustart in Lorient ist nicht nur ein technischer Meilenstein, sondern auch ein historischer Moment für den französischen Segelsport.
Lange war Frankreich auf der großen Bühne des America's Cup nur Zuschauer. Nun schreibt das Land Sportgeschichte: Erstmals überhaupt wurde ein AC75 auf französischem Boden zu Wasser gelassen und gesegelt. Mehr noch – erstmals in der Geschichte des America's Cup nimmt ein französischer Challenger an zwei aufeinanderfolgenden Kampagnen teil und misst sich dabei mit den besten Teams der Welt.
Das Boot trägt jetzt die charakteristischen Farben seines Titelsponsors: ein leuchtendes Azurblau und Weiß. Drei Monate nach dem Einstieg von La Roche-Posay als Hauptsponsor wurde das neue Design in Lorient enthüllt. Stephan Kandler, Gründer und CEO von K-Challenge, fasst die Bedeutung des Moments zusammen: „Unser AC75 zum ersten Mal auf französischem Gewässer zu sehen, ist ein Highlight für das gesamte Team. Dieser Neustart markiert den Abschluss monatelanger Arbeit in Lorient – von unseren Seglern, Ingenieuren, Technikern und all unseren Partnern."
Die Regeln des 38. America's Cup verlangen von Teams, die bereits in der vergangen Ausgabe dabei waren, auf dem bestehenden Rumpf aufzubauen. Die Herausforderung bestand also nicht darin, ein neues Boot zu konstruieren, sondern das Modell von 2024 in einem radikal überarbeiteten technischen Rahmen zu adaptieren. Der Hauptrumpf bleibt erhalten – doch vieles, was den AC75 zum Segeln, Foilen und Steuern befähigt, musste neu erdacht werden.
Antoine Carraz, Technischer Direktor des La Roche-Posay Racing Teams, erklärt: „Von außen wird das Publikum das Boot von 2024 wiedererkennen. Aber technisch gesehen ist das keine bloße Überholung. Wir mussten die interne Architektur und die Art und Weise, wie die Crew mit dem Boot interagiert, komplett neu denken. Die Herausforderung bestand darin, das Boot von Grund auf zu transformieren und dabei seine ursprüngliche Plattform beizubehalten."
Deckslayout, Cockpits, Gewichtsverteilung, Steuerungssysteme, Elektrik und Hydraulik sowie die Ergonomie für die Crew – all das wurde überarbeitet, um den neuen Regeln zu entsprechen.
Die augenfälligste Veränderung betrifft die Crew. In Barcelona waren noch acht Segler an Bord. In Neapel werden es nur noch fünf sein – und mindestens eine Frau muss dabei sein.
Die Reduzierung ist weit mehr als das bloße Streichen von drei Positionen. Sie erfordert eine vollständige Neuverteilung der Aufgaben, eine Überarbeitung der Positionierung der Crew und macht jede Funktion zugänglicher, schneller und intuitiver. Steuerstand und die Cockpits wurden daher umfassend neu gestaltet. Jedes Crewmitglied muss sofortigen Zugriff auf die Informationen haben, die für Steuerung, Trimm und Flugkontrolle des AC75 benötigt werden.
„Von acht auf fünf Crewmitglieder zu wechseln, verändert alles: Ergonomie, Kommunikation, die Aufgabenverteilung und die Steuersysteme", betont Carraz. „Mit weniger Menschen an Bord muss jede Handlung einfacher, direkter und perfekt koordiniert sein. Wir haben daran gearbeitet, dass das Boot extrem leistungsstark bleibt, ohne für die Crew komplizierter in der Bedienung zu werden."
Eine weitere Neuerung: Ein sechstes Cockpit ist vorgesehen, das während Training und Rennen einem Gast Platz bietet – ohne Eingriffsmöglichkeit in die Steuerung. Diese Innovation ist im Segelsport einzigartig: Ein Gast kann das Renngeschehen hautnah, mittendrin und in Echtzeit erleben.
In der 37. America's Cup-Ausgabe traten vier Segler – sogenannte „Cyclors" – in die Pedale, um die hydraulische Kraft für das Trimmen der Segel zu erzeugen. Diese Lösung entfällt in der neuen Edition vollständig. Die Energie wird nun hauptsächlich durch Batterien bereitgestellt, was eine vollständige Überarbeitung der Elektrik und Hydraulik erfordert.
„Das Verschwinden der Cyclors ist eine grundlegende Entwicklung", sagt Carraz. „Früher hing ein Teil der Leistung direkt von der Fähigkeit der Segler ab, Energie zu erzeugen. Jetzt müssen wir eine bestimmte Menge an Energie an Bord managen: speichern, verteilen und zum richtigen Zeitpunkt mit bestmöglicher Effizienz einsetzen."
Ähnlich wie bei einem elektrischen Rennauto muss jeder Energieaufwand sorgfältig kalkuliert werden. Die Ingenieure arbeiten daher intensiv an Batteriemanagement, Kühlung und der Systemzuverlässigkeit. „Wir wollen nicht einfach viel Leistung zur Verfügung haben. Wir wollen vor allem vermeiden, sie zu verschwenden. Einige Sekunden Betrieb, ein Manöver oder eine Einstellung, die dutzende Male wiederholt wird, kann die Energiebilanz eines Rennens erheblich beeinflussen", so Carraz.
Der AC75 verarbeitet in Echtzeit tausende Datenpunkte: Geschwindigkeit, Höhe über dem Wasser, Kräfte an den Anhängen, Segelstellungen, Hydraulikdruck und Energieverbrauch. Diese Daten ermöglichen es den Seglern, das Verhalten des Bootes zu verstehen und mit extremer Präzision zu handeln – doch ein Autopilot ist nicht erlaubt. Die Regeln schreiben vor, dass Entscheidungen in menschlichen Händen bleiben müssen.
„Das Ziel ist nicht, den Segler durch einen Computer zu ersetzen. Es geht darum, dem Segler die richtigen Informationen zur richtigen Zeit zu liefern und sicherzustellen, dass sein Befehl sofort ausgeführt wird. Bei diesen Geschwindigkeiten kann ein schlecht positionierter Schalter oder eine unübersichtliche Anzeige viel kosten", erklärt Carraz.
Das Boot muss daher ein Paradox meistern: technisch immer ausgefeilter werden, dabei aber bei Geschwindigkeiten von bis zu 100 km/h – inmitten von Lärm, Vibrationen und sportlichem Höchstdruck – einfach bedienbar bleiben.
Da der Rumpf weitgehend unverändert bleibt, verlagert sich der technische Wettbewerb in Bereiche, die für das Publikum weniger sichtbar sind: Foils, Ruder, Segel, Steuersysteme und die Aerodynamik von Deck und Cockpits.
Die Foils werden dabei eine zentrale Rolle spielen. Ihre Form, Steifigkeit und die Fähigkeit, das Boot auf einer stabilen Flughöhe zu halten, beeinflussen direkt dessen Geschwindigkeit. Die bei ersten Probefahrten gezeigte Konfiguration muss dabei nicht zwingend diejenige sein, die in Neapel zum Einsatz kommt – die Entwicklung läuft während der gesamten Kampagne weiter.
„Der erste Start stellt keine endgültige Konfiguration dar. Er gibt uns eine Arbeitsbasis. Wir werden messen, vergleichen, verstehen und das Boot schrittweise verfeinern. Beim America's Cup entsteht Leistung selten aus einer einzigen großen Idee. Sie ergibt sich aus Hunderten von Details, die am Ende zusammenwirken", so der Technische Direktor des Teams.
Vor dem ersten Testlauf wurde ein Großteil der Arbeit mit digitalen Werkzeugen erledigt: 3D-Modellierung, Strukturberechnungen, Strömungssimulationen, Systemanalysen und Prüfstandtests. Doch kein Modell kann die Komplexität eines segelnden AC75 vollständig abbilden. Die ersten Tests bieten daher die Gelegenheit, die Annahmen der Ingenieure mit der Realität abzugleichen.
Die Prioritäten liegen zunächst auf Sicherheit und Zuverlässigkeit: Systemverhalten, Energieverbrauch, Temperaturen, Kommunikation zwischen den Komponenten und die Fähigkeit der Crew, ihre neuen Stationen zu bedienen. „Bei den ersten Probeschlägen streben wir nicht gleich die Höchstgeschwindigkeit an. Wir gehen Schritt für Schritt vor. Wir müssen sicherstellen, dass alle Systeme wie erwartet funktionieren, bevor wir die Belastung schrittweise steigern. Die volle Leistung lässt sich erst abrufen, wenn das Boot zuverlässig ist und von denen, die es segeln, komplett verstanden wird", erklärt Carraz.
Jede Trainingsfahrt erzeugt eine erhebliche Datenmenge, die an Land von Ingenieuren analysiert und mit dem Feedback der Crew abgeglichen wird. Dieser kontinuierliche Zyklus aus Segeln, Analyse und Verfeinerung wird den Kern des technischen Programms in den kommenden Monaten bilden.
Mit dem Wiedereinstieg ins Segeltraining beginnt für das La Roche-Posay Racing Team eine neue Phase der Kampagne. Das Programm für 2026 sieht zunächst Trainingsphasen in Lorient vor (29. Juni bis 17. Juli sowie 1. bis 14. August), bevor die Mannschaft Mitte August nach Neapel übersiedelt. Dort stehen Ende September eine Vorab-Regatta in der AC40-Klasse und ab Oktober der offizielle Start des Segelbetriebs in der Gastgeberstadt des 38. America's Cup auf dem Programm. Außerdem wird in Kürze das letzte Mitglied der Stammbesatzung bekanntgegeben.

Chefredakteur YACHT und BOOTE Exclusiv
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