AbenteuerBeinahe-Untergang in der Südsee – 100 Jahre alte Yacht gerettet

Jan Zier

 · 26.11.2022

Sinzel an Bord seines Schiffs, das nun in Eckernförde liegt. Allein ist er jüngst aus der Südsee hierher zurückgesegelt
Foto: J. Zier

Michael Sinzel ist Eigner der über 100 Jahre alten „Pantagruel“. Mit ihr wollte er um die Welt segeln. Doch 2020 kam es auf den Fidschis zur Katastrophe

Seit 1996 ist Michael Sinzel Eigner der „Pantagruel“. Es sei „Liebe auf den ersten Blick“ gewesen, als er das Schiff vor über einem Vierteljahrhundert entdeckte, sagt er. Seither ist viel passiert. In den zurückliegenden Jahren ließ der 59-Jährige alle Sicherheiten und das Landleben hinter sich und segelte stattdessen viele Tausend Seemeilen. Zuletzt wollte er mit dem betagten Klassiker um die Welt, doch in der Südsee war Schluss – zumindest vorerst.

Von der Ostsee via England und Kanaren gen Karibik und weiter in die Südsee. Rund Kap Hoorn ging’s jüngst zurück
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Verlagssonderveröffentlichung

YACHT: Michael, wie geht es dir, wenn dich einer als „Lebenskünstler“ bezeichnet?

Michael Sinzel: Dann fühle ich mich geehrt! Ich bin ja nicht weniger wert, weil ich finanziell auf einem niedrigeren Level lebe als viele meiner Gäste, die all die Jahre auf der „Pantagruel“ mitgefahren sind. Ich habe gelernt, dass Geld nicht glücklich macht. Viele sind in ihrem Berufsleben ja regelrecht gefangen. Vielleicht bin ich aber auch ein Mensch, der die schlimmen Sachen gern verdrängt.

Davon gab es für dich zuletzt reichlich. Dein Schiff ist 2020 gesunken. Wie kam es dazu?

Das war auf den Fidschis. Wie in der Karibik gibt es auch im Südpazifik eine Wirbelsturmsaison. Zu dieser Zeit sollte man mit seinem Boot am besten gar nicht da sein! Infolge der Pandemie gab es für mich vor zwei Jahren aber kaum Möglichkeiten, woanders Schutz zu suchen. Neuseeland beispielsweise, wo wir zuvor noch waren, ließ plötzlich niemanden mehr rein. Und dann hat uns kurz vor Weihnachten einer der stärksten Zyklone erreicht, der je im Südpazifik beobachtet wurde.

Wie habt ihr euch vorbereitet?

Wir haben das Schiff in eine kleine, enge, geschützte Bucht mit hohen Felsen drumherum gebracht, den Anker ordentlich positioniert und acht Leinen an Land ausgebracht. Ich habe mich recht sicher gefühlt! Und ich wüsste heute nicht, was ich hätte besser machen können.

Dennoch ist die „Pantagruel“ gesunken. Weshalb?

Nach und nach sind fast alle Leinen gerissen.

Weil sie zu alt waren?

Weil der Wind zu stark war. Es ist auch eine ganz neue Leine gerissen. Das Schiff ist unter einen überhängenden Felsen gedrückt worden. Da steckte es fest. Die Winschen wurden durchs Deck gedrückt, und als das Wasser in der Bucht anstieg, lief es von oben ins Boot. Wir mussten uns schließlich an Land retten.

Hattest du Angst?

Nein. Es vergingen Stunden, bis das Boot wirklich gesunken ist. Irgendwann kannst du aber einfach nichts mehr machen, außer dich und deine Sachen zu retten. Da war ich verzweifelt; es war schrecklich!

Wie ging es dann weiter?

Die Telefone funktionierten zunächst nicht mehr. Boote durften auch nicht rausfahren, um uns zu bergen. Also mussten wir zwei Tage im Regen auf einer unbewohnten kleinen Insel ausharren, zwischen Ameisen und Skorpionen. Erst mal bist du aber froh, wenn keiner verletzt ist.

Da liegt doch der Gedanke nahe, das Schiff aufzugeben.

Anfangs war ich in der Tat ziemlich deprimiert! Über Weihnachten war ich allein, die Dinge waren mir entglitten: Menschen aus den umliegenden Dörfern fingen an, alle möglichen Sachen von meinem Boot zu holen. Man darf das nicht persönlich nehmen, die Leute auf den Fidschis sind zumeist arm. Aber sie sind sehr gastfreundlich und herzlich! Und ich hatte ja immer noch mehr als sie: Das relativiert vieles. Ich wohnte zunächst bei einem Dorfpolizisten und versuchte, die Bergung der „Pantagruel“ zu organisieren.

Wie ist das gelungen?

Nun, die Versicherung wollte die Bergekosten zu 75 Prozent übernehmen, falls eine Bergung offiziell angeordnet würde. Die entsprechende Verfügung hat mir mein Polizist dann ausgestellt. Danach konnte es losgehen. Die Bergungsfirma kam mit zwei Booten, zwei Tauchern und drei großen Schläuchen, die unter das Boot gezogen und aufgeblasen wurden. Nach drei Tagen schwamm die Yacht wieder und konnte in eine 250 Meilen entfernte Marina geschleppt werden. Teils konnte ich aber auch sogar schon wieder segeln!

Wie lange hast du das Boot anschließend restauriert?

Zehn Monate lang! Meine Ex-Freundin hat eine Spendenaktion ins Leben gerufen, da kamen 30.000 Euro zusammen. Zudem haben mich viele Freunde unterstützt. Als die Versicherung dann zusagte, den Kaskoschaden teilweise zu übernehmen, war meine Lage gar nicht mehr so verzweifelt. Ich wusste, ich krieg das hin.

Du hättest von dem Geld der Versicherung auch einfach ein anderes Boot kaufen können!

Ja, wirtschaftlich war es unvernünftig, die „Pantagruel“ zu retten. Und es war auch viel aufwändiger und schwieriger, als ich anfangs dachte.

Gibt es denn überhaupt genug Holzbootsbauer auf Fidschi?

Nur eine Familie! Und deren Angehörige sind auch eher fürs Grobe geeignet, nicht so sehr für die Feinarbeiten. Dafür habe ich einen Tischler engagieren müssen. Zeitweise haben acht, neun Leute am Schiff gearbeitet. Für die musste ich ein Haus mieten, ein Gewerbe und eine Versicherung anmelden. Das war nicht einfach, die Mühlen der Bürokratie mahlen auf den Fidschis superlangsam. Und auch Baumaterial war ein Problem. Teakholz gibt es auf den Inseln nicht. Stattdessen habe ich Rosava-Holz verwendet, das hat ähnliche Eigenschaften, und auch Mahagoni aus der Region. Technische Ausrüstung fürs Boot musste ich aus Deutschland, Australien, Neuseeland und den USA bestellen.

Wie viel hat das alles gekostet?

Zirka 140.000 Euro – vielleicht betrüge ich mich da aber auch selbst. Doch ich bereue es nicht!

Die „Pantagruel“ ist eine Konstruktion von Max Oertz von 1920. Wie viel vom Original ist jetzt noch erhalten?

Ich habe inzwischen schon so ziemlich alles mal in der Hand gehabt. Aber: 80 Prozent der Planken sind noch original, der Kiel ebenfalls. Die Holzmasten allerdings wurden durch Alumasten ersetzt. Das Rigg ist inzwischen ein anderes, und auch die Ruderanlage musste komplett erneuert werden. Das Boot hat infolge der verschiedenen Modifizierungen über die Jahre jedoch viel an Zuverlässigkeit hinzugewonnen. Wahr ist aber auch: Es im Zustand von 1920 zu erhalten kann ich mir nicht leisten! Andererseits: Wie viele Schiffe von damals segeln heute noch solche Strecken?

Den Holzrumpf bedeckt heute ein Leichentuch, richtig?

Das Wort verbitte ich mir!

Warum?

2001 hatte das Boot eine Havarie, damals wurde der Rumpf professionell mit Epoxid und Glasfaser überzogen, und auch von innen ist es mit einem Harz getränkt, das sich mit dem Holz verbindet. „Leichentücher“ hingegen sind bei Verwendung von Polyesterharz bei zu hoher Holzfeuchte entstanden. Ich traue meinem Boot noch locker weitere 20 Jahre zu.

Gerade bist du einhand an Kap Hoorn vorbei nach Deutschland gesegelt. Wie war das?

Allein um Kap Hoorn zu segeln war eine Herausforderung. Aber für den klassischen Weg aus der Südsee westwärts über den Indischen Ozean war es wegen der drohenden Wirbelstürme schon zu spät im Jahr. Das Boot hat sich aber gut geschlagen, und ich bin auch vorsichtig gesegelt. Mein Ziel sind Etmale von nicht mehr als 150 Seemeilen, ab acht Knoten Boots-Speed wird gerefft. Ausfälle gab es bis auf den elektrischen Autopiloten keine. Zum Glück gibt es noch die Windsteueranlage. 93 Tage war ich am Ende unterwegs.

Warst du nie einsam?

Nein! Ich kann gut mit mir allein sein. Und man kann ja via Satellitenverbindungen kommunizieren, wenn man will.

Langweilig war es auch nie?

Wieder nein! Ich gucke mir dann einfach einen Film an oder lese ein Buch.

Warum wolltest du überhaupt wieder zurück?

Ich bleibe ja nicht für immer hier. Die Lust, irgendwann erneut in den Südpazifik zu fahren, ist da. Ursprünglich war ja eine Weltumsegelung geplant. Bis nach Neuseeland sind wir gekommen, dann wurden infolge der Pandemie und der Havarie aus anfangs zwei plötzlich fünf Jahre. Nun wird mein Vater 80 Jahre alt, da wollte ich auf jeden Fall zu Hause sein.

Wer ist „wir“?

Ich bin mit meiner Freundin losgefahren, bis Neuseeland hat das auch funktioniert – dann hat sie sich ein eigenes Boot gekauft. Wir haben es fast sieben Jahre miteinander ausgehalten.

Und jetzt willst du an der Ostsee auf dem Boot überwintern?

Ja, ich bin jetzt erst einmal eine Weile in Deutschland. Ein Zuhause an Land habe ich nicht mehr, abgesehen von zwei Zimmern bei Freunden unter dem Dachboden, wo meine Sachen lagern. Das Boot ist mein Zuhause – und wunderbar geeignet, um darauf auch im Winter zu leben! Es hat eine ordentliche Heizung und genug Platz für mich. Vielleicht bekomme ich aber auch einen Job als Überführungsskipper. Ich bin da sehr flexibel und mache mir keine Sorgen. Ich möchte nur nicht mehr so viele Gäste an Bord haben wie früher.

Und du machst dir auch keine Sorgen wegen der Rente?

Doch!

Wann hast du dein bürgerliches Leben aufgegeben?

Ich habe in Bochum Bauingenieurwesen studiert, ein paar Jahre in einem Ingenieurbüro gearbeitet und parallel ein Reiseunternehmen mit zwei Bussen aufgebaut. 1996 kam dann die „Pantagruel“ hinzu, sie war mein erstes Boot. Sechs Jahre lang hatte ich noch ein weiteres, ebenfalls eine Yawl, die in Charter fuhr. Es war die zwölf Meter lange „Maximia“, die früher mal dem Showmaster Hans-Joachim Kulenkampff gehört hatte. Ein Boot war mir dann aber doch irgendwann genug.

Warum ist es toll, ständig Chartergäste an Bord zu haben?

Man lebt zwar davon. Es macht mir aber auch sehr viel Freude, anderen schöne Erlebnisse und Momente zu vermitteln. Das verschafft mir eine Befriedigung, ja: eine Daseinsberechtigung. Ich hatte es zudem auch immer mit einer eher „pflegeleichten“ Klientel zu tun.

Würdest du dich selbst als Aussteiger bezeichnen?

Nicht wirklich. Ich suche alternative Wege und lege keinen Wert auf einen hohen Lebensstandard mit Haus und Auto und so. Man kann sich freier bewegen, wenn man nicht durch zu viel materiellen Besitz und die dazugehörigen Sorgen und Verpflichtungen gebunden ist.

Warum hast du dir dann aber ein riesiges Holzschiff von 1920 ans Bein gebunden?

Ich habe die „Pantagruel“ damals in einer Anzeige gesehen, 120.000 D-Mark sollte sie kosten. Es war Liebe auf den ersten Blick. Ich hatte das Geld aber nicht. Und was das Boot kann, wusste ich damals ja noch gar nicht – zudem war es in einem katastrophalen Zustand. Also habe ich dem Eigner, einem Hamburger Architekten, angeboten, es zu restaurieren, dann zu verchartern und die Einnahmen zu teilen. Über viele Jahre hat er mich in Ruhe gelassen, und ich konnte das Boot nutzen, wie ich wollte. Die „Pantagruel“ hat sich sozusagen selbst finanziert. Bevor ich 2005 das erste Mal in die Karibik gesegelt bin, habe ich sie ganz übernommen.

2013 hast du dann mitten auf dem Atlantik den Holzmast verloren. Was war passiert, und wie konntest du dich behelfen?

Wir waren zu zweit an Bord und etwas unter Zeitdruck. Da haben wir es im Sturm wohl ein wenig übertrieben und sind hoch am Wind mit zu viel Segelfläche gefahren. Irgendwann krachte es. Mit einem Notmast sind wir schließlich über die Azoren bis nach England gesegelt. Später kam dann auch noch der Besanmast runter. Das Boot hat danach zwei Winter lang in Dortmund gelegen, wo ich es von Grund auf restauriert habe.

Als Bootsbauer bist du aber Autodidakt, oder?

Ja, und auch als Elektriker. Und als Klempner. Man lernt auf dem Weg. So habe ich ja auch Segeln gelernt: Ich habe zu Studienzeiten mal einen Kurs gemacht und bin dann eine Woche bei Flaute einen Ausbildungstörn mit einer 32-Fuß-Yacht auf der Ostsee gesegelt. Danach hatte ich einen Segelschein, aber noch nicht das Gefühl, segeln zu können. Trotzdem bin ich einfach losgefahren, war von da an immer der Schiffsführer – und habe natürlich alle Fehler gemacht, die man machen kann. Aber auf diese Weise auch viel gelernt.

Würdest du sagen, das war Mut oder Überheblichkeit?

Nein, ich war nie überheblich oder zu risikofreudig. Nur abenteuerlustig. Das Risiko liegt ja nicht in der Situation, sondern in deiner Entscheidung, wie du mir ihr umgehst. Heute segel ich die „Pantagruel“ bei 30 Knoten Wind. Vor 25 Jahren wäre ich nicht mal bei 20 Knoten Wind rausgefahren. Fehlende Erfahrung hab ich anfangs versucht zu kompensieren, indem ich alle Bücher gelesen habe, die ich kriegen konnte. Erst später hab ich dann weitere Segelscheine gemacht. Anderen sage ich heute: Das ist nicht der richtige Weg, es zu lernen, auch wenn es bei mir funktioniert hat. Besser ist es, erst mal mit anderen mitzufahren, die wissen, wie es geht, und so Erfahrung zu sammeln. Heute möchte ich gern als Coach und „Cruising Mentor“ meine Erfahrung weitergeben. Viele habe ich schon erfolgreich bei ihren Bootsprojekten und Aussteigerplänen beraten.

Wie sieht dein konkreter Plan für die Zukunft aus?

2024 würde ich gern durch die Nordwestpassage zurück in den Pazifik segeln. In dem ersten Winter, in dem ich das Boot hatte, lag „Pantagruel“ schon mal in dickem Eis. Der Rumpf hat das damals problemlos und unbeschadet ausgehalten.


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