Transat Jacques VabreBoris Herrmann – erst Wintergipfel, dann neue Foils

Tatjana Pokorny

 · 25.10.2023

Im bewährten Doppelpass wollen Boris Herrmann und Will Harris im Transat Jacques Vabre angreifen
Foto: Antoine Auriol/Team Malizia
Am Sonntag startet das 16. Transat Jacques Vabre seit 1993. 30 Jahre nach der Premiere sind bei der Jubiläumsedition fünf deutsche Segler am Start. Galionsfigur ist Boris Herrmann, der dem Wintergipfel der Offshore-Saison mit viel Vorfreude entgegenblickt. Wichtig ist ihm auch die Solo-Prüfung zurück nach Europa, wie er im Interview erklärt

Zum zweiten Mal nach 2019 setzt Boris Herrmann mit Co-Skipper Will Harris im Transat Jacques Vabre (TJV) zum Sprung über den Atlantik an. Der Startschuss zur 16. Auflage des Transat-Klassikers fällt am 29. Oktober vor Le Havre, wo sich in der Woche bis zum Start Hunderttausende Fans am Gipfeltreffen der Hochsee-Giganten erfreuen.

Das 16. TJV: 4 Klassen, 4 Kurse, 95 Boote und 190 Segler und Seglerinnen

Vier unterschiedlich lange Kurse führen 95 Boote und 190 Segler und Seglerinnen in vier Klassen (Class 40, Imoca, Ocean Fifty, Ultim) und auf vier unterschiedlich langen Kursen nach Martinique. Es ist im 30. Jubiläumsjahr des Rennens eine Rekordflotte, die zum herbstlichen Härtetest im Atlantik aufkreuzt. Boris Herrmann ist gerade zurück in Le Havre. Vor dem heißen Saisonfinale sprach die YACHT mit ihm über den letzten großen Vergleichstest in der Imoca-Klasse vor dem Anbruch des Vendée-Globe-Startjahres.


Boris, wie blickst du deinem zweiten Transat Jacques Vabre mit Co-Skipper Will Harris entgegen?

Ich freue mich sehr auf das Rennen! Ich habe richtig Lust darauf, empfinde es als Privileg, da jetzt losfahren zu dürfen. Wir hatten in unserer Klasse noch nie 40 Imocas am Start. Es ist total irre, überhaupt in einer solchen Klasse im Hochseerennsport 40 Boote zu haben, die in einer Regattaflotte über den Ozean segeln!

Schauen wir auf eure Imoca-Klasse: Wer sind die Favoriten, und wo ordnest du euch mit „Malizia – Seaexplorer“ ein?

Es gibt mit „Charal“, „Paprec Arkéa“, „For People“ und „Macif Santé Prévoyance“ vier Top-Boote und dicht dahinter etwa zehn weitere auf Augenhöhe, zu denen ich auch uns zähle. Da ist mit einem guten Händchen einiges drin. Ebenso schnell kann man aber auch aus den Top Ten raus sein. So war es bei Wills und meiner Premiere, als wir uns bei einer navigatorischen Entscheidung verhauen haben. Da ging es im Westen ab – wir waren im Süden.

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Dieses Mal soll es anders laufen …

Wir wollen natürlich das Maximale aus dem Boot und uns herausholen, aber ich würde mich auch nicht schämen, wenn es kein Top-Ten-Ergebnis wird. Das Transat Jacques Vabre ist nicht die Vendée Globe, bei der es im Nonstop-Rennen um die Welt auf andere Sachen ankommt.

Es ist ein sehr forderndes Seerevier”

Wie ist das Transat Jacques Vabre als Rennen zu beschreiben?

Es ist eine Mischung aus Routineübung und einem großen Rennen über den Atlantik, den wilden winterlichen Nordatlantik mit Auftakt in der Biskaya. Da kann alles Mögliche passieren. Die Herausforderungen, durch den Kanal und um die Ecke der Bretagne zu segeln, sind ja gleich zu Beginn immer ähnlich. Es ist ein sehr forderndes Seerevier.

Oftmals sind wichtige Entscheidungen früh zu fällen …

Ja, da ist diese Intensität der ersten Nacht. Und dann musst du am Ende des zweiten Tages in der Regel schon eine große strategische Entscheidung treffen. Vielleicht muss man schon in der Hitzigkeit des Starts entscheiden: Fahre ich durch den Raz de Sein nach Süden, lasse ich die Île d’Ouessant links oder rechts. Das sind so frühe, große Entscheidungen für Pfade, die in der Folge determinieren, wo man weiter südlich im Atlantik rauskommt. Da fließt das große Wetterkalkül ein, während man in der Startphase noch in hackiger See kämpft.

“Malizia – Seaexplorer” ist gut gerüstet für den letzten Saisonhöhepunkt?

Wir sind nach wie vor bei starkem Wind und kabbeliger See stark und selbstbewusst. Wenn es eher ins Leichtwind-Foiling reingeht, wird es für uns schwieriger im Vergleich zu einigen der Konkurrenten. Wir werden kämpfen und schauen, was wir rausholen können. Es ist einfach ein Rennen, für das man die richtigen Faktoren und den richtigen Weg finden muss.

Ich habe riesiges Vertrauen zu Will. Er ist ein super Segler, ein Perfektionist”

Euer Boot wurde nach dem Ocean Race im Sommer bereits einem ersten Refit unterzogen. Die wichtigsten Verbesserungen?

Wir haben das Boot leichter gemacht, glauben, dass es jetzt schon sehr viel besser ist. Wir haben das Cockpit etwas umgestaltet und mit Blick auf das Solorennen Vendée Globe einen neuen, zentralen Sitz eingebaut.

Ihr seid weiter mit den Ersatzfoils aus dem Ocean Race im Einsatz. Neue aber sind in Sicht …

Im nächsten Jahr bekommen wir Anfang April ein Paar neue Foils für die Vendée Globe. Die jetzigen sind etwa zehn Prozent kleiner, als es die Klassenregeln erlauben. Die neuen Foils werden dann für unser Schiff optimiert sein und nutzen auch die maximale Foilgröße der Klassenregeln. Sie werden bei CDK gebaut. Es ist auch gut, selbst Ersatz zu haben.


Kurz vor dem Start von The Ocean Race mussten damals die Foils getauscht werden:


Mit Will fühlst du dich im Doppelpass wohl?

Will und ich haben das Transat Jacques Vabre 2019 erstmals gemeinsam bestritten. Ich habe riesiges Vertrauen zu Will. Er ist ein super Segler, ein Perfektionist.

Ich will auch sehen, wie ich alleine dastehe”

Wie du selbst …

(Lacht). Ja, aber ich bin es in anderen Bereichen. Und manchmal auch gar nicht, sondern eher sehr locker, womit mein Team dann umgehen muss. Ich überlasse Will das Feld der Navigation bei der Vorbereitung mit vollem Vertrauen.

Nach kurzer Pause auf Martinique wird im Anschluss ans Transat Jacques Vabre die Solo-Herausforderung „Back to La Base“ folgen. Einige Imoca-Solisten brauchen diese Rückregatta nach Frankreich noch dringend als Meilennachweis für ihre Vendée-Globe-Qualifikation. Das gilt beispielsweise für Fabrice Amedeo, der das TJV mit dem Kieler Andreas Baden auf “Nexans – Art & Fenêtres” bestreitet. Und auch für Ex-Malizianer Nico Lunven, der mangels Qualifikation in seiner neuen Rolle als “Holcim PRB”-Skipper nicht am TJV, aber nach der Überführung mit Rosalin Kuiper und weiteren Teammitgliedern solo an der “Back to La Base”-Regatta teilnimmt. Du bist bereits für dein zweites Solo-Rennen um die Welt 2024/2025 qualifiziert, segelst aber die Einhand-Rückregatta trotzdem mit. Warum?

Es sind dann einfach zwei Rennen, bei denen ich auf Tuchfühlung mit den anderen gehen kann. Und ich wollte gern diese Selbsteinschätzung zu Anfang des Winters und damit so früh wie möglich haben. Ich will auch sehen, wie ich alleine dastehe. Wie ich wieder ins Einhandsegeln reinkomme. Dann können wir vielleicht im Dezember eine gute Zwischenbilanz ziehen, bevor das Vendée-Globe-Jahr beginnt.

Neben dir sind mit der Deutsch-Französin Isabelle Joschke und dem Kieler Andreas Baden zwei weitere deutsche Akteure in der Imoca-Klasse am Start. In der kleineren Class 40 feiern die Jungprofis Lennart Burke und Melwin Fink, die seit Kurzem zusammen in Hamburg wohnen, auf „Sign for Com“ Premiere. Nie gab es in 30 Jahren Transat-Jacques-Vabre-Geschichte so viele deutsche Teilnehmer…

Das ist ganz wunderbar! Ich freue mich, sie alle in Le Havre zu sehen, und wünsche allen viel Erfolg.


In Deutschland wird der NDR den TJV-Start am 29. Oktober ab 13 Uhr im Live-Stream auf ndr.de in der englischen Originalfassung übertragen. Sollte der Start verschoben werden müssen, werden neue Übertragungszeiten bekannt gegeben.

Video-Vorschau 30 Jahre Transat Jacques Vabre – die 16. Edition des Transat-Klassikers führt ein Rekordfeld in vier Klassen über den Atlantik:


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Tatjana Pokorny

Tatjana Pokorny

Freie Reporterin Sport

Tatjana „tati“ Pokorny ist Autorin von neun Büchern. Sie arbeitet als Reporterin für die YACHT, berichtete unter anderem von neun Olympischen Spielen, als Korrespondentin für die Deutsche Presse-Agentur (DPA), das Hamburger Abendblatt sowie weitere nationale und internationale Medien. Kernthemen sind der America's Cup, das Ocean Race, die Vendée Globe, SailGP und weitere nationale und internationale Regatten und ihre Protagonisten. Lieblingsdisziplin: Portraits von und Interviews mit Segelsportpersönlichkeiten.

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