Tatjana Pokorny
· 25.10.2023
Zum zweiten Mal nach 2019 setzt Boris Herrmann mit Co-Skipper Will Harris im Transat Jacques Vabre (TJV) zum Sprung über den Atlantik an. Der Startschuss zur 16. Auflage des Transat-Klassikers fällt am 29. Oktober vor Le Havre, wo sich in der Woche bis zum Start Hunderttausende Fans am Gipfeltreffen der Hochsee-Giganten erfreuen.
Vier unterschiedlich lange Kurse führen 95 Boote und 190 Segler und Seglerinnen in vier Klassen (Class 40, Imoca, Ocean Fifty, Ultim) und auf vier unterschiedlich langen Kursen nach Martinique. Es ist im 30. Jubiläumsjahr des Rennens eine Rekordflotte, die zum herbstlichen Härtetest im Atlantik aufkreuzt. Boris Herrmann ist gerade zurück in Le Havre. Vor dem heißen Saisonfinale sprach die YACHT mit ihm über den letzten großen Vergleichstest in der Imoca-Klasse vor dem Anbruch des Vendée-Globe-Startjahres.
Ich freue mich sehr auf das Rennen! Ich habe richtig Lust darauf, empfinde es als Privileg, da jetzt losfahren zu dürfen. Wir hatten in unserer Klasse noch nie 40 Imocas am Start. Es ist total irre, überhaupt in einer solchen Klasse im Hochseerennsport 40 Boote zu haben, die in einer Regattaflotte über den Ozean segeln!
Es gibt mit „Charal“, „Paprec Arkéa“, „For People“ und „Macif Santé Prévoyance“ vier Top-Boote und dicht dahinter etwa zehn weitere auf Augenhöhe, zu denen ich auch uns zähle. Da ist mit einem guten Händchen einiges drin. Ebenso schnell kann man aber auch aus den Top Ten raus sein. So war es bei Wills und meiner Premiere, als wir uns bei einer navigatorischen Entscheidung verhauen haben. Da ging es im Westen ab – wir waren im Süden.
Wir wollen natürlich das Maximale aus dem Boot und uns herausholen, aber ich würde mich auch nicht schämen, wenn es kein Top-Ten-Ergebnis wird. Das Transat Jacques Vabre ist nicht die Vendée Globe, bei der es im Nonstop-Rennen um die Welt auf andere Sachen ankommt.
Es ist ein sehr forderndes Seerevier”
Es ist eine Mischung aus Routineübung und einem großen Rennen über den Atlantik, den wilden winterlichen Nordatlantik mit Auftakt in der Biskaya. Da kann alles Mögliche passieren. Die Herausforderungen, durch den Kanal und um die Ecke der Bretagne zu segeln, sind ja gleich zu Beginn immer ähnlich. Es ist ein sehr forderndes Seerevier.
Ja, da ist diese Intensität der ersten Nacht. Und dann musst du am Ende des zweiten Tages in der Regel schon eine große strategische Entscheidung treffen. Vielleicht muss man schon in der Hitzigkeit des Starts entscheiden: Fahre ich durch den Raz de Sein nach Süden, lasse ich die Île d’Ouessant links oder rechts. Das sind so frühe, große Entscheidungen für Pfade, die in der Folge determinieren, wo man weiter südlich im Atlantik rauskommt. Da fließt das große Wetterkalkül ein, während man in der Startphase noch in hackiger See kämpft.
Wir sind nach wie vor bei starkem Wind und kabbeliger See stark und selbstbewusst. Wenn es eher ins Leichtwind-Foiling reingeht, wird es für uns schwieriger im Vergleich zu einigen der Konkurrenten. Wir werden kämpfen und schauen, was wir rausholen können. Es ist einfach ein Rennen, für das man die richtigen Faktoren und den richtigen Weg finden muss.
Ich habe riesiges Vertrauen zu Will. Er ist ein super Segler, ein Perfektionist”
Wir haben das Boot leichter gemacht, glauben, dass es jetzt schon sehr viel besser ist. Wir haben das Cockpit etwas umgestaltet und mit Blick auf das Solorennen Vendée Globe einen neuen, zentralen Sitz eingebaut.
Im nächsten Jahr bekommen wir Anfang April ein Paar neue Foils für die Vendée Globe. Die jetzigen sind etwa zehn Prozent kleiner, als es die Klassenregeln erlauben. Die neuen Foils werden dann für unser Schiff optimiert sein und nutzen auch die maximale Foilgröße der Klassenregeln. Sie werden bei CDK gebaut. Es ist auch gut, selbst Ersatz zu haben.
Will und ich haben das Transat Jacques Vabre 2019 erstmals gemeinsam bestritten. Ich habe riesiges Vertrauen zu Will. Er ist ein super Segler, ein Perfektionist.
Ich will auch sehen, wie ich alleine dastehe”
(Lacht). Ja, aber ich bin es in anderen Bereichen. Und manchmal auch gar nicht, sondern eher sehr locker, womit mein Team dann umgehen muss. Ich überlasse Will das Feld der Navigation bei der Vorbereitung mit vollem Vertrauen.
Es sind dann einfach zwei Rennen, bei denen ich auf Tuchfühlung mit den anderen gehen kann. Und ich wollte gern diese Selbsteinschätzung zu Anfang des Winters und damit so früh wie möglich haben. Ich will auch sehen, wie ich alleine dastehe. Wie ich wieder ins Einhandsegeln reinkomme. Dann können wir vielleicht im Dezember eine gute Zwischenbilanz ziehen, bevor das Vendée-Globe-Jahr beginnt.
Das ist ganz wunderbar! Ich freue mich, sie alle in Le Havre zu sehen, und wünsche allen viel Erfolg.
In Deutschland wird der NDR den TJV-Start am 29. Oktober ab 13 Uhr im Live-Stream auf ndr.de in der englischen Originalfassung übertragen. Sollte der Start verschoben werden müssen, werden neue Übertragungszeiten bekannt gegeben.

Freie Reporterin Sport