Vendée GlobeCountdown für Boris Herrmann – Start heute in einem Jahr!

Tatjana Pokorny

 · 09.11.2023

Boris Herrmann strahlt am Ende seiner Vendée-Globe-Premiere am 28. Januar 2021
Foto: Martin Keruzore/Team Malizia
Mitten im laufenden Transat Jacques Vabre beginnt heute der Ein-Jahres-Countdown zur 10. Vendée Globe. Am 10. November 2024 fällt für 40 Solisten der Startschuss zur ultimativen Herausforderung: Es geht allein und nonstop von und nach Les Sables-d’Olonne um die Welt. Boris Herrmann wird nach seiner Premiere 2020/2021 zum zweiten Mal starten – und hat darüber hinaus neue Pläne …

Vor 34 Jahren zum ersten Mal gestartet, steuert die Vendée Globe auf ihre zehnte Jubiläumsauflage zu. Obwohl die Zahl der Startplätze um 21,2 Prozent auf 40 erhöht wurde, wird sie von der Anzahl der Bewerber überflügelt. 45 Einhand-Kandidaten, darunter sechs Frauen, wollen an der Startlinie aufkreuzen. Es wird ein enges Rennen um die Tickets zum Imoca-Gipfelsturm um die Welt.

Boris Herrmann auf Kurs Vendée Globe

Acht von insgesamt zwölf Qualifikationsregatten, bei denen die Kandidaten im Kampf um die Vendée-Globe-Startplätze Qualifikationsmeilen sammeln können, sind bereits absolviert. Boris Herrmann (8.844 Qualifikationsmeilen) hat die Vendée-Globe-Hürden aufgrund der automatischen Selektion der 2022er-Boote und ihrer erbrachten Leistungen bereits genommen.

Das Gleiche gilt für “Meilenkönig” und “Biotherm”-Skipper Paul Meilhat (11.719 Qualifikationsmeilen), “Herz-Dame” Samantha Davies (10.816) auf “Initiatives Cœur”, den forschen “Charal”-Skipper Jérémie Beyou (10.120), Titelverteidiger und “Maître Coq”-Skipper Yannick Bestaven (7.067) und “V and B – Mobana – Mayenne”-Skipper Maxime Sorel (4.697).

39 Startplätze und eine Wildcard

Dem Sextett folgen 39 Kandidaten auf den aktuellen Listenplätzen 7 (Damien Seguin mit 11.404 Qualifikationsmeilen) bis 39 (Kojiro Shiraishi mit 3.285 Qualifikationsmeilen). Der 40. Platz bleibt vorerst frei und wird am Ende der langen Ausscheidung von 2021 bis 2024 durch die Veranstalter besetzt, die sich dafür eine Wildcard vorbehalten haben.

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Aktuell noch nicht qualifiziert sind auch namhafte Vendée-Globe-Kandidaten: Auf den “roten” Plätzen 41 bis 45 liegen – noch – “Paprec Arkéa”-Skipper Yoann Richomme (1.384 Qualifikationsmeilen), “L’Occitane en Provence”-Skipperin Clarisse Crémer (642), “Devenir”-Skipperin Violette Dorange (294), Urgestein Jean Le Cam und der Brite Phil Sharp. Diese beiden haben mit ihren sehr neuen Booten noch gar keine Qualifikationsmeilen sammeln können.

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Jean Le Cam, Nico Lunven und Phil Sharp überführen in die Karibik

Vier Regatten bleiben den Kandidaten zum Aufstocken ihrer Vendée-Globe-Konten. Dazu zählt das laufende Zweihand-Rennen Transat Jacques Vabre, bei dem pro Akteur im Ziel maximal 2.700 Seemeilen abzuräumen sind. Sowie die Rückregatta Retour à la Base, wo maximal 3.463 Qualifikationsmeilen zu holen sind. Wer außer den sechs sicher Qualifizierten und den fleißigsten Meilen-Supersammlern im Transat scheitert und deshalb womöglich auch nicht an der Rückregatta teilnehmen kann, wird es schwer haben.

Gut zu wissen: Jean Le Cam (”Tout Commence en Finistère – Armor Lux”), Phil Sharp (”OceansLab – Cleantech Accelerator”) und Ex-Malizianer Nicolas “The Brain” Lunven (”Holcim – PRB”) nehmen nicht am Transat Jacques Vabre teil, sondern überführen ihre Boote nach Martinique, um danach auf ihren Imocas an der Retour à la Base teilzunehmen.

Vendée Globe: noch zwei Qualifikationsregatten im kommenden Jahr

Die letzten beiden Chancen zum Meilensammeln für den Traum vom Vendée-Globe-Start bieten im April 2024 das Transat CIC (maximal 3.000 Qualifikationsmeilen) und im Mai das New York Vendée – Les Sables d’Olonne (maximal 3.200 Qualifikationsmeilen). Damit sind zwischen heute und Sommer 2024 noch große Verschiebungen im Kandidaten-Ranking möglich.

Boris Herrmann kann sich indessen konzentriert und ohne Qualifikationsnot dem eigenen Zeitplan widmen. Er segelt das Transat Jacques Vabre mit Will Harris und die Rückregatta aus der Karibik nach Frankreich, weil er “eine möglichst frühe und gute Standortbestimmung” noch vor dem Jahreswechsel haben will. “Ich wollte gerne diese Standortbestimmung am Anfang des Winters haben. Ich will wissen, wo ich solo stehe und wie ich nach dem Ocean Race wieder ins Einhandsegeln reinkomme”, sagte der 42-jährige Hamburger ein Jahr vor seiner zweiten Solo-Runde um die Welt.

Heute eine kleine Feier mit Will an Bord und vielleicht sogar einen kleinen Espresso” (Boris Herrmann)

Für den fünfmaligen Weltumsegler wird der Beginn des Ein-Jahres-Countdowns bis zum Start der Vendée Globe am 10. November 2024 trotz laufender Regatta ein besonderer Tag im laufenden Transat Jacques Vabre sein. “Ich glaube, es gibt heute eine kleine Feier mit Will an Bord und vielleicht sogar einen kleinen Espresso”, sagte Boris Herrmann am Vortag des Meilenstein-Datums.

1.016 Tage ist es inzwischen her, dass Boris Herrmann bei seiner Vendée-Globe-Premiere die Ziellinie am 28. Januar um 11.19 Uhr überquerte. Dem Jubelempfang war eine dramatische letzte Nacht vorausgegangen, in der sein Endspurt ein Millionenpublikum an den Bildschirmen in Deutschland und rund um die Welt gefesselt hatte. Kein Hollywood-Regisseur hätte den damaligen Final-Thriller spannender gestalten können, der die Fans um den Schlaf brachte.

Vendée Globe 2024/2025: ein neues Boot für Team Malizias Zukunft?

Da schien 24 Stunden vor dem Zieldurchgang noch alles bis hin zum Podiumsplatz oder sogar mehr möglich. Herrmanns entfesselter Lauf jedoch wurde jäh von der nächtlichen Kollision der “Seaexplorer – Yacht Club de Monaco” mit einem Fischerboot erschüttert. Am Ende blieben schockierende Momente, eine Blitzreparatur auf See, ein letztes Aufbäumen, Platz fünf im Ziel und ein trotzdem glücklicher Boris Herrmann, der sich nur ganz kurz einmal fragte, ob er der Chance auf einen Podiumsplatz in Zukunft noch einmal wieder so nah kommen könnte.

Die Antwort auf diese Frage wird der Familienvater bei seinem zweiten Vendée-Globe-Einsatz wie immer auf seine Weise mit “Malizia – Seaexplorer” und einem Satz neuer Foils, die im April fertig werden, bei weiteren “80 Tagen um die Welt” geben. Dass Deutschlands gern strategisch denkender und bekanntester Skipper längst über die Vendée Globe 2024/2025 hinaus plant, zeigen auch seine Gedanken an einen Neubau.

Im Transat Jacques Vabre nach technischen Problemen wieder auf Kurs

Mit Blick auf die aktuelle “Malizia – Seaexplorer”, die ihn in der Vendée Globe maximal schnell und sicher um die Welt tragen soll, sagt Herrmann: “Ich bereue nichts. Sie ist ein sehr gutes und starkes Boot. Aber auch das erste, das wir selbst gebaut haben. Da ist noch Luft nach oben, denn die Entwicklung geht ja immer weiter. Unsere Intention ist es, unsere Kampagne langfristig zu führen. Da wäre es komisch, wenn wir nicht an einen Neubau denken würden.” Gespräche dazu führen Boris Herrmann und Team Malizia bereits.

Dass Boris Herrmann – aktuell mit Will Harris – kämpfen kann, hat er oft bewiesen. Aktuell tut er es wieder: Nach den technischen Problemen mit Kompassen und Autopilot hat das deutsch-britische Duo sein Boot wieder im Griff und greift an. “Wir sind wieder im Match”, vermeldete Herrmann am Abend des 9. November. Dabei habe sein Team zwischenzeitlich tatsächlich erwägt, nach Lorient oder La Coruña umzukehren, “weil keiner unserer Kompasse mehr funktionieren wollte”.

Diese Glasfaserkompasse darf man nicht ausschalten, weil sie dann ihre Richtung nicht mehr wiederfinden” (Boris Herrmann)

Einen Kompass bekam Herrmann schließlich zum Laufen. Dann habe Will Harris in Absprache mit Teamtechnikerin Axelle Pillain an Land mit “einem ziemlich smarten Workaround” eine Lösung gefunden. Wie genau es zu den Ausfällen kommen konnte, war für Herrmann und Harris zunächst nicht genau zu ermitteln.

Boris Herrmann: “Wir hatten noch einen kleinen Aufreger: Wir hatten plötzlich sehr viel Wasser im Schiff.”

“Wir haben uns öfter still in die See gelegt und versucht, uns ruhig treiben zu lassen, um unseren Hauptkompass zu kalibrieren”, so Herrmann. Der Kompass hatte sich zuvor ausgeschaltet, was zum Problem führte: “Diese Glasfaserkompasse darf man nicht ausschalten, weil sie dann ihre Richtung nicht mehr wiederfinden. Das sind komplizierte Kompasse wie in einem Hubschrauber.”

Die gesamte Problemkette habe sein Team “ziemlich nach hinten gehauen”, erzählt der Skipper. Und weiter: “Wir haben noch zwei Reserve-Kompasse, aber mit denen wollten unsere Piloten partout nicht steuern. Was sehr eigenartig ist, weil wir das natürlich ausgiebig und immer wieder bei verschiedenen Bedingungen getestet haben. Sonst hat es immer gut funktioniert.” Sodann sei auch noch das Instrumentensystem ausgefallen.

Wir sind in einer wesentlich besseren Lage als noch am Mittwoch” (Boris Herrmann)

“Wir haben hier eine Redundanz – System eins und System zwei”, so Herrmann, “System eins ist komplett ausgefallen, was uns auch noch einmal ein bisschen verunsichert hat. Da haben wir dann aber gesehen, dass ein 24-auf-12-Volt-Konverter durchgeschmurgelt war. Den konnten wir austauschen. Wir hatten ein Ersatzteil an Bord. Jetzt läuft erst einmal alles wieder recht normal. Wir sind so 30 Seemeilen entfernt von einer guten Positionierung, also am Ende der Gruppe der Top-Schiffe. Wir sind noch im Match, können hier noch was rausholen, sind in einer wesentlich besseren Lage als noch am Mittwochmittag.”

Der Tag nach dem Start war kein guter: “Da haben wir viele Stunden von Hand gesteuert, versucht, die Probleme zu lösen, nicht gegessen, nicht geschlafen, waren ziemlich alle. Jetzt haben wir uns gut ausgeruht, obwohl wir in der Nacht zum Donnerstag noch einen kleinen Aufreger hatten. Wir hatten plötzlich sehr viel Wasser im Schiff. Das war über unser Ozean-Labor ins Schiff gekommen. Da ist ein Schlauch abgerutscht. Eigenartig, dass uns solche Sachen jetzt passieren, die wir während des gesamten Ocean Race nicht erlebt haben.”

Härteres “Slamming” als im Ocean Race

Das lasse, so Herrmann, darauf schließen, wie hart die Transat-Bedingungen in dieser Auftaktphase nach der Sturmverschiebung immer noch waren. “Das Slamming in den letzten zwei Tagen war härter als jemals beim Ocean Race. Uns sind auch alle Padeyes bei den Stacking-Netzen gerissen, dort, wo man die Segel im Vorschiff stackt. Das waren schon sehr harte Einschläge hier an Bord. Da sind wir jetzt aber erst einmal durch.”

In der Nacht zum 10. November war “Malizia – Seaexplorer” wieder dran an den Top Ten, zählte über weite Strecken zu den schnellsten Booten der Imoca-Flotte. Ebenfalls sehr beachtenswert: Die Schweizerin Justine Mettraux und Julien Villion hatten sich am sehr frühen Freitagmorgen mit “Teamwork.net” auf Platz zwei vorgekämpft und griffen die Spitzenreiterin “Charal” an.


Das 16. Transat Jacques Vabre im LIVE-Tracking verfolgen:

Empfohlener redaktioneller Inhalttransat-jacques-vabre.geovoile.com

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Bruch-Bilanz nach drei Tagen – die Transat-Tageszusammenfassung vom 9. November:


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Tatjana Pokorny

Tatjana Pokorny

Freie Reporterin Sport

Tatjana „tati“ Pokorny ist Autorin von neun Büchern. Sie arbeitet als Reporterin für die YACHT, berichtete unter anderem von neun Olympischen Spielen, als Korrespondentin für die Deutsche Presse-Agentur (DPA), das Hamburger Abendblatt sowie weitere nationale und internationale Medien. Kernthemen sind der America's Cup, das Ocean Race, die Vendée Globe, SailGP und weitere nationale und internationale Regatten und ihre Protagonisten. Lieblingsdisziplin: Portraits von und Interviews mit Segelsportpersönlichkeiten.

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