Tatjana Pokorny
· 09.11.2023
Die Imoca-Mixed-Teams setzen in der Auftaktphase des 16. Transat Jacques Vabre starke Akzente. Mit Justine Mettraux und Julien Villion auf “Teamwork.net”, Samantha Davies und Jack Bouttell auf “Initiatives Cœur” sowie Clarisse Crémer und Alan Roberts auf “L’Occitane en Provence” lagen am Donnerstagmorgen zwei Tage nach dem Start gleich drei starke Mixed-Teams in den Top Ten. Die gemischten Duos machten am Mittag des 9. November auf den Plätzen 4, 5 und 8 Druck auf das führende Trio.
Bislang hat es in der 30-jährigen Transat-Geschichte mit Ellen MacArthur nur eine Frau aufs Podium geschafft. Die Britin ersegelte 2005 mit Roland Jourdain auf “Sill et Violia” Platz zwei in der Imoca-Wertung hinter den damaligen Siegern Jean-Pierre Dick und Loïck Peyron. Die aktuelle Herausforderung ist groß für die Skipperinnen, denn die drei Vorstartfavoriten sind schnell unterwegs.
Andererseits können “Juju” Mettraux, Sam Davies und Clarisse Crémer im Powerplay auch immer wieder gegenhalten. Auf Kurs Azoren könnten sich in flauen Zonen neue Angriffsmöglichkeiten für die Verfolgerinnen ergeben.
Unter den drei Top-Akteurinnen sind zwei, die ihre Vendée-Globe-Qualifikation für 2024 schon in der Tasche haben: Sam Davies, weil sie mit ihrer “Initiatives Cœur” eines der neuen 2022er-Boote hat, die wie auch Boris Herrmanns “Malizia – Seaexplorer”, Paul Meilhats “Biotherm”, Yannick Bestavens “Maître Coq”, Jérémie Beyous “Charal” und Maxime Sorels “V and B – Monbana – Mayenne” automatisch für die Vendée Globe qualifiziert ist.
Justine Mettraux zählt zu jener Flotte von Imoca-Solisten, die – unter anderem im Ocean Race – bereits extrem viele Qualifiaktionsmeilen gesammelt haben. Die Schweizerin lag vor dem Transat-Start auf Platz 13 in der Qualifikationsliste für die Vendée Globe und muss sich – wie ein Thomas Ruyant (18.) – keine Sorgen um ihre Vendée-Globe-Premiere machen.
Clarisse Crémer war vor dem Neustart mit der Kampagne “L’Occitane en Provence” in die Schlagzeilen geraten, weil der Segelrennstall Banque Populaire nicht mehr auf die wacklige Startchance der jungen Mutter setzen mochte, der aufgrund ihrer Schwangerschaft die Qualifikationsmeilen fehlen. Clarisse Crémer fand bei Alex Thomson eine neue Projektheimat und segelt nun für einen internationalen Kosmetikkonzern um ihre Vendée-Globe-Startchance.
Auf der Imoca-Qualifikationsliste für die Vendée Globe liegt Clarisse Crémer bei einem auf 40 Boote begrenzten Vendée-Globe-Starterfeld bislang lediglich auf Platz 42, hat mit “L’Occitane en Provence” erst 642 Seemeilen gesammelt. Die Französin hat nun zwei Chancen, sich ins Vendée-Globe-Feld zu katapultieren: Sie sammelt entweder mehr Meilen als einer oder eine der Skipper und Skipperinnen, die auf den Qualifikationsplätzen 7 bis 39 liegen. Der Japaner Kojiro Shiraishi beispielsweise hatte als 39. auf der Vendée-Globe-Kandidatenlisten bis zum Transat-Start 3285 Seemeilen auf seinem Qualifikationskonto.
Clarisse Crémer könnte aber auch die Wild Card der Veranstalter erhalten, die für den 40. und letzten Vendée-Globe-Startplatz von den Veranstaltern vergeben wird. YACHT-Redakteur Andreas Fritsch erzählte Clarisse Crémer beim Treffen vor dem Transat-Start in Le Havre, dass sie das Rennen zwar vorsichtig angehen wolle, um keinen Bruch zu riskieren und vor allem die Rückregatta Retour à la Base zum Meilensammeln bestreiten zu können, sich aber insgesamt nicht mehr allzu große Sorgen um ihre Vendée-Globe-Teilnahme mache.
Zum Verständnis des Vendée-Globe-Qualifikationsmodus: Inklusive Transat Jacques Vabre 2021 gab und gibt es zwölf Imoca-Regatten, bei denen die Vendée-Globe-Kandidaten Meilen sammeln können. Beim laufenden 16. Zweihand-Rennen Transat Jacques Vabre können Skipper und Skipperinnen mit 2700 etwa die Hälfte der tatsächlich anstehenden Seemeilen für ihr Qualifikationskonto sammeln. Im Falle der bestandenen Solo-Rückregatta Retour à la Base winken sogar zusätzliche 3463 Seemeilen. Deshalb ist für viele Vendée-Globe-Aspiranten die Rückregatta von so großer Bedeutung.
Die letzten Chancen zum Meilensammeln kommen dann 2024 mit dem Transat CIC im April (3000 Seemeilen) und dem New York Vendée – Les Sables d’Olonne (3200 Seemeilen) im Mai. Danach sind die 39 Starter und Starterinnen fürs Vendée Globe 2024/2025 rechnerisch ermittelt und wird darüber hinaus über die Vergabe der Wild Card auf Platz 40 entschieden.
Auf den Warteplätzen 41 bis 45 hatte Clarisse Crémer als 42. vor dem Transat-Start prominente Gesellschaft: Auf Platz 41 lag “Paprec Arkéa”-Steuermann Yoann Richomme mit 1384 gesammelten Seemeilen, auf Platz 43 Violetta Dorange mit 294 Seemeilen. Noch gar keine Qualifikationsmeilen haben Jean Le Cam (44.) und Phil Sharp (45.) sammeln können. Man darf damit rechnen, dass sich im laufenden Transat Jacques Vabre und bei der Rückregatta angesichts zu erwartender Ausfälle auf der einen und starken Leistungen auf der anderen Seite einiges an der Vendée-Globe-Qualifkationsliste ändern wird.
Boris Herrmann hat seine Qualifikation indessen sicher in der Tasche. Auch war das Kompass- und Autopiloten-Problem, das die Crew auf “Malizia – Seaexplorer” am Tag nach dem Start auf Platz zwölf zurückgeworfen hat, am Donnerstag vorerst behoben. Boris Herrmann vermeldete am Donnerstagvormittag: “Es geht uns gut und wir ruhen uns abwechselnd aus. Soweit sind die Probleme alle behoben. Wir holen nach unseren technischen Problemen Schlaf nach und geben so viel Gas wie wir können, um wieder vorzurücken. Wir liegen aktuell auf Platz elf und holen weiter auf.”
Während an der Imoca-Front die schwarze “Charal” mit Jérémie Beyou und Franck Cammas zwei Tage nach dem Start davonprescht, rangen 30 und 50 Seemeilen hinter ihr die co-favorisierten Crews auf “Paprec Arkéa” und “For People” um den Wiederanschluss an die Spitzenreiterin. Weniger glückliche Nachrichten kamen von anderen Teams: Vendée-Globe-Sieger Yannick Bestaven und Julien Pulvé laufen mit einem Riss im Großsegel Vigo zur Reparatur an.
Das Imoca-Duo Paul Meilhat und Mariana Lobato will ein ähnliches Problem auf “Biotherm” in Brest lösen. Isabelle Joschke und Pierre Brasseur sind – ebenfalls mit Großsegelproblemen – zurück in Lorient. Das Team Canada Ocean Racing hat mit einem nicht näher beschriebenen “medizinischen Problem” an Bord fast den Hafen Gosport erreicht.
In der Class 40 geben indessen Lennart Burke und Melwin Fink auf “Sign for Com” Gas. Die Jungprofis lagen am Mittag des 9. November auf Platz 16 und greifen weiter an. Über Nacht hatten sie bei nachlassenden Winden mit großen Spi agiert und profitiert. Ihr Boot, so vermeldeten es die Neu-Hamburger, sei nach den Härtestets in harschen Bedingungen im Gegensatz zu einigen Booten der Konkurrenz in “sehr gutem Zustand”.
Die führende Class-40-Gruppe war auf Kurs Porto Santo und Madeira am Donnerstagmittag in leichten Winden um sechs bis acht Knoten unterwegs. Als neue Spitzenreiter prägten Achille Nebout und Gildas Mahé auf “Amarris” das Geschehen. Verfolgt wurde sie von “Café Joyeux”, “Ibsa” und “Alla Grande Pirelli”. Die flauen Bedingungen könnten aber durchaus für Erschütterungen im Klassement sorgen.
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