The Ocean RaceSanni Beucke über ihre Vorfreude auf die Southern-Ocean-Etappe – und “schlaflose Nächte”

Jochen Rieker

 · 04.01.2023

The Ocean Race-Special wird präsentiert von
The Ocean Race: Sanni Beucke über ihre Vorfreude auf die Southern-Ocean-Etappe – und “schlaflose Nächte”Foto: YACHT/J. Rieker
Vom 49er zum Imoca 60. Susann Beucke vor dem Boot, mit dem sie durchs Südmeer segeln wird

Interview mit der Silbermedaillen-Gewinnerin von 2021, die erst voriges Jahr in den Hochseesport eingestiegen ist und jetzt für “Holcim – PRB” gleich die beiden harten Etappen nach Kapstadt und Itajaí segelt

Es liegt eine eigentümliche Mischung aus emsiger Geschäftigkeit und entspannter Ruhe über dem Vorhafen von Alicante. Während die Event-Teams und TV-Crews gerade erst beginnen, Ü-Wagen, Lichter, Lautsprecher und Leuchttafeln für den Start des Ocean Race aufzubauen, befinden sich die Segler und Bootsbauer in den letzten Zügen der Vorbereitung.

Mittendrin Sanni Beucke, die gestern beim Einziehen der Fallen und beim Setzen des neuen Großsegels der “Holcim – PRB” half, voll integriert in ein Team, zu dem sie erst seit Ende vorigen Jahres zählt: das von Kevin Escoffier, Sieger im letzten Volvo Ocean Race und spätestens seit seiner Havarie im Südmeer und der darauffolgenden Rettungsaktion von Jean Le Cam eine Sport-Legende in Frankreich.

Verlagssonderveröffentlichung

Wir trafen ihn und Sanni gestern am Dock und sprachen mit der 31-Jährigen über ihre überraschende Berufung, ihr Programm bei der Regatta, ihre Erwartungen, Ängste und ihre derzeit ruhende Figaro-Kampagne:

Sanni, wie war das, als du per Whatsapp die Zusage fürs Ocean Race bekommen hast: eher ein stiller Gänsehautmoment, oder bist du direkt in lauten Jubel ausgebrochen?

Nee, so war das nicht. Zunächst hat mich Kevin gefragt, ob ich Bock hätte auf den Southern Ocean. Da war mir schon klar, in welche Richtung das gehen kann. Und als es dann wirklich so weit war, hatte ich so ’ne Mischung aus wirklicher Vorfreude, aber auch ein paar schlaflose Nächte, weil ich vom Südmeer geträumt habe. Es ist halt wirklich ’ne wahnsinnige menschliche Herausforderung. Was ich da erfahren werde, wird das Heftigste sein, das ich je gemacht habe. Aber ich fühl mich sehr, sehr sicher mit dem Team. Wir haben viel Erfahrung und sind ein guter Mix von Seglern.

Es gibt einige Beobachter, die vor den Verletzungsgefahren auf den neuen, noch schnelleren Imocas warnen. Insbesondere in rauer See sind sie extrem fordernd. Schon das Anziehen von Ölzeug oder das Aufgießen der Trockennahrung bergen dann Risiken. Hast du Angst vor den Biestern?

Die Boote sind sicher so physisch wie nie zuvor. Deshalb war es auch nicht einfach, eine Crew zusammenzustellen. Das eine sind die Entbehrungen auf den langen Etappen, das andere die Gefahr, sich wehzutun. Bestimmt war das auch einer der Gründe, dass ich die Chance bekommen habe mitzusegeln.

Ich glaube, ich bin selbst relativ furchtlos, aber nicht verrückt. Ich bin durchaus sehr sicherheitsbewusst. Und wir machen extra deswegen sehr viel Training. Das ist einer der wichtigsten Punkte für Kevin, dass wir topfit ins Rennen gehen. Da hilft mir meine Olympiakampagne, weil ich eine ziemlich gute Grundkonstitution mitbringe. Wie extrem es dann tatsächlich wird, werden wir sehen.

Wie erlebst du Kevin Escoffier als Skipper und Team-Leader?

Er ist wirklich phänomenal. Er hat sooo viel positive Energie. Für mich ist er ein total motivierender Anführer. Sein Pensum ist enorm, er hat irre viel zu tun, aber findet stets Zeit für einen Spaß oder um zu fragen, wie es einem gerade geht. Er verlässt immer als Letzter die Teambasis. Wirklich inspirierend!

Frisch bedruckt. Sannis Team-Jacke mit Namen und Nationalfarben. Hier am Start zu sein sei ein “wahr gewordener Traum”, sagt die 31-JährigeFoto: YACHT/J. Rieker
Frisch bedruckt. Sannis Team-Jacke mit Namen und Nationalfarben. Hier am Start zu sein sei ein “wahr gewordener Traum”, sagt die 31-Jährige

Du bist selbst erst vor einem Jahr in den Hochseerennsport eingestiegen. Fühlst du dich unter deinen Mitseglern als das Küken an Bord?

Nee, gar nicht. Das soll jetzt nicht arrogant klingen, aber von den anderen hat keiner ’ne Silbermedaille. Das ist ja ein Symbol für eine ganze Palette an Eigenschaften, die wichtig sind. Das sieht man jetzt auch hier an Bord. Klar hab ich viel weniger Ahnung vom Offshore-Segeln. Aber ich kann einiges an Faktoren beitragen – wenn’s darum geht, positiv zu bleiben auch unter hohem Druck, lange zu arbeiten, mich reinzufuchsen in das neue Boot.

Du bist ja noch keine zwei Wochen bei Holcim – PRB. Seid ihr schon zu einem Team zusammengewachsen?

Ja! Das ist megaschnell gegangen. Wir machen jeden Tag zweimal Fitness zusammen. Da erzählt Kevin Geschichten von früher, alle feuern sich an, jeder gibt sein Bestes. Das fühlt sich richtig gut an!

Und der Skipper ist immer mit dabei?

Nicht nur dabei. Kevin zieht einen immer mit, egal worum es geht. Ob hier auf der Base oder im Gym. Ihm zuzuschauen, wie man ein Team führt, ihn als Beispiel zu erleben, ist unbezahlbar.

Du bist sehr präsent in den sozialen Medien; kaum jemand hat so eine große Zahl an Fans und Interaktionen auf Instagram. War das mit ein Grund, dass Kevin dich ausgewählt hat?

Ich glaube nicht. Wer Kevin kennt, der weiß, dass ihm das weniger wichtig ist. Er hat eher auf andere Softskills geschaut.

Welche?

Zum Beispiel meine Fokussiertheit und Beharrlichkeit. Das hat schon unser Kennenlernen geprägt. Als ich mich voriges Jahr im Juli in Lorient auf das Solitaire du Figaro vorbereitet habe, kam er an meinem Boot vorbei und fragte, ob ich ihn kenne und Lust hätte, auf “Holcim – PRB” mitzusegeln. Und klar hatte ich Lust. Aber ich musste meinen Autopiloten dringend ausprobieren, und deshalb hab ich ihm abgesagt.

Dann kam er zwei Minuten später noch mal vorbei und meinte: “Es geht ums Ocean Race, wir suchen noch Crew.” Aber ich bin bei meiner Entscheidung geblieben. Und ich denke, das hat ihn beeindruckt, dass ich mich nicht leicht abbringen lasse von meinem Programm – auch wenn die Chance noch so verlockend ist.

Wir sind von da an in Kontakt geblieben. Und so bin ich am Ende hier gelandet. Es geht ja nicht nur ums Segeln. Es geht um so viel mehr: um Disziplin, um die Bereitschaft, alles seinen Zielen unterzuordnen.

Dennoch kam deine Berufung ins Team am Ende sehr spät. Warum?

Er hat mich nach der Route du Rhum erneut angerufen, weil er nach einer Mitseglerin suchte, die Allround-Fähigkeiten besitzt. Wir sind ja nur vier Crewmitglieder an Bord, da helfen Spezialisten nicht wirklich. Und da passte ich ins Profil.

Deine Figaro-Kampagne unterbrichst du dann erst mal?

Ja. So, wie es jetzt aussieht, steige ich erst im Mai wieder ein, zumindest kurz. Und dann werde ich die wichtigsten Vorbereitungsregatten und vor allem das Solitaire du Figaro segeln. Meine Sponsoren, insbesondere DB Schenker, haben großes Verständnis dafür, wie wichtig das Ocean Race und die Erfahrung jetzt für mich ist in Bezug auf meine langfristigeren Ziele. Da hab ich großes Glück.

Dein Fernziel ist die Teilnahme an der Vendée Globe 2028. Hast du Sorge, dass der Traum platzen könnte, wenn du den Southern Ocean zum ersten Mal in seiner ganzen Härte erlebst?

Es kommt viel auf mich zu die nächsten Monate. Das darf man gar nicht unterschätzen. Ich bin sicher, dass ich im Südmeer Momente erlebe, in denen ich denke: Ich will hier weg. Das geht ja allen so (lacht). Aber ich bin mir auch sicher, dass ich zurück an Land komme und gleich wieder loswill.


Mehr zu The Ocean Race:


Meistgelesene Artikel