The Ocean RaceTopfavorit Escoffier über die Chancen seiner Kontrahenten

Andreas Fritsch

 · 04.01.2023

The Ocean Race-Special wird präsentiert von
The Ocean Race: Topfavorit Escoffier über die Chancen seiner KontrahentenFoto: Yann Riou/Holcim-PRB
Kevin Escoffier, 42, gewann 2018 mit dem “Dongfeng”-Team und Skipper Charles Caudrelier das Volvo Ocean Race

Er gilt als einer der Topfavoriten. Warum es für Kevin Escoffier, Skipper von Team „Holcim – PRB“, beim The Ocean Race nur um den Sieg geht und wie er seine Wettbewerber einordnet

Gut gelaunt, wie eigentlich immer, erwischen wir Escoffier nach einem kurzen Karibikurlaub im Anschluss an die Route du Rhum am Telefon. Der Franzose ist auf dem Sprung nach Alicante, wo er sich mit seiner Crew auf den Start vorbereitet.

YACHT: Kevin, was nimmst du aus der Route du Rhum fürs Ocean Race mit? Wie segelt deine neue „Holcim – PRB“?

Escoffier: Das Boot war einfach zu segeln, das war unser Ziel und ist für Einhand-Rennen wichtig. Wir waren immer dran an den drei schnellsten Booten. Wir haben also kein Speed-Problem, das ist schon einmal sehr gut. Und wir hatten wirklich viele unterschiedliche Bedingungen. Für mich das perfekte Comeback ins Einhandsegeln. Ich war ja seit zwei Jahren nicht mehr mit eigenem Boot unterwegs nach dem Untergang von „PRB“ während der Vendée Globe. So konnte ich Vertrauen ins Boot bekommen und Selbstvertrauen tanken, dass wir vorn mitfahren können.

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Wie fühlte es sich an, nachts wieder allein in eine Sturmfront zu segeln?

Das war überhaupt kein Problem. Solche Unfälle gehören für uns einfach dazu. Ich hatte eher Sorge, dass ich nach zwei Jahren Pause etwas eingerostet bin, das Boot nicht gleich wieder auf Topniveau segeln kann. Sicher gibt es noch viel zu lernen. Dafür ist das Ocean Race sehr gut. Wegen des engen Zeitplans starten wir mit einem Boot, das wir immer besser kennenlernen. Wir werden jede Etappe schneller sein.

Gibt es Lehren aus dem Untergang von „PRB“, die in „Holcim“ eingeflossen sind?

In Sachen Sicherheit haben wir ein paar Änderungen vorgenommen. Der Treibanker der Rettungsinsel ist anders, damit sie sich im Seegang nicht so oft überschlägt. Es befindet sich jetzt ein Seefunkgerät mit AIS in der Insel, nicht mehr nur in der Notfalltasche. Die konnte ich damals nicht mitnehmen, was es unmöglich machte, mit Jean Le Cam zu sprechen, der mich rettete. Und am Topp der Rettungsinsel ist jetzt ein Radarreflektor befestigt.

Mit dem Designer haben wir auch die Berechnungen für die Struktur der „Holcim – PRB“ angepasst. Normalerweise drückt das Foil ja das Boot in der Mitte aus dem Wasser, verringert so den Druck auf den vorderen Teil. Als sich meine alte „PRB“ sehr tief in die Welle bohrte, hat sich das umgedreht, vermuten wir: Das Foil hat den Rumpf nach unten gedrückt und die Last auf den Bug so enorm erhöht, dass der Rumpf gebrochen ist. Daher haben wir die Front deutlich verstärkt.

Ist die Teilnahme am Ocean Race ein Vorteil für die Vendée Globe?

Viele Skipper entschieden sich ja dagegen … Das ist auch eine finanzielle Frage. Das Ocean Race ist im Vergleich zu den anderen Regatten sehr aufwändig. Das entscheidet nicht nur der Skipper, sondern vor allem auch der Sponsor. Das sind oft französische Firmen, die den internationalen Markt nicht unbedingt suchen. Ich bin ein klassisches Beispiel dafür: PRB wäre als Sponsor nicht das Ocean Race gefahren, aber da die Firma von der Holcim-Gruppe gekauft wurde, die international agiert, hatten die ein großes Interesse am Rennen um die Welt. Ich glaube, es ist auch eine gute Vorbereitung. Man hat nicht viele Gelegenheiten, die Boote vor der Vendée im Southern Ocean zu segeln und dafür schnell zu machen. Wir können jetzt 30, 35 Tage lang hart pushen, was wir sonst in den französischen Rennen nie tun würden. Das ist gut für die Zuverlässigkeit des Bootes.

“Holcim - PRB” auf den FoilsFoto: Yann Riou/Holcim-PRB
“Holcim - PRB” auf den Foils

Es gibt Stimmen, die infrage stellen, ob ein Imoca den Belastungen gewachsen ist, weil die Boote bei der Vendée einhand meist nur zu 80, 85 Prozent belastet werden, beim Ocean Race aber zu 100 Prozent. Ist das ein Problem?

Die Antwort darauf werden wir bald bekommen. Sicher müssen wir aber vorsichtig sein. Mit den neuen großen Foils sind die Boote noch schneller. In der zweiten Kaltfront der Route du Rhum konnten wir bei 55 bis 65 Grad Windeinfallswinkel locker 25 Knoten loggen. Wenn man solche Geschwindigkeiten in vier, fünf Meter Seegang fährt, sollte man sehr gut nach der Struktur schauen. Man muss diese Boote eigentlich wie Mehrrumpfer segeln: Der Seegang bestimmt das Tempo. Da nutzen auch die Lastsensoren nicht viel. Es reicht ja eine einzige Welle, um das Boot zu zerbrechen.

Das Team von Charlie Enright hat als erstes mit der Vorbereitung aufs Ocean Race begonnen. Wie groß ist der Vorsprung von 11th Hour Racing gegenüber den anderen?

Es ist ein riesiger Vorteil. Ihr Boot ist auch ein Verdier-Design der letzten Generation, genau wie unseres. Und sie haben schon viele Monate mit der Crew trainiert, die das Ocean Race segelt. Meine Crew und ich sind bislang keine zwei Tage zusammen unterwegs gewesen. Aber wir sind gegen 11th Hour hier in der Bretagne, wo sie trainiert haben, viel gesegelt. Ich denke, wir sind dran. Die erste Etappe wird uns zeigen, wo wir genau stehen. Ein großer Faktor ist aber auch die Zuverlässigkeit des Bootes.

Wie gefällt dir die neue Route?

Wir kennen sie sehr gut, das ist ja eigentlich eine Vendée Globe in kleinen Etappen. Für mich ist die Strecke letztlich egal. Ich bin Regattasegler, die Auseinandersetzung mit dem Gegner ist das Wichtige. Ich segle das Ocean Race nicht als Vorbereitung für die Vendée, ich will es wieder gewinnen!

Es sind beim Ocean Race nur zwei Skipper mit Volvo-Erfahrung am Start, Charlie Enright und du. Zählt das?

Nicht wirklich, die anderen sind ja auch sehr gute, erfahrene Segler. Ein Vorteil ist, wenn man lange vor dem Rennen mit den Vorbereitungen begonnen hat. Wir haben uns erst im Juli dazu entschieden.

Ist das Ocean Race mit Imocas taktisch anders als etwa mit den Volvo 65?

Die Bootstypen haben über die Jahre immer wieder gewechselt, es ergibt keinen Sinn, da Vergleiche zu ziehen. Richtig ist, dass das Rennen jetzt anders wird. Wir segeln die Boote mit nur vier Crewmitgliedern (und einem Media-Beauftragten, d. Red.). Das heißt, wir sind viel unter Autopilot unterwegs. Das ändert auch die Art, Manöver zu fahren.

Beim Volvo Ocean Race gab es keinen Autopiloten. Wie viel Anteil wird er haben?

Ich denke, mehr als 90 Prozent. Dazu muss man aber auch sagen, dass Imocas gar keine bequeme Steuerposition mehr haben, sie sind schlicht nicht dafür konzipiert. Es ist definitiv schneller, wenn wir unter Autopilot segeln. Zwei Leute werden das Boot aber ständig trimmen. Die Boote sind einfach nicht dafür gebaut, lange von Hand gesteuert zu werden. Sie haben so gut wie keinen Ruderdruck und brauchen bei den hohen Geschwindigkeiten auf den Foils nur minimale, aber sehr schnelle Impulse.

Bist du lieber einhand oder mit Crew unterwegs?

Ich bin mehr mit Crew gesegelt und mag den menschlichen Faktor. Ich bin Ingenieur und genieße es sehr, das Boot immer auf 100 Prozent seiner Möglichkeiten zu segeln, was nur mit Crew geht. Einhandsegeln bedeutet für mich, einen Kompromiss zu opti- mieren. Du bist nie bei 100 Prozent dessen, was das Boot kann. Also: Ich mag beides, aber es ist etwas ganz Unterschiedliches.

Mit „Guyot Environnement“ ist ein Boot von 2015 am Start. In Volvo-Zeiten wäre es hoffnungslos gewesen, damit zu starten. Wie schätzt du die Chancen von Benjamin Dutreux’ Team ein?

Das Boot ist sehr zuverlässig und schnell für seine Generation. Und die anderen Konstruktionen sind noch recht neu. Wenn die technische Probleme auf einzelnen Etappen bekommen und Benjamin sehr konstant fährt, spricht nichts dagegen, dass er in Genua auf dem Podium landet.

Für die deutschen Fans ist es großartig, dass nach langer Pause wieder ein deutsches Boot am Start ist. Wo siehst du „Malizia – Seaexplorer“ im Vergleich zu den anderen neuen Booten?

Das können wir nicht einschätzen. Boris ist bei der Route du Rhum mit Reff im Groß und kleiner Fock sehr vorsichtig gestartet. Er hatte sich entschieden, auf Ankommen zu fahren, weil für ihn das Ocean Race klar wichtiger ist als die Route du Rhum.

Er hat ein Boot gebaut, das sehr zuverlässig ist und sicher im Southern Ocean. Ich denke, es wird langsamer in den leichten Bedingungen sein und vielleicht etwas schneller als wir in den rauen. Unser Boot ist ein Allrounder, weil es manchmal einfach wichtig ist, aus einer Leichtwindzone heraus schnell in frischeren Wind zu kommen, sich taktisch neu zu positionieren. Aber selbst wenn Boris im Mittelmeer oder in den Doldrums zurückfallen sollte: Das kann er im Southern Ocean aufholen. Da sind wir 30 Tage unterwegs. Segelt er im Schnitt einen Knoten schneller, kann er einen großen Rückstand wettmachen. Ich finde es toll, so unterschiedliche Designansätze im Vergleich zu sehen!



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