175 Jahre America’s Cup stehen für eine ungewöhnliche Reise. Sie beginnt mit einem fast 30 Meter langen Schoner aus Holz und führt zu Booten, deren Rümpfe beim Rennen über dem Wasser schweben. Dazwischen liegen Duelle, Erfindungen, Gerichtsstreitigkeiten und einige der größten Überraschungen der Segelgeschichte.
Wer den Cup noch nicht kennt, muss nicht mit Jahreszahlen anfangen. Zuerst helfen fünf einfache Fakten:
Der Name America’s Cup klingt zunächst wie der Pokal einer amerikanischen Meisterschaft. Das ist er aber nicht.
Namensgeber ist der Schoner „America“. Das amerikanische Boot gewann am 22. August 1851 ein Rennen rund um die Isle of Wight vor der englischen Südküste. Die Sieger nahmen den Pokal mit nach New York und benannten ihn später nach ihrer Yacht.
Der Wettbewerb heißt also America’s Cup, weil die „America“ das erste Rennen gewann.
Bei einer Fußballweltmeisterschaft treffen viele Mannschaften nach einem festen Spielplan aufeinander. Beim America’s Cup funktioniert es anders.
Der Pokal gehört einem Yachtclub. Ein anderer Yachtclub darf den Besitzer herausfordern. Gewinnt der Herausforderer, nimmt er die Trophäe mit und wird beim nächsten Mal selbst zum Verteidiger.
Man kann sich den Cup deshalb wie einen Wanderpokal vorstellen. Sein Besitzer wartet auf den nächsten Angriff.
Heute wollen meist mehrere Teams den Titelverteidiger herausfordern. Deshalb segeln sie zunächst eine eigene Ausscheidung. Beim nächsten Cup heißt diese Serie wieder nach dem Sponsor Louis Vuitton Cup.
Nur der Sieger darf anschließend im eigentlichen America’s Cup gegen den Verteidiger antreten. Im Finale geht es Boot gegen Boot. Wer zuerst die nötige Zahl an Siegen erreicht, bekommt die Trophäe.
Für 2027 beginnt die Suche nach dem Herausforderer mit Rennen, bei denen mehrere AC75 gleichzeitig starten. Danach folgen wieder Duelle. Der Ablauf des Louis Vuitton Cup zeigt, wie aus sechs Herausforderern ein Finalgegner für Neuseeland wird.
Der America’s Cup ist auch ein Wettkampf der Konstrukteure. Die Teams bekommen Regeln für Maße, Gewicht und Technik. Innerhalb dieser Grenzen versuchen sie, das schnellste Boot zu bauen.
Deshalb sieht eine Cup-Yacht oft anders aus als ihre Gegnerin. Schon kleine Unterschiede bei Rumpf, Segeln oder Anhängen können ein Rennen entscheiden.
Die Konstrukteure arbeiten häufig jahrelang an ihren Ideen. Manche Teile werden vor den anderen Teams verborgen. Beim Cup gewinnen deshalb nicht nur gute Segler. Auch Ingenieure, Bootsbauer, Segelmacher, Meteorologen und Computerfachleute gehören zum Team.
Der Titelverteidiger durfte traditionell stark mitbestimmen, wie der nächste Cup ausgetragen wird. Zusammen mit dem ersten Herausforderer legte er unter anderem Regeln, Bootstyp und Ablauf fest.
Das machte den Wettbewerb beweglich, aber auch schwer planbar. Wenn sich die beiden Seiten nicht einigen konnten, wurde teilweise vor Gericht weitergekämpft.
Vor dem 38. America’s Cup haben die beteiligten Teams deshalb eine gemeinsame Organisation gegründet. Diese neue Partnerschaft der Cup-Teams verteilt mehr Entscheidungen auf mehrere Schultern.
Die alte Stiftungsurkunde bleibt dennoch die rechtliche Grundlage des Wettbewerbs.
Die Geschichte begann nicht mit dem Plan, einen Wettbewerb für die nächsten 175 Jahre zu schaffen. Eine amerikanische Eignergemeinschaft um John Cox Stevens brachte die „America“ nach England. Der schnelle Schoner sollte zeigen, was der amerikanische Schiffbau leisten konnte. Den Eignern ging es allerdings auch um Wetten und Preisgeld.
Zunächst wollte kaum jemand gegen die „America“ antreten. Das amerikanische Boot hatte zuvor den englischen Schoner „Lavrock“ scheinbar mühelos überholt. Schließlich meldete die Crew für das Hundred Guinea Cup Race rund um die Isle of Wight.
Der Start am 22. August 1851 verlief schlecht. Die Boote warteten damals vor Anker auf das Startsignal. Die „America“ bekam ihren Anker nicht schnell genug hoch und fuhr als Letzte los.
Trotzdem holte sie die britische Flotte ein und erreichte um 20.37 Uhr als erstes Boot das Ziel vor Cowes. Der ausführliche Rückblick auf das Rennen von 1851 beschreibt den Weg vom verpatzten Start zum Sieg.
Mit diesem Tag verbindet sich der bekannteste Satz der Cup-Geschichte. Königin Victoria soll gefragt haben, welches Boot auf dem zweiten Platz liege. Die überlieferte Antwort lautete:
Es gibt keinen Zweiten, Mylady.“
Ob das Gespräch tatsächlich Wort für Wort so stattfand, lässt sich heute kaum klären. Der Satz passt trotzdem zum Cup. Über viele Jahrzehnte zählte fast nur der Sieg.
Die Trophäe war ursprünglich der Preis des Hundred Guinea Cup Race. Sie wurde 1848 vom Londoner Hofjuwelier Garrard gefertigt und war damals 71 Zentimeter hoch.
Heute misst sie 109,5 Zentimeter und wiegt 17,7 Kilogramm. Im Laufe der Zeit kamen Sockel hinzu, auf denen die Sieger verewigt werden konnten. Wegen ihrer Form wird sie „Auld Mug“ genannt. Das bedeutet ungefähr „alte Kanne“.
Fast hätten die ersten Sieger den Pokal einschmelzen lassen. Aus dem Silber sollten Medaillen für die Crew entstehen. Dazu kam es nicht. Stattdessen wurde die Trophäe dem New York Yacht Club übergeben und zur Herausforderungstrophäe gemacht.
Dort blieb sie 132 Jahre. Zeitweise war der Pokal sogar auf einem Eichentisch festgeschraubt.
Der Cup wurde nach 1851 nicht regelmäßig ausgetragen. Erst 1870 kam es zur ersten Verteidigung. Der britische Herausforderer „Cambria“ musste damals noch gegen eine ganze Flotte des New York Yacht Club antreten.
In den folgenden Jahren entwickelte sich daraus immer stärker ein direktes Duell. Gleichzeitig suchten die Organisatoren nach Regeln, mit denen sich unterschiedlich gebaute Yachten vergleichen ließen.
Doch jede Regel bietet Möglichkeiten zum Tricksen. Konstrukteure suchten nach Formen, die auf dem Wasser möglichst schnell waren und bei der Vermessung trotzdem günstig abschnitten.
Ein extremes Beispiel war 1903 die „Reliance“. Ihre vermessene Wasserlinie war 90 Fuß lang, das gesamte Boot aber fast 144 Fuß. Die Yacht konnte rund 1500 Quadratmeter Segelfläche tragen. Mehr als 70 Menschen wurden benötigt, um sie zu segeln.
Der Vergleich mit heutigen Cup-Booten ist erstaunlich. Die Technik sieht völlig anders aus, doch die Aufgabe ist gleich geblieben: Die Konstrukteure lesen jede Regel sehr genau und bauen das schnellste Boot, das gerade noch hineinpasst.
1930 begann die Zeit der J-Class. Diese riesigen Einrumpfyachten mit langen Überhängen, hohen Masten und großen Besatzungen prägen bis heute das klassische Bild des America’s Cup.
Sir Thomas Lipton versuchte fünfmal, die Trophäe nach Großbritannien zu holen. Auch sein letzter Versuch mit „Shamrock V“ scheiterte 1930. Für sein Engagement erhielt er einen eigenen Goldpokal, der im Mai 2026 gestohlen wurde. Die 1934 angetretene „Endeavour“ gehört ebenfalls zu den bekanntesten Yachten dieser Epoche.
Nach dem Zweiten Weltkrieg waren solche Kampagnen kaum noch bezahlbar. Der Cup brauchte kleinere Boote. 1958 begann deshalb die Zeit der Zwölfer.
Der Name führt leicht in die Irre. Ein Zwölfer ist nicht zwölf Meter lang. Die Zahl stammt aus einer Formel, mit der verschiedene Maße der Yacht verrechnet werden. Die Boote waren meist etwa 20 bis 22 Meter lang.
Die Zwölfer blieben bis 1987. Keine andere moderne Cup-Klasse hielt sich über so viele Austragungen.
Der New York Yacht Club schien den Cup nicht verlieren zu können. Von 1851 bis 1983 blieb die Trophäe in seinem Besitz.
Dann kam die australische „Australia II“. Unter dem Rumpf trug sie einen ungewöhnlichen Kiel mit seitlichen Flügeln. Die Konstruktion von Ben Lexcen wurde vor den Gegnern möglichst lange geheim gehalten.
Im Finale gegen die amerikanische „Liberty“ lag das australische Team bereits mit 1:3 zurück. Es gewann die folgenden Rennen und glich zum 3:3 aus. Im siebten und letzten Duell siegte „Australia II“ erneut.
Damit endete nach 132 Jahren die Herrschaft des New York Yacht Club. Der Rückblick auf das Cup-Finale von 1983 erzählt, wie der Flügelkiel zum Symbol des australischen Erfolgs wurde.
Dennis Conner holte die Trophäe, die er als erster Amerikaner 1083 verloren hatte, 1987 mit „Stars & Stripes“ für die USA zurück. Es war der letzte America’s Cup mit den Zwölfern.
Danach zeigte der Cup seine seltsamste Seite. Neuseeland forderte die Amerikaner mit einem sehr großen Einrumpfboot heraus. Dennis Conners Team antwortete mit einem viel kleineren und schnelleren Katamaran.
Die beiden Boote passten sportlich kaum zusammen. Trotzdem traten sie gegeneinander an, weil sich die beteiligten Seiten nicht auf eine gemeinsame Bootsklasse geeinigt hatten.
Der Katamaran „Stars & Stripes“ gewann beide Rennen. Anschließend ging der Streit vor Gericht weiter.
Dieses ungleiche Duell zeigt, warum die Regeln des America’s Cup so wichtig sind. Die alte Stiftungsurkunde beschreibt das Grundprinzip des Wettbewerbs, ist aber kein vollständiges modernes Regattareglement.
1992 wurde die International America’s Cup Class eingeführt. Die IACC-Yachten waren große Einrumpfer und blieben bis 2007 im Einsatz.
In dieser Zeit wechselte der Cup mehrfach den Besitzer. Neuseeland gewann 1995 und verteidigte die Trophäe im Jahr 2000. Alinghi holte sie 2003 für die Schweiz erstmals nach Europa und gewann 2007 erneut.
Danach stritten Alinghi und BMW Oracle Racing jahrelang über die Bedingungen des nächsten Cups. 2010 standen sich schließlich ein Katamaran und ein Trimaran gegenüber. Der amerikanische Trimaran von BMW Oracle gewann 2:0.
2013 folgte der große Schritt zum Foilen. Die 72 Fuß langen AC72-Katamarane hoben ihre Rümpfe mithilfe von Tragflächen aus dem Wasser. Weil dann weniger Boot im Wasser bremst, steigt die Geschwindigkeit stark.
Auch sportlich schrieb dieser Cup Geschichte. Emirates Team New Zealand führte im Finale bereits 8:1. Oracle Team USA gewann danach acht Rennen hintereinander und entschied die Serie noch mit 9:8 für sich.
2017 wurden die Katamarane auf 50 Fuß verkleinert. Trotzdem erreichten sie Geschwindigkeiten um 50 Knoten. Das sind mehr als 90 Kilometer pro Stunde. Die AC50 verschwanden nach dem America’s Cup 2017 nicht vollständig. Aus ihrem Konzept entwickelte SailGP den F50. Einige der ersten F50 entstanden sogar auf Basis ehemaliger Cup-Boote. Neue Foils, Ruder, Cockpits sowie elektrische, hydraulische und digitale Steuerungssysteme machten daraus jedoch eine eigene Einheitsklasse, die seitdem ständig weiterentwickelt wird.
Neuseeland gewann 2017 den Cup mit 7:1 zurück. Teile der Crew erzeugten die Kraft für die Hydraulik dabei mit den Beinen auf fest eingebauten Fahrrädern.
Für den Cup 2021 kehrten die Neuseeländer zum Einrumpfboot zurück. Langsam wurde es deshalb nicht.
Die neuen AC75 besitzen an beiden Seiten große Foil-Arme. An deren Enden sitzen Tragflächen. Wird das Boot schnell genug, erzeugen diese Flächen Auftrieb. Der Rumpf hebt ab und fliegt über dem Wasser.
Nur ein Foil liegt dabei tief im Wasser. Das andere wird auf der Luvseite angehoben. Ein Flügel am Ruder stabilisiert das Boot.
Wie dieses Zusammenspiel funktioniert, wird in der Erklärung der AC75-Technik mit Grafiken und Beispielen gezeigt.
Neuseeland verteidigte den Cup 2021 vor Auckland mit 7:3 gegen Luna Rossa. Auch 2024 in Barcelona blieben die Neuseeländer erfolgreich. Sie besiegten das britische Team Ineos Britannia mit 7:2 und gewannen zum dritten Mal nacheinander.
Das nächste Cup-Match beginnt am 10. Juli 2027 vor Neapel. Emirates Team New Zealand ist als Titelverteidiger gesetzt. Sechs Herausforderer kämpfen um das Recht, gegen die Neuseeländer anzutreten.
Die Teams segeln erneut auf AC75. Bestehende Mannschaften dürfen aus Kostengründen keinen komplett neuen Rumpf bauen. Sie müssen ihre vorhandenen Yachten umbauen und verbessern.
Auch an Bord ändert sich viel. Statt acht Seglern sollen nur noch fünf Aktive mitfahren. Mindestens ein Crewmitglied muss eine Frau sein. Die vier Cyclors, die 2024 mit ihren Beinen Energie für die Hydraulik erzeugten, entfallen. Mehr Energie kommt künftig aus Batterien.
Für die Kampagnen gilt eine Kostenobergrenze von 75 Millionen Euro. Das ist noch immer sehr viel Geld, soll den technischen Wettlauf aber begrenzen. Der Fahrplan zum America’s Cup 2027 beschreibt, wie sich die Teams auf das Revier vor Neapel vorbereiten.
Damit schließt sich nach 175 Jahren ein ungewöhnlicher Kreis. Die „America“ war 1851 eines der schnellsten Segelboote ihrer Zeit. Die AC75 sind es heute. Dazwischen änderte sich fast alles, nur die Suche nach dem schnellsten Boot blieb.
Regattasegeln erklärt die Grundlagen von Taktik und Strategie Schritt für Schritt. Das Buch begleitet Regattasegler von der Vorbereitung über den Start und die Wettfahrt bis zur späteren Auswertung. Seine Abbildungen helfen dabei, Manöver und Entscheidungen auf dem Kurs zu verstehen. Damit ergänzt es die Cup-Geschichte um das Wissen, das auch bei einer kleinen Vereinsregatta über Plätze entscheidet.
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