YACHT
· 16.03.2024
Liebe Leserinnen und Leser,
gleich drei Meldungen aus dem Bereich der Navigationselektronik ließen jüngst hiesige Segler aufhorchen: Zum einen erklärte mein Kollege Hauke Schmidt, weshalb es in einigen Bereichen der Ostsee derzeit immer wieder zu Störungen oder gar Ausfällen der GPS-Signale kommt – Stichwort Ukraine-Krieg – und wie sich das dann auswirkt. Außerdem stellte unser Test- und Technik-Team zwei Innovationen vor, die das Manövrieren im Hafen deutlich erleichtern sollen: ein Kamera-basiertes System von Raymarine und ein KI-gestütztes von Navico.
Die Kommentare ließen nicht lange auf sich warten; sie fielen erwartungsgemäß konträr aus. Da äußerten Segler ihre Sorge um die Navigationssicherheit auf der Ostsee. Vor allem die Frage, wie man denn erkennt, ob man künftig noch einem GPS-Signal vertrauen kann oder eben nicht, trieb so manchen Zeitgenossen um.
Die Repliken hierauf waren noch vergleichsweise zurückhaltend. Man könne ja einfach wieder zum guten alten Navigationsbesteck greifen und seinen Kurs und Position mitkoppeln – schon mal was von guter Seemannschaft gehört!
Die Ansichten zu den beiden mehr oder minder autonomen Manövrierhilfen wurden deutlich ambitionierter vorgetragen – um es vorsichtig auszudrücken. Die einen begrüßten die Chancen, welche die neuen Errungenschaften bergen: künftig ganz entspannt an den Steg zu gelangen, ohne Geschrei an Deck, ohne Sorge, sich oder dem Nachbarlieger eine Schramme ins Boot zu fahren, herrlich! Segeln könnte schließlich so schön sein, wären da bloß nicht die vermaledeiten An- und Ablegemanöver!
Andere brachten für solcherlei Ansichten gar kein Verständnis auf. Da könne man gleich das eigene Boot vom heimischen Wohnzimmer aus per Joystick steuern. Dann werde man nicht einmal mehr nass oder müsse frieren. Wer Angst vorm Hafenmanöver hat, soll gefälligst segeln lernen – Punkt!
Abgesehen davon, dass mich solch kompromisslose und mit Vehemenz vorgebrachte Standpunkte stets etwas verwundern, erinnern mich die Diskussionen an vergangene Tage. Wie skeptisch waren wir doch alle, besser: viele der Älteren unter uns, als vor nunmehr über drei Jahrzehnten die ersten GPS-Empfänger an Bord einzogen. Waren uns doch schon Decca und Loran-C (Verzeihung, wenn den Jüngeren das schon keine Begriffe mehr sind; einfach mal googeln) unheimlich erschienen, kompliziert in der Anwendung und mit einem gerüttelten Maß Unschärfe verbunden. Und plötzlich sollten Zirkel, Anlegedreieck und Seekarte mehr oder minder ausgedient haben, weil ein Signal vom Himmel fiel? Allenfalls noch dazu gut, die vom Gerät abgelesene Position in die Karte einzutragen. Als dann später die ersten Kartenplotter aufkamen, wurde selbst das überflüssig.
Die Diskussionen um die damals neue, nein revolutionäre Technik, seinerzeit ausgefochten am Tresen der nächsten Seglerkneipe, waren mindestens so heftig und mitunter erbittert wie heutzutage die Wortgefechte in den Kommentarspalten von Facebook oder in diversen Seglerforen.
Was lehrt uns das?
Was unsere Diskussionskultur betrifft: Wir kommen offenbar nicht aus unserer Haut heraus. Zuhören und auch einmal die Argumente der Gegenseite abwägen und diese zunächst wohlwollend mit der eigenen Meinung abgleichen, statt sie von vornherein abzulehnen, war und ist unsere Stärke nicht. Ob am Tresen oder an der Tastatur.
Zur Frage der häufig zu beobachtenden Ablehnung gegenüber technischen Neuerungen (Internet? Wird sich niemals durchsetzen! E-Mail? Kann das Fax niemals übertreffen! E-Autos? Werden dem Verbrenner niemals den Rang ablaufen!): Auch unter Seglern sind die Skeptiker meist lauter – was nicht heißt, dass sie in der Mehrzahl sind – als die Zahl derer, die sich Neuem offener zuwenden – was wiederum nicht heißt, dass sie naiv sind.
Ein Zuviel an Technikgläubigkeit fände auch ich nicht gut. Ebenso eine zu große Abhängigkeit von einem System. Redundanz ist da ein unter Seglern immer schon bewährtes Mittel. Heißt konkret: Fällt das GPS aus, kann ich auf Zirkel und Papierkarte zurückgreifen. Auch wenn ich das nächste Ziel nicht ohne die ein oder andere Kurskorrektur erreiche. Will ich im Hafen in die Box, aber die Technik streikt, weiß ich mir auch anders zu helfen. Auch wenn das dann vielleicht nicht so elegant aussieht wie mit Unterstützung von Bugstrahler oder in Zukunft gar von Kameras und künstlicher Intelligenz.
Daher wäre meine Devise: Nicht stur auf dem Status quo beharren oder gar zurück zu den Wurzeln kehren. Aber sich ruhig des Öfteren auf sie besinnen. Das öffnet beim Segeln neue Perspektiven, ohne dass alte Tugenden über Bord geworfen werden müssen.
Ich jedenfalls bin neugierig, wie wir in zehn oder zwanzig Jahren segeln werden. Welche Techniken uns unterstützen, uns das Leben an Bord erleichtern, einen Törn sicherer machen. Stechzirkel, Anlegedreieck und Papierkarte werden dessen ungeachtet ihren angestammten Platz behalten.
YACHT-Textchef
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