YACHT
· 01.11.2025
Liebe Leserinnen und Leser,
wenn ich segeln gehe, will ich abschalten – Alltag und Weltgeschehen bleiben an Land. Dann zählen nur das Boot, der Wind und das Wasser. So war es bisher, doch so einfach ist das nicht mehr. Zeitenwende ist längst nicht mehr nur ein Schlüsselbegriff deutscher Außenpolitik. Nein, sie ist auch im Revier vor der eigenen Haustür zur Realität geworden. Eine Realität, die mich kürzlich im westlichen Fehmarnbelt einholte, als ich einem russischen Kriegsschiff begegnete!
Es war Montagmittag, Himmel und Ostsee verschmolzen zu einem einzigen Grau. Fünf Windstärken aus West, in Böen sechs. Wir passierten gerade den südlichen Ausgang des Großen Belts, als sich direkt voraus ein granitgrauer Stahlkoloss aus der grauen Suppe schälte.
Die Form des Schiffs erinnerte an ein Spezial-Baggerschiff. Da wir uns in der Nähe der Baustelle für den Fehmarnbelt-Tunnel befanden, wäre das nicht ungewöhnlich gewesen. Doch je näher wir kamen, desto klarer wurde, dass es sich um ein Kriegsschiff handelte.
Doch irgendwas stimmte damit nicht: spitzer Bug, ein hoher Aufbau weit achtern. Das Heck war senkrecht abgeschnitten, und sowohl mittschiffs als auch am Heck standen große Kanonen. Nein – so ein Schiff hatte ich hier noch nie gesehen.
Meine Neugierde war geweckt. Das AIS wird Aufschluss geben, dachte ich. Doch der graue Koloss sendete kein Signal. Eine Vorahnung kroch in mir hoch. Ich startete eine Bildrecherche im Netz, suchte nach der großen, weißen „110" am Bug – und meine Vermutung bestätigte sich. Es war die „Aleksandr Shabalin", ein 112 Meter langes russisches Landungsschiff aus Sowjetzeiten. Was hatte sie hier zu suchen?
Zudem stellte sich heraus, dass es offenbar nicht das einzige russische Kriegsschiff war, das in den vergangenen Monaten in der Region gesichtet wurde. Ein Leser berichtete uns kürzlich von einer nahezu identischen Begegnung – nur traf er auf die „Vizeadmiral Kulakov", einen alten Zerstörer aus Sowjetzeiten. Auch hier: das AIS war ausgeschaltet. Deutsche und dänische Küstenwache bewachten in Sichtweite das Schiff.
Haben Sie auch ein russisches Kriegsschiff gesehen? Dann können Sie es hier der Bundespolizei melden.
Klar, dass russische Schiffe in der Ostsee für Verunsicherung sorgen, ist nicht neu. Als Nachrichtenjunkie lese ich seit Monaten über die Schattenflotte, Spionageschiffe und darüber, wie Russland kürzlich das Wrack der „Estonia" für Spionagezwecke missbrauchte, wie NDR, WDR und SZ berichten.
Und auch mit den grauen Schiffen der Deutschen Marine habe ich mich arrangiert. Kaum ein Törn vergeht, ohne dass man ihnen begegnet. Ob U-Boote, Minenaufklärer oder Tender – sie sind ein erschreckend gewohnter Anblick geworden.
Doch selbst auf Kollisionskurs mit einem russischen Kriegsschiff zu sein? Das war eine neue Dimension. Zumindest für mich.
Was das Schiff dort genau tat? Unklar – jedenfalls öffentlich. Dort liegen, durfte es, heißt es vonseiten der Bundespolizei. Weil es sich außerhalb der Hoheitsgewässer befand – so die Erklärung. Mehrere Medien spekulieren seither: Hat es mit den Drohnenangriffen der letzten Wochen zu tun? Sichert es als Außenposten die Route der Schattenflotte ab?
Wie auch immer, am Ende bleibt ein mulmiges Gefühl – und die Einsicht, dass Segeln nie im luftleeren Raum stattfindet. Die Ostsee ist längst mehr als ein Revier für Freizeitskipper. Sie ist zum Schauplatz geopolitischer Spannungen geworden, ob wir das wahrhaben wollen oder nicht. Die Zeitenwende hat auch uns Segler eingeholt.
Umfrage beendet
Fabian Boerger
YACHT-Redakteur
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