Liebe Leserinnen und Leser,
ein paar Wochen lang war es ruhig geblieben, und irgendwie hatte man ja schon gehofft, dass die Orcas in der Straße von Gibraltar endlich Ruhe geben würden. Dass sie genug davon haben, Segelyachten zu attackieren. Doch leider nein, erneut ist in den vergangenen Tagen ein Segelboot auf Tiefe gegangen, nachdem die Wale das Ruder offenbar so lange malträtiert hatten, bis massiv Wasser ins Schiff drang.
Nun ist das Seerevier zwischen Marokko und dem Süden der iberischen Halbinsel eines der am besten überwachten der Welt. Und so konnte die Crew, nachdem sie einen Notruf abgesetzt hatte, rasch und vor allem unversehrt abgeborgen werden, bevor die Yacht sank.
Doch was wäre eigentlich, wenn?
Wenn es den Rettern einmal nicht gelingen sollte, rechtzeitig am Unglücksort zu sein, bevor ein von Orcas attackiertes Boot sinkt. Schlimmer noch, wenn es die Crew erst gar nicht mehr schafft, überhaupt noch ein Mayday abzusetzen, weil ihr das Schiff viel zu schnell unter den Füßen wegsackt. Je nach Größe eines Lecks im Bootsrumpf bleiben den Betroffenen nur wenige Minuten, um in die Rettungsinsel zu steigen – falls denn eine an Bord ist.
Und selbst, wenn es alle in die Insel schaffen: Einem beherzt zubeißenden Orca dürfte die mit Luft gefüllte Kunststoffhülle eines Rettungsfloßes kaum lange standhalten. Ich will die dann möglichen Folgen hier gar nicht weiter ausmalen…
Dennoch müssen wir uns allmählich die Frage stellen, was eigentlich passiert, wenn den Orca-Attacken der erste Mensch zum Opfer fällt.
Selbstverständlich würden Tierschützer ihr Bedauern äußern. Gleichwohl würden sie zum x-ten Mal darauf hinweisen, dass die Tiere nicht aus aggressiver Absicht heraus handeln, sondern die Attacken als „Interaktionen“ zu interpretieren seien, denen schon gar kein Rachegedanke zugrunde liege. Das mag gut und richtig sein, es hilft nur nicht weiter.
Am anderen Ende der Eskalationsskale würden die internationalen Boulevardmedien das Thema bis zur Erschöpfung ausschlachten. Wir erinnern uns alle nur zu gut an ausufernde und nicht selten Blutzoll fordernde Schlagzeilen über diverse „Problembären“ oder Wölfe, die Schafe und Hühner reißen.
Schon jetzt ist bei jeder glimpflich verlaufenen Orca-Attacke umgehend von „Killerwalen“ die Rede. Man braucht kein Hellseher sein, um zu ahnen, welche Forderungen publiziert würden, um den Walen den Garaus zu machen, sollte der schlimmste Fall eintreten und ein Wassersportler sterben.
Zwischen beiden Polen, den Tierschützern und denen, die die Orcas am liebsten sofort abgeschossen sähen, säßen die Wissenschaftler. So, wie sie es schon jetzt tun: um Erklärungen redlich bemüht, schlussendlich aber doch mehr oder minder ratlos.
Ein Dilemma.
Die spanische Regierung hat zeitweise versucht, dem Problem mit Segelverbotszonen vor dem betroffenen Küstenbereich Herr zu werden. Ähnliches ist wohl auch jetzt wieder zu befürchten. Und, na klar, kann man sich auch auf den Standpunkt stellen, wer in der Region segelt, kennt das Risiko und nimmt es bewusst in Kauf. Niemand wird gezwungen, an der Atlantikküste Spaniens und Portugals zu segeln. Das stimmt, und aus der Ferne kann man dem Argument leicht folgen.
Was aber, wenn auch anderswo Orcas in ähnlich gravierendem Ausmaß beginnen, Yachten zu attackieren? Vor der Küste Frankreichs und Englands etwa oder gar auf der Nordsee. Erste solcher Begegnungen gab es schon, und zwar gar nicht weit weg von uns. Fischer vor Dänemark hatten vor zwei Jahren berichtet, dass sie von Orcas verfolgt worden seien.
Was also tun?
Weiter darauf hoffen, dass die Tiere doch irgendwann den Appetit auf Bootsruder verlieren? So hatten es Meeresbiologen ganz zu Anfang der Vorfälle prophezeit. Leider lagen sie damit bislang falsch, wie das jüngste Beispiel belegt. Warum sollte sich daran nun plötzlich etwas ändern?
Auf technische Mittel zur Orca-Abschreckung setzen, wäre eine andere Option. Es gibt solche Wal-Pinger bereits; von Tierschützern werden sie kritisch angesehen, weil sie das Gehör von Meeressäugern schädigen könnten. Und auch ihre Wirksamkeit ist bislang nicht eindeutig bewiesen.
Aufs Segeln in den betroffenen Gebieten ganz verzichten? Insbesondere für alle Atlantiksegler, die Kurs auf die Kanaren nehmen, gibt es kaum eine Ausweichmöglichkeit.
Auf die Orcas schießen, mit Seenotmunition oder gar richtigen Waffen? Diese Debatte hatte ich hier schon vor geraumer Zeit angestoßen. Auch über diese Alternative darf man sehr geteilter Meinung sein.
Das Verhalten der Tiere besser erforschen? Unbedingt! Schon jetzt sind Wissenschaftler bemüht, Erklärungen für die fehlgeleitete Interaktionslust der Orcas zu finden. Dieses Bemühen muss verstärkt werden. Das kostet, gewiss. Besser, als irgendwann blind Jagd auf die Tiere zu machen, ist es aber allemal. Nur wenn wir gesicherte Erkenntnisse haben, was das Verhalten der Wale auslöst, kann man auch gezielt daran gehen, Lösungen zu finden, die den Tieren nicht schaden. Sondern die allenfalls ihr Verhalten ändern.
Daran zu arbeiten, darf nicht länger Aufgabe weniger Tierschutzorganisationen oder wissenschaftlichen Instituten sein. Die Regierungen, bestenfalls unter Federführung der EU, sind gefordert. Sie müssen Gelder und Mittel bereitstellen, damit mehr Experten als bislang Ursachenforschung betreiben. Nur dann können Erkenntnisse schneller erlangt werden – und im Zweifel in technisch sinnvolle Orca-Abwehrsysteme einfließen.
Ich fürchte jedoch, das wird dauern. Bis dahin können wir wohl nur hoffen und beten, dass der schlimmste Fall nicht eintreten möge.
YACHT-Textchef
Der Yacht Newsletter fasst die wichtigsten Themen der Woche zusammen, alle Top-Themen kompakt und direkt in deiner Mail-Box. Einfach anmelden:
Erst der Foil-Schaden, dann gebrochene Rumpfverstärkungen und nun ein Riss im Großsegel. Zwei neue Videos zeigen, wie Team Malizia den IMOCA vor der Route du Rhum repariert und weiterentwickelt.
Die Unterelbe verschlickt, Zeitfenster schrumpfen und Häfen werden schwer erreichbar. Mit flachen Booten und selbst gebauten Schlickmaschinen kämpfen Segler um ihr Revier.
Ein Drehflügelpropeller, der die Steigung während der Fahrt selbst verändert: Was Max Props Modell Max Bianchi beim Motoren und Motorsegeln leisten soll.
Seit mehr als 40 Jahren segelt die „Thor Heyerdahl“ durch die Weltmeere. YACHT-Redakteur Fabian Boerger erklärt, warum das Traditionsschiff relevant ist.
Ein Rettungsschwimmer befreit einen Segler aus einer teilweise überfluteten Yacht vor Kalifornien. Warum die Hurrikansaison 2026 zwischen Atlantik und Pazifik so unterschiedlich verläuft.
Fünf Blauwasseryachten, fünf Konzepte: Boréal 56, Kraken 58, Pure 49, Stem 50 und Breehorn 55 zeigen ihre Stärken und Schwächen auf Langfahrt.
Die Pegelstände im Zürichsee liegen unter dem bisherigen Niedrigwasserrekord. Weil seine Segelyacht im flachen Wasser festzusitzen und zu kippen drohte, ließ ein 65-jähriger Eigner sein Boot mit einem Helikopter ausfliegen. Die Aktion kostete rund 2000 Franken zeigt, wie sehr der außergewöhnlich niedrige Wasserstand die Schifffahrt inzwischen beeinträchtigt.
Erneut schlagen Diebe am Wieltsee zu: Sie entwenden zwei Boote und demontieren schwere Außenbordmotoren. Es ist bereits der vierte Vorfall innerhalb von drei Monaten.
Schmale Taille, Mahagonirumpf und elegante Überhänge: Die von Olle Enderlein entworfene Arietta 31 setzt auf ausgewogene Linien und Seetüchtigkeit statt auf maximalen Wohnraum. Als Vorläufer späterer skandinavischer Fahrtenboote ist sie heute ein interessanter Klassiker für Segler, die ein traditionelles, kompaktes Fahrtenboot suchen.
Pilothouse, Teakholzausbau und ein ungewöhnlich gut zugänglicher Technikkanal: So funktioniert die Breehorn 55 unter Deck und diese Kompromisse bleiben.
Der Yacht Newsletter fasst die wichtigsten Themen der Woche zusammen, alle Top-Themen kompakt und direkt in deiner Mail-Box. Einfach anmelden:
Diskutieren Sie mit – fair, sachlich und respektvoll. Es gilt unsere Netiquette.