MeinungOrcas – wehe, wenn es zum Worst Case kommt

YACHT

 · 18.05.2024

Meinung: Orcas – wehe, wenn es zum Worst Case kommt
YACHT-Woche – Der Rückblick
Pascal Schürmann

Liebe Leserinnen und Leser,

ein paar Wochen lang war es ruhig geblieben, und irgendwie hatte man ja schon gehofft, dass die Orcas in der Straße von Gibraltar endlich Ruhe geben würden. Dass sie genug davon haben, Segelyachten zu attackieren. Doch leider nein, erneut ist in den vergangenen Tagen ein Segelboot auf Tiefe gegangen, nachdem die Wale das Ruder offenbar so lange malträtiert hatten, bis massiv Wasser ins Schiff drang.

Nun ist das Seerevier zwischen Marokko und dem Süden der iberischen Halbinsel eines der am besten überwachten der Welt. Und so konnte die Crew, nachdem sie einen Notruf abgesetzt hatte, rasch und vor allem unversehrt abgeborgen werden, bevor die Yacht sank.

Doch was wäre eigentlich, wenn?

Wenn es den Rettern einmal nicht gelingen sollte, rechtzeitig am Unglücksort zu sein, bevor ein von Orcas attackiertes Boot sinkt. Schlimmer noch, wenn es die Crew erst gar nicht mehr schafft, überhaupt noch ein Mayday abzusetzen, weil ihr das Schiff viel zu schnell unter den Füßen wegsackt. Je nach Größe eines Lecks im Bootsrumpf bleiben den Betroffenen nur wenige Minuten, um in die Rettungsinsel zu steigen – falls denn eine an Bord ist.

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Und selbst, wenn es alle in die Insel schaffen: Einem beherzt zubeißenden Orca dürfte die mit Luft gefüllte Kunststoffhülle eines Rettungsfloßes kaum lange standhalten. Ich will die dann möglichen Folgen hier gar nicht weiter ausmalen…

Dennoch müssen wir uns allmählich die Frage stellen, was eigentlich passiert, wenn den Orca-Attacken der erste Mensch zum Opfer fällt.

Selbstverständlich würden Tierschützer ihr Bedauern äußern. Gleichwohl würden sie zum x-ten Mal darauf hinweisen, dass die Tiere nicht aus aggressiver Absicht heraus handeln, sondern die Attacken als „Interaktionen“ zu interpretieren seien, denen schon gar kein Rachegedanke zugrunde liege. Das mag gut und richtig sein, es hilft nur nicht weiter.

Am anderen Ende der Eskalationsskale würden die internationalen Boulevardmedien das Thema bis zur Erschöpfung ausschlachten. Wir erinnern uns alle nur zu gut an ausufernde und nicht selten Blutzoll fordernde Schlagzeilen über diverse „Problembären“ oder Wölfe, die Schafe und Hühner reißen.

Schon jetzt ist bei jeder glimpflich verlaufenen Orca-Attacke umgehend von „Killerwalen“ die Rede. Man braucht kein Hellseher sein, um zu ahnen, welche Forderungen publiziert würden, um den Walen den Garaus zu machen, sollte der schlimmste Fall eintreten und ein Wassersportler sterben.

Zwischen beiden Polen, den Tierschützern und denen, die die Orcas am liebsten sofort abgeschossen sähen, säßen die Wissenschaftler. So, wie sie es schon jetzt tun: um Erklärungen redlich bemüht, schlussendlich aber doch mehr oder minder ratlos.

Ein Dilemma.

Die spanische Regierung hat zeitweise versucht, dem Problem mit Segelverbotszonen vor dem betroffenen Küstenbereich Herr zu werden. Ähnliches ist wohl auch jetzt wieder zu befürchten. Und, na klar, kann man sich auch auf den Standpunkt stellen, wer in der Region segelt, kennt das Risiko und nimmt es bewusst in Kauf. Niemand wird gezwungen, an der Atlantikküste Spaniens und Portugals zu segeln. Das stimmt, und aus der Ferne kann man dem Argument leicht folgen.

Was aber, wenn auch anderswo Orcas in ähnlich gravierendem Ausmaß beginnen, Yachten zu attackieren? Vor der Küste Frankreichs und Englands etwa oder gar auf der Nordsee. Erste solcher Begegnungen gab es schon, und zwar gar nicht weit weg von uns. Fischer vor Dänemark hatten vor zwei Jahren berichtet, dass sie von Orcas verfolgt worden seien.

Was also tun?

Weiter darauf hoffen, dass die Tiere doch irgendwann den Appetit auf Bootsruder verlieren? So hatten es Meeresbiologen ganz zu Anfang der Vorfälle prophezeit. Leider lagen sie damit bislang falsch, wie das jüngste Beispiel belegt. Warum sollte sich daran nun plötzlich etwas ändern?

Auf technische Mittel zur Orca-Abschreckung setzen, wäre eine andere Option. Es gibt solche Wal-Pinger bereits; von Tierschützern werden sie kritisch angesehen, weil sie das Gehör von Meeressäugern schädigen könnten. Und auch ihre Wirksamkeit ist bislang nicht eindeutig bewiesen.

Aufs Segeln in den betroffenen Gebieten ganz verzichten? Insbesondere für alle Atlantiksegler, die Kurs auf die Kanaren nehmen, gibt es kaum eine Ausweichmöglichkeit.

Auf die Orcas schießen, mit Seenotmunition oder gar richtigen Waffen? Diese Debatte hatte ich hier schon vor geraumer Zeit angestoßen. Auch über diese Alternative darf man sehr geteilter Meinung sein.

Das Verhalten der Tiere besser erforschen? Unbedingt! Schon jetzt sind Wissenschaftler bemüht, Erklärungen für die fehlgeleitete Interaktionslust der Orcas zu finden. Dieses Bemühen muss verstärkt werden. Das kostet, gewiss. Besser, als irgendwann blind Jagd auf die Tiere zu machen, ist es aber allemal. Nur wenn wir gesicherte Erkenntnisse haben, was das Verhalten der Wale auslöst, kann man auch gezielt daran gehen, Lösungen zu finden, die den Tieren nicht schaden. Sondern die allenfalls ihr Verhalten ändern.

Daran zu arbeiten, darf nicht länger Aufgabe weniger Tierschutzorganisationen oder wissenschaftlichen Instituten sein. Die Regierungen, bestenfalls unter Federführung der EU, sind gefordert. Sie müssen Gelder und Mittel bereitstellen, damit mehr Experten als bislang Ursachenforschung betreiben. Nur dann können Erkenntnisse schneller erlangt werden – und im Zweifel in technisch sinnvolle Orca-Abwehrsysteme einfließen.

Ich fürchte jedoch, das wird dauern. Bis dahin können wir wohl nur hoffen und beten, dass der schlimmste Fall nicht eintreten möge.

Pascal Schürmann,

YACHT-Textchef

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