“Coronet”Nach 27 Jahren Refit schwimmt der legendäre US-Schoner von 1885 wieder

Jochen Rieker

 · 07.12.2022

Endlich fertig - naja, halbfertig! "Coronet" mit neu beplanktem Rumpf vor dem Kranen
Foto: Daniel Forster/IYRS
Endlich fertig - naja, halbfertig! "Coronet" mit neu beplanktem Rumpf vor dem Kranen

Die 131-Fuß-Yacht war schon bei ihrem ersten Stapellauf eine Ausnahmeerscheinung. Auch ihre Wiederauferstehung sprengt alle Maßstäbe. Seit 1995 stand “Coronet” aufgepallt bei der International Yacht Restauration School in Newport. Und eine Zeit lang sah es so aus, als würde sie nie fertig. Jetzt aber ist der Rumpf restauriert, das Boot für die finalen Arbeiten nach Mystic Seaport überführt. Einblicke in ein Jahrhundert-Projekt.

Am vergangenen Freitag war es endlich soweit: “Coronet”, dieser vielleicht letzte der noch Unvollendeten unter den einstmals wegweisenden Klassikern, berührte wieder das Wasser. Nach bald drei Jahrzehnten auf dem Trockenen und Zigtausenden Stunden bootsbauerischer Finesse wurde der Schoner von einem 1000-Tonnen-Schwimmkran in Newport an der US-Ostküste in sein Element gehoben.

Noch fehlen die meisten Decksdetails, Beschläge, Rigg, Segel sowie der gesamte Innenausbau. Der zweifach beplankte Rumpf ist über Wasser nur grundiert, nicht wie ehedem schwarz lackiert. Es wäre also zu früh, seine Vollendung auszurufen. Doch ein wesentlicher, der wichtigste Abschnitt der Restaurierung ist damit geschafft.

Von einem Schlepper wurde das selbst nach heutigen Superyacht-Maßstäben gigantische Boot nach Mystic Seaport gebracht, keine 40 Meilen westlich. Acht Stunden dauerte die Überführung in die Henry B. du Pont Preservation Shipyard - jene Werft, die das Projekt bis 2025 zu Ende bringen soll. Dann jährt sich “Coronets” erster Stapellauf zum 140. Mal.

Wobei: Mit Prognosen für den weiteren Verlauf sollte man vorsichtig sein. Viel zu oft schon wurden Termine für die Fertigstellung genannt - und gerissen. Das war bereits 1995 so, als das Projekt von Liz Meyer ausgerufen wurde - jener Liz Meyer, die mit der J-Class “Endeavour” den Boom der großen Klassiker-Refits mit ausgelöst hat . Und 2006, als ein neuer Investor einstieg.

Damals war YACHT classic eigens in die USA geflogen, um den neuerlichen Start des extrem aufwändigen Refits zu dokumentieren. Stammfotograf Nico Krauss hielt den Stand der Vorarbeiten in eindrucksvollen Bildern fest. Hier eine Galerie der unvergesslichsten Motive und Textauszüge aus dem Bericht in YACHT classic 1-2007, welche die Dimension und historische Bedeutung des Projekts verdeutlichen:

"Coronet" im Originalzustand anno 2006, bevor die Arbeiten am Rumpf begannen. In seiner Leichtbauhalle an der Narragansett Bay vor Newport wirkt der Schoner wie ein gestrandeter Wal
Foto: Nico Krauss

Auszüge aus YACHT classic 1-2007 über den Start der Restaurierung von “Coronet”

Es knackt im Gebälk. Kaum eine Minute vergeht ohne die akustische Erinnerung daran, dass dies einmal ein sehr lebendiger Organismus war. Dabei sind es nicht die massiven Eichenspanten, in ihren Dimensionen den Bohlen eines Bahngleises ähnlich, die Geräusche von sich geben. Auch nicht die Planken, nicht das Kielschwein, nicht die Balkweger, nicht das ganze, schier endlos scheinende, sagenhafte 40 Meter messende Deck. Kein Mucks kommt von ihnen. „Coronet“ liegt still wie ein gestrandeter Wal.

Sie arbeitet nicht mehr. Schon lange nicht.

Seit 13 Jahren ruht hier am Wasser der Narragansett Bay in Newport, was einmal einer der stolzesten Schoner der viktorianischen Epoche im Bootsbau war. Ein Inbegriff von Fortschrittsgläubigkeit, Weltoffenheit, auch Repräsentationssucht. Nicht bloß irgendeine Ausgeburt des amerikanischen Traums - eine Königin.

Von Coronets Glanz ist wenig geblieben. Der kolossale Rumpf hat tiefe Risse bekommen. Er strakt nicht mehr, er beult und sackt.

Die Trockenheit seiner letzten Aufbewahrungsstätte hat ihn vollends gezeichnet, mehr noch als die Verwahrlosungen der vielen Jahrzehnte, die er im Dienst einer Missionskirche davongetragen hat.

Seit „Coronet“ in dem mondänen Küstenort Neuenglands am 22. April 1995 um 10 Uhr morgens von einem Travellift gehoben wurde, hat sie kein Wasser mehr berührt, 13 lange Jahre. Vor der Thames Street, wo zuvor ein hübscher Park war, hat man ihr eine eigene Halle errichtet: hohl wie ein Kartenhaus, fünf Stockwerke hoch, Dach und Wände aus halbtransparenten Polyesterprofilen.

Scheint die Sonne darauf, ist es die Ausdehnung des Kunststoffs, die mit lautem Knacken die ansonsten grabesähnliche Stille durchbricht. Manchmal wummern auch die Geräusche von Wind und Regen durch das moderne Mausoleum. „Coronet“ selbst aber liegt da wie tot.

Dabei ist es nur ein tiefer Schlaf. In wenigen Wochen, endlich, soll ernsthaft beginnen, was als Versuch schon 26 Jahre währt: sie wieder in alter Pracht erstrahlen zu lassen, auf See, unter 772 Quadratmeter Segeltuch.

Es wird das absehbar aufwändigste Refit-Projekt der neueren Zeit, vielleicht das größte überhaupt.

Robert McNeil, ein gleichermaßen vermögender wie bootsvernarrter Venture Capitalist aus San Francisco, hat im Dezember vergangenen Jahres ein Abkommen unterzeichnet, das die Wiederherstellung „nach den höchsten historischen Standards“ garantiert. Genau im Stil und in der Technik des späten 19. Jahrhunderts, aus dem sie stammt. So wird es wohl kommen. McNeil ist ein Mann mit Prinzipien. „Walk your talk“, sagt er, lass deinen Worten Taten folgen.

Er machte schon durch andere namhafte Restaurierungen von sich reden: Mit „Joyant“ besitzt er eine von Herreshoff gezeichnete Yacht der R-Klasse in Bestzustand. Zuletzt rekonstruierte ein von ihm zusammengestelltes Team „Cangarda“, eine der letzten noch erhaltenen Dampfyachten mit Klipperbug in den USA. Ehrgeizige, viel beachtete Arbeiten.

Und doch kein Vergleich mit „Coronet“. Allein seiner Größe wegen ist der Schoner ein ganz und gar außergewöhnliches Projekt.

Wer durch das Tor der Lagerhalle in Newport tritt und den gewaltigen Bug fast lotrecht vor sich aufragen sieht, wird regelrecht überrollt von einem Gefühl der Ehrfurcht.

Gebaut 1885, wirkt diese als reines Privatvergnügen betriebene Yacht wie ein Monument. Ein Ölgemälde aus frühen Tagen zeigt sie unter Vollzeug, leicht dahinfliegend über aufgewühlte See, elegant und dynamisch. In natura, auf dem Trockenen, begreift man erst ihre kolossale Erscheinung.

Unter Deck wirkt sie fast noch unmittelbarer. Zwischen zwei Spanten haben Arbeiter im Kielbereich Planken entfernt. Eine der vielen Wunden, die man „Coronet“ geschlagen hat, um sie retten zu können. Über den Spalt gelangen Bob McNeils Bootsbauer ins Schiff, wenn sie in Vorbereitung des Refits vor Ort sind. Der Weg außen herum aufs sieben Meter höher gelegene Achterdeck und dann wieder drei Meter den Niedergang hinunter würde ungleich länger dauern.

Im Inneren empfängt die Männer der stets gleiche, feucht-modrige Muff. Und ein Blick, an den sich kaum einer je wird gewöhnen können: Auf der gesamten Länge und über die volle Breite des Bootes begrenzt kein Schott, kein Rahmenspant die Perspektive. Auf 40 mal 8,20 Meter nur Raum, Raum, Raum.

Was dort einmal verschraubt, vernietet, verzapft war, das gesamte Interieur dieses gigantischen Tanzsaals, ist der andere Grund, warum „Coronet“ als „America’s most historic yacht“ gilt, wie Susan Daly sagt. Sie hat als Direktorin der International Yacht Restoration School die Sicherung der Substanz verfolgt und dokumentiert. Ordner voller Inventarlisten bewahrt sie in ihrem Büro unweit des Bootslagers auf.

Darin enthalten Fotos, Maße und Beschreibungen Tausender (!) Gegenstände, die beim Entkernen des Schoners gesichert wurden: vom ausklappbaren Porzellanwaschbecken über fußballgroße Eschenholzblöcke bis hin zu den kunstvoll gearbeiteten Bleiglasfenstern der Salontüren.

Die Menge dieser Original-Einbauten und Ausrüstungsgegenstände füllen ein eigenes Lagerhaus. Eine Asservatenkammer seltener Schätze. Sie machen „Coronet“ schon jetzt einzigartig.

Die weiße Hulk, einst schwarz lackiert, passt wie ein Schlüssel in das Schloss zur frühen Yachtbaugeschichte der „Gilded Age“, der Blütezeit der US-Wirtschaft nach dem Sezessionskrieg. „Das vielleicht Bemerkenswerteste an ihr ist, dass sie überhaupt noch existiert“, sagt Susan Daly.


Die neuen Eigentümer von “Coronet”, die Gründer und Gesellschafter von “Crew” in New York, haben dem Boot eine neue Internet-Präsenz verschafft. Dort finden sich historische Dokumente ebenso wie aktuelle Bilder von der Wasserung und Überführung sowie künftig von den weiteren Arbeiten in Mystic Seaport.


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