Das besondere Boot„Rémy“ – der Erste seiner Art

Matthias Beilken

 · 20.09.2022

Das besondere Boot: „Rémy“ – der Erste seiner ArtFoto: YACHT/Ben Scheurer

Pfeilschnell unterwegs, hübsch anzuschauen, traditionell gestaltet und vollgestopft mit Ideen: Mit der „Rémy“ haben Selbstbauer Jan von der Bank und Konstrukteur Martin Menzner den Prototyp des Sportboot-Retroklassikers geschaffen. Nicht weniger

Dieses Boot scheint fliegen zu können. Zumindest suggerieren das die ersten Videostudien zu Contender-Exweltmeister Jan von der Banks mit Spannung erwartetem Retroklassik-Sportboot-Eigenbau. Denn was aussieht wie ein lang gestrecktes, hochglanzlackiertes hölzernes Schmucklineal, schwebt quasi über dem Wasser, silberner Wasserpass und Ziergöhl strecken es optisch gewaltig. Zumindest unterhält das Schmucklineal offensichtlich kaum Verbindung zu seinem Element. Nur eine mini-kleine Bugwelle und eine leicht konkave Wasserebene zeugen davon, dass Archimedes hier offensichtlich doch ein Wörtchen mitzureden hatte. Und da ist auch eine Ruderpinne zu sehen, die eine nähere Betrachtung verdient.

Das lohnt sich generell. „Rémy“ tänzelt, dreht und beschleunigt wundervoll, liegt federleicht auf der Hand. Die Pinne selbst kommt elegant im Carbon-Look daher. Sie ist sozusagen der Bogen, welcher der segelnden Stradivari ihr Können entlockt. Es braucht keinen fetten Knüppel und eine starke Hand, um mit diesem Einzelbau Kreise zu fahren. Der generöse Segelplan treibt das Sportboot überraschend direkt an, schnell treten PS auf, die nur noch die Feinverstellung bewältigen kann. Nicht zu vergessen, wiegt das Ganze nur knapp über zwei Tonnen, hat einen effizienten einziehbaren Bombenkiel und passt auf einen Trailer. Und es ist zwar eher wenig, aber gezielt Hightech verbaut: Ruderlager, Leinen, Constrictor-Fallenstopper, Carbonanteile.

"In solchen Projekten zählt die Freude am Prozess. Und wenn dann so was Hübsches entsteht, sind alle Beteiligten glücklich!" Konstrukteur Martin Menzner

„Rémy“ hat „keine Konkurrenz, nur Opfer“

Peilungen verziehen sich rasend schnell auf die Habenseite, und gerade die älteren und schwereren Serienboote von einst mit ihren baumdicken Masten und schweren Genuas nicken in dem Minischwell auf der Kieler Förde mehr, als dass sie fahren. „Rémys“ generöse Segelfläche jedoch, ihre geringe Verdrängung und die sportbootähnlichen Linien mit wenig Kielsprung lassen sie eher flach speeren – die kleinen Wellen können ihr nichts anhaben. Unter Gennaker matcht die hölzerne Preziose oft den Speed des leichten Winds. Hier gibt es „keine Konkurrenz, nur Opfer“, meint ihr Erbauer Jan von der Bank.

Frischt die Brise auf, könnte „Rémy“ mehr Crew vertragen. Die Rigghöhe bestimmt ein ehemals abgebrochener Farr-30-Mast, der von der Bank „zugelaufen“ war. Der wurde zwar von Contender-Champ und Bootsbauer „Schappi“ Harpprecht wieder zusammengeflickt und entgegen ursprünglicher Planung nun doch nicht gekürzt. „Das Zipfelchen Segelfläche, das wir jetzt mehr haben … das lohnte die Mühe nicht.“ Ein kleinerer Großbaum gleicht die Fläche aber weitestgehend aus und lässt den Segelplan auch gestreckt wirken.

Wenn Ratten kochen können, kann ich auch ein Boot bauen

„Rémy“ ist bekannt wie ein bunter Hund

Aber der Reihe nach. „Rémy“ hat nämlich erst vier Ausfahrten hinter sich, eigentlich ist sie brandneu, aber schon „auf der Förde bekannt wie ein bunter Hund“ (von der Bank). Bei der Taufe existierten die Segel noch nicht einmal, was ungewöhnlich klingt. Aber „Rémy“ ist eben auch keine gewöhnliche Yacht, sondern eine, die das Herz anspricht. Und diese Emotionalität wird offensichtlich geteilt. Denn rund 40.000 Social-Media-Fans verfolgten per Blog, wie über fünf Jahre lang in Jan von der Banks Hauswerkstatt-Garage im ostholsteinischen Eutin der Prototyp eines 31-Fuß-Designs hauptsächlich durch die Arbeit zweier Hände entstand. Die scheinbar einen Batzen Sperrholz in ein honig-mahagonifarbenes Objekt mit einer Idee darin verwandeln können. Rund 10.000 Follower auf der „normalen“ Seite des Bootsbauers, der im echten Leben Autor von Drehbüchern, maritimen Thrillern („Die Farbe der See“) und Kinderbüchern ist, kommen noch dazu. Die YACHT widmete dem Projekt diverse Artikel.

Apropos Sehnsucht. Der Name, was bedeutet der eigentlich? Rémy ist die berühmte Film-Kochratte aus Paris und symbolisiert die Sehnsucht nach Unmöglichem. „Wenn Ratten kochen können, kann ich auch ein Boot bauen“, dachte sich der Exweltmeister in der anspruchsvollen Einmann-Trapezjolle Contender von der Bank dann vor über fünf Jahren. Und legte in seiner eigens aufgemotzten Heimwerft los.

Erinnert an Lotsenkutter: gerader Steven, Bugspriet an Deck, zweifarbiger AufbauFoto: YACHT/Ben Scheurer
Erinnert an Lotsenkutter: gerader Steven, Bugspriet an Deck, zweifarbiger Aufbau

Zur Erinnerung: Aus dem ursprünglichen Vorhaben, ein bereits bestehendes Bau-Kit zu modifizieren, wurde ein eigens zugeschnittenes Design von Martin Menzner – also Berckemeyer Yachten – in der für hübsche Selbstbauyachten geeigneten „Radius Chine“-Methode. Übersetzt bedeutet das quasi „kaschierter Knick“ und heißt, dass – im Spantriss gesehen – der Bereich, in dem die recht geraden Flanken- und Bodenflächen aufeinandertreffen, großzügig abgerundet wird und nicht knickartig verläuft.

Martin Menzner, Konstrukteur der BM 31 „Rémy“: „Ich hatte Jan eine andere Bauweise empfohlen. Sperrholz ist ein schöner, einfacher Werkstoff zum Bau von Booten. Auch für Rümpfe. Ich plädiere immer für materialgerechtes Bauen. Im Fall von Sperrholz wäre das Knickspant, was aber weniger zum klassischen Erscheinungsbild passt.“ Radius Chine erfordere Kompromisse in den Linien des Rumpfes, die der Konstrukteur in der Form lieber nicht hätte. Aber letztlich sei das alles nicht so wichtig. „Hauptsache, das Boot ist dann hübsch, segelt gut und alle Beteiligten sind glücklich“, so Menzner.

Hauptsache, das Boot ist hübsch und segelt gut

Segeln auf „Rémy“ ist speziell

Zurück an Bord: Schon das Hantieren mit den Fendern in der Box deutet darauf hin, dass dies ein eher spezieller Segelausflug wird. Man kann die Dinger nämlich nicht einfach abknoten wie auf anderen Booten. Die Fender hängen an Minihaken, deren Enden ins Holz gesteckt sind. Erst eine Drehung des Häkchens öffnet einen bootsseitigen Bajonettverschluss. Wie sonst würde man Fender aufhängen, wenn nichts da ist, woran man sie knoten könnte? Das Fenderhandling hat schon mal geklappt. Das Nächste, was klappt, ist der Pod-Antriebsteil des E-Motors. Der wohnt tagsüber in einem gekapselten Schacht und wird erst kurz vorm Einsatz in Anschlag gebracht.

Optisch ist das viel zitierte Designthema „Lotsenkutter“ mit „Rémy“ nicht konsequent umgesetzt, sondern konsequent konsequent. Lotsenkutter versinnbildlichten ja schon immer seetüchtige und schnelle Schiffe. Auf Deck oder Aufbau dieses modernen Lotsenkutter-Lookalikes findet sich nichts. Der Aufbau ist blank, weiß und schier, strakt vor dem Mast leicht abwärts und schließt eine bündig eingelassene, ebenfalls hochglanzweiß lackierte Vorschiffsluke ein. Davor ruht ein Gennakerbaum aus Kohlefaser. Im Hafen zumindest. Dann liegt er da wie ein einfahrbarer Klüverbaum eines Lotsenkutters. Unterwegs wird er rausgeschoben, ein Wasserstag zieht sich dann am Baum selbst auf Spannung. Die Seitenteile des Deckshauses sind natur lackiert, wie es sich gehört. Drei schlichte flachovale Bullaugen sind darin eingebaut ohne protzige Chromspielereien.

Neuartiges Layout im Cockpit

Eine Reling gibt es nicht, einen Handlauf ebenso wenig. Dafür umfriedet ein scheinbar massives Süll aus Mahagoni – Handbreit mal Handbreit – die gesamten Decksflächen: Vorschiff, Laufdecks, die auf einen blinkend furnierten Heckspiegel treffen, der Rumpf und Plicht nach achtern abdeckelt. Weniger können strakende Linien nicht gestört werden. Oder doch? Immerhin steht da eine einsame Winsch auf je einer Seite des Cockpits. Wie sich herausstellen soll, bekommen die eine Menge zu tun. Denn Menzner und von der Bank haben da ein neuartiges Layout geschaffen. Grund: Halsleine, Cunningham, Gennaker-, Groß- und Fockfall – alles Leinen, die sonst über den Aufbau laufen – existieren ja trotzdem.

Aber wo sind sie? Sie enden fast unsichtbar unter dem Traveller, der seinerseits ebenfalls fast unsichtbar im Brückendeck versteckt wohnt. Sehen lässt er nur eine schmale Aufnahme für die Blöcke, ansonsten deutet lediglich ein Querschlitz im Teak auf seine Existenz hin. Das Ende der Großschot, das sich nicht Richtung Klemme bewegt, verschwindet übrigens durch einen eingelassenen Thimble ebenfalls unter Deck, wo die Feinverstellung wartet.

Konsequenter Einsatz von Constrictorklemmen ermöglicht den Verzicht auf sperrige Hebelklemmen und somit das Fall-Versteckspiel. Hebel verschlängen ja viel vertikalen Raum, weil man sie öffnen können müsste. Constrictoren dagegen benötigen lediglich eine Miniklemmleiste für die dünnen Rückmelk-Leinen der Mäntel, die ja horizontal unter Deck liegen. Und im Fertigen von Mini-Mahagonileisten ist von der Bank Meister. Fallen und Strecker laufen also gewissermaßen unter Deck. Trick: Fallen ist es egal, ob sie am Mastfuß oder -kragen abgezweigt werden oder irgendwo dazwischen – der Winkel bleibt immer derselbe. Man könnte also theoretisch auch Stopper und Winschen auf den Salontisch bolzen und alles unter Deck bedienen. Eine ästhetisch runde Lösung wäre das jedoch nicht.

Selten: flaches Brückendeck mit versenktem Traveller, ein Cockpit ohne BänkeFoto: YACHT/Ben Scheurer
Selten: flaches Brückendeck mit versenktem Traveller, ein Cockpit ohne Bänke

„Rémy“ ist ein Boot für Spezialisten

Dann lieber Fallen und Strecker durch die Bilge jagen, in der Pflicht wieder auftauchen lassen und das achtere Ende des Brückendecks quasi zum Fallenschapp machen. Dann muss man zwar zweimal mehr umlenken, aber flach, und das reibt kaum. „Man bekommt nur 60 Grad Winkel dazu“, weiß der studierte Architekt. Die Pitwinschen stehen also eigentlich unüblicherweise vor den Stoppern; den offenen Umlenkern am Ende des Sülls kommt deswegen zentrale Bedeutung zu. Aber in klassischen Mustern darf man hier nicht denken. Es ist lediglich so, dass die freie Luv-Genuawinsch manchmal für Fallenarbeit hinzugezogen und das Fall dann achtern umgelenkt werden muss. Eine vorausgeschaute, aparte Lösung. Und die Winkel stimmen exakt. In der gut schenkeltiefen weiten Plicht achtern des „Baby-“ beziehungsweise „Sonnendecks“ ergibt sich so eine Krabbel-Schaltzentrale, von der aus man in der Nähe der Großschottalje eigentlich alles im Griff hat: Fallen, Strecker, Schoten, Pinne. Ein angenehmer zentraler Arbeitsplatz.

Das alles muss man wissen. „Rémy“ ist also so ein bisschen ein Boot für Spezialisten. Jan von der Bank weiß das: Sie sei wohl „kein typisches Schiff für Segelschulen“. Noch scheint dem Eigner zu viel Schlupf in den Constrictoren für die Fallen zu sein. Und schon sinnt der Bootsbauer über mögliche Lösungen nach. Die Eckernförder Bucht öffnet sich backbords, und ein Mittagsstopp vor der Giftbude in Schleimünde wirkt nur wenig theoretisch. Das breite, umlaufende Süll wird in der Sonne schön warm. Wie ein Handschmeichler. Da der Wind jedoch zu schwächeln beginnt, drehen wir um und passieren massenweise Boote, die zeitgleich mit uns die Förde verlassen haben, in der Gegenrichtung. Alle winken.

Schön war Jans unerschütterlicher Spaß am Selbstbau. Klasse, dass er sein Projekt in dieser Form zu Ende gebracht hat! (Martin Menzner)

Segeln ist schneller als Motoren

Im Einhandmodus fällt „Rémy“ nicht gleich um, weil sie zu rank ist und Gewicht auf der Kante fehlt. Nur belegt das Cross Sheeting jetzt beide Winschen – Improvisation ist gefragt. Zum Glück gehen die Wenden zack, zack: Aufgrund des nicht überlappenden Vorsegels (Thimble-bewährte, gespleißte Genuaschlitten!) bleiben die Schotwege kurz. Um die Hände freizubekommen, hilft der Autopilot. Auch der ist einzig, bevor er artig wird: Denn der unter Deck installierte Antrieb zieht an einer dünnen Dyneema-Leine, mit der die Pinne mittels einer weiteren Minileine und einer Klemme verbunden wird. Die Ziehleine verschwindet wie die Travellermimik im Deck. Der E-Motor, den wir vor dem Hafen wieder wassern, liefert keinen Riesenschub. Aber wir sind hier nicht auf dem Jahrmarkt und fahren auch kein Rennen, stundenlanges Gegenanbolzen steht für dieses Boot nicht auf der Agenda. Immerhin ist es schön ruhig. Und außerdem ist „Rémy“ ein sehr effektives Segelboot, das unter Motor dem Trimaran-Effekt nahekommt: Ruckzuck ist Segeln schneller und kommoder als Motoren, es braucht dazu nicht viel Wind.

Zurück im Olympiazentrum Schilksee, Steg 5, Platz 232. Eigentlich wäre jetzt Zeit für von der Banks „Öllampenatmosphäre unter Deck“. Aber noch ist es zur Flaggenparade etwas hin, die Sonne steht steil, also fällt nur eine kurze Stippvisite unter Deck an. Sonnenlicht flutet jetzt durch die Bulleyes, die klassische Deckszitrone im Vorschiff tut, was sie soll. Über der Vorschiffsluke wölbt sich blauer Himmel. Lichtgraue spezialgefertigte Polster liegen auf den Kojen. Und über den „Spezialsitzen“: Muldenschalen unter hochklappbaren Kojendeckeln. Es sitzt sich extrem bequem und mit Kopffreiheit.

Im Cockpit gibt es weder Öllampen noch Sitzmulden. Aber die Richtung stimmt, was die Atmosphäre angeht. Umrahmt von warm wirkenden Holz, strecken wir in der flächigen Plicht wohlig die Beine aus, zum Glück sind keine Sitzbänke im Weg. Jan von der Bank nutzt den blinkenden Heckspiegel als Rückenlehne. Hier zeigt sich wieder die Philosophie „Jeder kann kochen“. Bedeutet, dass jeder seine eigene Wohlfühlzone nicht nur recht einfach realisieren kann, sondern sie sogar verdient hat. Wie eben hier das Mahagonifurnier: Das Kreieren einer Idee zählt. „Rémy“ ist für von der Bank eine solche Wohlfühlzone, eine Inspiration.

Eine gute Idee wäre Kochen zur Feier des Tages. Aber wir lassen „Rémys“ Pantry mit dem zweiflammigen Gasherd in Frieden und reden lieber über Lieblings-Bordgerichte. Pasta mit Thunfisch und Peperoni, verrät der Eigner, sei sein absoluter Burner. „Das würzt sich irgendwie gegenseitig. Lecker, einfach und schnell.“ Ein Minigericht, das perfekt zu „Rémys“ Öllampen-Luxusansatz passt und nach erlesenem Wein schreit. Allen läuft das Wasser im Mund zusammen. Und das, weil auch das Boot ein echter Leckerbissen ist.

Technische Daten „Rémy“

Foto: Werft
  • Konstrukteur: Martin Menzner
  • Rumpflänge: 9,50 m
  • Wasserlinienlänge: 8,60 m
  • Breite: 2,75 m
  • Tiefgang (Hubkiel): 1,40–2,20 m
  • Gewicht: 2,3 t
  • Großsegel: 32,0 m²
  • Fock: 20,0 m²
  • Gennaker: 90,0 m²
  • Code Zero: 50,0 m²
  • Segeltragezahl: 5,46

Berckemeyers klassische Linie

Martin Menzners Designbüro hält in seiner Classic-Reihe sechs fein abgestufte Konstruktionen bereit, die teilweise von der Bootswerft Wilhelm Wagner am Bodensee gebaut werden. „Rémy“ ist die erste BM 31 Classic und speziell für den Selbstbau entworfen. Mehr vom Konstrukteur unter berckemeyer-yacht.de

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