boot DüsseldorfWeltpremiere für die Jeanneau Yachts 55 – jetzt mit Galerie!

Jochen Rieker

 · 21.01.2023

Die Folierung der Baunummer 1 deutet schon an: Die Jeanneau Yachts 55 ist keine gewöhnliche Fahrtenyacht
Foto: YACHT/N. Günter
Alle Besonderheiten der Jeanneau Yachts 55 in gut zwei Dutzend Bildern erklärt

Sie zählt zu den unkonventionellsten Neuerscheinungen der boot Düsseldorf: drei Niedergänge (3!), riesiges Achterdeck, geschütztes Cockpit – und dann erst das Vorschiff! Wie die Jeanneau Yachts 55 das Konzept des Einrumpfers neu erfindet, und warum das sogar ein Erfolg werden könnte

Die Franzosen waren schon immer einfallsreich, wenn es darum ging, außerhalb des Üblichen zu denken. Erinnert noch jemand die Atoll 43 von Dufour, die kurz vor der Jahrtausendwende gängige Vorstellungen von einem Fahrtenboot über Bord gehen ließ?

Sie hatte einen gewaltigen Aufbau, der die Hälfte des Cockpits überspannte und Salon wie Pantry quasi zu einer Freiluftveranstaltung machte. Das Ende des Kellerschiffs gewissermaßen, auch als Geburtsstunde des „Monomarans“ tituliert – also der Kreuzung von Kat-Attributen mit denen der Einrumpfwelt. Doch so recht vermochte sich die Idee nicht durchzusetzen.

Verlagssonderveröffentlichung

Vor vier Jahren dann stellte Jeanneau mit der Sun Loft 47 ein nur für den Chartermarkt entworfenes Modell vor, das konzeptionell einige Nähe zur Atoll aufwies, nur eben in einem weit voluminöseren Rumpf. Annette Roux, die Grande Dame der Beneteau-Gruppe, zeigte sich vor allem über die ungewöhnlich große Sitzgruppe achtern begeistert, die sich zu einer großen Sonnenliege umbauen lässt. Das könne doch unmöglich nur eine 47-Fuß-Yacht sein, soll sie ungläubig gesagt haben.

Nun, mit der neuen 55, die gezielt für den Eignermarkt entwickelt wurde, verschiebt Jeanneau die Grenzen des Machbaren noch einmal deutlich.

Was da an schierer Fläche zur Verfügung steht, über die volle Breite von 4,99 Meter, ist schlicht nicht von dieser Welt. Selbst wer nur die Steuerbordseite in eine Lounge verwandelt, kann dort vier bis sechs Crewmitgliedern einen Liegeplatz unter der Sonne oder – wahlweise – unter einem schattenspendenden Bimini verschaffen. Und backbord steht fast noch mal so viel Platz zur Verfügung.

Ach ja, und auf dem Vorschiff gibt’s auf Wunsch auch noch Matratzen für zwei bis drei Mitsegler, natürlich ebenfalls von einem Tuch überspannt, das am Mast und zwei an der Reling fixierten Kohlefaserstreben angeschlagen wird. So viel nutzbare Decksfläche war nie – wenn man Fahrtenkatamarane mal als Vergleich wegdenkt.

Mehr, mehr, mehr ist freilich kein hinreichendes Konzept, zumal es auf dem endlichen Platz eines Bootes, selbst wenn dessen Rumpf stattliche 16 Meter in der Länge misst, stets irgendwo Limitierungen findet. Und die gibt es selbstverständlich auch auf der Jeanneau Yachts 55.

Warum also dieses Überraschungs-Ei von einer Yacht, wo doch die Jeanneau Yachts 60, ebenfalls von Philippe Briand entworfen, so ganz anders, vergleichsweise normal daherkommt? Und was kann die 55 noch?

Widmen wir uns zunächst der Frage, was sie sonst an Einzigartigkeiten aufbietet. Denn das ist so einiges. Die Steuerstände stehen vor dem Achterdeck, aber hinter dem überdachten Teil des Cockpits. Streng genommen schließen sie an den Kajütaufbau der beiden Achterkammern an. Und das passt gut, denn dank der auch hier realisierten stufenlosen „Walk-around-Plicht“ bieten sie zahlreiche wirklich erstklassige Positionen zum Rudergehen.

Wer Schutz vor Spritzwasser oder Regen sucht, bleibt achtern stehen. Wer optimalen Blick in die Segel und in die See wünscht, stellt sich leicht seitlich. Von dort kann man auch die auf Hüfthöhe montierten Winschen optimal erreichen. In Sachen Ergonomie gibt es kaum bessere Layouts am Markt. Bei Lage kann man sich zudem an einen angenehm hohe Relingsabschnitt anlehnen, der im Bereich der Steuersäulen aus Edelstahlrohren statt wie sonst üblich nur aus Draht besteht. Klasse!

Vor dem, was man als Arbeitscockpit bezeichnen kann, schließen sich die beiden Niedergänge zu den Achterkammern an, davor wiederum eine Art Mittelcockpit für die Gäste samt Navigationsplatz. Gemessen am Rest des Bootes, geht es hier eher eng zu, aber extrem geschützt. Die Sitzgruppe an Steuerbord bietet maximal vier Mitseglern Platz, obwohl das Boot über sechs Kojen verfügt. Bei Schietwetter bekommt man hier unterm festen Dach also nicht die ganze Crew unter. Dafür lässt sich der Tisch absenken und das U-Sofa zum Doppelbett auf Decksniveau umbauen, was bei langen Schlägen attraktiv sein kann für die Standby-Wache.

Unter Deck weicht die Jeanneau Yachts 55 dann am meisten vom Standard moderner Fahrtenboote ab, allein schon wegen der beiden wie Flügeltüren öffnenden Niedergänge zu den Achterkabinen. Diese bieten jeweils eigene, akkustisch komplett entkoppelte Räume, die auch über eigene Nasszellen verfügen – mit großen Doppelkojen, viel Stehhöhe und guter Bewegungsfreiheit. Nur an das Gefühl, vom Rest der Crew weitestgehend abgeschnitten zu sein, sobald man die Plexiglas-Haube überm Niedergang schließt, muss man sich etwas gewöhnen.

Die Absicht aber ist klar, wie schon beim Deckskonzept: Die Jeanneau Yachts 55 soll auf einem Rumpf so viel Privatsphäre bieten wie sonst nur Katamarane.

Folglich geriet auch der Rest des Ausbaus – nun, anders. Vom zentralen Niedergang aus erreicht man an Backbord einen kompakten Salon mit zwei auf Wunsch ebenfalls zur Lounge konvertierbaren Tischen und einer Sitzgruppe; an Steuerbord ist die sehr große L-Pantry untergebracht, die optisch mit dem Salon gewissermaßen verschmilzt. Obwohl es gefühlt der größte Raum an Bord ist, nimmt er nur etwa ein Viertel der Rumpflänge ein – und wirkt tatsächlich nicht so opulent, wie sonst üblich auf Booten dieses Kalibers.

Deshalb hat Interior Designer Andrew Winch gleich zwei Schiebetüren zur Eignerkammer im Vorschiff vorgesehen. Sie öffnen das Hauptschott enorm und können ohnehin meist offen stehen bleiben, denn das ist ja Teil des Konzepts der Jeanneau Yachts 55: durch die vollständige Separierung der Gästekabinen den vorderen und zentralen Teil der Kajüte quasi für die Eigner zu reservieren. So entspricht die vordere Kammer mit ihrer davor liegenden Nasszelle vom Format her in etwa der einer Jeanneau Yachts 60.

Der Ausbau wirkt dabei durchaus gediegen, sowohl stilistisch als auch haptisch. Da spürt man die Erfahrung, die Jeanneau sich im gehobenen Motorboot-Segment erarbeitet hat, wo die Werft mit der Marke Prestige inzwischen zum Establishment gehört. Gleichwohl bleibt das Boot von außen betrachtet gewöhnungsbedürftig: Das Deckshaus wirkt trotz aller Kunstgriffe von Konstrukteur Philippe Briand mächtig; auch die Achterkante des Aufbaus mit den Steuerrädern ließ sich nicht nahtlos ins Design integrieren.

Seglerisch verspricht die Jeanneau Yachts 55 immerhin einiges an Potenzial. Mit 18,5 Tonnen wiegt sie leer weniger als andere Yachten dieses Formats. In der Standardausrüstung mit Rollgroß und Selbstwendefock kommt sie auf eine Segeltragezahl von 4,3, was typisch ist für ein Fahrtenschiff. Mit optional erhältlicher Genua (110 %) und durchgelattetem Groß lässt sich das jedoch auf dann schon sportliche 4,8 steigern. So viel zur Papierform. Im Frühjahr werden wir sie erstmals testen können.

Bleibt noch die Frage nach dem Warum?!

Dafür lohnt es sich, die Marktentwicklung der letzten 20 Jahre zu betrachten. In dieser Zeitspanne ist der Umsatzanteil von Fahrtenyachten jenseits von 45 Fuß rapide gestiegen, der Erlösanteil sogar noch mehr. Serienwerften müssen in diesem Segment erfolgreich agieren, wenn sie langfristig erfolgreich sein wollen. Allein Jeanneau hat seit 2002 mehr als 1.100 Boote des Topsegments verkauft; das ist in Summe rund eine Milliarde Umsatz.

Nun hat im gleichen Zeitraum das Mehrrumpfsegment noch stärker zugelegt, sowohl im Charter- als auch im Eignermarkt. Was also lag näher, als ein Boot zu entwickeln, das viele Vorteile von Fahrten-Kats mit dem Segelgefühl und den geringeren Betriebskosten einer Einrumpfyacht verbindet – und für das es absolut keine Alternative auf dem Gebrauchtmarkt gibt.

Aus diesen Überlegungen entstand die Jeanneau Yachts 55. Verfängt das Konzept, wird sie den Erfolg der Marke im Luxussegment fraglos fortschreiben. Was ihr auf alle Fälle schon jetzt gebührt, ist der Titel, die mutigste, unkonventionellste und innovationsfreudigste Weltpremiere dieser boot Düsseldorf zu sein. Zu finden in Halle 16, hinter dem Bavaria-Stand.

Der Basispreis liegt bei 821.100 Euro inkl. Mehrwertsteuer.

Technische Daten Jeanneau Yachts 55

  • Konstrukteur: Philippe Briand
  • Design und Styling: Andrew Winch
  • Rumpflänge: 16,09 m
  • Gesamtlänge (mit Bugspriet): 16,93 m
  • Länge Wasserlinie: 16,05 m
  • Breite: 4,99 m
  • Gewicht: 18,5 t
  • Tiefgänge: 2,55 m (Standard)/1,98 m (optional)
  • Masthöhe über Wasserlinie: 25,2 m
  • Segelfläche am Wind: 130,1 m² (Std.) / 159,0 m² (optional)
  • Gennaker: 250,0 m²
  • Maschine: Yanmar 110 PS/Wellenantrieb
  • Kapazität Treibstoff: 230 l
  • Kapazität Frischwasser: 760 l
  • CE-Kategorie: A (12 Personen)

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