Es ist der 14. August 1979. Kurz nach Morgengrauen irgendwo südöstlich von Irland bricht eine meterhohe Welle über die „Grimalkin“. Die Neun-Meter-Yacht überschlägt sich. Der Mast bricht. Länger treibt sie kieloben, bevor sie sich aufrichtet. Überall hängen Fallen, Schoten, Riggteile im Wasser. Zwei der sechs Crewmitglieder werden über Bord geschleudert.
Einer von ihnen ist Nick Ward. Sein Bein verfängt sich im Tauwerk, das ihn durchs eiskalte Wasser schleppt. Er schreit. Niemand hört ihn. Ein neuer Brecher hebt die See schließlich so hoch, dass er sich zurück an Bord ziehen kann. Dann die Erkenntnis: Die Rettungsinsel ist weg. Seine Freunde auch. Ohne ihn.
Diese Tragödie, die Nick Ward erst dreißig Jahre später einer irischen Journalistin erzählt, ist ein Ausschnitt aus einem der dunkelsten Kapitel der Segelgeschichte (YACHT 15/2008). Einer von vielen, die sich während des Fastnet Race 1979 zugetragen haben. Ein unvorhergesehenes Sturmtief hatte das Feld überrascht. 80 Knoten Orkan und 15 bis 18 Meter hohe Wellen. Fünf Yachten sanken. 15 Segler starben.
Die übrige Crew der „Grimalkin“ hatte Ward und seinen Mitsegler Gerry Winks für tot gehalten und war in die Rettungsinsel umgestiegen. Ein folgenschwerer Irrtum, wie sich später herausstellte. Ward rettete das Boot allein und wurde nach 14-stündigem Martyrium geborgen. Winks, der zu diesem Zeitpunkt noch lebte, hätte ebenfalls gerettet werden können. Er erlag später seinen Verletzungen.
Wards Geschichte ist ein Extrembeispiel, aber es ist Sinnbild für eine elementare Grundregel: In die Rettungsinsel steigt man erst, wenn man einen Schritt nach oben machen muss. Sie ist allerletzter Ausweg – nicht die Reaktion auf Angst oder Chaos. Und doch: Wenn es brennt, wenn das Schiff unaufhaltsam sinkt, kann sie letzte Rettung sein. Wenn man weiß, was man tut.
Denn nicht selten ist die Rettungsinsel für Segler nicht mehr als ein rechteckiger weißer Koffer, irgendwo an Deck gelascht. Je nach Größe zwischen 25 und 40 Kilo schwer. Zur Probe ausgelöst haben sie nur wenige. Selbst die Wartungsintervalle werden kostenbedingt gerne ignoriert. Sie ist für viele das, was sie nicht sein sollte: ein Mysterium.
Damit sich das ändert, trainierte der Hochseeseglerverein Trans Ocean diesen Ernstfall. Beim Sommertreffen in Fehmarn-Orth probten sie unter Anleitung von Mara Zapp, Leiterin der Segelschule Well Sailing, und mithilfe abgelaufener Rettungsinseln den Umstieg. Zapp sagt:
Das, was man selber getan hat, geht in ein anderes Gedächtnis als das, was man nur liest oder sieht.”
Auch Marcus Warnke, Trans-Ocean-Vorsitzender, nutzte die Gelegenheit und probte den Ablauf mit eigenem Boot. Selbst musste er noch nie in eine Insel, aber er kennt die Geschichten. „Wir haben Mitglieder, die das erlebt haben. Es ist ein Teil des Risikos, wenn man raus aufs blaue Wasser fährt.“
Natürlich lasse sich eine echte Notsituation nicht simulieren: „Wir werden nicht bei Windstärke 8, Sturm und gebrochenem Mast proben.“ Aber darum gehe es nicht, so Warnke. Wer solche Situationen mental durchgespielt hat, kann unter Stress besser damit umgehen – und bleibt handlungsfähiger, wenn es darauf ankommt.
Wer die Rettungsinsel besteigen muss, sollte sich vorab über die Abläufe Gedanken gemacht haben. Eine Schritt-für-Schritt-Anleitung – von der Vorbereitung über das Auslösen bis zum sicheren Überstieg.
Den Koffer so an Deck platzieren, dass er problemlos ins Wasser befördert werden kann – idealerweise mittschiffs, da dieser Teil bei Wellengang verhältnismäßig ruhig ist. Die Insel muss schnell erreichbar, nicht verdeckt und nicht zu fest vertäut sein. Die Reißleine sollte bereits am Boot befestigt sein.
Wichtig: Die Insel so positionieren, dass sie problemlos über oder unter die Reling passt.
Rettungsweste anziehen, Sicherheitsleinen bereit machen. Jetzt kommt der Grab-Bag an die Reihe: Die Notfalltasche mit Medikamenten, Papieren, Wasser und überlebenswichtiger Ausrüstung griffbereit halten – ebenso UKW-Funke und Epirb.
Wenn noch Zeit ist: warme Kleidung unter das Ölzeug.
Die Insel ins Wasser werfen, dann an der Reißleine ziehen – sie kann bis zu fünfzehn Meter lang sein. So lange ziehen, bis deutlicher Widerstand spürbar ist, diesen dann mit einem kräftigen Ruck überwinden. Ein dumpfer Knall, ein lautes Zischen: Die CO₂-Kartusche löst aus, die Insel bläst sich auf. Wenn die Patrone weiter zischt, obwohl die Kammern prall gefüllt sind, kein Grund zur Panik – überschüssiges Gas entweicht, wenn der maximale Druck erreicht ist.
Die Rettungsinsel so ausrichten, dass der Eingang nah am Boot liegt. Eng heranziehen und festbinden, sodass der Schwimmkörper leicht aus dem Wasser gehoben wird. Das garantiert stabilen Kontakt zwischen Insel und Boot. Eine geeignete Überstiegsstelle suchen. Hat sich die Insel kopfüber aufgeblasen, einen Bootshaken vorsichtig zum Aufrichten nutzen.
Sicherheitsleinen vorbereiten: Karabiner an Strecktau oder Fußreling einhaken, den zweiten an der Reißleine. Dann übersteigen. Sobald fester Halt in der Insel erreicht ist, erst den Lifeline-Haken an Bord lösen, dann den an der Reißleine. In der Insel so weit wie möglich nach hinten durchrutschen, Rücken an die Wand, Füße zur Mitte – so bleibt Platz für weitere Personen.
Wenn möglich: Anderen beim Einsteigen helfen.
Wenn alle Personen in die Insel übergestiegen sind, die Verbindung zum Boot kappen. Die Reißleine hat auch eine Sollbruchstelle: Sollte das Boot bereits sinken, ohne dass die Verbindung gekappt wurde, reißt die Leine an dieser Stelle von selbst.

Redakteur News & Panorama
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