Vom 19. bis zum 22. Januar 2026 wütete ein Sturmsystem über dem südlichen Mittelmeer, das in seiner Intensität eher an die Karibik erinnerte als an europäische Gewässer. Die nackten Zahlen allein lassen jedem Skipper den Atem stocken. Zwischen der Südspitze Siziliens bei Portopalo di Capo Passero und der Insel Malta registrierten Bojen eine maximale Wellenhöhe von 16 Metern. Die Bilder erinnern teilweise an die Zerstörungen durch die Jahrhundertflut an der Küste Schleswig-Holsteins 2023.
Besonders Malta und Sizilien sind betroffen, aber auch die Festlandsküste Italiens und Spaniens sowie Teile Mallorcas.
Das Mittelmeertief Harry entwickelte im zentralen Mittelmeer ein sehr kompaktes, zeitweise hurrikanähnliches Erscheinungsbild, meteorologisch war es ein kräftiger mediterraner Zyklon. Er saugte sich über dem noch immer warmen Wasser voll und rotierte mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 130 Kilometern pro Stunde gegen die Küstenlinien.
Zyklon “Harry” hat das zentrale und südliche Mittelmeer nicht einfach „sturmartig“ erwischt, sondern mit einer Kombination aus starkem Windfeld und außergewöhnlichem Seegang, die den Schutz vieler Hafenanlagen aushebelte.
Das sichtbarste Messsignal kommt aus dem Kanal von Sizilien. Eine Boje der italienischen Rete Ondametrica Nazionale, betreut von ISPRA, registrierte eine maximale Welle von 16,6 Metern zwischen Portopalo di Capo Passero und Malta.
Auch abseits dieses Rekordwerts war der Seegang in einer ungewöhnlichen Größenordnung. Berichte sprechen von Wellen um acht bis zehn Meter vor Malta, dazu schwere Brandung an exponierten Küstenabschnitten. Parallel erreichten die Windspitzen enorme Werte. Auf Malta wurden am Wetterpunkt in Valletta um die 104 Kilometer pro Stunde gemessen, das entspricht 56 Knoten.
Im Hafen zählt jedeoch weniger die Windgeschwindigkeit als die Bewegung im Becken. Kommt Schwell über die Molen wird er ins Becken hinein reflektiert, arbeitet eine Yacht plötzlich wie an einer Feder. Leinen werden ruckartig belastet, Klampen und Poller bekommen Schläge, Fender rutschen hoch oder werden herausgequetscht. Pontons sind dann nicht mehr ruhige Stege, sondern schlagende Bauteile.
Übrigens: Wie man seine Yacht bei bevorstehendem Sturm sichern sollte, erklären wir in diesem Spezialartikel.
In Palermo, im Bereich Arenella, ist die Schadenslage besonders gut belegt. Lokale Berichte sprechen von mindestens 20 zerstörten Booten, viele weitere seien beschädigt, dazu Pontons, die aus ihren Verankerungen gerissen wurden. In Videos und Fotostrecken sieht man nicht nur gekenterte und aufeinander gedrückte Boote, sondern auch die eigentliche Schwachstelle: die Steginfrastruktur, die in der Wucht der See nachgegeben hat und dann selbst zur Gefahr wurde.
Ähnlich das Bild in Siracusa am Porto Piccolo bei Ortigia. Dort wurden Schwimmstege zerstört, Material trieb anschließend im Wasser und erschwerte die Lage zusätzlich. Mehrere Berichte nennen auch gesunkene Boote trotz verstärkter Festmacher.
In Milazzo, am Ponton Santa Maria Maggiore im Stadtteil Vaccarella, traf es vor allem die Hafenanlage. Berichte beschreiben zerstörte Büroeinheiten im Bereich des touristischen Hafens und Schäden an den Schwimmstegen. Die Boote waren offenbar rechtzeitig herausgenommen worden waren.
Auf Malta hinterließ “Harry” vor allem im Süden Bilder, die man eher von Atlantikstürmen erwartet. In Birżebbuġa wurden schwer beschädigte Yachten an Land gespült. Aus Marsaxlokk wird berichtet, dass kleinere Boote auf die Straße gedrückt wurden. In Berichten wird auch von gesperrten Bereichen und Ausfällen im Verkehr und bei Fährverbindungen gesprochen.
Ähnliche Wetterereignisse wie “Harry” gab es am Mittelmeer in den vergangenen Jahren immer wieder. Mal als kompakter Gewittersturm, mal als großräumiges Sturmtief mit langem Schwell, und fast immer mit denselben Folgen für den Wassersport: Häfen und Ankerbuchten werden plötzlich unsicher, Stege und Boote leiden.
So beim Korsika Sturm mit Spitzen bis 90 Knoten, der Yachthäfen und Ankerplätze verwüstete, mit gestrandeten und gesunkenen Yachten.
An der kroatischen Adria liefen bei Rovinj 30 Boote auf Grund, auch beim Medicane Ianos gingen Yachten auf Grund. Dass nicht nur Wind, sondern auch Wasser zur Hafenfalle werden kann, zeigt das Überschwemmungs Chaos auf den Sporaden, bei dem Häfen gesperrt wurden und Treibgut nach Dauerregen zum Risiko für Crews wurde. Wie brutal kurze, heftige Böenwalzen sein können, zeigte sich bei zahlreichen Strandungen vor Formentera und beim Aufräumen danach, mit Yachten, die in wenigen Minuten auf Legerwall gerieten und an Land gedrückt wurden. Und selbst punktuelle Extremphänomene können Marinas verwüsten, wie der Bericht über Wasserhosen in Salerno und Marmaris zeigt, wo Yachten im Winterlager umstürzten und Stege beschädigt wurden. Nicht zuletzt löste ein solches Ereignis auch den Untergang der “Bayesian” aus.