Ich habe mit dem Boot eigentlich nie etwas zu tun gehabt. Es gehörte meinem Onkel Heinrich Frischke, der sich in den Kopf gesetzt hatte, ein Schiff zu bauen. Er war eine Abenteurernatur und bewunderte Menschen, die auf eigene Faust die Welt erkundeten. So las er die Berichte von Heinz Helfgen, der Anfang der 1950er Jahre mit dem Fahrrad eine Weltumrundung durchführte. Später begeisterten ihn Francis Chichester und andere Einhandsegler seiner Zeit, und er beschloss wohl daraufhin, sich ebenfalls einer solchen Herausforderung zu stellen und dem Ruf der Meere zu folgen.
Mein Onkel hatte zu diesem Zeitpunkt nicht viel Geld, dafür aber dieses Waldgrundstück, wo er ungestört seinem Bootsbauprojekt nachgehen konnte. Die Baumaterialien hat er alle mit dem Fahrrad und einem Anhänger hochgeschafft. Das waren mitunter Blechtonnen und auch Bettgestelle, die er oben zerlegt und dann passend zusammengeschweißt hat. Alles ohne Strom und Maschinen. Das Schweißgerät war das einzige richtige Werkzeug, alles andere wurde per Hand gemacht. Eine respektable Leistung, wie ich finde!
Meines Wissens hat ihn irgendwann eine Annonce in der YACHT zu dem Verkaufsangebot einer Zehn-Meter-Stahlsegelyacht in Puerto de Andratx auf Mallorca geführt. Da Heinrich inzwischen die Mittel dazu hatte, kaufte er das Boot kurzerhand. Sein Bauprojekt geriet dann etwas aus dem Fokus.
Im November 1987 brach er von Mallorca im Alter von 73 Jahren nach Las Palmas de Gran Canaria auf, wo er sich mit meiner Familie treffen wollte. Vor der algerischen Küste geriet er jedoch bei Khadra in einen schweren Sturm. Heinrich erlitt Schiffbruch und ertrank. Es war, als wäre er einem Schicksalsruf gefolgt, der so mächtig war, dass er ihm nicht ausweichen konnte. Er ist in Algier begraben.
Ja. Wer hätte es auch wegbringen sollen nach seinem Tod? Meine Mutter hatte das Grundstück samt Schiff geerbt, konnte sich darum aber ebenso wenig kümmern wie ich, als ich das Erbe von ihr später antreten sollte. Über die unbefestigten Wege ist es generell schwierig, hier irgendetwas zu transportieren. Aber ich sehe es auch als eine Art Denkmal für meinen verstorbenen Onkel. Mittlerweile ist das Boot schon eine kleine Berühmtheit geworden, zu dem ein Lokalhistoriker und Geschichtenerzähler sogar geführte Wanderungen anbietet.
Mein Onkel pflegte ein großes Interesse an Geschichte. Besonders interessiert war er an dem Deutschen Kaiserreich und dessen ehemaliger Kolonie Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia. Die Hauptstadt Windhuk scheint ihn inspiriert zu haben, obwohl er selbst nie dort gewesen ist. Ob er vorhatte, dorthin zu segeln, vermag ich nicht zu sagen. Der Gedanke ist aber schön!

Redakteur News & Panorama