Bad KreuznachDas Boot im Wald und seine ungewöhnliche Geschichte

Morten Strauch

 · 11.03.2024

Zeitreise eines Bootes, das seit rund 50 Jahren im Wald liegt. Das Bild von heute verdeutlicht die absurde Position des Schiffes
Foto: Chnutz vom Hopfen
Auf einer Anhöhe bei Bad Kreuznach liegt ein Bootswrack mitten im Wald, fernab eines größeren Gewässers. Volker Kaeppel hat nichts mit Seefahrt am Hut, sondern ist auf sonderbaren Wegen in den Besitz des Schiffes gelangt

Sagen Sie mal, Herr Kaeppel, warum liegt Ihr Boot im Wald?

Ich habe mit dem Boot eigentlich nie etwas zu tun gehabt. Es gehörte meinem Onkel Heinrich Frischke, der sich in den Kopf gesetzt hatte, ein Schiff zu bauen. Er war eine Abenteurernatur und bewunderte Menschen, die auf eigene Faust die Welt erkundeten. So las er die Berichte von Heinz Helfgen, der Anfang der 1950er Jahre mit dem Fahrrad eine Weltumrundung durchführte. Später begeisterten ihn Francis Chichester und andere Einhandsegler seiner Zeit, und er beschloss wohl daraufhin, sich ebenfalls einer solchen Herausforderung zu stellen und dem Ruf der Meere zu folgen.

Wie kam es zu dem ungewöhnlichen Bauort auf einer Anhöhe nahe Bad Kreuznach mitten im Wald?

Mein Onkel hatte zu diesem Zeitpunkt nicht viel Geld, dafür aber dieses Waldgrundstück, wo er ungestört seinem Bootsbauprojekt nachgehen konnte. Die Baumaterialien hat er alle mit dem Fahrrad und einem Anhänger hochgeschafft. Das waren mitunter Blechtonnen und auch Bettgestelle, die er oben zerlegt und dann passend zusammengeschweißt hat. Alles ohne Strom und Maschinen. Das Schweißgerät war das einzige richtige Werkzeug, alles andere wurde per Hand gemacht. Eine respektable Leistung, wie ich finde!

Das Schiff wurde aber offensichtlich nie ganz fertig. Hat Ihr Onkel sein Projekt aufgegeben?

Meines Wissens hat ihn irgendwann eine Annonce in der YACHT zu dem Verkaufsangebot einer Zehn-Meter-Stahlsegelyacht in Puerto de Andratx auf Mallorca geführt. Da Heinrich inzwischen die Mittel dazu hatte, kaufte er das Boot kurzerhand. Sein Bauprojekt geriet dann etwas aus dem Fokus.

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Was ist dann passiert?

Im November 1987 brach er von Mallorca im Alter von 73 Jahren nach Las Palmas de Gran Canaria auf, wo er sich mit meiner Familie treffen wollte. Vor der algerischen Küste geriet er jedoch bei Khadra in einen schweren Sturm. Heinrich erlitt Schiffbruch und ertrank. Es war, als wäre er einem Schicksalsruf gefolgt, der so mächtig war, dass er ihm nicht ausweichen konnte. Er ist in Algier begraben.

Dann liegt sein nie vollendetes Schiff demnach seit rund 50 Jahren im Wald?

Ja. Wer hätte es auch wegbringen sollen nach seinem Tod? Meine Mutter hatte das Grundstück samt Schiff geerbt, konnte sich darum aber ebenso wenig kümmern wie ich, als ich das Erbe von ihr später antreten sollte. Über die unbefestigten Wege ist es generell schwierig, hier irgendetwas zu transportieren. Aber ich sehe es auch als eine Art Denkmal für meinen verstorbenen Onkel. Mittlerweile ist das Boot schon eine kleine Berühmtheit geworden, zu dem ein Lokalhistoriker und Geschichtenerzähler sogar geführte Wanderungen anbietet.

Auf dem Boot ist noch der Name „Windhuk“ zu erkennen. Was hatte es damit auf sich?

Mein Onkel pflegte ein großes Interesse an Geschichte. Besonders interessiert war er an dem Deutschen Kaiserreich und dessen ehemaliger Kolonie Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia. Die Hauptstadt Windhuk scheint ihn inspiriert zu haben, obwohl er selbst nie dort gewesen ist. Ob er vorhatte, dorthin zu segeln, vermag ich nicht zu sagen. Der Gedanke ist aber schön!


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Redakteur News & Panorama

Morten Strauch entdeckte als Teenager seine Liebe zum Segeln. Angefangen mit der Jolle auf dem Steinhuder Meer, folgten Chartertörns auf der Ostsee und im Mittelmeer. Bisheriger Höhepunkt war eine Zweihand-Atlantiküberquerung auf einem GFK-Klassiker von Miami nach Cuxhaven. Mit dem eigenen Boot zieht es ihn meist in die dänischen Gewässer. Seit 2022 ist er Redakteur bei der YACHT im Ressort Panorama mit einem Faible für historische Schiffe und Abenteurer.

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