Originaltext aus YACHT 16/01.
Wo war der Anfang? Wo geht alles zu Ende? In Goltoft an der Schlei, wo Wilfried Erdmann lebt, wenn er nicht auf See ist? In Missunde beim Fährhaus, wo er „Kathena nui“ auf diese letzte große Fahrt vorbereitet hat? In Cuxhaven, dem offiziellen Startpunkt seiner Reise gegen den Wind? Oder hier draußen, im Südwesten Englands, wo ein malerisch gelegener Leuchtturm bei Start Point den Ausgang des Ärmelkanals signalisiert und den Beginn des Atlantiks – jener großen, schier endlosen Weite, in der sich Wilfried Erdmann so wohl fühlt?
Er hat diesen Felsen schon oft passiert und immer eine besondere Beziehung zu der schroffen Küste empfunden, zuletzt Ende August vor einem Jahr. Es sei ein „magischer Ort“ für ihn, sagt Wilfried Erdmann. Hier öffnet sich der Ozean. Hier schließt sich ein Kreis. Und obwohl es von da an noch 580 Seemeilen bis Cuxhaven sind, ist Start Point für ihn Symbol seiner Rückkehr. Der Anfang vom Ende. Der Rest ist Austrudeln.
Aber wo bleibt Deutschlands bekanntester Weltumsegler? Am Eingang zum Kanal hat es in der vergangenen Nacht mit 60 Knoten gestürmt. Weiter draußen auf See waren es immer noch 40 Knoten Wind, gut 8 Beaufort. Vor dem Festlandsschelf hat sich eine tückische, bis zu sechs Meter hohe See aufgesteilt. Auch jetzt, zehn Stunden danach, laufen noch ungewöhnlich hohe Wellen aus Südwest heran. Sie lassen kleinere Boote immer wieder aus dem Blickfeld verschwinden. Doch nach zweitägiger Suche erscheint endlich ein winziger Punkt an der Kimm – dort, wo Wilfried Erdmann herkommen müsste. Der Punkt wird zu Segel, zu Schiff und schließlich zu Gewissheit. Er ist es.
Wie ein Matrose auf Landgang taumelt „Kathena nui“ vor dem Wind die Dünung herunter. Der Westwind, inzwischen zur Brise abgeflaut, reicht nicht aus, um ihren Kurs zu stabilisieren. Die Segel, angegraut nach mehr als 30.000 Meilen, schlagen. „Kathena“ sieht klein aus im Vergleich zu den Wellen, wirkt müde. Und doch strahlt das Aluschiff Stärke aus. Die nur 10,60 Meter lange Yacht, gebaut bei Dübbel & Jesse und schon einmal, vor 15 Jahren, auf einem Nonstop-Törn um die Welt erprobt, mutet an wie frisch aus der Werft gekommen. Kein Kratzer am Rumpf, keine Beule im Aluminium, der Unterwasseranstrich leuchtend rot wie bei der Abfahrt, unvorstellbare elf Monate zuvor.
Als wir näher kommen, ist von Wilfried Erdmann nichts zu sehen. „Kathena nui“ segelt unter Selbststeueranlage, mit festgelaschtem Groß und ausgebaumtem Klüver. Auf dem Vorschiff ist noch die orangerote Fock festgebändselt, mit der er den Sturm der letzten Nacht abgeritten haben muss. Der Lukendeckel steht offen. Ein Geisterschiff. Die unheimliche Vermutung, dass der Skipper bei dem horrenden Wind außenbords gegangen sein könnte, drängt sich auf. Aber dann schiebt Erdmann auch schon seinen Kopf aus dem Niedergang, blickt herüber und reckt unvermittelt die Faust in den Himmel.
Es ist eine ungewöhnliche Geste für diesen bescheidenen Mann, der nie viel Aufhebens um seine Person gemacht hat und stets ein Meister der leisen Töne geblieben ist. Doch in diesem Moment bricht auch aus ihm die Freude hervor. Ein Strahlen geht über sein vom Wetter gegerbtes Gesicht. Kein Johlen, kein Freudengeheul. Nur diese stumme Geste des Triumphs.
Geschafft! Vollbracht! Der unmögliche Törn, den vor ihm nur vier Männer je vollendet haben – er hat ihn durchgestanden. Und hier, 30 Meilen südwestlich von „seinem“ Start Point, erlaubt er sich zum ersten Mal, das Gefühl zu genießen.
Gut sieht er aus. Anders als beim letzten Treffen mit der YACHT vor Kapstadt, wo er nahe am Aufgeben war. Anders auch als nach seiner ersten, weit weniger strapaziösen Nonstop-Weltumsegelung mit dem Wind, die er im Juni 1986 nach „nur“ 271 Tagen geschafft hatte. Damals fiel es ihm schwer, sich zu artikulieren; er wirkte abgekämpft. Jetzt ist er, 61 Jahre alt, gegen den Wind gefahren, der älteste Mann auf dieser härtesten Route, noch dazu mit dem kleinsten Schiff. Und doch ist er voll da.
Seine Ausstrahlung, seine Kraft und Lebendigkeit sind unvorstellbar. Wie er übers Deck turnt, sich lässig an den Sicherheitsbügel am Niedergang lehnt und die enormen Bewegungen der alten Dünung auspendelt – all das lässt die Strapazen der vergangenen Nacht und mehr noch der zurückliegenden Monate vergessen. Ein Mann, spürbar eins mit seinem Schiff. Jede kleine Bewegung in vollkommener Harmonie mit der See.
„Mensch, Mensch, Mensch!“, sagt er, schüttelt den Kopf dabei und kann selbst noch kaum fassen, was er geleistet hat. Lange steht er einfach nur im Cockpit, findet keine Worte. Nur sein Gesicht und seine Gesten zeigen, wie tief glücklich er sich fühlt nach allem, was in seinem Kielwasser liegt: Einsamkeit, Stürme, Hunger, Nässe, Kälte und Tausende Meilen harter Kreuzkurse. Immer wieder reckt er beide Arme in den Himmel – obwohl er sich das eigentlich bis Cuxhaven aufsparen wollte. „Mensch, Mensch, Mensch!“
Welche Disziplin, welche Härte, welche Willenskraft dazu gehört, diese Fahrt zu Ende zu bringen, lässt sich kaum erahnen. Wilfried Erdmann spricht bei der Begegnung im Englischen Kanal nur andeutungsweise von den Entbehrungen, denen er sich fast ein Jahr lang ausgesetzt hat. Und schon das sprengt jede Vorstellungskraft.
Als er merkte, dass er mit seinen Vorräten nicht hinkommen würde, begann er früh zu rationieren. Er markierte seine Vorräte mit einem persönlichen „Haltbarkeitsdatum“. Ein Glas Marmelade etwa musste „vom 264. bis zum 299. Tag“ reichen, mehr als einen Monat lang. Falls es vorher aufgebraucht gewesen wäre, hätte es vor dem 300. Tag kein neues gegeben. In seinem Logbuch schrieb er zuletzt von Unterzuckerungserscheinungen, von der Sehnsucht, einmal durch einen Supermarkt zu stürmen. In schleichender Verzweiflung starrte er auf die Tausendmarkscheine, die er für alle Fälle an Bord hatte: „Wie viel Schokolade hätte ich dafür kaufen können?“ Sein Mittagessen sah zuletzt so aus: „Zwei Backpflaumen, zwei getrocknete Apfelringe, dazu eine Tasse Tee.“
Als wir ihm Nachschub für die letzten Meilen anbieten, verweigert er freundlich: „Ich will nichts, danke. Bis Cuxhaven, die paar Tage halte ich noch durch.“
Schwer war die Fahrt von Anfang bis zum Ende. Seine Berichte von Bord belegen das auf eindrucksvolle Weise. Immer wieder muss Wilfried Erdmann mit Stürmen fertig werden, mit Erschöpfung, mit Verletzungen. Schon nach knapp zwei Monaten schreibt er: „Ich hatte mir vorgestellt, ein wenig gleichmütiger zu sein, aber nein – es ist ein stetes Auf und Ab, auch innerlich.“ An seinem 61. Geburtstag fragt er sich im Indischen Ozean: „Ob ich das alles noch schaffe?“ Wenig später gerät er in das schlimmste Unwetter, das er je erlebt hat. Zwei Tage tobt ein schwerer Sturm; die Lage ist so kritisch, dass der 61-Jährige in Gedanken mit dem Leben abschließt. Aber er kommt durch.
Nördlich der Azoren, eine Woche vor unserem Treffen, spürt er einmal mehr: „Es wird Zeit, dass die Fahrt endlich zu Ende geht.“ Und als sei ihm nicht schon genug abverlangt worden, folgt kurz darauf der letzte Schwerwetter-Schlag eingangs des Kanals. „So schnell waren wir noch nie, ,Kathena‘ und ich“, sagt Erdmann. „Im Surf 15 bis 18 Knoten, unvorstellbar!“ Noch einmal kommt er an seine Grenzen. „Ich hatte Angst, ich habe gezittert.“
Während er mit uns spricht, leuchtet immer wieder Freude auf in seinem Gesicht. Die Gewissheit, es gepackt zu haben, macht Wilfried Erdmann stolz und glücklich. Aber da ist kein Überschwang, keine Überhebung, kein Größenwahn. In seiner Isolation hatte er mehr als genug Zeit, sich seiner Grenzen bewusst zu werden.
So wirkt er nachdenklich, selbstkritisch, abgeklärt kurz vor dem Ziel. Und nach einer Stunde sagt er: „Es ist besser, wenn ihr jetzt abbiegt.“ Auch die letzten Momente will er allein verbringen. Will konzentriert den viel befahrenen Kanal bewältigen und noch einmal zur Ruhe kommen.
Daheim in Deutschland bereiten seine Frau Astrid und Sohn Kym unterdessen die Ankunft in Cuxhaven vor. Die Deutsche Presse-Agentur (dpa) berichtet in einer kurzen Meldung von der bevorstehenden Rückkehr. Dutzende Fans fragen bei der YACHT an, wann sie ihr Idol bejubeln können. Selbst aus dem Süden Deutschlands reisen Segler an, um das Einlaufen in die Marina an der Seebäderbrücke zu verfolgen. Ohne es zu wissen oder zu wollen, ist Wilfried Erdmann in den vergangenen elf Monaten zu einem Seehelden geworden. Ein leiser Held.
Es wird eine schwierige Rückkehr für den Skipper von „Kathena nui“. Der Trubel, die Interviews, die vielen Fragen, die Neider und Kritiker – auf all das ist er nicht vorbereitet. Aber er wird es durchstehen wie noch jeden Sturm in seinem Leben.
Was er vorhat, wenn das Gröbste vorbei ist, fragen wir ihn beim Abdrehen. „Ich will mit Astrid nach Dänemark segeln“, sagt Wilfried Erdmann. Unweit ihres Heimatortes liegt eine kleine Insel. Da wollen sie hin, eine Woche lang. Ankern. Reden. Zusammen sein.
Seglerisch wird der Törn für Wilfried sicher langweilig werden. Aber menschlich eine ganz neue Erfahrung.

Herausgeber YACHT
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