50 Jahre lang zogen Erich und ich über die Ozeane – immer zusammen, immer ein Team, durch dick und dünn. Das Segeln entwickelte sich für uns zu einem Lebensstil, den wir intensiv lebten. Doch der war nicht ganz stressfrei zu haben: Wir erlebten Tropenkrankheiten, Feuer an Bord, den Verlust unserer „Freydis“, Taifune, Eispressungen und vieles mehr.
Trotzdem begeisterten uns die Herausforderungen noch mit 75 Jahren. Bis vor wenigen Jahren waren wir neun bis zehn Monate im Jahr an Bord unserer „Freydis“. In den letzten Jahren reduzierten wir das auf etwa vier Monate – so lang war die Segelsaison in der polaren Region Alaskas und der Nordwestpassage. Die übrige Zeit verbrachten wir in Deutschland, wo wir unseren festen Wohnsitz stets beibehielten. Ein Ort, an den wir im Notfall zurückkehren konnten. Das zu wissen war besonders im Alter wichtig.
Nach dem Verlust unserer alten „Freydis“ in Fukushima haben wir gemeinsam noch mit Anfang 70 einen Neubau gestemmt. Das war 2012. Was uns mit zunehmendem Alter schwerfiel, war das spartanische Leben. Der Verzicht auf Komfort forderte seinen Tribut. Das berücksichtigten wir beim Neubau zwar.
Große Stromfresser bauten wir aber trotzdem nur wenige ein: Autopilot, Kühl- und Tiefkühltruhe – das war’s. Keine Waschmaschine, elektrischen Küchengeräte und auch kein Inmarsat- Gerät. Wir hielten es mit Antoine de Saint-Exupéry, der sagte mal: „Technische Perfektion ist nicht erreicht, wenn man nichts mehr hinzufügen, sondern nichts mehr weglassen kann.“
Uns war wichtig, noch im Alter unsere Unabhängigkeit zu bewahren, denn Störungen in komplizierten Systemen lassen sich selten selbst beheben. Die Do-it-yourself- Methode war oft mühsam, bewährte sich aber bis zuletzt. In den letzten Jahren legten wir uns ein Sat-Phone zu. Damit empfingen wir auf See Wetterdaten und konnten in besonderen Fällen telefonieren oder kurze E-Mails senden.
Über weitere Erfahrungen berichtet Heide Wilts auch in ihrem neuen Buch „Lichter am Horizont“, Ihleo Verlag, 480 Seiten.
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Bei Notfällen kann Kommunikation ein Segen sein.
Für uns war sie es, als wir Taifunen in Mikronesien und Japan ausweichen oder während der Nordwestpassage Eisdaten herunterladen mussten.
Zunächst trieben uns sportliche Ambitionen, Neugier und Abenteuerlust an. Das veränderte sich mit zunehmendem Alter. Naturerlebnisse rückten immer mehr in den Vordergrund, dazu kam die Freude, unsere Erfahrungen mit Freunden und Mitseglern zu teilen. Und natürlich spielten auch unsere Hobbys eine Rolle: Erich fotografierte, ich schrieb.
Unsere „Herzenslandschaften“ blieben daher auch im Alter die antarktischen und arktischen Gebiete. Aber natürlich liebten wir auch die „Sonnenseite des Segelns“, die uns die Südsee bot. Dort hielten wir uns mehrmals auf – wenn man es zusammenrechnet, viele Jahre lang.
Auch im Alter bewahrten wir unsere Begeisterungsfähigkeit. Die physische Kraft und die Beweglichkeit nahmen jedoch deutlich ab – erfreulicherweise auch unsere Anfälligkeit für Seekrankheit. Ich hätte viel dafür gegeben, wenn das schon früher passiert wäre. Denn wir litten beide daran, ich allerdings stärker als Erich.
Obwohl gesundheitlich angeschlagen, wollte mein Skipper eine weitere anstrengende Segelreise in Angriff nehmen – nichts und niemand konnte ihn davon abbringen, auch ich nicht. Das ging schief. Erich musste nach Deutschland ausgeflogen werden. Es war das Ende unseres Seglerlebens.
Erichs Erkrankung beschäftigte mich monatelang. Gleichzeitig lag meine Schwester im Sterben. Der Entschluss, unsere „Freydis“ zu verkaufen, fiel schwer – er war auch mit Trauer verbunden. Aber so ist das schließlich im Alter:
Man muss lernen, Verluste zu verkraften und irgendwie alleine zurechtzukommen.
In den letzten Jahren setzte uns das Segeln arg zu. Ständig auf der Hut, ständig auf dem Sprung, ständig aus dem Seesack lebend. Dann kamen plötzlich neue, unerwartete Erfahrungen: Herzrhythmusstörungen und Schrittmacher bei Erich, Rückenoperation bei mir. All das war eine Bedrohung und eine Gewissheit, dass wir nicht mehr lange so weitermachen konnten. Wir mussten mit unseren Kräften haushalten.
Also planten wir nur noch ein Jahr im Voraus. Wir waren nicht mehr so anpassungsfähig, nicht mehr so tolerant wie früher – das enge Zusammenleben mit Crew kostete viel Kraft. Deshalb wollten wir mehr Zeit für uns, weniger Zeitdruck, segeln nach Lust und Laune. Doch dazu kam es nicht mehr. Stattdessen kam der Krebs, dann der Tod. Erich war 80, als er starb. So gerne wäre er noch weiter gesegelt.
Ab 75 sollte man nach meiner Erfahrung nicht mehr zu weit vom Krankenhaus entfernt segeln. Aber wer will das hören, solange die Begeisterung trägt?

Redakteurin Panorama und Reise