Salty BrothersWas 30.000 Seemeilen mit Freunden machen

Ursula Meer

 · 19.10.2026

Die Salty Brothers: Stephan Radegast, Nicolas Ahlbrecht und Robert Müller (von links).
Foto: Salty Brothers
​Drei Freunde wollten nicht auf die Rente warten. Mit Ende 20 kauften sie ein Boot und segelten los. Drei Jahre später ziehen sie Bilanz.

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​Die Salty Brothers auf Instagram – das sind optische Superlative in Serie: das türkisblaue Wasser der Tuamotu-Atolle etwa. Es ist so klar, dass vom Cockpit aus der weiße Sand in der Tiefe zu sehen ist. Die Atolle selbst – so groß, dass man nicht bis zum anderen Ende schauen kann. Kein anderes Boot weit und breit. Oder die Marquesas – grün und üppig. Buckelwale in Tonga. Lagerfeuer an tropischen Stränden.

Die Salty Brothers, das sind Nicolas Ahlbrecht, Robert Müller und Stephan Radegast – drei Süddeutsche, die mit Ende 20 ein Boot gekauft haben und losgesegelt sind. Ihre Bilder und Videos zeigen Abenteuer und Romantik. Jedoch: „Wir haben das als Projekt bezeichnet“, erläutert Stephan nach der Rückkehr und macht damit klar, dass die drei kein Träumertrüppchen sind. Immerhin gehören auch elendig lange Flauten auf hoher See, Stürme und ein aufgerütteltes Weltgeschehen zu ihrer dreijährigen Geschichte.

Die See ist selten gnädig mit allzu starren Plänen. Schon auf dem Atlantik verpassen sie knapp den Passat, dümpeln 23 Tage gen Westen und kommen am Neujahrsmorgen in der Karibik an. Keine Silvesterparty am Strand, stattdessen ist im Ankerfeld „komplett tote Hose, weil natürlich alle noch gepennt haben“, erzählt Robert lachend.

Im Südpazifik zwischen Tonga und Neuseeland können sie den in rascher Folge durchziehenden Tiefdruckgebieten nicht davonsegeln. Eine Front erwischt sie nur drei Tage vor der Ankunft, zieht tosend über ihr Schiff hinweg – und nimmt sie auf der Rückseite bei strahlendem Sonnenschein mit nach Whangarei. Auch zwischen den Solomonen und Indonesien kommt es dicke. Jede Nacht Blitze, wochenlang. „Wenn du weit und breit der einzige hohe Punkt bist und ungefähr weißt, was passiert, wenn du einen Blitz abbekommst ...“, erzählt Robert und stockt. Stephan wirft trocken das Wort „Blitzpsychose“ in den Raum. Robert widerspricht nicht.

Vier Jahre Vorbereitung auf der „Pepper“

Die beiden kennen sich, seit sie ab 2010 gemeinsam mit dem Projekt High Seas High School von Hamburg bis nach Mittelamerika gesegelt sind. Es folgten Sommer auf der Ostsee, Atlantiküberquerungen auf Traditionsseglern und schließlich 2019 der Entschluss, um die Welt zu segeln. Nicolas kommt über einen gemeinsamen Freund dazu. Er kennt die tausend Gründe, etwas nicht zu machen: „Wohnung auflösen, Job kündigen – das macht Angst. Aber vieles ist nur Kopfsache.“ Er hat damals auch kaum Segelerfahrung, sagt heute rückblickend aber: „Ich wusste, eine bessere Gelegenheit wird sich mir nicht bieten. Und das hat sich auch bewahrheitet.“

Vier Jahre lang bereiten die drei ihre Reise vor. Sie erstellen Sparpläne und Exceltabellen und überprüfen den Fortschritt in wöchentlichen Videokonferenzen. Gemeinsame Chartertörns auf dem Mittelmeer formen sie zur Crew. Die lange Suche nach dem passenden Boot endet in Almerimar, wo sie eher zufällig eine Elan 434 finden. Vier Kabinen, gutes Layout, topgepflegt. Sie taufen sie auf den Namen „Pepper“.

Weil drei Menschen auf 13 Metern auch menschlich miteinander auskommen müssen, setzen sie sogar einen Vertrag auf – eine Art Ehevertrag unter Freunden: Was passiert, wenn jemand aussteigen will? Was, wenn jemand eine Partnerin kennenlernt? „Wir haben versucht, potenziell sehr schwierige Situationen schriftlich vorzubesprechen“, sagt Robert. „Weil man dann, wenn es passiert, emotional ist und viel weniger klar denkt.“ Ihre individuellen Rollen im Projekt Weltumsegelung ergeben sich indes von selbst: Stephan als Architekt ist der Planer; Robert, der Fotograf, Mann für Bild und Boot. Und Nico, der Garten- und Landschaftsbauer, übernimmt die Technik wie Motor und Wassermacher.

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Im Sommer 2023 legen sie ab. Mehr als 15.000 Seemeilen auf jener Route, deren Farbpalette üppig mit den knalligsten Tönen bestückt ist, liegen hinter ihnen, als sie im Frühjahr 2025 in Whangarei auf Neuseeland festmachen. Die „Pepper“ liegt im Hafen der Town Basin Marina, ganz am Ende eines langen Fjords. Es ist kühl. Zum ersten Mal nach eineinhalb Jahren in Shorts und Flipflops müssen sie wieder warme Kleidung aus den Schapps suchen. Neuseeland ist in diesem Projekt ein besonderer Meilenstein. Ihr Finanzplan endet hier, die Runde um die Welt jedoch nicht. Beides stand schon fest, als die Reise begann.

Dass es trotz dieser Unsicherheit die richtige Entscheidung war, früh loszufahren, ist spätestens seit dem Pazifik klar. Denn unter den Blauwasserseglern gehören sie zu einer Minderheit: Die meisten anderen sind deutlich älter. „Guck mich mal an. Mein Knie ist kaputt, ich habe es im Rücken, und ich komme nicht mehr in den Motorraum. Hätte ich es mal früher gemacht – so wie ihr!“ So oder so ähnlich hören sie es immer wieder.

Nach 15.000 Seemeilen kommt die Erschöpfung

Dennoch zeigt sich zur Halbzeit auch eine gewisse Ermüdung. „Irgendwann hat man den hundertsten Palmenstrand gesehen“, sagt Robert. Neuseeland, rauer, grüner, kühler, ist ein willkommener Kontrast. Wie auch die geplante Pause. Alle drei brauchen eine Auszeit vom Segeln und vom Bordleben. „Eine Reise auf so engem Raum in so einer Freundeskonstellation zu machen, ist auch eine Herausforderung, die man nicht unterschätzen darf“, berichtet Stephan. Dicke Luft habe es zwischendurch zwar durchaus auch mal gegeben, „gestritten haben wir uns aber zum Glück nie“, fügt Nicolas an und ergänzt mit einem kleinen Lachen: „Vielleicht hat da die Liebe gefehlt.“

In Neuseeland machen sie auch einen Kassensturz. Wie viele andere Segler pflegen die Salty Brothers ihre Social-Media-Kanäle – wohl auch mit dem Gedanken, einen Teil ihrer Reise damit zu finanzieren. Besonders ihre Pazifiküberquerung geht viral. Ein Video hat fast drei Millionen Aufrufe. Innerhalb von 30 Tagen bekommen sie fast 50.000 neue Follower. „Wir konnten davon aber nicht leben“, stellt Stephan schlicht fest. Kooperationen bringen Sachleistungen – ein Dingi, Tauwerk, Solarpanels, Elektronik. Barmittel eher nicht.

Dafür jede Menge Arbeit. „Man muss sich gut überlegen, ob man an den schönsten Orten der Welt am Laptop sitzen oder sie wirklich erleben will“, bringt es Robert auf den Punkt. Stephan erinnert sich an die Momente, in denen er abwog: Videos schneiden oder Lagerfeuer am Strand? „Lieber das Lagerfeuer.“ Statt Tausende virtuell mitzunehmen, nehmen sie lieber Gäste an Bord, die die Bordkasse entlasten und frischen Wind in die See-WG bringen.

Ein halbes Jahr lang gehen sie arbeiten und verbringen Zeit mit Freunden und Familie. Danach ist die Bordkasse wieder gefüllt, und „man hat auch gemerkt, dass deutlich mehr Lust und Energie da war“, erzählt Stephan.

Was von den Traumrevieren in Erinnerung bleibt

Auch die zweite Hälfte der Reise führt die Salty Brothers in Traumreviere: zum Minerva Reef, einem Atoll mitten im Nirgendwo des Pazifik, das bei Flut unter der Wasseroberfläche verschwindet. Sie tauchen mit Mantas auf den Yasawas und sitzen abends am Lagerfeuer an tropischen Stränden.

Die schönsten Momente aber haben nichts mit Orten zu tun, sondern mit den Menschen, denen sie unterwegs begegnen. So helfen sie in Vanuatu etwa beim Bau eines kleinen Yachtclubs auf einer abgelegenen Insel. Eine Konstruktion aus Treibholz, ohne Strom, ohne fließendes Wasser. Die drei schaffen Batterien aus der Hauptstadt herbei und installieren Solarpaneele. Auf einer Nachbarinsel macht ein Einbaumkanu an ihrer „Pepper“ längsseits fest – ein polynesisches Pärchen, das die fremden Segler aus purer Neugier besucht. Sie laden sie zu sich ein, zeigen ihnen, wie sie leben, und bieten ihnen Früchte aus dem Garten an. Vier Stunden Gastfreundschaft ohne einen Hintergedanken. „Begegnungen wie diese“, sagt Robert, „machen einen Ort erst wirklich besonders.“

Dabei stimmt sie die Offenheit, mit der sie beinah überall empfangen werden, zunächst skeptisch. „Wir haben am Anfang immer gedacht: Der will doch irgendwas“, erzählt Stephan. „Aber das war einfach nicht so.“ Es dauert mindestens ein Jahr, bis sie dieses Misstrauen ablegen und lernen: „Wenn du nett zu den Leuten bist, dann sind die auch nett zu dir. Egal welches Land, welche Ethnie, welche Religion.“

Rotes Meer oder die lange Route um Südafrika?

In krassem Gegensatz dazu steht zur selben Zeit die geopolitische Lage. Die Salty Brothers müssen sich entscheiden: Segeln sie durch den krisengeschüttelten Nahen Osten oder über die gefährlichen Kaps von Südafrika zurück ins Mittelmeer? Einen Bootsverkauf vor Ort sieht der Projektplan nicht vor. Wohl aber die direkte Route durch das Rote Meer. Vorerst halten sie daran fest und segeln über Raja Ampat, quer durch Indonesien und bis nach Thailand, wo „Pepper“ ein gründliches Refit bekommt. Die grundsätzliche Entscheidung ist gefallen, endgültig ist sie dennoch nie. „Wir haben täglich geschaut und entschieden“, erzählt Stephan. Meile um Meile wird aus dem Plan eine Route. Im Frühjahr sind sie auf den Malediven.

Bei Eltern und Freunden zu Hause nehmen die Sorgen zu. Die drei telefonieren mit ihren Familien, dann machen sie sich auf in Richtung Rotes Meer. „Sie haben sich natürlich trotzdem Sorgen gemacht“, sagt Stephan leise. „Aber sie haben versucht, unsere Entscheidung nachzuvollziehen.“

Während sich die „Pepper“ Dschibuti nähert, gelten für das südliche Rote Meer erhöhte Gefahrenstufen. An Bord selbst aber fühlt es sich für die drei anders an, als die Nachrichtenlage vermuten lässt. „Man denkt immer, da ist Krieg und dann fliegen da die Kanonenkugeln“, sagt Stephan. „Aber das ist auch einfach ein sehr großes Gebiet. Unsere Position im Roten Meer war zeitweise weiter vom Iran entfernt als Teheran von München.“

Seglerisch wird es jedoch zu einem Knochenjob: enge Wetterfenster, kaum Möglichkeiten anzuhalten, 30 Knoten Gegenwind. „Ich hab noch nie so viele Wetter-Routings laufen lassen wie dort“, erzählt Stephan. „In Ägypten anzukommen, war der erleichterndste Moment der gesamten Rückreise.“

Nach mehr als 30.000 Seemeilen schließt sich der Kurs

Am 13. Juli 2026 überquert „Pepper“ die Linie, die ihr Kurs knapp drei Jahre zuvor südlich von Sardinien ins Mittelmeer gezeichnet hat. Dazwischen liegen mehr als 30.000 Seemeilen. Kurz umarmen sich die drei, machen Fotos, das war’s. Kein Knall, kein Feuerwerk. Das Wasser ist blau, der Wind weht, das Boot segelt weiter. „Das war ein Riesenprojekt mit so unendlich vielen Eindrücken“, sagt Robert, „dass man sich’s dann selbst fast nicht mehr vorstellen kann: So, jetzt sind wir um die Welt gesegelt! Schon verrückt.“ Nicolas denkt an die Einhandsegler, die ganz allein über diese Linie fahren. „Es ist wahrscheinlich gar nicht so anders. Es passiert halt einfach nichts. Man muss trotzdem weiterfahren.“

Das echte Finale kommt später, in Punat auf der kroatischen Insel Krk, wo die Familien sie erwarten.

Einige Wochen später ist die „Pepper“ bereits verkauft. Robert ist erst mal mit dem Moped an den Ammersee gefahren und hat dort Lust auf „echtes Segeln“ bekommen, denn „das war eine komplett andere Art von Segeln, die wir da betrieben haben“, erklärt er. „Ich bewege mein Haus um die Welt. Ob man gerade supermotiviert ist oder nicht, ist egal – du fährst einfach.“ Jetzt schaut er morgens auf die Wetter-App, sieht, dass der Wind passt und geht ein paar Stunden segeln, sportlich, ohne Plan.

Was sie jemandem raten würden, der noch unentschlossen ist? „Nicht lange zögern, einfach irgendwann anfangen.“

Drei Jahre, auch das haben sie gelernt, sind für eine Weltumsegelung eine denkbar kurze Zeit – zu kurz, um überall bleiben zu können, wo man gerne bliebe. „Vielleicht einfach losfahren und gucken, wie weit man kommt“, sagt Stephan folglich. „Es muss auch nicht die Weltumsegelung sein.“ Nico nickt: „Mittelmeer ist auch schön.“


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Im ausführlichen YACHT-Interview erzählen die Salty Brothers, was sie nach ihrer Rückkehr vermissen, wie sie die „Pepper“ fanden und warum aus festen Plänen im Laufe der Reise immer häufiger Ideen wurden: Drei Jahre auf See, ein Ehevertrag, keine Erwartungen.


Buchtipps

Sieben Farben Blau erzählt, wie Claudia Clawien und Jonathan Buttmann ihre Jobs kündigen, eine alte Segelyacht kaufen und mit wenig Erfahrung und knapper Kasse zur Weltumsegelung aufbrechen. Der Reisebericht zeigt, welche technischen und finanziellen Schwierigkeiten unterwegs zu bewältigen sind.

Freiheit auf Zeit stellt zwölf Weltumsegelungen vor, rekonstruiert aus Interviews mit Paaren, Soloseglern und einer Familie. Anders als der persönliche Reisebericht „Sieben Farben Blau“ macht das Buch unterschiedliche Entscheidungen, Schiffe und Routen vergleichbar. Die Gespräche am Ende der Kapitel geben Einblick in Erfahrungen mit Stürmen, Schlafmangel, knappen Kassen und der Organisation einer langen Reise.


Ist „einfach losfahren“ der richtige Rat oder braucht eine Weltumsegelung mehr Planung, als solche Rückblicke vermuten lassen? Diskutieren Sie mit und schreiben Sie Ihre Meinung in die Kommentare.

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Ursula Meer

Ursula Meer

Redakteurin Panorama und Reise

Ursula Meer ist Redakteurin für Reisen, News und Panorama. Sie schreibt Segler-Porträts, Reportagen von Booten, Küsten & Meer und berichtet über Seenot und Sicherheit an Bord. Die Schönheit der Ostsee und ihrer Landschaften, erfahren auf langen Sommertörns, beschrieb sie im Bildband „Mare Balticum“. Ihr Fokus liegt jedoch auf Gezeitenrevieren, besonders der Nordsee und dem Wattenmeer, ihrem Heimatrevier.

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