Antonia von Lamezan
· 19.09.2026
Steph: Gerade im Moment erst mal nicht. Ich bin ganz happy, wieder hier zu sein. Wir sind in München und ich versuche, wieder Fuß zu fassen.
Robi: Bei mir ähnlich. Ich bin sehr dankbar für die Zeit, aber gerade bin ich froh, wieder zu Hause zu sein, in der Nähe meiner Familie.
Robi: Ich bin noch in dieser Ankommensphase. Ich treffe Menschen zum ersten Mal seit drei Jahren wieder, mache Dinge wieder, die einfach nicht mehr möglich waren: ins Kino gehen, auf ein Konzert. Es ist schwer, das mit einem Gefühl zu beschreiben. Es ist von allem ein bisschen. Kleine Dinge fängt man an zu vermissen, morgens aufwachen und erst mal hinten ins Wasser springen. Das versuche ich jetzt am Ammersee oder mit der kalten Dusche zu kompensieren.
Steph: Auf dem Boot entscheidet größtenteils das Wetter, ob du einen guten Tag hast oder nicht. Herrliches Wetter, kein Wellengang, nichts zu reparieren: fantastischer Tag. Falscher Ankerplatz, Welle, Motor muss gewartet werden, dazu noch Regen: schlechter Tag. Und ich stelle mich schon darauf ein, dass irgendwann der Moment kommt, wenn es Herbst und Winter wird, ich am Schreibtisch sitze und denke: Was mach ich hier eigentlich?
Steph: Das war ein langer Prozess. Eigentlich wollten wir zuerst eine Xenia 54. Wir hatten sogar schon einen Kaufvertrag unterschrieben, weil wir kein austauschbares Charterboot wollten. Beim Gutachten in Almerimar stellten sich dann strukturelle Mängel heraus: Das Boot war mal auf Grund gelaufen, die Kielbolzen waren neu laminiert. Das war im Nachhinein unser Glück. Am selben Wochenende haben wir die Elan besichtigt, von einem norwegischen Ehepaar, das das Boot verkaufen wollte, noch gar nicht richtig auf dem Markt. So wie man es oft sagt: Das Boot findet einen. Die Norweger waren superfreundlich, das Boot war unglaublich gepflegt. Eine Vierkabinenversion: Jeder hatte eine eigene Kammer, plus eine Stockbettkammer. Optimal für unseren Zweck.
Robi: Nein, wir haben es sogar zum gleichen Preis wieder verkaufen können. Wir hatten natürlich investiert: das Boot blauwassertauglich gemacht, einen Geräteträger installiert, die Elektrik geupgradet. Aber den reinen Bootskaufpreis haben wir wiederbekommen.
Robi: Steph und ich eigentlich nicht so sehr. Das hängt damit zusammen, wie wir uns kennengelernt haben: vor 13 Jahren auf der High Seas High School, einem Klassenzimmer-unter-Segel-Projekt. 2010 und 2011 sind wir sechs Monate auf dem Traditionssegler „Johann Smidt" von Hamburg bis in die Karibik gesegelt. Danach noch mal als Crew auf der „Roald Amundsen", viele Sommer in der Ostsee, eigene Chartertörns in Kroatien, wo wir auch Nico ein bisschen ausgebildet haben. Der hatte am Anfang kaum Segelerfahrung. Ich habe auch am Ammersee viele Jahre als Segellehrer gearbeitet. Kurz vor dem Start haben wir den SKS gemacht und ein Offshore Survival Training in Elsfleth absolviert. Wir haben wirklich versucht, uns gewissenhaft vorzubereiten. Aber es war trotzdem noch ein großes Abenteuer.
Steph: Die Pazifiküberquerung hat 31 Tage gedauert, wir waren zu fünft an Bord. Allein das, auf so begrenztem Raum so lange unterwegs zu sein, ist eine Grenzerfahrung, vor allem psychisch. Und dann hatten wir in Tonga 60 Knoten Wind am Anker. Wir hatten Maximalkette geworfen, sind trotzdem geslippt und haben mit der Maschine dagegen gehalten. Gleichzeitig gab es Chaos bei den Nachbarbooten: Bei einem slipte der Anker, ein anderes war einhand unterwegs. Bei uns ist zum Glück nichts passiert.
Robi: Wir haben noch im Mittelmeer, kurz vor Gibraltar, den Propeller verloren, aus Gründen, die uns niemand erklären konnte. Wir hatten Glück, konnten zur nächsten Marina segeln und wurden von den Marineros in den Hafen gezogen. Am Anfang der Pazifiküberquerung riss bei drei Meter Welle der Schäkel vom Genuafall. Einer musste in den Mast. Wir haben Nico hochgekurbelt, weil er der Kleinste und Leichteste war. Hat geklappt. Die größte Belastung war aber die Dauerbelastung. Nach 25 Tagen auf See ist man einfach durch.
Steph: Bei der Atlantiküberquerung hatten wir eine ausgedehnte Flaute und sind genau einen Tag nach Silvester angekommen. Die letzten drei Tage dachten wir: Hätten wir doch an Silvester in der Karibik sein können. Angekommen sind wir an Neujahr um zehn Uhr morgens, als alle noch verkatert schliefen.
Steph: Das passt beim Segeln genau. Wir haben unsere Pläne irgendwann „Ideen" genannt, um die eigene Erwartungshaltung klein zu halten. Man darf eine generelle Vorfreude haben, aber die darf nicht zu präzise sein. Auf dem Boot kann sich durch Wetter oder Technik so viel ändern. Man muss flexibel bleiben.
Steph: Das sind eigentlich gar nicht die Orte, sondern die Begegnungen. Wenn wir sagen, Vanuatu war besonders, dann meinen wir eigentlich die Menschen, die wir dort getroffen haben, nicht den geographischen Ort. Was einem länger im Gedächtnis bleibt, sind fast immer Menschen.
Steph: Wenn wir jemandem eine Empfehlung geben könnten: Wenn man sich drei Jahre für eine Segelreise nimmt, vielleicht nicht von Anfang an planen, in diesen drei Jahren um die Welt zu fahren. Das baut unnötig Druck auf. Einfach sagen: Ich will schöne Orte mit meinem Segelboot erkunden, oder: Ich will Richtung Pazifik fahren. Und dann schauen, wie weit man kommt. Wenn man merkt, dass man zwei Saisons im Pazifik bleiben möchte, dann ist das eben so. Dann ist vieles möglich.
Robi: Das Leben auf engem Raum zu dritt, WG-Charakter. Wir sind danach nicht zerstritten, wir sind immer noch Freunde. Aber das war die größte Herausforderung: drei erwachsene Menschen mit verschiedenen Charakteren und Stimmungen, über drei Jahre auf engem Raum. Kommunikation ist der Schlüssel. Fast jedes Thema an Bord ging alle drei etwas an.
Steph: Wir haben vorher sogar einen Ehevertrag aufgesetzt.
Robi: Tatsächlich. Wir haben schriftlich festgehalten, wie wir mit potenziell schwierigen Situationen umgehen. Was passiert, wenn jemand aussteigen will? Was, wenn jemand stirbt? Was, wenn jemand jemanden mitbringen möchte? Szenarien, die in dem Moment zu emotional wären, um sie nüchtern zu besprechen.
Robi: Ich habe gelernt, mehr im Hier und Jetzt zu leben, nicht immer auf etwas hinzuarbeiten oder irgendwas in der Vergangenheit nachzutrauern. Einfach aktiv im Moment sein. Und ich war positiv überrascht, wie nett und hilfsbereit die Menschen fast überall waren. Wenn wir ein Problem hatten, hat kaum jemand gesagt: Ist euer Problem. Stattdessen: Mein Cousin hat eine Autowerkstatt, kommt mit. Wollt ihr was zu essen? Wir fahren bei meiner Oma vorbei, die kocht. Am Anfang haben wir immer gedacht, irgendwann will jemand Geld dafür. Wir haben mindestens ein Jahr gebraucht, das abzulegen. Dieses grundsätzliche Misstrauen loszulassen war wirklich befreiend. Es ist egal, welches Land, welche Religion: Wenn du nett zu jemandem bist, ist der auch nett zu dir.
Steph: Für mich waren es zwei Dinge. Erstens diese positive Lebenseinstellung, die man fast überall erlebt hat. In Griechenland, als wir das erste Mal zurück in Europa waren, wurde es mir wieder bewusst: plötzlich wieder Menschen auf der Straße, die einen anschauten, als wäre gerade die Welt untergegangen. Und zweitens Kommunikation. Ich habe viel über mich selbst gelernt, wie manche Dinge bei anderen ankommen, was meine Schwächen in bestimmten Situationen sind. Das ist das, was ich von der Reise am meisten mitnehme.
Das Interview führte Timm Kruse.
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