Ronja Dörnfeld im InterviewWeltumsegelung mit 25 – “Ich wäre stolz auf mich”

Kristina Müller

 · 17.12.2022

Ronja Dörnfeld, 25, ist wild entschlossen, um die Welt zu segeln. Doch am Boot gibt es immer wieder viel zu tun
Foto: R. Dörnfeld
Ronja Dörnfeld, 25, ist wild entschlossen, um die Welt zu segeln. Doch am Boot gibt es immer wieder viel zu tun

Lossegeln, obwohl das Boot nicht fertig und das Studium noch nicht abgeschlossen ist: Ronja Dörnfeld verfolgt ihren Traum von der Weltumsegelung mutig und auf eigene Art

Ein später Nachmittag Anfang November auf Gran Canaria. Die Sonne verschwindet allmählich hinter den Bergen und taucht den Yachthafen der Inselhauptstadt in warmes Licht. Während auf vielen Booten entlang der Stege bald Sundowner gereicht werden und der Tag einen entspannten Ausklang nimmt, wird an Steg Z auf einer alten Moody mit deutscher Flagge am Heck noch gearbeitet. Malerkrepp klebt auf dem Teakdeck, und unter Deck hängt ein großes Blatt Papier am Schott, das die Aufgaben bis zur bald beginnenden Atlantiküberquerung in die Rubriken „Absolut wichtig“ und „Wäre schön, wenn“ unterteilt. Die Crew kommt gerade mit dem Beiboot vom Bad jenseits der Hafenmole zurück – einmal kurz ins Wasser hüpfen muss trotz des straffen Zeitplans sein.

Verlagssonderveröffentlichung

„Kannst du über die Festmacher an Bord kommen?“, fragt Ronja Dörnfeld, Skipperin des Bootes, den gerade eingetroffenen Besuch von der YACHT und zeigt, was sie meint: Um trotz hohem Steven, noch höherem Bugkorb und ohne Leiter an Bord ihrer „Malouine“ zu gelangen, turnt die junge Frau im gestreiften Leinenkleid flink über eine der beiden Vorleinen runter zum Steg und wieder zurück an Bord. Das unkonventionelle Manöver lässt erahnen, dass Ronja Dörnfeld keine gewöhnliche Seglerin ist, die hier werkelt und die in wenigen Tagen mit ihrer Crew in die bisher längste Etappe ihrer Weltumsegelung starten will.

Im Frühsommer 2022 hat die 25-Jährige Wolgast an der Ostsee verlassen, um auf große Fahrt zu gehen. Am liebsten so lange wie möglich, am liebsten so oft wie möglich allein. Dörnfeld ist binnen weniger Monate von Deutschland auf die Kanaren gesegelt, wo sie von ihren Plänen und der bisherigen Reise erzählt, vom Bootsrefit und davon, wie sie sich das Abenteuer überhaupt ermöglicht.

YACHT: Ronja, du arbeitest seit Jahren auf dieses Ziel hin. Was ist das für ein Gefühl, auf den Kanaren angekommen zu sein und nun bald über den Atlantik zu segeln?

Ronja Dörnfeld: Es ist schon cool, wie weit ich bisher gekommen bin. Und es ist super, endlich dort zu sein, wo Palmen wachsen (lacht).

Willst du wirklich um die Welt?

Ja, davon träume ich schon lange. Ich will auf der Barfußroute durch den Panamakanal, nach Galapagos und weiter nach Australien. Dort würde ich am liebsten länger bleiben und ein Jahr „Work and Boat“ machen, also auf dem Boot wohnen und vor Ort arbeiten. Wenn das funktioniert, könnte meine Reise auch länger dauern.

Wie lange willst du denn unterwegs sein?

Ursprünglich hatte ich zwei Jahre geplant, so lange hätte mein Erspartes gereicht, wenn ich ein Boot hätte kaufen müssen. Aber dann habe ich dieses bekommen, und jetzt sage ich eher: drei Jahre! Das würde geldtechnisch hinhauen, aber wenn ich unterwegs arbeiten kann, könnte ich es vielleicht noch weiter ausdehnen.

Du bist mit einer Moody 41 unterwegs. Wieso dieses Boot?

Ich habe diesen Traum von der Weltumsegelung schon sehr lange. Wann fängt man an, von so etwas zu träumen? Als Opti-Kind? Vielleicht war es auch eher zwischen der siebten und zehnten Klasse. Auf jeden Fall habe ich sehr früh begonnen, für ein eigenes Boot zu sparen, um irgendwann einmal damit um die Welt zu segeln. In meiner Vorstellung war das nach dem Arbeitsleben, wenn ich in Rente gehen würde.

Das scheint ja nun deutlich früher zu klappen!

Ja, weil meine Freunde vor gut fünf Jahren zu mir sagten, ich solle doch einfach meinen Vater mal fragen, ob ich nicht eines seiner Boote nehmen kann. Er hat eine Charterfirma. Das habe ich dann gemacht, und wir haben die Vereinbarung getroffen, dass ich eine Weile in der Firma mithelfe und dafür ein Boot für meine Reise nutzen kann. Mein Vater bleibt weiterhin der Eigner. Zwei Winter und einen Sommer habe ich an Yachten gearbeitet. Außerdem hatte ich noch weitere Studentenjobs, um Geld für die Reise zu verdienen. Das war mehr als ein Fulltime-Job und sehr anstrengend.

Gab es viel zu tun am Schiff?

Auf jeden Fall! Im Winter bevor es losging, habe ich zusammen mit meinem Freund fast nur noch an diesem Schiff gearbeitet. Wir haben den Cockpitboden komplett erneuert, das Sandwichmaterial unter dem Steuer war weich und feucht. Wir haben einen Windpiloten angebaut, den ich von einem anderen Segler im Gegenzug dafür bekommen habe, dass ich sein Unterwasserschiff gemacht habe. Wir haben alle Borddurchlässe und Seeventile erneuert, außerdem die Batterien und viel Elektrik.

Hat sich unterwegs alles bewährt, oder sind neue Baustellen aufgetaucht?

Es gab ein paar Zwischenfälle. Noch auf der Ostsee hatte ich einmal sehr viel Wasser im Boot und konnte mir nicht erklären, woher es kam. Die Bodenbretter vorn sind schon aufgeschwommen. Es war aber glücklicherweise nur Süßwasser, das aus einem abgerutschten Schlauch im Bad floss. Dabei hat jedoch die Lenzpumpe Schaden genommen. Sie gab schwarzen Rauch von sich, während alles voller Wasser stand. Das war nicht so cool und ein Schock. Glücklicherweise habe ich noch zwei weitere Lenzpumpen.

Und das war noch nicht alles?

Nein. Auf Helgoland haben wir Dieselpest im Tank festgestellt, und außerdem hat sich dort herausgestellt, dass ich Corona habe. Acht Tage lang war ich in Quarantäne und durfte nicht an Land gehen. Mir ging’s auch ziemlich dreckig, sodass ich einen Tag sogar im Krankenhaus war. Mehr habe ich von der Insel nicht gesehen.

Wie hast du dich – abgesehen vom Bootsrefit – auf die Reise vorbereitet?

Ich segele ja schon von klein auf und habe irgendwann begonnen, alle Weltumsegler-Bücher zu lesen, die ich finden konnte. Unter anderem das von Jessica Watson, die allein und nonstop um die Welt gesegelt ist. Ich wollte ursprünglich auch möglichst viele Etappen allein segeln. Ich wäre dann besonders stolz auf mich. Aber bisher habe ich meistens doch Freunde mitgenommen oder meinen Freund Jan. Dabei habe ich gemerkt, dass es eigentlich mehr Spaß macht, mit anderen zusammen zu segeln. Und außerdem ist es gut für die Bordkasse (lacht).

Wann fängt man an, von einer Weltumsegelung zu träumen? Als Opti-Kind? Ich habe sehr früh begonnen, für ein Boot zu sparen”

Wer segelt mit dir über den Atlantik?

Ein Freund, ein Mitsegler, der für jemanden einspringt, und mein Freund. Dessen kleiner Bruder schickt uns übrigens von zu Hause aus Wetterinfos aufs Satellitentelefon.

Du segelst mit der Flotte der ARC Plus. Wieso, wenn die Reisekasse ohnehin knapp ist? Das ist ja nicht umsonst.

Wegen der Regatta dabei! Ich bin eigentlich mehr Regattaals Fahrtenseglerin, bin früher in Berlin viel 420er- und Melges-Regatten gesegelt. Außerdem fand meine Mutter die Idee gut, dass wir dann durchaus in Funkreichweite zu anderen Yachten segeln.

Was sagt deine Familie überhaupt zu deinen Plänen?

Die segeln alle und waren nicht besonders überrascht. Meine Oma meinte: „Laura Dekker war erst 16, und Whatsapp funktioniert weltweit.“ Allerdings fand sie die Idee nicht so gut, dass ich mein Studium vor der Reise nicht beende. Deshalb musste ich meine Bachelorarbeit von unterwegs fertig schreiben, da ich es vor der Abfahrt nicht geschafft habe.

Wie funktioniert das denn?

Ich studiere Geowissenschaften und schreibe im Fach Bodenkunde die einzige Arbeit, die nicht im Labor erstellt werden muss. Ich habe ein Lernkonzept für Grundschulen zum Thema Boden- und Naturschutz erstellt. Immer wenn wir während der Reise mal wieder auf gutes Wetter warten mussten, hatte ich ein paar Tage Zeit, daran zu arbeiten. Auf Madeira habe ich die Arbeit schließlich abgegeben. Ich hatte vorher geklärt, dass ich sie übers Internet verteidigen kann. Meine Betreuer wissen, dass ich unterwegs bin. Die Verteidigung soll nun nach der Atlantiküberquerung in der Karibik stattfinden.

Das klingt ja sehr entspannt!

Total. Ich habe viel Glück.

Nebenbei fütterst du auch noch deinen Instagram-Kanal. Wie läuft das?

Ich dachte, dass ich das cool finde. Aber es ist eigentlich eher anstrengend. Ich bekomme viele ungefragte Tipps zu Reparaturen und Werkzeug von anderen Seglern. Das muss nicht immer sein.

Denkst du manchmal schon an die Zeit nach der Reise?

Nein, ich will erst mal nur segeln. Es gibt glücklicherweise keinen Termin, an dem ich das Boot zurückgeben muss.


Die Crew für die Weltumsegelung

Ronja Dörnfeld und ihr Freund Jan Seltrecht Foto: R. Dörnfeld
Ronja Dörnfeld und ihr Freund Jan Seltrecht

Ronja Dörnfeld und Jan Seltrecht sind ein segelverrücktes Paar. Das Projekt Weltumsegelung hat Dörnfeld jedoch allein initiiert. Ihr Freund begleitet sie nur abschnittsweise. Am liebsten würde die 25-jährige Berlinerin möglichst viele Etappen solo segeln – auch wenn das eine nicht zu unterschätzende Herausforderung ist.


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