Ursula Meer
· 16.06.2026
Es sind nur wenige Schritte von der Stickenhörnmole in eine andere Welt. Prieser Strand 12b in Kiel: Wer hier lebt, hat unter sich das Wasser als Fundament. Und kann täglich beim ersten Morgenkaffee zusehen, wie die Sonne über der Mole aufgeht. Vielleicht quaken Enten oder fiepsen junge Schwäne, deren Eltern auf dem Steg nisten. Permanent leben und arbeiten auf dem Boot – ein Traum für viele. Die Bewohner der Schwentineflotte leben ihn.
Über dem Hafen hängt noch die Kühle des Morgens. Es riecht nach Salzwasser, Holz und feuchtem Grün. Am Ufer blühen erste Blumen in einem kleinen Garten mit Vogelhäuschen und Insektenhotel, dahinter knarzen Leinen an Dalben. Auf einem der Stege werden gerade frische Planken verlegt, wie üblich in Eigenregie, heute aber überzogen von einem Schatten: Am Vorabend hat die Schwentineflotte erfahren, dass ihre Oase in Gefahr ist.
Uwe Stahl, zweiter Vorsitzender des Vereins Schwentineflotte, radelt über die Mole heran. Ein weißer Haarkranz lugt unter seiner Mütze hervor, die blaue Outdoorjacke schützt ihn vor dem kühlen Wind. Er zeigt auf die 50 Boote, die dicht an dicht an zwei Stegen liegen. Manche top gepflegt und segelklar, andere ein bisschen „schüttelig“, wie er die von Grünspan überzogenen nennt, oder solche, auf deren Deck anscheinend ein halber Hausstand gelagert wird.
27 Menschen haben hier ihre feste Meldeadresse – eine Rarität, ist doch in den meisten deutschen Häfen das Dauerwohnen verboten. Die Schwentineflotte ist eine seltene Ausnahme, früher wohnhaft am Kieler Fischmarkt an der Mündung der Schwentine, heute im Plüschowhafen. In einer Ecke liegt ein selbst gebautes Hausboot mit einer Badewanne hinter Glas, weiter hinten am Steg eine chinesische Dschunke, dazwischen Yachten aus GFK oder Holz. Manche sind segelklar, bei anderen müsste vor dem Ablegen eine Weile verräumt werden, bis aus dem Wohn- ein Segelboot wird.
In einigen Boxen liegen daher auch gleich zwei Boote: eins zum Wohnen, das andere zum Segeln. Weiter draußen ankern einige teils verwahrloste Boote. „Wenn eines der Boote zu sinken droht, kümmern wir uns darum, um mögliche Umweltschäden abzuwenden“, erklärt Uwe. Aber „die bereiten uns Probleme, denn man bringt sie sofort mit uns in Verbindung, obwohl sie nicht zu uns gehören“, erklärt er. Das Image der Flotte als Aussteigerhafen sei ein hartnäckiges Vorurteil, erklärt die frühere Segel-Bloggerin Kim Pack: „Außenstehende denken das, aber das ist nicht so.“
Gerade flitzt sie auf der Mole hinter ihrem kleinen Sohn her und erledigt zwischendurch dienstliche Telefonate. „Hier leben Unternehmer, Selbstständige, Angestellte, ausgebildete Fachleute aus allen möglichen Richtungen.“ Einige gehen an Land ihrer Arbeit nach, andere sind Rentner oder Lebenskünstler, die sich bewusst von dem losgesagt haben, was sie als „System“ bezeichnen. Freiheit und Fantasie statt Vollzeitstelle und Bausparvertrag.
Im wohnlichen Steuerhaus ihrer „Vrij“ – niederländisch für „Frei“ – beschreibt die Vereinsvorsitzende Vera Fichtner die Schwentineflotte als Wohnprojekt, Verein und Lebensform. „Das ist ein Mikrokosmos, der funktioniert“, sagt sie, „aber kein einfacher.“ Wenn sie spricht, unterstreichen ihre Hände und Arme rege das Gesagte. Die Schwentineflotte sei keine „Wir haben uns alle lieb“-Gemeinschaft, so Fichtner, sie durchlebe Reibungen und Konflikte. „Es gibt viele Hähne“, sagt sie lachend. „Als Vorsitzende darf man nicht konfliktscheu sein.“ Sie holt die Flagge der Schwentineflotte hervor und hält sie gegen das Licht: Eine Sonne und ihre Strahlen im Verlauf eines Tages, von frischem Sonnenaufgangsgelb zu sanftem Blau am Abend. Wie der Blick von Ost nach West aus dem Fenster ihrer 98 Jahre alten niederländischen Tjalk.
In der Ecke des Wohnraums steht ein Ofen, der im Winter das Boot auf „fast zu warm“ heizt. Auch große Wassertanks und eine Mini-Kläranlage machen das Bordleben vergleichsweise kommod. Andere müssen bei jeder Witterung zum Waschhaus. Die Lehrerin war schwer krank und hat gemeinsam mit Mann und Sohn das Haus in Köln gegen das Leben an Bord getauscht. „Ich bin sicher, dass mich das hier gesund hält“, erzählt sie offen.
Damit ist sie nicht allein. Einer ist seit 25 Jahren trockener Alkoholiker. „Die Gemeinschaft hat mich gehalten, ohne die hätte ich es nicht geschafft“, erzählt er und zieht an seiner selbst gedrehten Zigarette. „Hier muss ich kein Bier trinken, um cool zu sein.“
Ein anderer berichtet von den Törns, die er früher unternommen hat, Nord- und Ostsee, Atlantik. Sie endeten jäh mit einer Krebsdiagnose. Nur knapp hat er überlebt, lange Törns sind nicht mehr drin. „Ich kann eine Weile durchhalten, dann muss ich mich wieder hinlegen. Mein Symbiont braucht dann Ruhe.“ Er hebt kurz sein T-Shirt und zeigt auf einen Urostomiebeutel. „Ich nenne ihn Schnulli.“ Diese Offenheit, mit der hier über Krankheit, Schwäche, Scheitern und Wiederaufstehen gesprochen wird, findet man draußen vor dem Hafentor selten.
Nichts wirkt inszeniert, alles ehrlich. Klare Kante, die es braucht, damit die Crew zusammenhält. Ihr Törn führt nicht durch schwere See, aber wenn sich Welt und Haltungen ändern, muss auch in dieser Gemeinschaft nachgetrimmt, mitunter abgewettert werden.
Zwei Container haben sie oben auf der Mole zu Gemeinschaftsräumen umgebaut, mit Dusche und WC, Küche und Waschmaschine. Davor ein lang gezogener Raum mit Sofas, Briefkästen, Spielzeug und allerlei Bootszubehör. Auf einer Wäscheleine trocknet Bettzeug. Große Fenster bieten freien Blick über den ganzen Hafen.
Frank Sebesse lebt schon seit Jahrzehnten in der Flotte. Er kneift die Augen vor dem Sonnenlicht zusammen und zeigt stolz auf eine Sauna mit Dachterrasse und Hafenblick, die sie in das Steuerhaus eines abgewrackten Kutters gebaut haben. In der Gemeinschaftsküche steht ein großer Korb mit Brötchen. Eine Tankstelle in der Nähe überlässt ihnen das nicht verkaufte Gebäck, das sonst in der Mülltonne landen würde. An der Wand hängt eine Fotogalerie in Schwarz-Weiß oder Farbe, manche schon verblasst. Menschen, die hier gelebt haben und hier gestorben sind. „Da hängen schon ein paar“, sagt er.
Sebesse erinnert sich an jeden einzelnen. Besonders an den Schwerstkranken, dem sie mit knapp vierzig den letzten Wunsch einer allerletzten Nacht auf seinem Boot ermöglichten. Sie bauten ihm eine Treppe, damit er an Bord kam, und passten die ganze Nacht auf ihn auf. Zwei Tage später starb er, zurück im Krankenhaus. „Ja, hier wird gelebt, hier wird auch gestorben.“
Beim Gang über den Steg klopft Uwe Stahl vorsichtig an ein Boot und steigt über. „Der Eigner kann sich kaum noch rühren, geht aber nicht zum Arzt“, erzählt er, als er wieder herunterklettert. „Aber man kann die Menschen doch nicht allein lassen in ihrem Elend.“
Das Geländer einer Leiter am Steg ist blank poliert vom vielen Festhalten. Toni ist über siebzig und kommt kaum noch hoch zum Steg. „Am Wochenende bauen wir ihm eine Gangway“, erklärt Stahl. „Hier kümmert man sich, bevor jemand um Hilfe bitten muss.“ Das hat auch Frank Sebesse vor vielen Jahren erlebt, als es ihm sehr schlecht ging. Er bezweifelt, dass er es anderswo gepackt hätte. Heute, als Rentner, kann er sich an Bord ein Leben leisten, das er mit einer Wohnung an Land nicht hätte. „Was ich hier in dieser Oase bekomme, gebe ich durch meine Arbeit und mein Engagement zurück“, erklärt er.
Sein Job als ehrenamtlicher Kassenwart war kein leichter. Er begann 2012 mit einem beinahe leer gefegten Konto. Der Verein musste einen Kredit für neue Dalben aufnehmen, weil die alten von Bohrwürmern zerfressen waren. Sebesse, ohne kaufmännische Ausbildung, brachte sich Buchführung bei, engagierte einen Steuerberater, trieb Außenstände ein. „Innerhalb eines Jahres kamen wir von 2.000 auf 75.000 Euro Guthaben“, sagt er nicht ohne Stolz.
Die Oase hat klare Regeln. „Die Wellenlänge muss passen“, erläutert Uwe Stahl. Die Vereinssatzung verbietet Rassismus und Faschismus. Das ist nicht verhandelbar. 15 Stunden Arbeitsdienst im Jahr sind Pflicht, ebenso eine Bootsversicherung. Wer Mitglied werden will, kommt auf eine Warteliste und später, eine Dreiviertelmehrheit vorausgesetzt, auf die Schiffsliste für einen Liegeplatz. Um die 100 Leute sind auch ohne Ambitionen auf einen Liegeplatz zahlende Mitglieder, einfach aus Überzeugung, vielleicht aber auch wegen der Traditionen, die sich über die Jahre entwickelt haben. Hafenfeste mit Musikzelt, eine Fischmarkt- und eine Rum-Enten-Regatta, bei der mehr gelacht als gesegelt wird. Ansegeln im Frühjahr, Weihnachtsfeier und Grünkohl-Essen im Winter. Picknick auf dem Steg, Müllsammeln auf der Mole. Im Winter baut die Truppe oben auf der Mole ein großes Tipi aus Balken und alten Segeln auf, drinnen Pallettenmöbel, ein Samowar und ein Ofen.
Enno Doobe – weiße Haare und weißer Bart, starke Stimme und ein Lachen, das weit über den Steg schallt – erzählt von den Vorzügen des Lebens in der Wassergemeinschaft: „Man kann hier baden, angeln, Kinder lernen auf der Mole Fahrrad fahren. Wir sind auch Anlaufpunkt für viele Leute aus Friedrichsort, keine Außenseiter.“ Er hat drei Kinder hier großgezogen, mit einem Zweitschiff als Schlafzimmer, und unternahm mit ihnen lange Törns nach Marokko und auf die Kanaren. Ein Haus hat er zwar auch, aber das bezeichnet er als „mein Lager, meine Basis“, der Hafen ist sein Leben. „Der Kontakt zu Alten, zu Jungen – das ist wie eine große Familie.“
Die musste bei der Ostseesturmflut 2023 richtig ran. Bei den Erzählungen überschlagen sich die Vereinsmitglieder fast, der eine ergänzt die Sätze des anderen. Wie sie die ganze Nacht gemeinsam Wache gehalten haben oben im Gemeinschaftshaus. Wie sie mit Dingis zwischen den Stegen gefahren sind, um Leinen nachzusetzen und nach dem Rechten zu sehen. Bis sie die Nachricht erhielten, dass nebenan im Sportboothafen Stickenhörn das Boot von Fiete gesunken ist.
Ausgerechnet. Fiete-Christoph Eckert ist so etwas wie das Ziehkind der Flotte. Er wohnt fußläufig, nur wenige Minuten entfernt, und verbrachte seit seinem 14. Lebensjahr „mehr Zeit hier als zu Hause“, wie er sagt. Heute ist er bei den Seenotrettern für die Inspektion der Rettungsboote an Nord- und Ostsee zuständig. Dafür musste er eine anspruchsvolle Ausbildung absolvieren, wie die Älteren mit einer Art elterlichem Stolz erzählen. Während der Sturmflut sank sein Boot im Sportboothafen Schilksee, er selbst war im Dienst. Vera Fichtner erzählt: „Morgens ist sofort unser Schlauchboot rübergefahren. Wir haben alle verfügbaren Pumpen und Generatoren rübergebracht und alles, was als Auftriebsmittel dienen kann.“ Einer brachte Tauchequipment und verbrachte Stunden unter Wasser. Noch am selben Tag schwamm das Boot wieder, lange vor allen anderen.
Wie sich hier alle um einander und die Boote kümmern, bezeichnet Eckert als „ganz besondere, auf ihre Art vorbildliche Seemannschaft“. Wohl auch deshalb ist die Schwentineflotte in der Segelszene ein Geheimtipp. Gastlieger sind willkommen, aber Werbung wird nicht gemacht, denn „wir wollen unseren kleinen Mikrokosmos erhalten“, sagt Frank Sebesse.
Ein frommer Wunsch, dessen Erfüllung nun auf der Kippe steht. Die Stadt Kiel plant, das gesamte Gelände am Plüschowhafen an die Bundeswehr abzutreten. Ein Seebataillon soll hier Stellung beziehen, Zivilisten unerwünscht. Ausweichen, neu anfangen, das kennen gerade die langjährigen Bewohner schon aus den 1990er-Jahren. „Heide Simonis hat uns damals als Kulturgut bezeichnet“, erinnert sich Enno Doobe. Nach 28 Jahren beruhigender Kontinuität sind jetzt wieder viele Fragen offen.
„Gemeinschaft braucht Raum“, so Vera Fichtner. Raum zum Leben, zum Arbeiten, zum Altwerden. Ob sie bleiben können, weiß jetzt noch niemand. Also wird an diesem Morgen weitergebaut, weitergelebt, mit der Hartnäckigkeit derer, die schon einmal weichen mussten und neu anfingen. Aus einem Lautsprecher am Steg singt Bob Marley: „Every little thing is gonna be alright.“

Redakteurin Panorama und Reise
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