Ursula Meer
· 08.06.2026
Der Traum vom Weltrekord ist erneut geplatzt: Der Extremsegler Andrew Bedwell wurde am Freitag, den 6. Juni 2026, von der kanadischen Küstenwache aus seinem nur 100 Zentimeter langen Mikroboot "Big C V2" gerettet. Nur 48 Stunden zuvor war der britische Segler von St. John's in Neufundland aus zu seinem zweiten Versuch gestartet, den Atlantik im kleinsten Boot aller Zeiten zu überqueren. Es ist ein weiterer herber Rückschlag für den 52-jährigen Abenteurer aus Lancashire, nachdem bereits sein erster Versuch 2023 dramatisch scheiterte.
Am Freitagmorgen gegen 9:30 Uhr Ortszeit wurde die kanadische Küstenwache alarmiert. Bedwell befand sich etwa 75 Seemeilen östlich von Grates Cove vor Neufundland und benötigte Hilfe. Ein Küstenwachschiff erreichte gegen 14:15 Uhr die Position, brachte den Segler sicher an Bord und kehrte nach Old Perlican zurück. Die "Big C V2" musste auf See zurückgelassen werden.
Auf der offiziellen Facebook-Seite "Big C Atlantic Challenge" teilte sein Team lediglich mit: "Technisches Problem. Andrew geht es gut und er ist zurück an Land. Weitere Updates, sobald wir können.“ In seinem letzten Posting am 4. Juni hatte Bedwell selbst geschrieben: "Tag 2: Luftdruck fällt, also weiß ich, dass etwas kommt, bin etwas ängstlich, da ich noch keinen Wetterbericht gesehen habe." Der Wind kam aus westlicher Richtung mit 8 Knoten bei blauem Himmel. Die Big C Tracking-App ist derzeit abgeschaltet. Zuletzt war darauf zu sehen, dass sich das Micro-Boot noch auf See vor der Küste Neufundlands befindet.
Es war ein dramatisches Ende: Im Mai 2023 musste Bedwell schon seinen ersten Versuch nach wenigen Stunden wegen Wassereinbruchs abbrechen. Die Ursache war ein fataler Fehler: Kurz vor dem Start in Kanada musste ein spezieller Sicherungsbolzen mit O-Ring-Dichtungen ausgetauscht werden. Der aufgetriebene Ersatzbolzen hatte zwar auch eine Gummidichtung, aber ein durchgehendes Gewinde. Bereits nach wenigen Stunden auf See erwies sich das Provisorium als unbrauchbar.
"Es war meine Schuld, ich hätte es machen sollen", erklärte Bedwell später. Durch die Einkerbungen des Gewindes konnte Wasser trotz der Dichtungen von unten eindringen. "Ich hätte das Wasser zwar ständig abpumpen können, aber zu meiner Frau habe ich immer gesagt, dass ich umkehren werde, wenn ich mit etwas nicht zufrieden bin."
Das eigentliche Drama folgte am nächsten Morgen: Als die mit geschätzt über einer halben Tonne Wasser vollgelaufene "Big C" ausgekrant werden sollte, kam es zur Katastrophe. Die Hebevorrichtung versagte – laut Bedwell rissen die Seile – und das Boot krachte mit voller Wucht auf den Betonboden. Die Schäden waren irreparabel.
In einem emotionalen Video sagte damals der unter Tränen aufgelöste Bedwell: "Ich bin mehr als am Boden zerstört. Ich hatte gehofft, sie zu reparieren und dann entweder weiterzumachen oder sie für einen späteren Versuch nach Großbritannien zurückzubringen. Leider ist nichts davon jetzt möglich." Bilder vom zerstörten Boot veröffentlichte er nie.
Doch nur wenige Tage später kündigte Bedwell an, wieder angreifen zu wollen. Im Hotelzimmer in Neufundland skizzierte er bereits das Grunddesign eines neuen Mikrobootes. "Ich begann sofort, mit verschiedenen Experten zu sprechen, aber monatelang begriff niemand, was ich eigentlich wollte", erzählte er.
Auf die Frage, warum er nicht bei GFK bleibe, antwortete Bedwell auf Facebook: "Mein Bauchgefühl sagte mir, dass ich es diesmal mit Aluminium versuchen sollte." Eigentlich sollte bereits 2025 alles getestet und segelklar sein. Doch viele Details und Verzögerungen verhinderten einen Start im vergangenen Jahr.
Die "Big C V2" ist das Boot gewordene Höchstmaß an Platzoptimierung - und doch kaum mehr als eine schwimmende Kapsel. Mit nur 100 Zentimetern Länge und 140 Zentimetern Breite ist sie kaum größer als eine Badewanne. Schlafen könnte der 1,83-Meter-Mann nur in zusammengekauerter Stellung.
Das Boot besteht aus Aluminium mit nur drei bis fünf Millimeter dünnen Wänden – deutlich dünner als die 10 bis 20 Millimeter dicken GFK-Wände der ersten Version. Bedwell ergatterte sich damit 90 Millimeter zusätzlichen Lebensraum. Das Konzept entwickelte ein französischer Schiffbauingenieur: "Der Kiel sollte gleich in die Rumpfstruktur integriert werden, um nicht nachträglich aufgeschweißt werden zu müssen", so Bedwell. Im Unterschied zur ersten Version sind auch die seitlichen Auftriebskörper (Sidepods) nicht mehr aufgesetzt, sondern direkt in die Außenhaut des Aluminiumrumpfs integriert. Die Solarpaneele sind fest montiert und besser vor Wellen geschützt. Das Rigg wurde an der Basis schmaler, um das Segel dichter fahren zu können.
Der Proviant liegt tief im Boot, was die Stabilität erhöht. An einem A-förmigen Rigg mit Outriggern sind zwei Rollvorsegel aus Dacron montiert, das Ruder bedient der Skipper per Seilzug von innen. Bei rauer See rollt das Boot, weshalb ein Geschirr zum Festschnallen essenziell ist. Für den Rundumblick gibt es eine transparente 10-mm-Polycarbonat-Kuppel. Die Energieversorgung erfolgt über Solarpaneele und AGM- sowie Lithium-Batterien. Ein 115 Kilogramm schwerer Bleikiel sorgt für Stabilität.
Schnell ist die rote Miniatur-Kapsel nicht – sie bleibt vor allem ein Spielball von Wind, Wellen und Strömungen. Bedwell hatte mit Geschwindigkeiten bis zu 2,5 Knoten gerechnet. Für die rund 1.900 Seemeilen lange Strecke nach Cornwall hatte er drei Monate veranschlagt. Nun treibt das Boot allein im rauen Nordatlantik.
Das Boot trägt seinen Namen in Gedenken an Tom McNally, den Liverpooler Segler, der das ursprüngliche Design entwickelte. "Big C" steht für "Big Cancer" (großer Krebs). McNally stellte 1993 selbst einen Rekord für das kleinste Boot bei einer Atlantiküberquerung auf, wurde aber noch im selben Jahr vom US-Amerikaner Hugo Vihlen mit dessen nur 1,62 Meter langem Boot "Father's Day" übertroffen. Vihlen benötigte 106 Tage für die Überquerung von Neufundland nach Falmouth in Cornwall – dieser Rekord besteht nun seit 33 Jahren. McNally starb 2017 an Krebs.
Auch Bedwell verlor beide Elternteile durch Krebs – sein Vater starb sogar zwei Tage vor seinem ersten Startversuch 2023. Mit der geplanten Überquerung wollte der Segler Spenden für “Cancer Research UK” sammeln. Bedwell erklärte damals in einem emotionalen Statement: "Ich war wahrscheinlich nicht in der richtigen Verfassung. Ich war ein schluchzendes Wrack, und alles kam heraus: die Trauer um meinen Vater, der zwei Tage vor meiner Abreise gestorben war." Dennoch hatte er sich in den Kopf gesetzt, nicht einfach nur eine neue Bestmarke aufzustellen, die beim nächsten Versuch wieder um wenige Zentimeter unterboten wird - Sein Rekord sollte für die Ewigkeit nach Großbritannien gesegelt werden.
Seine Motivation für derart ungewöhnliche Vorhaben erklärte Bedwell gegenüber dem britischen Magazin “Practical Boat Owner” so: "Es gibt ein paar Gewissheiten im Leben – du wirst geboren und du wirst sterben, aber in der Mitte liegt ein Bindestrich, und ich möchte diesen Bindestrich mit so vielen Abenteuern wie möglich füllen."
Über seine Tochter, die Bilder auf die Luke gemalt hatte, sagte er: "Ich möchte ihr zeigen, dass sie in der Lage sein sollte, rauszugehen und Dinge zu tun. Wenn du es nicht versuchst, wirst du nie wissen, was hätte sein können."
Vor seinem ersten Versuch 2022 hatte Bedwell gegenüber der YACHT erklärt: "Das ist ein lang gehegter Traum von mir, aber ich mache mir keine Illusionen, dass es einfach wird. Der Mangel an Platz, an einer Toilette und an angemessenem Essen wird das Schwierigste für mich sein. Wenn dann noch ein paar Atlantikstürme hinzukommen, könnte es interessant werden!"
Der erfahrene Extremsegler ist Veteran der Jester-Baltimore-Challenge und segelte zuvor mit seinem 21-Fuß-Mini-Transat "Blue One" von Whitehaven in Cumbria nach Island und in den Polarkreis.
Ob Bedwell einen dritten Anlauf wagen wird, ist derzeit unklar.

Redakteurin Panorama und Reise