Ursula Meer
· 07.01.2026
Wenn Weltumsegler Bobby Schenk ein „letztes Mal“ ankündigt, kann man nie so recht sicher sein. Zweimal hat er sein bürgerliches Leben als Jurist im Staatsdienst an den Nagel gehängt und die Weltmeere besegelt, um irgendwann dann doch wieder in seiner bayerischen Heimat den Talar überzuwerfen. Mehrere Male hat er angekündigt, dass nun endgültig Schluss sei mit seinen beliebten Blauwasser-Seminaren, aber eins ging dann immer noch. So auch Ende Oktober 2025 an der Hanseatischen Yachtschule in Glücksburg.
Das Ambiente changiert zwischen sakral und maritim: Der große, bis in den Giebel ragende Saal ist mit Standern und Segelmotiven geschmückt. Alle Plätze an drei langen Tischreihen sind besetzt. Gut 150 Seglerinnen und Segler schauen auf den Vortragenden zwischen Monitor und Rednerpult vor einer gläsernen Fassade, durch die gelegentlich ein Sonnenstrahl zwischen die sturmgerüttelten Bäumen blitzt.
Bobby Schenk hat aufgefahren. Zwölf Kap Hoornier und 18 Weltumsegler, unter ihnen auch Golden-Globe-Gewinnerin Kirsten Neuschäfer, sollen ihre Erfahrungen mit den Zuhörern teilen. Später wird er sich zurückziehen und müde ob des großen Organisationsaufwands, aber auch ein wenig stolz das Geschehen von der Seite des Saals aus beobachten. Zunächst aber erzählt er selbst von der Quintessenz aus dem, was er sich ersegelt, erlernt und erarbeitet hat – seine „zehn Gebote“, hier und da garniert mit kleinen Sticheleien gegen Nachahmer, selbst ernannte Fachleute und Segelmagazine, anwesende eingeschlossen.
Seit mehr als 50 Jahren ist er in der Szene der deutschsprachigen Langfahrer nicht nur unterwegs, er hat sie wesentlich geprägt, mit Büchern, Artikeln und einer – nach eigenem Bekunden genderfreien – Website mit enorm hohen Zugriffzahlen. Vor allem aber auch mit Vorträgen und ebenjenen Blauwasser-Seminaren, die sein gesammeltes Wissen und die Erfahrungen zahlreicher Langfahrer vereinen.
Die Teilnehmer an den langen Tischen hören gespannt zu, wie etwa 3.000 andere es vor ihnen in einem dieser 19 Seminare getan haben. Längst nicht alle hier haben die Leinen losgeworfen oder werden es in naher Zukunft tun. Einer baut seit 20 Jahren an seinem Boot. Eine junge Familie weiß nicht recht, wie sie sich loseisen kann aus allen Verpflichtungen. Und manche möchten sich ohnehin einfach nur inspirieren lassen.
Michael indes hat die Welt umsegelt, und Uli ist gerade dabei. Vor gut zehn Jahren hat Letzterer als Segelneuling eines der Blauwasser-Seminare besucht und gleich Nägel mit Köpfen gemacht, ein Boot gekauft und nach einem halben Jahr Vorbereitung gemeinsam mit seiner Frau die Leinen losgeworfen. Inzwischen sind sie seit zwei Jahren auf Langfahrt und dauerhaft dankbar für den Schubs, den das Seminar ihnen gegeben hat.
Unterwegs zeichnen ihnen Satelliten die versegelte Strecke auf den Plotter und erlauben auf hoher See Wetterroutings und den Austausch mit anderen Seglern. Ihre Kurse sind von anderen Seglern bereits im Wortsinne erfahren und Destinationen detailliert beschrieben. Sie reisen mit dem Abenteuerfaktor eines stets vorhandenen Restrisikos, aber doch deutlich kommoder, als es Bobby Schenk und seine Frau Karla Anfang der 1970er-Jahre erlebten.
„Wir mussten uns eine ganze Menge Wissen und Können aneignen, das war ein Vollzeitjob“, blickt Bobby Schenk zurück auf die Zeit, als das junge Paar neben den ersten Schritten im Berufsleben als Jurist und Pharmazeutin seine gesamte Freizeit der gemeinsamen Leidenschaft für das Segeln widmete. Sie ackerten sich durch die hohe Schule von Astronavigation, Segelpraxis und Seemannschaft und erwarben diverse Segelscheine auf dem heimischen Chiemsee – Bobby für die hohe See, Karla für die Küste.
Inspiriert haben sie die Abenteuer von Elga und Ernst-Jürgen Koch, die als deutsche Pioniere 1967 von ihrer Weltumsegelung zurückgekommen waren und auf Vorträgen und in einem Buch von ihrem „Hundeleben in Herrlichkeit“ berichteten. Die Schenks reisten eigens von München nach Hamburg, um die Kochs einen ganzen Tag lang mit Fragen zu löchern. Die Segelliteratur jener Tage war überschaubar, und „uns war klar, dass man noch viel mehr wissen muss, um die Welt zu umsegeln“, erzählt Schenk.
Als sie 1971 mit ihrer kleinen „Thalassa“, einer Fähnrich 34, vom Mittelmeer aus starteten, hatten sie anstelle heutiger High-End-Navigationsgeräte ein Kurzwellen-Funkgerät und einen Sextanten an Bord, der später wesentlich zu Bobby Schenks Bekanntheit beitragen sollte. Vier Jahre waren die beiden unterwegs. Dass sie den Atlantik überquerten und schließlich auf der Passatroute die ganze Erde umrundeten, ergab sich erst unterwegs. Die jungen Segler, bis dahin im Wesentlichen auf Binnenseen unterwegs, tasteten sich zwischen Beaulieu, Barbados und Bali langsam an jede neue Herausforderung heran.
Daraus resultiert eine seiner wohl wichtigsten Empfehlungen: Erst losfahren, dann planen. Es ist das sechste von Bobbys „zehn Geboten“ und bringt so manche Ausrede für eine Startverzögerung ins Wanken. Auch andere seiner Gebote haben das Zeug zum diskursiven Gesprächsstoff, etwa wenn er die österreichische Segelausbildung qualitativ über die in Deutschland stellt oder konstatiert, dass das Halsen in der Ausbildung nicht gelehrt werde. Wohl auch deshalb hat er eingangs bemerkt: „Ich bin an Diskussionen nicht mehr interessiert.“
Bei der Wahl der Crew seien seiner Erfahrung nach Kompromisse fehl am Platz, trägt er ein weiteres seiner Gebote vor. Sätze wie „Ich segle meinem Mann zuliebe“ seien ein Garant für das Scheitern der Langfahrt. Schenk hatte seinerzeit das große Glück, dass seine 2018 verstorbene Frau Karla dem Segeln ebenso verfallen war wie er selbst. „Sie war die perfekte Bordfrau“, erzählt er seinen Zuhörern. Referierte Bobby früher auf den Bühnen großer Säle, war sie es, die im Hintergrund am Projektor stand und die Dias an die Wand warf. Aber es steckte mehr in ihr. „Wenn man vor allem Angst hat, verbringt man sein Leben hinterm Ofen“, wird sie gern zitiert.
So hielt es sie nur knapp fünf Jahre nach der ersten Weltumsegelung im bürgerlichen Leben, Bobby bei Gericht und Karla in der Apotheke, ehe sie es 1979 wieder an den Nagel hängten. Mit ihrer zweiten „Thalassa“ segelten sie erneut in die Südsee und warfen vor Moorea den Anker. Sie erwarben Haus und Grund, wollten Gäste beherbergen und sie durch das blaugrüne Paradies skippern, doch das Geschäft lief mäßig. Nach vier Jahren wurden sie des Paradieses ein wenig überdrüssig. „Karla zu heiraten, das Leben nur mittelfristig zu planen und für jede Wendung offen zu sein“ bezeichnet Schenk in seiner Biografie als beste Entscheidungen seines Lebens. So leitete er auch jetzt eine Wende ein und erbat die Rückkehr in das Richteramt. Sie wurde bewilligt und er musste recht zügig nach Deutschland zurück.
Seine Ideen, die „Thalassa II“ in Polynesien zu verkaufen, sie per Frachter oder mit bezahlter Crew nach Europa bringen zu lassen, schlug Karla in den Wind – die Reise sollte mit Anstand enden. Also um Kap Hoorn. Mit Schreckensbildern von unberechenbaren Stürmen und verschollenen Booten vor Augen legten die beiden erklärten Passatsegler ab Ende 1982 einen über weite Strecken „saukalten“ Ritt hin und segelten – rund Kap Hoorn bei mäßigem Wind und ruhiger See – mit nur einem Zwischenstopp im argentinischen Mar del Plata ins Mittelmeer.
Das bürgerliche Leben hatte sie wieder, die Abenteuerlaune blieb. So flogen sie 1989 mit einer einmotorigen Maschine über den Südatlantik. Ein eigentlich unmögliches Unterfangen, reichte doch rein rechnerisch der Sprit im Tank nicht aus für die Strecke. Bobby aber verbrachte ganze Nächte damit, den Einfluss der Passatwinde auf die Flugroute zu berechnen, und kam zu dem Schluss, dass der kleine Flieger mit achterlichem Wind in Brasilien ankommen könnte. Das tat er, sogar noch mit ein paar Litern Benzin im Tank. Sie segelten ein weiteres Mal von Feuerland aus rund Kap Hoorn, ehe sie in einem langen Nordbogen heimflogen.
Ein paar Jahre später segelten sie mit Crew ohne Kompass und andere navigatorische Hilfsmittel über den Großen Teich – um punktgenau auf Barbados zu landen.
Im Ruhestand schließlich ging es ein weiteres Mal um die Welt, inzwischen überzeugt vom aufrechten Segeln in einem geräumigen Katamaran. Schenk empfiehlt seither auch den angehenden Langfahrtseglern, bei der Wahl des Bootes auf die Wohnqualität zu achten, denn „75 Prozent der Zeit ist man bei einer Weltumsegelung im Hafen oder vor Anker. Das Segeln spielt auf Dauer eine untergeordnete Rolle, die Segelleidenschaft lässt nach.“ Eine These, bei der manche seiner seglerischen Zeitgenossen vielleicht nicht mitgehen würden.
Der Sportjournalist Christoph Schumann hat sie als YACHT-Redakteur in den 1970er/80er-Jahren alle erlebt: Heide und Erich Wilts, Rollo Gebhard, Burghard Pieske oder Wilfried Erdmann. „Die waren Draufgänger und hatten wahnsinnige Erlebnisse“, erzählt er über sie, „Bobby Schenk hingegen war eher der smarte Typ und zog die Barfußroute vor“, ergänzt er. Dass er mit Karla die weniger spektakulären Routen wählte, tat seiner Bekanntheit keinen Abbruch. Im Gegenteil, Bobby Schenk weckte mit Bildern und Worten Südseeträume und zeigte, dass sie nicht nur für Hasardeure erfüllbar waren.
So manche Veranstaltung auf den großen Bootsmessen hat Schumann mit Bobby Schenk als Redner oder Interviewpartner begleitet. „Wenn Bobby da war, waren die immer bis auf den letzten Platz besucht“, erzählt er. Denn der smarte Schenk verstand sich stets gut darin, das, was er auf seinen Reisen gelernt und erlebt hatte, zu Papier zu bringen.
Schon während der ersten Weltumsegelung erschienen seine Berichte vom Pazifik in der YACHT, und 1975 sein erstes Buch, „Fahrtensegeln“. Mehr als ein Dutzend Titel folgten, jeder einzelne ein Kassenschlager. Sie etablierten den aus der englischsprachigen Seglercommunity übersetzten Begriff „Blauwassersegeln“ ebenso in der deutschsprachigen Seglerszene wie eine einfache Form der Astronavigation.
Am Abend treffen sich alle in der kleinen Bar der Hanseatischen Yachtschule: Rookies, Charterer und Weltumsegler. In der Luft liegt ein wenig mehr Salz als an der Flensburger Förde üblich, wenn sie von ihren großen Plänen erzählen oder auch von den Geschichten, die Tausende Meilen in ihr Kielwasser geschrieben haben. Alle haben viel gelernt oder die Gelegenheit genutzt, den legendären Bobby Schenk noch einmal bei einem seiner nicht minder berühmten Blauwasser-Seminare zu erleben.
Und – war das nun wirklich das letzte Seminar? „Ja!“, sagt Schenk, sei es doch immer ein riesiger organisatorischer Aufwand. Zudem: „Meine Frau hat mir schriftlich mit der Scheidung gedroht, wenn ich weitermache.“ Seine zweite Ehefrau Frauke hingegen relativiert: „Vielleicht wird es noch einmal kleinere Veranstaltungen geben.“ Und wer wüsste besser als sie um die Rastlosigkeit eines Bobby Schenk?
Mit seinem Faible für Navigation nahm Bobby Schenk unterwegs alles mit, was es zu lernen gab – so auch eine hierzulande bis dato unbekannte, einfache Methode der Astronavigation, über die der Brite M. J. Rantzen geschrieben hatte. 1975 schrieb er darüber einen Artikel in der YACHT mit dem provokanten Titel „Astronavigation für den Wochenendtörn“. Von einem „Ende der Geheimwissenschaft“, einem „echten Aha-Erlebnis“ schrieben die Leser im Nachgang; andere waren verärgert darüber, dass diese bis dahin so Respekt einflößende Form der Navigation plötzlich für jedermann praktikabel sein sollte.
Schenks Buch „Astronavigation ohne Formeln – praxisnah“ ist bis heute gefragt. Gemeinsam mit der Firma Cassens & Plath konzipierte er auch einen nach ihm benannten Sextanten. In den 1970er-Jahren entwickelte der technik- und zahlenaffine Schenk auch eine frühe Form der elektronischen Navigation. Er ersann ein Taschenrechner-Modul, das astronomische Gestirnsberechnungen auf Knopfdruck und ohne Hilfe von Tafeln ermöglichte. Daraus wurde „Bobby Schenks Yacht Computer“, der manchem Segler auf Langfahrt das Leben leichter machte und erst mit Aufkommen der Satellitennavigation an Bedeutung verlor.