Dahoam-RevierBobby Schenk über sein Heimat-Revier Waginger See

Bobby Schenk

 · 14.12.2022

Unweit der Enge, die den Tachinger vom Waginger See trennt, liegen Hafen und Vereinsgelände des Waginger Segelclubs
Foto: Richard Scheuerecker

Hier lernte er segeln, von hier aus zog es ihn um die Welt. Bobby Schenk über seine seglerischen Anfänge am Waginger See und was ihn noch heute daran fasziniert

Vielleicht kennen Sie das Phänomen: Es gibt Augenblicke, in denen eine vermeintliche Kleinigkeit die Richtung der Lebenslinie vollkommen verändert. Das kann die Erzählung in einem Buch sein, ein Musikstück, der Blick in eine Landschaft oder in die Augen eines anderen Menschen. Bei uns, meiner Frau Karla und mir, war es vor mehr als 50 Jahren ein Selbstgespräch meiner Mutter, die leise vor sich hin sinnierte: „Vielleicht sollten wir mal ein Segelschiff kaufen.“ Es fielen nicht die Worte „Yacht“ oder „Meer“. Trotzdem setzte sich diese scheinbar belanglose Bemerkung in unseren Köpfen fest und sollte unseren Lebenslauf komplett umkrempeln.

Verlagssonderveröffentlichung

Meine Eltern lebten in Burghausen, einem Städtchen unmittelbar an der österreichischen Grenze, 50 Kilometer von Salzburg entfernt. Dort bin ich aufgewachsen. Eine liebenswerte Region. Der dortige Wöhrsee zu Füßen der längsten Burg der Welt wäre jedoch selbst für das winzigste Segelschiffchen zu klein und außerdem langweilig, denn Wind gab’s da höchstens bei einem Gewitter. Auch am Leitgeringer See, keine 20 Kilometer entfernt, weht es allzu selten richtig. Dann vielleicht gar der Waginger See, schon 30 Kilometer weit weg. Der war unter uns Buben damals nur als der wärmste See Bayerns bekannt. Ziemlich groß das Gewässer, immerhin hatten wir nach einem Radlausflug unsere Mühe, ihn schwimmend zu durchqueren.

Jollenkreuzer statt Zugvogel

Der weitere Verlauf war reiner Zufall: 1965 suchten wir in einem Münchener Sportgeschäft nach einer Campingausrüstung und fragten, wo man ein Segelschiff bekäme. „Wenn ihr aus Burghausen seid, dann müsst ihr zur Bootswerft Mader in Fisching am Waginger See“, sagte der Verkäufer. Dann ging alles ganz schnell. Schon ein paar Tage später bestellten meine Eltern „beim Mader“, einem vergrößerten Schreinerbetrieb, einen Zugvogel – eine kleine Wanderjolle mit Kiel, ideal für den Waginger See, der nur einen Spaziergang von der Werft entfernt lag. Karla und ich waren begeistert, bis mir Zweifel kamen: „Was machen wir, wenn es regnet? Der Zugvogel hat ja keine Kajüte.“ So kam es, dass der Mader Hartl stattdessen einen Jollenkreuzer aus Sperrholz tischlerte, mit 10.200 Mark doppelt so teuer wie der Kielzugvogel, kenterbar und ohne selbstlenzende Plicht, aber mit einem weißen Dach.

Bald sprach es sich in Burghausen herum: „Die Schenks lassen sich ein Segelboot bauen!“ Und unser Nachbar ödete mich mit der ständig gleichen Frage an, ob denn die „Yacht“ schon „auf Kiel gelegt“ sei? Dieselbe Frage stellten wir dann dem Mader Hartl in seiner Halle, an einem Sonntag wohlgemerkt. Es war der Tag nach der Niederlage der deutschen Fußballnationalmannschaft in Wembley. Der Mader war noch stocksauer, deutete auf einen Stoß Bretter und murrte: „Da schaugts hi, des is eier Boot!“

Das war exakt eine Woche vor dem Liefertermin. In der Folgezeit nervte ich den Meister mit Fragen nach der „Bordtoilette“ und nach einem Gaskocher – Sonderwünsche, die Hartl grundsätzlich mit dem lapidaren Hinweis abtat, das sei „verboten“. Eine Woche später, genau rechtzeitig, war der „Gammler“ fertig.

Beginn eines neuen Lebensstils

Wir gingen an Bord, und es war uns sofort klar, dass wir ab jetzt einen neuen Lebensstil gefunden hatten. Das schwebte mir jedenfalls so vor. Ein wunderbares, Mahagoni-furniertes Exemplar der 16-qm-Jollenkreuzer-Klasse war entstanden und wurde vom Mader höchstselbst gewassert. Was ein eigener, noch dazu kostenloser Liegeplatz wert ist, wussten wir nicht. Wir konnten ja noch nicht einmal segeln!

Die Jugend nimmt bekanntlich das Recht für sich in Anspruch, so ungefähr alles in Frage zu stellen. Also: Segelfähigkeiten brauchten wir doch nicht für eine so simple Tätigkeit, wie mit dem Boot auf einem windarmen See rumzufahren. Und so stiegen wir an einem heißen Sommertag auf den Jollenkreuzer und fragten ungeniert einen der zahllosen Segler, die gerade ihre Jolle aufriggten, wie man die Segel „hochzieht“. Rückblickend bin ich diesem Kameraden dankbar, denn er hat uns weder zurechtgewiesen noch eingeschüchtert, uns weder an eine Segelschule verwiesen noch mit uns Knoten geübt, um nur ja nicht das Schmuckstück zu versenken.

Eines Tages stand ein 13 Jahre alter Bengel am Steg und verkündete bestimmt, er wolle mitsegeln. Es war der Sohn vom Mader Hartl”

Es war wohl auch der Respekt vor diesem damals riesig wirkenden Kajütboot, dass man uns ganz geduldig, unter Vermeidung verwirrender Fachbegriffe, den Vortrieb mittels Wind erklärte. Bald waren wir „auf See“. Ein Glück, dass es in diesen unseren ersten Stunden auf dem Wasser keinen Sturm gab.

Es hat schnell gefunkt. Wann immer es ging, trieben wir übers Wasser, vorzugsweise mit dem Fachbuch-Klassiker „Seemannschaft“ in der Hand. So lernten wir ein Ankermanöver, als die Brise einmal zunahm. Manchmal bekamen wir Segelunterricht durch Zurufe von Jollenseglern. „Ihr müsst so steuern, dass der Wind nicht von vorn kommt, aber auch nicht von ganz hinten, denn eine Halse ist für euch noch zu gefährlich!“ Täglich wurden wir vertrauter mit dem 700-Kilo‐Boot. Und die Krönung war nach einem langen Segeltag ein Steak medium rare aus der Pfanne. Bei Regen unter der Persenning lief uns stets Wasser über die Wangen, nicht aus Rührung, sondern weil der Spirituskocher uns Tränen in die Augen trieb.

Der Sohn des Werftbesitzers macht die Schenks zu Seeleuten

Entscheidend für unser späteres Segelleben war aber ein junger Bengel, vielleicht 13 Jahre alt, Rufname „Bürschi“. Eines Tages stand er mit einer Angelroute auf dem Steg und verkündete ziemlich bestimmt, er wolle mitsegeln. Wir waren uns bewusst, dass wir von jedem was lernen konnten, und sei es von einem Angler. Aber der Bürschi verstand wirklich was vom Segeln, war er doch der Sohn vom Mader Hartl.

Dank seiner Anleitung wurde aus uns Autodidakten mit Lehrbuchwissen tatsächlich so etwas wie anständige Seeleute. Aus einer leichten Ramming mit Lackschaden lernten wir, dass so ein bauchiges Schiff mit hochgezogenem Schwert nur schwer um die Kurve segeln kann, und Wenden gingen uns bald richtig gut von der Hand. Das Anlegen per Aufschießer zum Steg überließen wir allerdings vorerst dem Bürschi. Dafür hatten wir anfangs noch nicht genug Schneid.

FD-Segler Max Schneider schwärmte uns bald vom Regattasegeln vor. „Auch wannst net Erster wirst, hast damit a Freud, weil irgendeinen überholst halt doch“, meinte er. Auf Zuruf lehrte er uns eine Halse. Da dachten wir schon: „Also, jetzt haben wir’s wirklich raus!“ Wie es dann weitergegangen ist, dürfte bekannt sein. Statt um die Tonnen segelten wir um die Welt.

Rückkehr an den Waginger See nach 50 Jahren

Ein halbes Jahrhundert später, man wird im Alter ja sentimental, zieht es mich wieder an den See, an dem alles begann. Es ist Spätsommer, einer dieser unglaublich heißen Tage, an denen in den Städten oft die Schwimmbäder wegen Überfüllung geschlossen werden müssen. Neben dem voll belegten Campingplatz liegt wie einst schon der WSC, der Waginger Segelclub, diese Wiege unseres Weltumseglerlebens.

Die Jollenwiese und die Stege, das Wasser und der Duft nach dem feuchten Holz der Dalben wirken wie eine Zeitmaschine. Sie versetzen mich augenblicklich zurück zu den Anfängen hier. Der Bootspark allerdings hat sich gewaltig verändert, die FDs sind fast alle verschwunden, der Steg mit den Kielzugvögeln ist nicht mehr so voll wie einst. Dafür liegen jede Menge Finn-Dinghys an Land und Optis unter bunten Planen.

Nur ein paar wenige Badegäste haben es sich auf dem sattgrünen Rasen mit Handtüchern gemütlich gemacht. Ein veritables Clubhaus inmitten von 10.000 Quadratmeter Wiese beeindruckt mich, zumal Clubchef Elmar Schwarz stolz versichert, dass dieses ungewöhnlich schöne und wertvolle Strandanwesen voll im Eigentum des schuldenfreien Clubs mit seinen über 400 Mitgliedern steht. Toll, was sich hier entwickelt hat, fernab von den Zentren des Segelsports.

Letztlich habe ich alles an wunderbaren Erlebnissen auf den Weltmeeren dem Waginger See und seinem Segelclub zu verdanken”

America’s Cup am Waginger See

Wobei: In einem Punkt ist der Waginger See durchaus ein Mekka der Granden geworden. Der „Bürschi“, der mit der Angelroute, stieg schon vor Langem zum Chef der Maderwerft auf. Und er kann auf unerhörte Erfolge zurückblicken. Auch wenn es viele nicht glauben, aber der einst kleine Schreinerbetrieb im tiefsten Oberbayern dürfte eine der sportlich erfolgreichsten Werften der ganzen Welt sein.

Nicht nur, dass zu den olympischen Segel-Spielen in Kiel sämtliche Finns vom „Mader“ gebaut worden waren, nicht nur, dass die Boote aus Waging mehrere Dutzend olympische Medaillen errungen haben (die unzähligen Weltmeistertitel lassen wir hier mal weg): Gold in der Starbootklasse, bei den Tempests sowieso. Die besten Segler der Welt vertrauten dem Mader den Bau ihrer Jollen an, darunter die FD-Asse Jörg und Eckart Diesch oder der Ukrainer Valentin Mankin. Im Gästebuch, das mir der Bürschi stolz in die Hände drückt, finden sich die ganz Großen im Regattasport. Sogar Dennis Conner, den Mister America’s Cup, Gewinner der wertvollsten Segeltrophäe der Welt, hat es mal zum Mader an den Waginger See verschlagen.

Der Bürschi hat mir dann auch ein kleines Geheimnis verraten: Er war als Bub Nichtschwimmer, weshalb ihm sein Vater verboten hatte, sich am See überhaupt nur aufzuhalten. Aber als die Schenks den Jollenkreuzer kauften, ordnete er den Bengel ab, auf die blutigen Anfänger gut aufzupassen. Und so wurde der Junior unser erster Segellehrer.

Beglückendes Heimkommen

Ja, gesegelt bin ich dann auf dem Waginger See auch wieder. Standesgemäß auf einer Tempest mit WSC-Präses Elmar Schwarz am Ruder nebst Schatzmeister und Tempest-Weltmeister Max Reichert als Schotte, dem Sohn vom Schneider Max.

Wie erwartet herrschte kaum Wind, und Elmar versuchte, das Groß mit Hilfe des Baums auf die andere Seite zu schnalzen. Dabei traf mich das Aluprofil mit einem lauten blechernen Knall am Kopf. „Na, serwas!“, entfuhr es mir, während es vor meinen Augen Sterne regnete: „Wieder mal den Großbaum nicht mit dem Bullen gesichert!“ Auf so einen Gedanken kommen nur Langfahrtsegler. Wir lachten herzlich darüber. Die Regatta-Segelei jedenfalls ist mir definitiv zu sportlich.

Trotzdem, es war ein beglückendes „Heimkommen“. Mehr denn je ist mir bei dem Besuch in diesem Sommer bewusst geworden, dass ich letztlich alles an wunderbaren Erlebnissen auf den Weltmeeren dem kleinen Waginger See und seinem Segelclub zu verdanken habe, wo auf unserem Sperrholz-Jolli „Gammler“ alles begann: das Segeln ebenso wie das Träumen von weit entfernten Revieren.


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