​Norbert Sedlacek„Das ist der Preis der Pionierarbeit "

Martin Hager

 · 11.08.2026

Extremsegler Norbert Sedlacek im Deckshaus seiner Open 60. Hier sind Navigation, Kochgelegenheit und Schlafmöglichkeiten untergebracht. Seit dem Ausfall der Bordelektronik und der nicht erfolgreichen Suche nach der Fehlerursache ist der 64 Jahre alte Österreicher umgedreht und befindet sich derzeit westlich von Irland auf dem Weg zurück nach Les Sables.
Foto: ANT ARCTIC LAB
Norbert Sedlacek über das Ende des ANT ARCTIC LAB, sechs Abbrüche, und warum er sich trotzdem nicht als Versager fühlt.

Der Österreicher Norbert Sedlacek gehört zu den erfahrensten Einhandseglern im deutschsprachigen Raum. 2009 schrieb er Geschichte, als er als erster deutschsprachiger Skipper die Vendée Globe – das härteste Einhandrennen der Welt – erfolgreich beendete. Was danach kam, sollte noch ambitionierter werden: das ANT ARCTIC LAB.

Die Idee: eine Nonstop-Soloumsegelung der Erde über beide Polarkreise – Arktis und Antarktis – ausschließlich mit erneuerbarer Energie. Das eigens dafür entwickelte Boot aus Vulkanfasern und Bioharzen sollte dabei nicht nur einen Weltrekord aufstellen, sondern gleichzeitig als Versuchsträger für neue Materialien und Technologien dienen. Mehr als ein Jahrzehnt Entwicklungsarbeit, sechs Startversuche – und sechs Abbrüche, alle noch in europäischen Gewässern.

Beim jüngsten und letzten Versuch fiel kurz vor Island die gesamte Navigationselektronik aus. Das Team erklärte das Projekt offiziell für beendet. Wir haben Norbert Sedlacek direkt nach dem Abbruch erreicht – er war noch auf See, auf dem Weg zurück nach Les Sables.

Norbert, wo bist du gerade – und wie geht es dir?

Ich sitze in meiner Naviecke und lasse mich durchschütteln wie ein Esel. Seit dem Auslaufen in Les Sables hatte ich keinen einzigen Tag, an dem ich nicht gegenanbolzen musste. Es ist zum Mäusemelken. Letzte Nacht hat es mich weit von Land gedrückt, jetzt bin ich noch ungefähr 70 Meilen von der südirischen Küste entfernt.

Meistgelesen

1

2

3

4

5

Warst du seit dem Projektabbruch irgendwo an Land?

Nein, gar nicht. Ich bin einfach durchgesegelt.

Was genau ist passiert? Im offiziellen Statement ist von einem kompletten Ausfall der Navigationselektronik die Rede.

Die gesamte Navigationselektronik ist ausgefallen – angefangen bei den Gebern für Wind und Tiefe bis hin zum Plottersystem, einfach alles. Binnen einer Stunde fiel ein Geber nach dem anderen aus, bis plötzlich nichts mehr funktionierte. Das Tückische ist, dass daran ja noch jede Menge weitere Elektrik und Elektronik hängt – auch das Backup-System, mit dem ich jetzt fahre. Und wenn das auch noch kollabieren würde, wäre die Situation wirklich ernst.

Habt ihr eine Erklärung, was den Ausfall ausgelöst hat?

Mein Elektronikspezialist Siegfried – der frühere Eigentümer der Firma, die unsere PC-Elektronik installiert hat – hat recherchiert und eine bekannte Schwachstelle in der Raymarine Connecting Box gefunden. Es gibt Berichte von anderen Nutzern, dass diese Box irgendwann fehlerhafte Daten auf den BUS schreibt und sich dann ein Geber nach dem anderen verabschiedet. Eine andere Theorie ist, dass ein Software-Update, das über die Internetverbindung eingespielt wurde, sich mit anderen Systemteilen nicht mehr verträgt – sodass ein Teil der Elektronik auf einer neueren Software läuft und die Geberdaten nicht mehr auswerten kann. Aber ehrlich gesagt: Wenn du zehn Experten fragst, kriegst du elf verschiedene Meinungen.

2018 und 2021 waren Elektronik und Stromversorgung ebenfalls die Ursache für den Abbruch. Warum ist dieses System beim ANT ARCTIC LAB so anfällig?

Die Stromversorgung war von Anfang an ein Entwicklungsprojekt. Wir haben den ServoProp gemeinsam mit Oceanvolt von Null entwickelt – bei mir war der Prototyp verbaut. Das hat sich seither wirklich gut entwickelt, die Hydrogeneratoren laufen einwandfrei, das Batteriesystem auch. Das eigentliche Problem liegt in der Komplexität der Gesamtvernetzung. Ich bin inzwischen bei der dritten Generation PC-Software, die alles miteinander verknüpft: Navigation, Wetterprogramme, Segeldaten und seit Neuestem auch noch zwei Satellitensysteme – Starlink und Iridium – mit jeweils eigenen Kreisläufen. Das ist ein enorm komplexes System geworden.

Wäre es nicht möglich gewesen, mehr Redundanz einzubauen, um genau dieses Risiko zu minimieren?

Du hast da absolut recht – aber am Ende deckelt immer das Budget. Das Ganze kostet bereits eine Menge, und wenn du anfängst, alte Systeme komplett auszutauschen und neu aufzubauen, explodieren die Kosten. Dazu kommt, dass es zurzeit in Europa extrem schwer ist, Partner zu finden, die bereit sind, in Entwicklung zu investieren. Es wird viel über Innovation geredet – aber die Realität in der Nautik sieht völlig anders aus. Ich habe derzeit keinen einzigen nautischen Partner, der sagt: Wir testen das, wir entwickeln es weiter. Die Budgets fehlen schlicht.

Bei der Vendée Globe sind solche Totalausfälle der Elektronik nicht bekannt – und die Teilnehmer setzen auf teils ähnliche Systeme. Warum ist es beim ANT ARCTIC LAB so viel anfälliger?

Unser Projekt heißt ja ANT ARCTIC LAB – und nicht Vendée Globe. Das ist der entscheidende Punkt. Wenn du Produkte weiterentwickelst, die noch nicht vollständig ausgereift sind, dann können solche Dinge passieren. Aber wie willst du Materialien, Elektronik oder Technologien sonst wirklich testen – außer unter echten Bedingungen, im vollen Einsatz? Das ist der Preis der Pionierarbeit. Leider.

Wie nah war die Situation an einem echten Notfall – und was funktionierte zu dem Zeitpunkt noch?

Gefahr für Leib und Leben bestand zu keinem Zeitpunkt. Was noch funktioniert hat: ein Backup-PC für die Navigation, drei unabhängige GPS-Geräte und Autopiloten, die nicht im ausgefallenen Daten-BUS hängen. Was tot war: Radar, AIS, Windmessung, Logge – alles, was heute selbst jeder Freizeitsegler als selbstverständlich betrachtet.

Theoretisch wäre man damit also noch segelbar – warum hast du nicht zumindest einen nahen Hafen angelaufen, um zu reparieren und weiterzusegeln?

Theoretisch ja – solange der eine PC noch läuft. Aber das widerspricht dem Grundprinzip des Projekts. Das ANT ARCTIC LAB hat eine klar definierte Regel: Nonstop, ohne fremde Hilfe, von Les Sables zurück nach Les Sables. Wenn ich Zwischenstoppe, ist das Projekt gescheitert. Und mit halbgaren Lösungen weiterzumachen, um dann zu sagen „ja, aber ein bisschen was hat geklappt" – das ist nicht meine Mentalität. Wenn ich mir ein Ziel setze und es ist nicht erreichbar, dann ist es nicht erreichbar.

Wie lange hast du nach dem Fehler gesucht – hättest du ihn möglicherweise finden können?

Ich habe Stunden damit verbracht, so weit es zwischen Segelwechseln und der normalen Bordarbeit möglich war. Aber bei neun Knoten Fahrt, Gegenangebolze bei Schräglage kannst du keine Elektronikboxen öffnen und in Ruhe suchen – du musst alles absichern, kannst keinen Schraubenschlüssel oder anderes Werkzeug liegenlassen. Wenn du das Gleichgewicht verlierst und an einem Kabel hängen bleibst, reißt du vielleicht noch mehr kaputt. Es ist eine echte Sisyphusarbeit. Ich habe alles durchgemessen – von der Einspeisung der Geber über die Verteilerboxen bis zum BUS-System. Siegfried hat mir seitenweise Tipps für die Fehlersuche geschickt. Wir haben nichts gefunden.

Sechs Versuche, sechs Abbrüche – alle noch in europäischen Gewässern. Woran liegt das?

Es sind sicher mehrere Faktoren. Ja, ein vollständiger Elektronikneubau hätte vermutlich 50.000 bis 70.000 Euro plus Lohnkosten gekostet – und hätte das System wahrscheinlich stabiler gemacht. Aber ich deute das Ganze inzwischen auch so: Irgendwo da oben sitzt jemand, der sagt, du solltest es nicht machen – überleg mal, wie alt du bist. Das ist mir jetzt bei diesem letzten Versuch wirklich klargeworden. Und der Bootskörper selbst ist übrigens nach wie vor tadellos – laminat- und materialtechnisch absolut makellos. Das Konzept aus Vulkanfasern und Bioharz funktioniert. Die Schwachstelle war immer die Elektronik und ihre Vernetzung.

Du wirst im Januar 65. Spielt das Alter bei dieser Entscheidung eine Rolle?

Andere gehen in Pension – ich höre zumindest mit diesem sportlichen Projekt auf und betreibe dann weiter meine zwei Firmen. Das passt doch. Im Ernst: Ich sage meinen sportlichen Ambitionen in diese Richtung schweren Herzens Lebewohl. Irgendwann muss man akzeptieren, dass das Schicksal sagt: Es soll nicht sein.

Wie stehen deine Partner und Sponsoren zu dem Abbruch?

Bis auf eine Ausnahme, die nicht ins Gewicht fällt, durchwegs positiv. Mit einigen haben wir gemeinsam Marken gegründet, mit anderen Materialentwicklungen vorangetrieben. Einer meiner Partner hat nach der Nachricht sogar geschrieben: „Jetzt hast Du mehr Zeit, Dich um den Kommerzbereich zu kümmern, sehr gut." Womit er nicht ganz Unrecht hat. Die kommerziellen Projekte – die Werft, das Recyclingprogramm, neue Produkte – haben in den letzten Jahren etwas zu kurz gekommen. Das werde ich jetzt ändern.

Wie gehst Du mit der öffentlichen Kritik um?

Social Media verleitet dazu, sehr schnell Dinge zu schreiben, die nicht immer ganz passen - auch in der Tonlage. Als Person in der Öffentlichkeit muss man lernen, damit umzugehen. Ich lege nicht jedes Statement auf die Waagschale. Oft fehlt Menschen, die sich kritisch äußern, schlicht der Realitätsbezug – sie können sich gar nicht vorstellen, wie komplex, wie anstrengend, wie riskant solche Projekte wirklich sind.

Wie siehst du das ANT ARCTIC LAB rückblickend – und wie ordnest du es in deine Karriere ein?

Für mich war die Vendée Globe immer das eigentliche Ziel. Als ich sie 2009 als erster deutschsprachiger Skipper beendet habe – zu einer Zeit, als das Rennen noch nicht so hochprofessionalisiert war wie heute –, war das für mich der Zenit. Alles, was danach kam, war Zugabe. Deshalb fühle ich mich auch jetzt nicht als Versager. Ich habe ein sportliches Ziel nicht erreicht, das vor mir auch noch niemand erreicht hat. Wer meint, das sei ein Spaziergang, dem sei gesagt: Die ANT ARCTIC LAB-Route existiert. Die Vorgaben sind die Wegpunkte und der Antrieb ausschließlich mit erneuerbarer Energie. Es steht jedem frei, es zu versuchen – ich würde ihn nach Kräften unterstützen.

Ist das ANT ARCTIC LAB damit wirklich Geschichte?

Ja. Wenn man selbst mental abgeschlossen hat, kann man ein solches Projekt nicht mehr fahren. Jeder Ausfall bei diesem letzten Versuch war wie ein Schlag ins Gesicht. Jetzt interessiert mich nur noch, das Boot sauber nach Les Sables zu bringen, es ordentlich zu versorgen und dann mit den Partnern zu besprechen, was als nächstes damit passiert. Und dann kümmere ich mich um die Dinge, die in meinem Leben noch wichtig sind.

Artikel teilen:
Kommentare

Diskutieren Sie mit – fair, sachlich und respektvoll. Es gilt unsere Netiquette.

Martin Hager

Martin Hager

Chefredakteur YACHT und BOOTE Exclusiv

Martin Hager ist Chefredakteur der Magazine YACHT und BOOTE EXCLUSIV. Er segelt seit seiner Kindheit, Surfen, Kitesurfen und Wingfoilen ergänzen seit vielen Jahren seinen sportlichen Horizont. Die Liebe zum Wassersport führte ihn zum Schiffbaustudium und von dort im Jahr 2004 in die Hamburger Redaktion des Delius Klasing Verlages. Seine Leidenschaft für den Bootsbau, die Yachtbranche und die spannenden Charaktere, die das Yachting prägen, gibt er mit Freude weiter – sei es in seinen Artikeln, als auch im Gespräch mit Lesern und der Branche.

Meistgelesen in der Rubrik Special