Seit einem halben Jahr sitzen sieben internationale Segler in der Tyrell Bay Marina auf der Karibikinsel Carriacou buchstäblich auf dem Trockenen. Ihre Boote können nicht mehr zu Wasser gebracht werden, weil ein Zaun quer durch das Hafengelände gebaut wurde. Ein betroffenes Eignerpaar sprach mit YACHT online darüber, wie es um seine Freiheit kämpft und warum das Leben auf dem Boot zunehmend zur Belastung wird.
Es ist kaum vorstellbar. Das eigene Segelboot liegt seit drei Tagen auf einem Marinagelände in der Karibik, wo die turnusgemäßen Wartungsarbeiten vor der Hurrikansaison in Angriff genommen werden. Die Rückkehr ins Wasser ist für Anfang Mai geplant. Doch dann rücken Bauarbeiter an und errichten an nur einem Wochenende einen Zaun, der es seither unmöglich macht, das Boot wieder zurück ins Wasser zu befördern.
Was nach einer Folge von „Verstehen Sie Spaß?" klingt, ist den betroffenen Seglern vor einem halben Jahr auf der Insel Carriacou tatsächlich passiert. Die Hintergründe sind kompliziert und reichen bis vor das oberste britische Berufungsgericht in London.
Leslie Bell und ihr Lebensgefährte Michael Friedel blicken selbst etwas ratlos auf das besagte Wochenende zurück. „Als sie anfingen, den Maschendraht einzuziehen, war kein Tor drin, keine Türen, nichts. Da dämmerte es uns, dass das kein Spaß ist", sagt das Paar. Die beiden hatten ihren Katamaran am 22. April 2026 für eine geplante Wartung vom Kran der Marina an Land setzen lassen. „Uns hat niemand vorher irgendeinen Ton davon gesagt." Als sie dann zuschauen mussten, wie sie eingesperrt wurden, glaubte keiner der beiden daran, dass es für längere Zeit tatsächlich keinen Weg zurück geben würde. „Wir dachten: Okay, ein paar Wochen, dann ist das durch das Gericht geklärt und alles wieder okay”.
Inzwischen haben sich die beiden mit weiteren eingesperrten Seglern zusammengeschlossen und versuchen, juristisch eine Öffnung des Zauns zu erreichen. Doch die Widerstände sind groß: Ausgaben im fünfstelligen Bereich für Anwälte, unschlüssige Gerichtsurteile und eine komplett zerfahrene Bürokratie.
Was die Betroffenen erst nach dem Zaunbau erfuhren: Die Aktion ist lediglich eine weitere Eskalationsstufe in einem Konflikt, der schon seit über zehn Jahren auf Carriacou läuft. Die insgesamt sieben internationalen Segler hatten das unfassbare Pech, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein und sind dadurch regelrecht zwischen die Fronten eines Rechtsstreits geraten.
Der Streit um das Gelände begann bereits 2013. Die Regierung von Grenada hatte dem Marina-Betreiber Carriacou Devcor Ltd. rund drei Hektar Mangrovenland zur Erweiterung verpachtet. Die Erben des früheren Eigentümers Samuel Corion klagten. Der Fall ging durch alle Instanzen bis zum Privy Council in London, der für Grenada als Teil des britischen Commonwealth die letzte gerichtliche Instanz bildet. Das Urteil wurde 2023 gesprochen und bestätigte: Das Land gehört dem Nachlass von Samuel Corion. Die jetzigen Besitzer klagen nun gegen die Regierung und fordern Schadensersatz.
Warum die Familie Corion ausgerechnet jetzt die Entscheidung getroffen hat, einen Zaun durch das Gelände zu ziehen, ist nicht abschließend geklärt. Auch die Rechtmäßigkeit des Zaunbaus steht in Frage. Laut Aussage des deutschen Eignerpaares hat das Urteil von 2023 zwar über die Eigentumsverhältnisse, ausdrücklich aber nicht über das Nutzungsrecht entschieden: „Ownership und Possession sind nicht dasselbe. Das Nutzungsrecht liegt weiterhin bei der Marina."
Die Betroffenen haben vier Verfahren angestrengt. Alle seien gescheitert, so die Segler. Kurios sei auch der Ablauf vor Gericht gewesen. So wird berichtet, dass die Richterin bei einem der Verfahren fast weinend aus dem Saal gegangen sei. Dabei habe sie sinngemäß erklärt, sie könne nicht zugunsten der Bootsbesitzer entscheiden, ohne ihren Job zu riskieren.
„Die Öffentlichkeit interpretiert das Urteil seither so, als habe das Gericht den Zaun genehmigt”, so Friedel und Bell. Doch das entspreche nicht den Tatsachen. Ein weiterer betroffener Skipper äußerte sich auf Nachfrage: „Die Anhörung war eine komplette Farce. Nichts wurde korrekt eingehalten, und der gegnerische Anwalt schien dem Magistrat den Ablauf zu diktieren."
Die Situation der Eigner ist schwierig. Die psychische Belastung, die Schäden an Bord und die vielen kleinen Unannehmlichkeiten machen das Leben auf dem Trockenen zu einer zunehmenden Geduldsprobe. Da auf dem Katamaran des Eignerpaares wesentliche Systeme auf die Seewasserzufuhr angewiesen sind, können sie nun seit einem halben Jahr weder auf den Kühlschrank noch auf ihre Klimaanlage zurückgreifen. Auch sei das Wasser, welches auf dem Marinagelände aus den Schläuchen kommt, nicht trinkbar, so dass für die Wasserversorgung der täglich Gang zum Supermarkt auf Carriacou obligatorisch ist.
Der Katamaran von Friedel und Bell steht sechs Meter über dem Boden. Die nächsten Toiletten liegen rund 100 Meter entfernt, auf der anderen Seite des Zauns. „Wenn wir auf die Toilette müssen, klettern wir die Leiter herunter und laufen hundertzwanzig Meter um den Zaun herum", sagt das Paar. Jeremy, ein weiterer der betroffenen Segler, berichtet: „Arzttermine wahrzunehmen ist extrem schwierig, wenn nicht unmöglich. Meine Frau musste schon geplante Vorsorgeuntersuchungen verschieben."
Andere Betroffene haben nach Angaben des deutschen Paares ihre Einnahmen verloren. Mehrere müssten für ihre Arbeit nach Martinique reisen, leben aber auf ihrem Boot und könnten die Insel nun nicht mehr verlassen. Das hat schwere Folgen, denn neben den vielen Problemen besteht die ständige Gefahr eines Hurrikans: „Die Boote sind bei einem Hurrikan nicht ausreichend geschützt. Wir würden sie mit hoher Wahrscheinlichkeit verlieren", sagt Jeremy. Mehrere Betroffene verloren beim Sturm Beryl im Juli 2024 bereits ihr Schiff.
Dabei wäre der Weg in die Freiheit eigentlich sehr nah. Der Kran ist nach Angaben des Hafenbetreibers vollständig einsatzbereit und gewartet. In einer Stellungnahme gegenüber der Lokalzeitung in Grenada heißt es, er könne die Boote sofort zu Wasser bringen, „sobald ein freier, ungehinderter Weg zum Slip vorhanden ist". Auch der französische Skipper Jeremy schreibt: „Der Zaun könnte einfach geöffnet werden, die Boote könnten mit dem Travel Lift nacheinander zu Wasser gelassen werden, danach könnte der Zaun wieder geschlossen werden. Wir verstehen bis heute nicht, was dem im Wege steht."
Eine Nacht-und-Nebel-Aktion schließen die Eigner aus. Den Zaun könne man zwar in Minuten entfernen, das Risiko sei jedoch zu groß: „Einer hat das schon mal gemacht. Die haben ihn festgenommen und in den Knast geworfen." Hinzu kommt, dass ein 60-Fuß-Katamaran nicht in wenigen Minuten gekrant ist und der Vorgang auch bei geübten Händen mehrere Stunden dauern kann. Bei einem Schiff im Wert von über zwei Millionen Euro ist das für das Eignerpaar kein akzeptables Risiko.
Auf unsere Anfragen hat die Corion-Familie bisher nicht reagiert. In einer offiziellen Stellungnahme gegenüber der grenadischen Zeitung The New Today widersprechen sie der Darstellung der Segler. Der Zaunbau sei nicht über Nacht passiert. Die betroffenen Eigner seien vorgewarnt worden und der Bau sei rechtens gewesen. Sie erheben schwere Vorwürfe gegen die Regierung und den Hafenbetreiber, die illegal den Bau des Hafens auf ihrem Grundstück ermöglicht hätten, ohne dass sie angemessen entschädigt worden seien.

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