Die 27-jährige britische Seglerin Jazz Turner hat jüngst gleich zwei Auszeichnungen erhalten, die vor ihr den Legenden des Segelsports auf der Insel verliehen wurden. Die Liste ihrer Vorgänger liest sich wie das „Who is Who“ des Segelsports, unter ihnen Sir Robin Knox-Johnston und Pip Hare, Jimmy Cornell und Jeanne Socrates. Doch die hierzulande wenig bekannte Turner erhielt ihre Auszeichnungen nicht für einen Törn um den ganzen Globus, sondern für gut 2.000 höchst herausfordernde Seemeilen.
Am Mittag des 30. Juni 2025 liegt Brighton im strahlenden Sonnenschein. Jubel empfängt Jazz Turner, als sie nach 28 Tagen auf See in den Hafen einläuft. Freunde, Familie, Sponsoren und Follower haben sich versammelt, um die 26-jährige Ingenieurin aus Seaford zu begrüßen. Mit ihrer 27 Fuß Albin Vega namens „Fear" hat Turner soeben als erste Rollstuhlfahrerin Großbritannien und Irland allein, ohne Unterstützung und nonstop umsegelt. 2.070 Seemeilen liegen hinter ihr – und ein Monat, in dem sie an ihre absoluten Grenzen gegangen ist.
Es ist ein Triumph – und ein vorläufiger Sieg gegen die Einschränkungen, die eine tückische Krankheit der jungen Frau auferlegt. Denn Turner lebt mit dem Ehlers-Danlos-Syndrom, einer genetischen Erkrankung, die zu Gelenkinstabilität, Ohnmachtsanfällen und Krämpfen führt, begleitet von starken Schmerzen. Ihre Lebenserwartung ist sehr begrenzt. An Land ist sie auf einen Rollstuhl angewiesen, und sie kann nur begrenzte Mengen an Nahrung und Flüssigkeit zu sich nehmen. Doch auf dem Wasser findet sie Freiheit – und einen Grund, weiterzumachen.
„Diese Reise soll zeigen, dass mit ein wenig Vorstellungskraft und viel harter Arbeit dem, was erreicht werden kann, keine Grenzen gesetzt sind", sagte Turner zum Beginn ihres Projekts. Ihre im Sommer 2025 erfolgreich beendete Reise hätte indes wohl auch Segler ohne Beeinträchtigungen an ihre Grenzen gebracht.
Im September 2024 kauft Turner die Albin Vega 27 und nennt sie „Fear". Der Name wird die beiden Enden dessen bezeichnen, was das Projekt mit ihrer Verfassung macht, denn die vier Buchstaben von „Fear", also „Angst“, stehen für „Face everything and rise". Stell dich allem und wachse daran; oft wird sich Turner diesen Satz gesagt haben.
Ein Törn um das Vereinigte Königreich und Irland hat erwartbar Starkwind und Sturm, kabbelige Gezeitensee und solche mit Wellenbergen im Gepäck, Regen obendrein. Doch diese navigatorischen Herausforderungen sind nicht ihre größten. Ein wenig zweifelt sie selbst schon vor dem Törn an dessen Durchführbarkeit. „Allein an diesen Punkt zu kommen, war ein Marathon", schreibt sie Ende Mai in ihrem Instagram-Profil, wenige Tage, bevor sie für einen knappen Monat die Leinen loswerfen soll.
Sie wagt den Törn, muss aber schon am dritten Tag in Falmouth vor Anker gehen, um an sich selbst und dem Boot zu arbeiten. Erst am siebten Tag geht die Reise weiter. Sie kämpft sich um das südliche England und die Westküste Irlands hinauf, oft begleitet von schwerem Wetter. Mit leuchtenden Augen unter dem dicken Rand ihrer Wollmütze und einem strahlenden Lächeln sitzt sie an der Pinne, wenn Sonnenschein die Stimmung hebt und wärmt.
Meistens aber kommt es dicke. Dann offenbart sie schonungslos, wie wenig glamourös der Segelsport ist, wenn der Körper von blauen Flecken übersät ist und die Haut in salziger Umgebung rissig wird. Wenn sie tagelang aus mehreren Schichten klammer Kleidung nicht herauskommt und die Müdigkeit omnipräsent wird. Wenn es nur noch darum geht, zu funktionieren und vorwärtszukommen. Erst als sie mit der verlassenen Insel Saint Kilda in den Äußeren Hebriden den Punkt erreicht hat, der die Hälfte ihrer Reise markiert, glaubt sie wirklich daran, dass ihr Ziel erreichbar ist.
Doch Andy, ihr Autopilot, versagt auf Amwindkursen den Dienst. Um dann vorwärtszukommen, muss sie an die Pinne. Stundenlang, in Regen und kühlem Wind. Alles wird klamm. Geplagt von starken Schmerzen, muss sie sich zwingen, etwas zu essen und zu trinken. „Ich bin müde, nass, mir ist kalt. Hungrig und voller Schmerzen", schreibt sie am 21. Tag ihrer Reise, das Ziel schon fast in Griffweite. „Ich will mich immer als die toughe, starke, mutige Person zeigen. Manchmal denke ich, dass es das ist, was Menschen in mir sehen wollen. Aber das wäre eine Lüge", gesteht sie. „Gerade jetzt fühle ich mich geschlagen, zerstört und kann nicht aufhören zu weinen. Aber das ist okay. Denn ganz gleich was und wie, ich mache weiter." Meile für Meile, Welle für Welle und Atemzug für Atemzug ist das Mantra, das sie aufsagt und -schreibt und das sie bei der Sache hält.
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Nur einen Tag vor ihrer geplanten Ankunft versetzt sie die Erschöpfung nach Tagen auf der Kreuz und an der Pinne in einen unbeabsichtigten Tiefschlaf. Selbst mit dem Wecker und schließlich dem piependen Echolot gibt es kein Erwachen, bis die „Fear" vor Folkestone auf Grund sitzt. Die britischen Seenotretter und die Küstenwache kommen zur Hilfe, aber so kurz vor dem Ziel will Turner nicht aufgeben. „Unassisted", also ohne Hilfe, ist Teil ihrer Challenge.
Die Helfer bleiben auf Standby in der Nähe. “Fear” fällt trocken und legt sich auf die Seite, ohne gravierende Schäden davonzutragen. Bei Niedrigwasser kriecht Turner, den Anker geschultert, über grün-glitschige Felsen, um das Boot zu sichern und „Fear" bei Hochwasser freizubekommen. Einen Tag später erwartet sie der Jubel ihrer Freunde, Follower und Sponsoren, als sie in Brighton festmacht.
Mit ihrer Rekordfahrt rund um die Insel wollte sie ein Zeichen setzen für die Rückkehr des Segelsports auf die paralympische Bühne. Vor allem aber sollte sie Menschen mit Behinderungen zeigen, dass beim Segeln allen Hindernissen zum Trotz viel mehr möglich ist als vielleicht zunächst gedacht. Mehr noch: „Dieses Projekt, Project Fear, hat mich weit über meine Diagnose hinaus am Leben erhalten", beschreibt Turner die positive Wirkung ihres Projekts.
30.000 Pfund für das Project „Sailability" lautete das Ziel der Spendenkampagne, die Turner anlässlich ihrer Reise gestartet hatte. Dieses Ziel hat sie deutlich übertroffen: Mehr als 50.000 Pfund kamen zusammen, Geld, mit dem adaptierte Segeljollen für Segler mit Behinderungen gekauft wurden.
Trotz ihrer gesundheitlichen Einschränkungen erzielt Turner auch bemerkenswerte Erfolge im Regattasegeln. In einem doppelbesetzten Para-Boot gewann sie 2023 die Silbermedaille bei den RS Venture Connect World Championships, 2024 folgte Bronze. Zudem siegte sie 2024 beim Swiss Cup und den Para Nordic Championships. Im August 2025, nur Wochen nach ihrer Großbritannien-Umrundung, holte sie bei der RS Venture Connect European Championship in Oslo den Podiumsplatz in der “Inclusive Category”.
Nur wenige Wochen nach ihrer Rückkehr von der Umsegelung Großbritanniens kündigt Jazz Turner im August 2025 ihr nächstes großes Ziel an: die WorldStar Challenge 2026 des Royal Western Yacht Club. Start im September 2026 in Plymouth, solo, nonstop und ohne externe Hilfe einmal um den Globus. Ihr Erfolg würde sie zur ersten weiblichen, behinderten Seglerin machen, die eine solche Leistung vollbringt.
Doch noch während sie nach einem geeigneten Boot und Sponsoren sucht, verschlechtert sich ihr Gesundheitszustand dramatisch. Im Dezember 2025 schreibt sie auf Instagram: „Das ist nicht das Update, das ich jemals hätte schreiben wollen. Meine Erkrankung ist fortgeschritten und mein Körper schafft es nicht mehr. Das markiert das Ende von Project Fear und bedeutet, dass ich nächstes Jahr nicht versuchen werde, um die Welt zu segeln. Der Fokus liegt nun auf der Palliativversorgung und die Priorität ist, mich für die Zeit, die mir noch bleibt, so komfortabel wie möglich zu machen."
Im Januar 2026 erhielt Jazz Turner für ihre bemerkenswerte Leistung die prestigeträchtige “Duchess of Kent Trophy“ der britischen Cruising Association – eine Auszeichnung für außergewöhnliche Leistungen in oder mit kleinen Booten, die vor ihr illustre Preisträger wie Kirsten Neuschäfer, Jimmy Cornell und Jeanne Socrates erhielten.
Im Februar 2026 folgte die nächste große Ehrung: Von der Yachting Journalists' Association (YJA) wurde sie zur „Yachtsman of the Year 2025“ gekürt. Die 27-Jährige steht damit in einer Reihe mit legendären Seglern wie Sir Robin Knox-Johnston, der die Auszeichnung insgesamt viert Mal erhielt – das erste Mal 1969, nachdem er als erster Mensch eine Nonstop-Solo-Weltumsegelung vollendet hatte; Alex Thomson, der 2017 für seine bemerkenswerte Leistung bei der Vendée Globe geehrt wurde, als er trotz eines abgebrochenen Foils und Autopilot-Problemen die zweitschnellste Zeit aller Zeiten segelte; Tracy Edwards, die 1988/89 als Skipperin der ersten reinen Frauen-Crew bei der Whitbread Round the World Race Geschichte schrieb und 2018 zum zweiten Mal ausgezeichnet wurde, diesmal für die Restaurierung ihrer Yacht „Maiden“ und deren Weltreise zur Förderung der Mädchenbildung; sowie Pip Hare, die 2021 für ihre erste Vendée Globe geehrt wurde, bei der sie nicht nur herausragend segelte, sondern auch ihre wachsende Fangemeinde mit kraftvollen, detaillierten Berichten vom Abenteuer auf See fesselte.
„Es ist eine echte Ehre, nominiert zu werden, geschweige denn zu gewinnen", sagte Turner bei der Preisverleihung. „An der Seite der Namen auf dieser Trophäe zu stehen ist surreal, aber die Auszeichnung geht weit über das hinaus, was ich getan habe. Es geht darum, Möglichkeiten für alle behinderten Segler zu schaffen und zu zeigen, dass alles möglich ist mit ein wenig Vorstellungskraft und einer Menge harter Arbeit."

Redakteurin Panorama und Reise