David Ingelfinger
· 27.08.2026
Anna Barth: Ich denke dabei an den Moment zurück, als ich 2023 in Cádiz zum ersten Mal dabei war. Ich wurde ziemlich überrumpelt und ein bisschen ins kalte Wasser geschmissen. Es hieß ungefähr: „Anna, hier ist das Lenkrad – und los geht’s.“ Irgendwann sagte Erik dann: „Your wheel.“ Plötzlich hatte ich das Lenkrad in der Hand. Sich auf einem F50 zu bewegen ist eine Mischung aus Segeln und Autofahren. Wir segeln nach den Böen und nach dem, was wir auf dem Wasser sehen. Auch die Fock wird wie auf jedem anderen Boot getrimmt. Durch die hohen Geschwindigkeiten hat sie allerdings einen etwas anderen Schnitt. Auch die Beschleunigung ist beeindruckend – und wir haben keine Bremse. Wenn wir mit der Nase ins Wasser stechen und einen sogenannten Nose Dive fahren, ist das wie eine Vollbremsung.
Anna Barth: Das war auf jeden Fall spannend. Das Wochenende wäre wahrscheinlich anders verlaufen, wenn wir tatsächlich gekentert wären. Wir haben, glaube ich, den Rekord für die höchste Neigung gebrochen, die nicht zu einer Kenterung geführt hat. Ich saß ganz oben, während sich einige Teammitglieder noch unten in Lee befanden. Ich habe mich ins Cockpit geduckt und gedacht: „Gut, das ist jetzt unsere erste Kenterung.“
In diesem Moment war es aber gar nicht so schlimm, wie ich erwartet hatte. Wir kennen das Prozedere und werden vom Safety Team regelmäßig darauf vorbereitet. Grundsätzlich kann dabei auch nicht so viel passieren. Das Boot wird wieder aufgerichtet und kann meistens weitersegeln. Deshalb war die Situation nicht so schlimm oder spektakulär, wie sie auf den Bildern aussah. Vor Kollisionen zwischen zwei Booten habe ich deutlich mehr Respekt.
Anna Barth: Dafür benötigen wir Motorboote. Es gibt Safety Lines, und ein Motorboot zieht den F50 in den Wind, während ein anderes ihn wieder aufrichtet. Im besten Fall dauert dieses Prozedere ungefähr fünf Minuten. Wenn nichts beschädigt ist, kann es anschließend weitergehen. Bei uns war es ein langsamer Vorgang: Wir haben uns auf die Seite gelegt und sind danach langsam wieder hochgekommen. Wenn sich ein Boot bei einem richtigen Nose Dive überschlägt, ist das vermutlich noch einmal etwas anderes.
Anna Barth: Man kann am Trampolin herunterklettern und sich dort gut festhalten. Die erste Reaktion besteht aber immer darin, sich ins Cockpit zu ducken und dort sicher sitzen zu bleiben. Man befindet sich schließlich ziemlich weit oben.
Anna Barth: Das Format und die Liga entwickeln sich noch. In dieser Saison haben sich die Unfälle gehäuft. In Auckland gab es beispielsweise einen heftigen Crash zwischen Neuseeland und Frankreich. Die Liga hat darauf reagiert und setzt jetzt dauerhaft auf Split Fleets. Das Feld wird also in zwei Gruppen geteilt. Dadurch wird das Racing deutlich sicherer, weil die Boote nicht mehr so eng gegeneinander segeln. Außerdem lässt sich besser überblicken, wo sich die anderen Boote befinden. Das macht auch meinen Job an Bord einfacher.
Als Strategin sitze ich ganz hinten und behalte die anderen Boote und das Geschehen auf dem Rennkurs im Blick. Trotzdem bleibt natürlich ein gewisses Risiko. Wir versuchen, so stark wie möglich zu pushen. Umso höher wir fliegen, desto schneller werden wir – aber desto riskanter wird es auch, weil wir die Kontrolle verlieren können. Es ist immer ein Spiel mit dem Feuer.
Anna Barth: Wenn man auf die Formel 1 schaut, sieht man, wie stark sie sich über die Jahre und Jahrzehnte entwickelt hat. Es gab dort Zeiten mit deutlich mehr Unfällen, schweren Verletzungen und sogar Todesfällen. Heute ist die Formel 1 wahrscheinlich wesentlich sicherer. Ich würde sagen, dass der SailGP gerade eine ähnliche Entwicklung durchläuft.
Die Liga möchte den Sport möglichst actionreich gestalten. Er lebt von Geschwindigkeit, Spannung und einer guten Show. Auf der anderen Seite steht aber immer die Sicherheit der Athleten. Uns macht es natürlich großen Spaß, in einem großen Feld gegeneinander anzutreten. Das Split-Fleet-Format zeigt jedoch, dass der Liga die Sicherheit der Athleten sehr wichtig ist.
Was machst du als Strategin und wie kommuniziert ihr an Bord?
Anna Barth: Ich sitze ganz hinten in einem Cockpit zusammen mit Erik und bin quasi das Auge des Bootes. Ich kann mich frei bewegen und bin die meiste Zeit nicht daran gebunden, auf einer bestimmten Seite zu sitzen. Der Rest des Teams befindet sich meistens in Luv. Ich kann dagegen frei nach Lee gehen und die Bereiche einsehen, die für Erik hinter dem Wingsegel und der Fock nicht sichtbar sind. Ich decke also gewissermaßen seinen toten Winkel ab.
Meine größte Aufgabe besteht darin, meine Beobachtungen so zu kommunizieren und zu verpacken, dass Erik sie gut aufnehmen und auf dieser Grundlage eine Entscheidung treffen kann. Ich muss abwägen, welche Informationen wirklich relevant sind und in welche Richtung die Entscheidung gehen könnte. Meistens versuche ich deshalb, bereits einen konkreten Vorschlag zu machen. Am Ende entscheidet aber immer noch Erik, ob er diesen annimmt und umsetzt.
Du musst sehr viele Eindrücke gleichzeitig verarbeiten. Ist das ein bisschen wie bei einem Synchrondolmetscher?
Anna Barth: Es kommen sehr viele Eindrücke aus unterschiedlichen Bereichen zusammen. Ich höre die Kommunikation an Bord und die Informationen der Coaches. Gleichzeitig muss ich das mit dem verbinden, was ich auf dem Wasser sehe und wie sich die anderen Boote im Vergleich zu uns bewegen. Manchmal entscheiden sehr kleine Geschwindigkeitsunterschiede darüber, ob wir vor einem anderen Boot passieren können oder nicht.
Auch der Wind spielt eine Rolle: Wenn ein anderes Team in eine Böe fährt, beschleunigt es wieder. Diese ganzen sensorischen Eindrücke müssen bei hohen Geschwindigkeiten verarbeitet werden. Die größte Herausforderung besteht darin, sie möglichst schnell in eine klare Kommunikation zu verpacken und weiterzugeben.
Einige Teams sind euch noch überlegen. Was machen sie besser?
Anna Barth: Es ist sehr schwierig, den Vorsprung der anderen Teams aufzuholen. Wir haben deutlich weniger Zeit auf dem Boot verbracht als die meisten anderen Crews. Viele Segler im SailGP waren bereits im America’s Cup auf solchen Booten unterwegs und haben diese zusätzlichen Stunden schon in der Tasche.
Unsere größte Herausforderung besteht darin, dass wir so wenig Zeit haben, den F50 zu segeln. Wir bestreiten ungefähr ein Rennen im Monat. Dazwischen liegen drei Wochen Pause, in denen wir uns die Aufnahmen ansehen und alles nachbesprechen können. Dann haben wir wieder ein Wochenende, an dem wir versuchen, das Gelernte umzusetzen. Wir können uns dadurch aber nicht dauerhaft einspielen – auch nicht beim Bootshandling. Ab Herbst bekommen wir allerdings ein Trainingsboot in Pensacola. Dann können wir wochenweise hinfliegen und Trainingscamps absolvieren.
Wie wichtig ist es, dass ihr als Team gut miteinander auskommt?
Anna Barth: Das ist sehr entscheidend. Andere Teams haben uns möglicherweise voraus, dass sich ihre Mitglieder schon länger kennen. Bei den Spaniern segeln Diego und Flo beispielsweise gemeinsam im 49er. Auch Pete und Blair haben eine lange gemeinsame Vergangenheit. Je besser man sich kennt, desto besser kann man einschätzen, was die andere Person denkt, und desto schneller kann man darauf reagieren. Wir verbringen mittlerweile ebenfalls viel Zeit miteinander, und das macht großen Spaß.
In der Vorbereitung auf Sassnitz hatten wir eine sehr gute gemeinsame Woche in Kiel. Wir haben uns Aufnahmen aus Portsmouth angesehen und uns auf Sassnitz vorbereitet. Außerdem waren wir auf WASZP-Booten segeln. Das sind One-Design-Foiler, die Motten ähneln. Das hat großen Spaß gemacht, und es ist immer sehr lustig mit der Crew.
Manchmal entsteht der Eindruck, dass euch etwas Rücksichtslosigkeit fehlt. Geht ihr möglicherweise nicht immer bis an die Grenze des Risikos?
Anna Barth: Das ist ein interessanter Gedanke. Unter den Steuerleuten gibt es sehr unterschiedliche Charaktere. Tom Slingsby ist beispielsweise jemand, der sehr offensiv auftritt, genau weiß, was er will, und die Ellenbogen ausfährt. So würde ich Erik nicht beschreiben. Trotzdem ist er ein sehr ehrgeiziger Segler. Seine beiden olympischen Bronzemedaillen hat er schließlich nicht ohne Grund gewonnen.
Wir wissen, was wir wollen. Manchmal hängt unsere Zurückhaltung vielleicht damit zusammen, dass wir beim Bootshandling noch nicht so selbstbewusst sind und den F50 deshalb noch nicht so aggressiv herumfeuern wie andere Teams. Es kann also schon sein, dass wir manchmal noch etwas zu lieb unterwegs sind. Auch das ist ein Lernprozess.
Neben dem SailGP möchtest du 2028 bei den Olympischen Spielen in Los Angeles antreten. Wirst du dich irgendwann für eines der beiden Projekte entscheiden müssen?
Anna Barth: Ich habe noch nicht entschieden, wie es weitergehen soll. Ich habe diese zwei großen Projekte, auf die man unterschiedlich blicken kann. Einerseits bin ich bereits im SailGP und habe dort noch ein enormes Entwicklungspotenzial. Andererseits kann ein persönlicher olympischer Erfolg ein wichtiger Grundbaustein sein, auf dem ich später wieder aufbauen kann. Wenn ich mir Georgia Lewin-LaFrance anschaue, die ebenfalls im SailGP-Team war und sich jetzt auf das olympische Segeln im 49erFX konzentriert, ist auch das ein guter Weg. Sie sammelt dort Medaillen und kann wahrscheinlich später in den SailGP zurückkehren. Dann stehen ihr alle Türen offen.
Los Angeles ist auf jeden Fall ein Ziel. Ich denke aber noch langfristiger. Meine Segelpartnerin Emma Kohlhoff ist gerade erst 18 Jahre alt. Wir möchten deshalb auch 2032 in Brisbane antreten und dort eine Medaille holen. Wir werden sehen, wie sich alles in den nächsten Jahren entwickelt. Früher oder später werde ich Prioritäten setzen müssen, damit ich meinen eigenen Ansprüchen in beiden Projekten gerecht werden kann.
Ist dir bewusst, welche Entwicklung du in den vergangenen Jahren durchlaufen hast?
Anna Barth: Manchmal gibt es Momente, in denen ich denke: „Wow, das ist wirklich krass, was hier gerade passiert.“ Ich muss aber auch sagen, dass ich viel Glück hatte. Es gehört immer dazu, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Ich bin super dankbar für den Weg, den ich bisher gehen durfte, und würde es immer, immer wieder so machen. Ich bin gespannt, was in den nächsten Jahren noch kommt.
Wie kann es euch beim Heimrennen in Sassnitz gelingen, ins Finale einzuziehen?
Anna Barth: Die Vorhersage für das Wochenende sieht ähnlich aus wie im vergangenen Jahr: relativ starker Westwind, der vom Land kommt. Dadurch wird der Wind sehr drehend, und wahrscheinlich erwarten uns wieder kräftige Böen. Es wird vermutlich viel passieren und während der Rennen lange offenbleiben. Deshalb haben wir uns vorgenommen, bis zum Schluss zu kämpfen. Wir sagen immer „Eyes out of the boat“ – man muss die Augen draußen haben und nach dem Wind schauen. Das ist eine meiner Hauptaufgaben.
Wir haben uns außerdem unsere Starts genauer angesehen, weil sie bei den vergangenen Veranstaltungen eine Schwachstelle waren. Ein guter Start bietet die beste Chance auf ein erfolgreiches Rennen. Wenn man nach dem Start an der ersten Tonne bereits vorne liegt, ist es wesentlich einfacher, diese Position zu verteidigen. Wir hoffen deshalb, am Wochenende einige gute Starts hinzubekommen. Das könnte uns am Ende ins Finale katapultieren.
Ist das im Grunde nicht bei jeder Regatta gleich: gut starten, vorne an der ersten Tonne ankommen und die Position anschließend verteidigen?
Anna Barth: Grundsätzlich ist es das Gleiche. Beim SailGP fahren wir allerdings einen Halbwindstart, der eine ganz andere Dynamik hat. Ich finde ihn deutlich komplizierter, weil sich das Feld immer wieder verändert. Auch die Psychologie innerhalb der Flotte spielt eine Rolle: Was haben wir beim vergangenen Event gemacht? Was macht die andere Gruppe? Und was macht unsere Gruppe daraufhin beim nächsten Start?
Man kann zu viel darüber nachdenken und sich dabei verkopfen. Wir versuchen, eine gute Balance zu finden. Der Start macht bei uns mehr als 50 Prozent des Rennens aus. Auch im olympischen Segeln gibt es Bedingungen, unter denen er einen sehr hohen Stellenwert hat. Im SailGP ist seine Bedeutung aber noch größer.
Ist das Heimpublikum wirklich ein Rückenwind oder kann daraus auch zusätzlicher Druck entstehen?
Anna Barth: Es ist einfach ein großartiger Rückenwind. Das haben wir bereits gemerkt, als wir wieder in Sassnitz angekommen sind. Wir wurden mit offenen Armen empfangen, und es sind schon viele Unterstützer vor Ort. Am Wochenende werden es noch deutlich mehr sein. Die Tribünen sind fast ausverkauft, und schon jetzt herrscht hier eine unglaublich gute Energie.
Wir zehren immer noch vom vergangenen Jahr und von dieser Energie. Das hat uns damals überrumpelt, und alle Erwartungen wurden übertroffen. Wir freuen uns sehr darauf, das wieder zu erleben. Die Unterstützung gibt uns viel Halt.
Bist du vor einem Start beim SailGP in Sassnitz nervöser als vor einem normalen Rennen im 49erFX?
Anna Barth: Ich weiß noch nicht, wie es diesmal in Sassnitz sein wird. Im Team können wir uns gegenseitig beeinflussen. Erik ist grundsätzlich ein sehr ruhiger Charakter und hat damit einen guten Einfluss auf die gesamte Crew.
Wenn wir zu sechst an Bord sind, beruhigt mich das. Manchmal bin ich vor dem Start ein bisschen nervös. Spätestens zwei oder drei Minuten vor dem Start bin ich aber vollkommen im Tunnel und kann die Nervosität ausblenden. Dann entsteht eher ein positiver Energierausch, der mir zusätzliche Kraft gibt.
Das Interview führte Timm Kruse.
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