Als Strategin wahrt Anna Barth an Bord des F50-Rennkatamarans im Rolex SailGP den Überblick. Sie unterstützt Steuermann Erik Kosegarten-Heil und seinen Flügeltrimmer Kevin Peponnet. Manchmal ist in kleiner Crew-Konstallation in leichten Winden auch ihre energische Muskelkraft am Grinder gefordert. Jetzt ist Anna Barth auf ihrem Kurs zum Heimspiel in Sassnitz wieder das weibliche Gesicht der deutschen Mannschaft in der Segel-Formel 1. Hier geht es zu den Zwischenständen der Saisonmeisterschaft.
Ursprünglich hatte die im Hamburger Westen in Großflottbek großgewordene Sportlerin, der Erik Kosegarten-Heil unter anderem eine „sehr schnelle Auffassungsgabe“ und eine „gute Übersicht“ attestiert, nach dem Abitur 2023 Medizin studieren wollen. Eine Parallele zu ihrem Steuermann: Der 16 Jahre ältere deutsche SailGP-Fahrer hat sein Medizinstudium bereits abgeschlossen. Anna Barth hat ihren Plan nicht gestrichen, aber vertagt. Es ist der Segelsport, der sie aktuell in zwei großen Arenen auslastet und fordert.
Bereits in der dritten Saison für das Germany SailGP Team im Einsatz, treibt sie parallel auch ihre 49erFX-Olympia-Kampagne mit der noch jüngeren, erst 18 Jahre alten Kielerin Emma Kohlhoff voran. Die Schwester des Nacra-Olympia-Dritten Paul Kohlhoff macht erst im kommenden Frühjahr ihr Abitur. Auch das olympische Skiffsegeln hat Anna Barth mit Erik Kosegarten-Heil gemeinsam. Der Mitgründer des deutschen SailGP-Rennstalls gewann im 49er 2016 in Rio de Janeiro und 2021 in Enoshima zwei olympische Bronzemedaillen.
Anna Barth/Emma Kohlhoff haben gemeinsam die Spiele in Los Angeles 2028, vor allem aber die in Bisbane 2032 im Visier. Aktuell aber steht nach den bereits gelaufenen Höhepunkten der olympischen Skiffsegler in diesem Jahr für Anna Barth weiter stark das SailGP-Engagement im Vordergrund. Im Interview blickt sie nach bislang acht von 13 SailGP-Events in dieser bewegten Saison zurück auf den jüngsten Gipfel im britischen Portsmouth und die Beinahe-Kenterung ihres Teams dort. Dazu gibt sie Einblicke in die Sassnitz-Vorbereitungen.
Eher Letzteres. Ich war oben im Cockit. Für mich war das gar nicht so traumatisch. Ich habe mich ins Cockpit reingeduckt und natürlich festgehalten. Und wir sind ja auch nicht umgekippt, aber es war schon kurz davor. Ich weiß, dass ich in dem Moment erst gedacht habe, okay, ja, das ist jetzt unsere erste Kenterung. Aber richtig Schiss hatte ich nicht, weil es letztlich auch relativ langsam passierte. Und wir konnten es wieder aufrichten, fast direkt weitersegeln.
Nach meiner Vorstellung ist es bei Weitem nicht so schlimm, wie ich mir einen Crash mit einem anderen Boot vorstelle. Fürs Kentern kennen wir die Prozesse. Das ist nicht grundsätzlich etwas Dramatisches, auch wenn es so aussieht. Das kann mal passieren. Wir hatten da ein bisschen Pech mit dem Fort (Red.: festes Hindernis auf dem SailGP-Kurs, Teil der historischen Festungsanlage im Portsmouth Sound in Form einer kleinen runden Insel).
Es war so, dass Kevin es in der Halse nicht rechtzeitig geschafft hat, rüberzulaufen. Er war dann zu spät, um den Wing, den Twist einzustellen. Der Twist ist oben, wenn der Wing inverted wird, so dass wir mehr aufrichtendes Moment nach Luv bekommen und nicht nach Lee kippen. Das hat in dem Moment gefehlt. Wir mussten aber hoch aus der Halse rauskommen, weil da eben das Fort war. Dann haben wir Leekrängung bekommen. Ich habe noch etwas Druck aus dem Wing nehmen können, aber das hat nicht gereicht. Dann aber hat es Kevin noch gerade eben ins Cockpit geschafft und die Lage mit dem Twist noch retten können.
Wenn man nur auf des Ergebnis schaut (Red.: Platz zehn), war es kein besonders gutes Event für uns. Und ja, es war jetzt ein paar Male so, dass viele gute Dinge gelungen sind, wir es aber nicht geschafft haben, das übers gesamte Rennwochenende hinweg zusammenzubringen. Also beispielsweise: ein paar gute Starts, ein paar nicht so gute Starts. Und dann ist so ein Kurs wie in Portsmouth auch ein bisschen wie eine Einbahnstraße. Da hast du nicht mehr viele Überholmöglichkeiten. Wie man an unserem Rennsieg an Tag zwei sehen konnte, sind gute Starts schon sehr hilfreich.
Es gibt so ein paar Teams, die schaffen es zumindest sehr konstant, das gesamte Paket aufs Wasser zu bringen. Spanien, Australien. In erster Linie die beiden. Neuseeland war jetzt sehr lange raus (Red.: durch den katastrophalen Crash in Auckland im Februar haben Neuseelands Black Foils vier Events verpasst, bevor sie ihr neues Boot bekamen und im kanadischen Halifax ihr Comeback erlebten), aber die sind an sich auch eines von diesen Teams. Die Briten hatten jetzt auch ein paar Aussetzer drin.
Wir haben erst einmal das Debriefing für Portsmouth abgeschlossen, wie wir es nach jedem Event machen. Da gehen wir mit den Gruppen rein in die unterschiedlichen Bereiche. Die Gruppe für Speed und Handling heißt beispielsweise ‚Higher Faster‘. Da schauen wir uns Manöver an. Und Straight Lines. In Portsmouth war die Tech Base ziemlich weit weg. Das war gut für uns, weil wir so eine ziemlich lange Strecke segeln konnten, um zu den Rennen auf den Kurs und nach den Rennen wieder zurückzukommen. Da haben wir mehr Trainingszeit gesammelt, mehr Daten, die wir uns anschauen können. Und dann schauen wir uns natürlich auch die Rennen an, Kommunikation, Taktik und Strategie.
Schon bei den Starts. Das ist aber schwierig. Je mehr man sich damit beschäftigt, je komplizierter wird es eigentlich. Wir haben dazu bespielsweise mit den Spaniern gesprochen. Die haben gesagt, sie passen sich immer ein bisschen an die Flotte an, schauen sich die Starts aber gar nicht mehr so viel an, weil zu viel Zufall im Spiel ist. Trotzdem bieten die Starts natürlich das größte Potenzial. Wenn man einen guten Start hat, ist die Chance am größten, dass man auch ein gutes Rennen hat. Woran wir aber vor allem arbeiten wollen, ist, dass wir solide über den Kurs fahren und Boote aufholen, sodass man auch aus einem mittelguten Start noch ein gutes Rennen machen kann. Handling wird dann unter anderem als Thema in Pensacola im Fokus stehen.
Voraussichtlich noch in diesem Jahr und dann auch im kommenden Jahr.
Genau. Wir treffen uns alle bei Erik, verbringen Zeit zusammen, haben Meetings, segeln mit den Switches oder trainieren im Simulator. Das offizielle Camp dauert vier Tage, aber die meisten sind länger da. Das ist gut fürs gesamte Team.
Am 18. August geht es für uns los. Am Donnerstag können wir dann erstmals aufs Wasser, am Freitag ist Practise Race, am Wochenende die Rennen.
Ich freue mich total auf die Stimmung! Das war letztes Jahr einfach echt besonders. Erik und ich haben gerade die Opti-Deutsche besucht. Die war in Strande beim KYC. Da haben wir ein bisschen Q&A gemacht, Autogrammstunde und Gespräche. Einige der Optisegler haben uns schon erzählt, dass sie kommen. Man hat die Vorfreude gespürt, da ist dieses Home-Crowd-Gefühl. Ich hatte im vergangenen Jahr ein bisschen unterschätzt, wie stark das war und wie sehr es uns beflügelt hat. Ich kann mir vorstellen, dass das jetzt nochmal gewachsen ist.
In Teil 2 des Interviews gibt Anna Barth am 11. August Einblicke in ihre Profikarriere, den nicht immer leichten, aber andererseits auch sich gegenseitig beflügelnden Doppel-Einsatz im SailGP und in ihren olympischen Segelsport. Dazu ihr Blick auf die Liga und einen besonderen Talismann.

Freie Reporterin Sport
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