FreeNauticalChartWem gehören öffentliche Daten? – Interview mit Adam Lucke

Antonia von Lamezan

 · 05.06.2026

In den Niederlanden sind aktuelle Seekartendaten frei verfügbar und wöchentlich aktualisiert. Adam Lucke fragte sich: Warum nicht auch in Deutschland?
Foto: Lucke
Wie Adam Lucke aus BSH-Daten die kostenlose Seekarte FreeNauticalChart baute – und wie sie plötzlich verschwand.

YACHT: Was ist FreeNauticalChart.net?

Adam Lucke: FreeNauticalChart habe ich als Hobbyprojekt gestartet, weil ich nach frei verfügbaren Seekarten gesucht habe. Es fing an mit einem Törn im niederländischen Watt, wo ich nach aktuellen Tiefendaten und Tonnenpositionen gesucht habe. Die Niederländer stellen diese Daten in Form von elektronischen Karten ins Netz, frei verfügbar. Die werden wöchentlich oder zweiwöchentlich aktualisiert und sind teilweise aktueller als das, was man kaufen kann.

Ich habe dann angefangen, das aufzubereiten, um es auf dem Tablet direkt nutzen zu können. Und irgendwann dachte ich: Gibt es sowas nicht auch für Deutschland? Tatsächlich stellt das BSH im GeoSeaPortal unter anderem diese Seekartendaten zur Verfügung, und zwar auch als Vektordaten.

Dann ist noch ein bisschen anderer Kram drumherum gewachsen – Gezeiteninformationen, der Gezeitenstromatlas, den man beim BSH in Papierform kaufen kann. Den zugrundeliegenden Datensatz kann man als Open Data herunterladen. Also habe ich den auch mit eingebaut.

FreeNauticalChart gewann an Bekanntheit – dann verschwanden plötzlich Teile der BSH-Daten. Was ist passiert?

Das BSH hat selber mit mir nie geredet. Ich sehe nur, dass auf dem Server plötzlich bestimmte Daten nicht mehr da waren oder der Zugriff nicht mehr so möglich war wie vorher. Ich vermute, dass die sich an irgendeiner Stelle mal verkonfiguriert haben, also dass die Tiefenlotungen, die Einzellotungen, auf einmal nicht mehr vorhanden waren. Vielleicht wollten sie das gar nicht veröffentlichen und das ist aus Versehen da reingekommen. Und dann haben die das gemerkt es wieder deaktiviert. Wobei: Andere Leute, mit denen ich in Kontakt getreten bin, haben gesagt, vor Jahren waren diese Daten schon mal frei verfügbar und wurden dann wieder entfernt. Was da genau intern abläuft, weiß ich nicht.

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Was in der Community vermutet wird: Kartenverlage üben Druck aufs BSH aus?

Ja, das wird vermutet. Die Verlage müssen die Daten ja kaufen, und jetzt sind sie plötzlich frei verfügbar. Man muss aber auch unterscheiden: Wenn jemand Daten vom BSH offiziell kauft, wird gesagt, wir garantieren, dass die Daten aktuell sind.. Was auf dem Open-Data-Server liegt, hat formal nicht diese Garantie.

Wahrscheinlich handelt es sich aber effektiv um die gleichen Daten. Wenn man das stichprobenartig vergleicht – was auf dem BSH-Server frei verfügbar ist und was in offiziellen Seekarten drin ist oder die Berichtigungen, die Nachrichten für Seefahrer – dann stellt man fest: Scheint das das Gleiche zu sein. Aber es wird halt formal nicht die Garantie dafür übernommen.

Es ist eigentlich korrekt, dass man dann sagen kann: Okay, das ist zur Planung geeignet und so, aber nicht offiziell zur Navigation geeignet.

Das BSH hat dann aber nicht nur gewarnt, sondern sogar die Nutzung untersagt. Aus 'nicht geeignet' wurde 'nicht gestattet'. Was bedeutet das?"

Wenn man sich den Passus anguckt: Das heißt ja nicht das die Nutzung komplett verboten ist. Ich kann natürlich trotzdem gucken, mir die Karte nehmen und sie mit der Papierkarte vergleichen. Und wenn ich feststelle, in dem Gebiet, wo ich da fahre, das stimmt alles überein, dann kann ich doch damit fahren.

​Und wenn das für die kommerziellen Produkte, die ich kaufen kann, gilt – dass es gar nicht zur Navigation geeignet ist, sondern lediglich ein Hilfsmittel, und die Open-Data-Karte ist auch nicht zur Navigation geeignet, sondern nur ein Hilfsmittel: Wo ist denn da der Unterschied?

Und genau das machen die meisten Segler ja auch mit kommerziellen Apps, oder?

Das Verrücke ist ja, dass effektiv alle das so machen. Sie kaufen sich einen Kartenplotter oder die App auf dem Tablet, die sie zur Papierkarte dazu bekommen, und navigieren damit. So navigieren alle, weil das ist einfach bequem. Du hast die Position, du siehst, wo du bist, du kannst deine Wegpunkte setzen und kriegst vielleicht noch deine Daten vom Boot – Tiefensensor, Winddaten und so weiter. Aber im Kleingedruckten steht: Darfst du gar nicht. Es ist nur ein Hilfsmittel. Maßgeblich ist die Papierkarte.

Und da frage ich mich: Warum wird dann dieses ganze Theater gemacht, dass die Daten super korrekt und lizenziert sein müssen vom BSH, wenn das dann doch sowieso alles ausgeschlossen wird?

Das finde ich ist eine Riesendiskrepanz. Die Verlage machen ja nichts absichtlich falsch, aber die wollen halt Geld verdienen und wollen aus der Haftung raus sein. Und vor dem Hintergrund finde ich, fällt diese ganze Argumentation, die Daten können nicht gesichert sein oder da können Fehler drin sein, völlig ausgehöhlt.

Das Argument des BSH, die Daten als Open Data entsprechen nicht den Qualitätskriterien kann man formal so gelten lassen. Aber effektiv ist das, was man letztendlich kauft, auf demselben Niveau.

Es gibt ja auch positive Beispiele für Open Data in Deutschland.

Ja, zum Beispiel basemap.de. Das zeigt, wie Open Data richtig umgesetzt werden kann. Das sind topografische Karten von ganz Deutschland. Ich erinnere mich, vor 10, 20 Jahren waren diese Karten teuer, auf CD-ROM zu kaufen. Das hat sich mittlerweile so gewandelt, dass das komplett offen zugänglich ist – nicht nur die Daten als Vektordaten, sondern sogar die Karte als fertiges Produkt.

Man kann diese Karte auf seiner Webseite einbinden, in Druckprojekte einbinden, kommerziell nutzen – alles lizenzrechtlich erlaubt. Ein Dorf kann eine Infotafel aufstellen mit einem Plan der Umgebung, eine Firma einen Flyer mit Anfahrtsskizze drucken. Aktuelle Kartendaten, lizenzlich freigegeben. Wieso geht das da und nicht bei Seekarten?

Welche Rolle spielt die Berufsschifffahrt?

Da gibt es ein Vertriebssystem über die International Hydrographic Organization. Die sammeln die Karten ein und vertreiben sie über einen speziellen Vertriebskanal für die Berufsschifffahrt. Die Daten werden digital signiert, verschlüsselt, jede Reederei zahlt ihre Gebühren. Das ist sozusagen, um die Pflege der Daten und Neuvermessung vom Meeresboden mitzufinanzieren. Kann man sagen: Ist okay, weil die Berufsschifffahrt das nutzt.

Den Großteil finanzieren wir aber durch unser Steuergeld. Das kriegt die Behörde, um ihre Aufgabe zu machen. Dann sagen die wahrscheinlich: Ein Teil des Haushalts kommt durch den Verkauf dieser Daten mit rein. Wenn das wegbricht, fehlt denen etwas im Haushalt. Das ist vielleicht auch ein Druckmittel der Verlage.

Aber genau das ist das, was die EU-Gesetzgebung mit Open Data verhindern will. Das ist aus Steuergeldern bezahlt, da kann man nicht noch mal dafür abkassieren.

Wie sind die niederländischen Daten im Vergleich?

Die Daten von den Niederländern sind irre von Vorteil. Wenn ich mir jetzt eine offizielle Seekarte vom Watt nehme, ist die viel gröber – da sind viel weniger Tiefenlinien und Punkte eingezeichnet, und die Tonnen liegen garantiert auch nicht mehr da, wo sie wirklich liegen, an vielen Stellen.

Die aktualisierte Karte, die ich digital runterladen kann, hat eine höhere Detailgenauigkeit. Ich habe aus eigener Erfahrung schon gesehen: Es gibt Stellen, wo man sagt, passe ich da jetzt durch oder nicht? Auf der offiziellen Papierkarte war das nicht zu erkennen, aber mit der digitalen Karte sehe ich: Das wurde vor zwei Wochen so gelotet, das passt.

Natürlich gilt sozusagen immer als Auffangnorm die gute Seemannschaft. Das heißt, man muss alle zur Verfügung stehenden Mittel benutzen. Mehrere Karten, wenn man die hat, Erfahrung, gesunden Menschenverstand, den Tiefenmesser. Damit wird sozusagen die gesamte Verantwortung auf den Skipper abgewälzt – haftungstechnisch und auch bei der Aktualität.

Wer nutzt FreeNauticalChart noch?

Die Resonanz aus der Community ist positiv. Die finden das toll, dass man das nutzen kann. Das sind ja nicht nur die Karten – da sind ja noch ein paar andere Informationen dabei, insbesondere dieser Gezeitenstromatlas. Der wird auch gut angenommen.

Es gibt auch andere Projekte, die die Karten nutzen. Zum Beispiel die Wattpadler-App für Seekajakfahrer – die bindet meine Karten ein. Die können sich die Karte ausdrucken für das Gebiet, was sie brauchen, laminieren oder auf wasserfestes Papier drucken und vorne aufs Kajak pappen. Wenn der nass wird oder kaputt geht – dann drucken sie beim nächsten Mal einfach einen neuen aus. Das geht mit einer gekauften Papierkarte nicht.

Auch für die Ausbildung ist das interessant. Man kann sich realistische Übungskarten für genau das Gebiet ausdrucken, darauf rumkritzeln und malen und hinterher wegwerfen. Ich habe auch Kartenwerkzeuge eingebaut – Peilungen, Stromdreiecke kann man direkt auf der Karte zeichnen. Das kann man in der Praxis benutzen oder am Bildschirm zu Übungszwecken.

Was sind Ihre nächsten Schritte?

Ich mache das einfach weiter. Solange sich bei mir keiner meldet – wir werden sehen. Die Frage ist natürlich, wie eventuell die gesamte Community oder die Interessenvertreter der Segler, also zum Beispiel der DSV, reagieren. Die könnten sich mit dem BSH in Verbindung setzen.

Man könnte auch beim BSH eine IFG-Anfrage einreichen – nach Informationsfreiheitsgesetz – wo die dann offenlegen müssen: Wie sind diese Entscheidungen zustande gekommen? Wie viel Geld fließt da rein, wie viel würde verloren gehen, wenn Lizenznehmer die Daten nicht mehr kaufen?

Eine Bundesbehörde ist der Allgemeinheit Rechenschaft schuldig. Das ist kein Privatunternehmen. Genauso wie der Bundeshaushalt offengelegt wird, sollte offengelegt werden: Was passiert da mit dem Geld? Wo fließt wie viel, und wer hat woran Interesse?


Zum Podcast:


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Antonia von Lamezan ist gebürtige Hamburgerin und studierte Kultur- sowie Sozialwissenschaftlerin (Lüneburg/Kopenhagen). Obwohl die Seefahrt zur Familiengeschichte gehört, fand sie den eigenen Weg aufs Wasser erst als Erwachsene – dann jedoch mit voller Begeisterung und Konsequenz: Innerhalb eines Jahres absolvierte sie alle für die Langfahrt erforderlichen Scheine, tauschte das geregelte Stadtleben gegen das eigene Boot und segelte zwei Jahre lang auf eigenem Kiel durch Europa. Als Volontärin in der Redaktion verbindet sie nun fachlichen Hintergrund mit ihrer Leidenschaft für das Meer, Boote und das Schreiben.

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