Feliz navidadWilts’ Weihnachten in Feuerland

YACHT-Redaktion

 · 25.12.2022

Die "Freydis" in einer Gletscherbucht Feuerlands
Foto: Crew der Freydis

Vor 32 Jahren verbrachten die Wilts Heiligabend auf der “Freydis” in Feuerland. Was sie dabei erlebten, hat Heide im Bord-Blog festgehalten.

von Heide Wilts

Nach achttägigem Sturmgeheul beruhigt sich das Wetter endlich ein wenig, und wir laufen mit neuer Crew aus, Ziel Ventisqueros. Das sind Gletscher, die in die Bergwelt der Darwin-Kordilleren eingebettet und durch tiefe Fjorde erreichbar sind. Wir segeln gegen den Wind, mal im schönsten Sonnenschein, mal durch eisigen Regen.

Entweder man schwitzt – oder man friert“

Crewkamerad Herbert beschwert sich und zieht die Thermohose an. Zur Abwechslung rasen Windwalzen auf uns zu. Schwarze Wolkenfetzen hängen bis zum aufgepeitschten Wasser herab.

Verlagssonderveröffentlichung

Berge und Ufer lösen sich in dunkelgrauem Furioso auf. Die „Freydis“ macht keine Meile mehr gegenan. Als das Wüten nachlässt, kämpfen wir uns in den Schutz einer vorspringenden Landzunge.
In der Yendegaia-Bucht ankern wir vor dem größten Gletscher der Darwin-Kordilleren. Zwischen den Bergspitzen leuchtet er blendendweiß zu uns herüber. Mit dem Dingi überqueren wir reißende grüne Gletscherflüsse, waten durch eisige Bäche im Geröllbett, wandern über Wiesen und Flussinseln, erklimmen Berge. Immer scheint der Gletscher verlockend nahe und ist doch viel zu weit weg, als dass wir ihn in einem Tagesmarsch erreichen könnten.

Ringsum sind die Hänge übersät mit halbverkohlten Baumleichen. Brandrodung für neue Weiden für Rinder und Schafe der Estancias? „Oder war es Blitzschlag?” meint Albert, segelbegeisterter Altruist. Er glaubt noch an einen vernünftigen Umgang des Menschen mit der Natur. Aber in Feuerland gibt es keine Gewitter, keine Blitze und deshalb auch keine Entschuldigung für die verbrannte Erde.

Es sind Schandflecken.

Sonnenbrand in Feuerland

Die Sonne gleißt erbarmungslos durchs Ozonloch: Sonnenbrand in Feuerland. Eckart und Herbert cremen sich ihre Glatzen ein. „Wenn wir Sonnensegel aufspannen“, befürchten sie, „dann glaubt uns auf den Fotos keiner, dass wir im kalten Süden und in der sturmreichsten Gegend der Erde sind.“

Die Fjordarme enden ohne Ausnahme vor imposanten Gletscherabbrüchen. Darin knackt, rumpelt, poltert und knallt es, ständig brechen Eisbrocken herunter. Eckart, durchtrainierter Fünfziger, der zur allgemeinen Be- und Verwunderung seine Morgentoilette auf der „Freydis“ täglich mit einer Seewasserdusche beginnt, flippt fast aus.

Übermütig besteigt er kleine Eisberge, springt hinunter ins Eiswasser oder schwimmt im Eisbrei, in den sich nicht einmal die Seelöwen wagen.

Heiligabend

Eine immergrüne Buche mit winzigen, harten Blättern wird von unserem „alten” Segelkumpan Holger und seiner frischangetrauten Frau Anne mit Weihnachtskugeln, Christsternen und einem Rauschgoldengel geschmückt – ein wunderschöner Weihnachtsbaum! So etwas hat unsere „Freydis“ noch nie erlebt. Aufgedonnert wie ein Pfingstochse motort sie durch Fjorde, paradiert vor gigantischen Gletscherteppichen und posiert für die emsigen Bordfotografen. Eckart spielt Weihnachtslieder auf der Mundharmonika, und wir singen dazu die vertrauten Texte. Ein richtig sentimentales Weihnachtsfest: Am Ufer gurgelt ein Wasserfall, vom Gletscher her knallt es laut wie Salut.

Feliz navidad! Die Schiffsglocke übernimmt die Aufgabe des Weihnachtsglöckleins. Zur Bescherung dürfen wir endlich unsere Päckchen und Briefe von daheim auspacken oder lesen. Die lustigen Kleinigkeiten, mit denen sich die Crew untereinander beschenkt – kleine, aus Holz gefertigte Feuerland-Andenken, Fotos von früheren gemeinsamen Segeltörns, Bücher, Süßigkeiten -, finden natürlich auch die ihnen gebührende Anerkennung. Sogar die Natur hält Geschenke für uns bereit, schönes Wetter und das an den Felsen hängende Weihnachtsmenü: Prachtexemplare von Muscheln, die wir nur zu pflücken brauchen. Mit Knoblauchsoße, frischgebackenem Brot und Weißwein angerichtet, sind sie ein kaum zu überbietender, echt feuerländischer Gaumenschmaus.



Meistgelesene Artikel