Arktis-Reise mit der "Freydis"Die letzte Reise von Erich und Heide Wilts

Pascal Schürmann

 · 08.12.2022

Schlafender Riese. Still und majestätisch driftet ein weißer Koloss an der „Freydis“ vorbei
Foto: Erich Wilts und Crew der Freydis
Schlafender Riese. Still und majestätisch driftet ein weißer Koloss an der „Freydis“ vorbei

Anfang Dezember starb Segel-Legende Erich Wilts im Alter von 80 Jahren. Knapp ein Jahr vor seinem Tod berichteten er und seine Frau Heide in der YACHT über ihre Arktis-Reise mit der Yacht “Freydis” 2021. Es sollte die letzte große Fahrt sein. Der gesamte Bericht hier noch einmal zum Nachlesen.

Hätte uns zu Beginn der Saison jemand erklärt, dass wir in diesem Jahr gleich zweimal nach Grönland und zweimal nach Island segeln, wir hätten ihn für verrückt erklärt. Doch es kommt ja häufiger anders als man denkt. Schuld war das Virus, das die Welt immer noch in Atem hält und das unseren Törnplan über den Haufen warf.

Die „Freydis“ wartete auf den Kanarischen Inseln auf uns. Von hier aus sollte es am Ende unseres Seglerlebens ein letztes Mal in den Südatlantik gehen, noch einmal in die Antarktis und rund Kap Hoorn. Zur Vulkaninsel Bouvet wollten wir, die auf dem 55. Breitengrad im Südatlantik liegt, nach Südgeorgien und zu den Südlichen Sandwich-Inseln. Doch im Herbst 2020 verschärfte sich die Corona- Situation. Für uns hieß das: aus der Traum von einer Reise zum Südland!

Arktis statt Antarktis

Wer unsere Leidenschaft für extreme Reviere kennt, den wird es nicht wundern, dass unsere Alternative Grönland und Island lau­tete. Die Arktis schien uns nicht minder verlockend als die Antarktis. Vor allem aber war sie unter den gegebenen Umständen erreichbar. Begeisterte Mit­segler waren schnell gefunden.

Gut zweieinhalb Wochen veranschlagen wir für den ersten Abschnitt von La Palma nach Horta auf der Azoren-Insel Fajal. Es wird ein „Gute-Laune-Törn“. Wir sind zu siebt, verstehen uns prima, es wird abwechselnd gekocht und – nachdem die Seekrankheit überwunden ist – viel gelacht. Der beständige Nordostpassat weht zwar schräg von vorn, aber wir kommen zügig voran. Am Ziel haben wir sogar noch Zeit für mehrtägige Erkundungen der Azoren-Inseln Santa Maria und São Miguel. Corona-bedingt hält sich die Zahl der Touristen auf den Inseln in Grenzen. Wir müssen beim Einklarieren auf Santa Maria einen PCR-Test machen, dann können wir uns frei bewegen.

In Horta dann verabschiedet sich Crew Nummer eins – und mit ihr unser Wetterglück. Die nächste Etappe soll uns nonstop nach Grönland führen. Mit neuen Mitseglern geht es einmal über den gesamten Nordwest-Atlantik, vom 38. bis über den 60. Breitengrad. Das sind laut GPS 1485 Seemeilen – auf direktem Weg. Den aber müssen wir schon bald verlassen.

Grönlands Südspitze ist gefährlicher als Kap Hoorn

Auf einen Zwischenstopp in St. John’s auf Neufundland, wie wir ihn auf unseren Nordtörns 1986 und 1988 eingelegt hatten, verzichten wir diesmal; das Risiko möglicher Komplikationen wegen Corona scheint uns zu groß. Außerdem wollen wir die Neufundlandbänke, auf denen man mit pottendichtem Nebel rechnen muss und wo bei Sturm die Hölle los ist, lieber weiträumig umsegeln. Das Gleiche gilt für die Südspitze Grönlands, das Kap Farvel. Das, sagen Experten, sei gefährlicher zu umrunden als Kap Hoorn – wegen der Stürme, vor allem aber wegen des Packeises und der Eisberge, die mit dem Ostgrönlandstrom selbst in den Sommermonaten um die Südspitze driften. Wenn dann noch Nebel aufzieht – nein, danke! Schon vielen Schiffen ist Kap Farvel zum Verhängnis geworden.

Drei Wochen veranschlagen wir für die Passage, hoffen insgeheim aber, schon nach zwei Wochen am Ziel zu sein. Doch von wegen! Unser Wetterrouter aus Kiel prophezeit nichts Gutes: Zwischen dem 42. und 48. Breitengrad liegt ein ausgedehnter Tiefdruckkomplex. Ein Randtief nach dem anderen zieht von West nach Ost, ein Ende der Stürme ist nicht absehbar. Zugleich wandert an der US-Ostküste ein Hurrikan gen Norden. Ob wir da unbeschadet durchkommen? Der Rat vom Wetterprofi: das Auslaufen um einen Tag vorziehen. Das würde die Chance erhöhen, vielleicht durch eine sich kurzzeitig bildende Lücke an den Tiefs vorbeizukommen.

Also nichts wie los. Unsere Crew ist zum Glück bereits an Bord und eingewiesen, das Try­segel auf der zweiten Mastschiene untergeschlagen, die Hahnepot für den Sturmtreibanker am Heck befestigt, und der 150 Meter lange Jordan-Drogue-Treibanker liegt griffbereit achtern in der Backskiste. Mit zwei Reffs im Groß und gereffter Fock laufen wir am 30. Juni aus dem Hafen von Horta.

Der Nordatlantik empfängt uns mit Starkwind schräg von vorn. Immerhin, der Crew wachsen schnell Seebeine, nach zwei Tagen ist die Seekrankheit bei denen, die es erwischt hat, überwunden. Wir halten uns ans Dreiwachensystem der Berufsschifffahrt: vier Stunden Wache, acht Stunden Freiwache. Mahlzeiten werden wachweise zubereitet. Wenn es allzu ruppig wird, drehen wir zu den Mahlzeiten bei.

Sturmtief zwingt zur Planänderung

Fünf Tage machen wir zunächst gut Strecke. Hoch am Wind ist bereits über ein Drittel der Gesamtdistanz zurückgelegt. Dann die Hiobsbotschaft: „Ein ausgedehntes Sturmtief rückt über die Labradorsee vor und sorgt für einen breiten Bereich mit Sturm. Entgegen der bisherigen Vorhersage zieht es deutlich weiter nördlich durch. Ihr müsst also im Süden bleiben.“ So der Wortlaut der deprimierenden Prognose von Wetterwelt am 5. Juli.

Mit unserem Iridium-Satellitentelefon laden wir täglich zwar Gribdaten herunter, sodass wir selbst ebenfalls gut im Bilde sind. Doch bei der manchmal schwierigen Interpretation der Daten ist die Unterstützung von Wetterprofis eindeutig von Vorteil. Verzichten wollten wir darauf nicht mehr. Die Zeiten sind vorbei, in denen wir ohne jegliche Information über die Weltmeere segelten und das Wetter so nehmen mussten, wie es kam. Noch vor wenigen Jahrzehnten hätten wir den sich rasant nähernde Orkan voll abbekommen. Nun aber bekommen wir Wegepunkte an die Hand, die uns außerhalb der Reichweite des Tiefs halten.

Die Zeiten sind vorbei, in denen wir ohne jegliche Information über die Weltmeere segelten”

Ärgerlich ist es dennoch, dass wir unter Sturmfock und mit drei Reffs im Groß zurück nach Süden und dann beidrehen müssen. Vier Tage geht das so, bis sich das Tief abschwächt. Erst dann können wir wieder auf Nordkurs gehen, müssen nun aber ordentlich gegenan bolzen. Vor allem für den Skipper in der Vorschiffskoje kein Spaß.

Ziemlich genau eine Woche kostet uns der Vollkreis. Erstaunlicherweise bleibt die Stimmung an Bord gut. Alle sind sich bewusst gewesen, dass der Törn hart werden kann. Jetzt nehmen sie die Unbequemlichkeiten und die vielen Manöver mit großer Selbstverständlichkeit hin.

Zum Glück, denn der Wettergott gibt weiterhin keine Ruhe: Eigentlich wollten wir ja im großen Bogen westlich am Kap Farvel vorbei. Doch wir kommen nicht hoch genug an den Wind. Vielmehr wird unsere „Freydis“ immer weiter nach Osten versetzt. Und schon kündigt uns Wetterwelt einen neuerlichen schweren Sturm an, der uns am 18. Juli erreichen wird. Wir sollen alles daran setzen, vorher im Osten des Kap Farvel unter Landschutz zu kommen.

Kap Farvel hat schon viele Opfer gefordert

Wir erinnern uns an die „Pagan“, einen Stagsegelschoner aus Stahl unseres Segel­kameraden Reinhard Schmitz, die am Kap Farvel im September 2001 im Sturm durchkenterte. Ebenso wie viele Jahre zuvor die Hallberg-Rassy 42 „Solveig IV“ von Rollo und Ange­lika Gebhard. Und wir erinnern uns daran, wie 1987 – ein Jahr, nachdem wir im großen Bogen ums Kap nach Grönland gesegelt waren – die deutsche Yacht „Seufel VI“, eine Amel Maramu mit Skipper Günter Gassner, zu dicht ans Kap geriet und dort vom Packeis eingeschlossen und zerquetscht wurde. Die beiden Segler konnten gerade noch aufs Eis flüchten und vom Rettungs­hubschrau­ber abgeborgen werden.

Wir sind schon über ein Dutzend Mal um Kap Hoorn gesegelt, haben aber Kap Farvel auf früheren Reisen stets gemieden.”

Dass das Kap auch für viel größere Schiffe gefährlich werden kann, belegen die Katastrophen der „Titanic“ und der „Hans Hedthoff“. Letztere war 1959 speziell für arktische Bedingungen gebaut worden; sie galt als unsinkbar – bis sie mit einem Eisberg kollidierte und sank. Keiner überlebte. Es war nach der „Titanic“ seinerzeit die zweitgrößte Katastrophe der zivilen Seefahrt.

Wir sind schon über ein Dutzend Mal um Kap Hoorn gesegelt, haben aber Kap Farvel auf früheren Reisen stets gemieden. Mit einer Ausnahme: 2018, in einer kurzen Pause zwischen zwei Stürmen, wagten wir uns aus der Deckung und umrundeten das Kap von West nach Ost – unbeschadet.

Eile ist nun also geboten. Die Maschine läuft mit, wir möchten keinesfalls in der Nähe des Kaps vom Sturm überrascht werden. Am 17. Juli nimmt der Wind vorübergehend ab. Wir reffen aus. Um sechs Uhr morgens haben wir eine hervorragende Sicht auf das Küstengebirge Grönlands, das noch rund 60 Meilen entfernt ist. Riesige Eisberge kommen in Sicht. Wir testen unser Radar: Nicht alle sind auf dem Schirm zu sehen. Am späten Abend zieht Nebel auf, der Wind legt wieder zu, nun auf 30 Knoten aus Nordost. Erneut zwei Reffs ins Groß und die Fock verkleinern. Verdammt, kurz vorm Ziel noch einmal Stress!

Nach Mitternacht drehen wir acht Seemeilen vor dem Kap bei. Die Gefahr ist zu groß, dass wir mit einem Eisberg oder einem der zahlreichen Growler kollidieren. Erst am nächsten Morgen bessert sich die Sicht. Ein unglaubliches Ambiente umgibt uns da: hohe, schroffe Berge, Eisberg-Ungetüme und gewaltige Packeisschollen.

Wir nehmen Kurs aufs Kap Farvel und entscheiden uns für den Sund, der westlich daran vorbei durchs Gebirge führt. Ihn haben wir vor drei Jahren in umgekehrter Richtung befahren. Als wir einbiegen, wissen wir, dass wir nun keinen Sturm mehr fürchten müssen. Wir haben es geschafft, haben Grönland sicher erreicht! 18 anstrengende Tage liegen achteraus.

Die neue Crew sitzt auf Island fest - und wird abgeholt

Zwei Tage später laufen wir nach einer Fahrt durch die spektakulären Fjorde und Sunde im Südwesten Grönlands unseren Zielhafen Quaqortoq an. Seit La Palma haben wir 3007 Meilen zurückgelegt, seit Horta laut Sumlog 2153 Meilen – fast 700 Meilen mehr, als das GPS zu Beginn angezeigt hatte.

Unsere „Freydis“ ist im Hafen die einzige Yacht. Über Funk und Satellitentelefon haben wir uns bei der grönländischen Behörde angekündigt. Da wir nicht nur alle geimpft, sondern drei Wochen auf dem Meer unterwegs waren, entfallen Quarantäne und PCR-Tests. Wir dürfen sogar weiter zu den Orten an der Ostküste. Das Seglerglück scheint wieder mit uns zu sein. Doch dann platzt unversehens der anstehende Crewwechsel!

In Quaqortoc erfahren wir, dass die Crew, deren Ankunft wir hier erwarten, in Island festsitzt; Iceland Air hat sämtliche Flüge von und nach Grönland gestrichen. Entsprechend sind auch die Rückflüge unserer derzeitigen Crew storniert.

Jetzt ist guter Rat teuer! Und die Lösung des Problems auch. Aber immerhin, es gibt eine. Zumindest für die alte Crew. Unser deutsches Reisebüro ergattert bei einer anderen Fluggesellschaft Rückflüge. Zwar erfordern sie mehrmaliges Umsteigen und sind extrem kostspielig, aber alle kehren pünktlich heim. Bis auf Gundolf, der auch die anschließende Etappe gebucht hat und der nun mit dem Skipper allein an Bord bleibt. Gemeinsam beratschlagen wir, wie es weitergehen soll.

Wenn der Berg nicht zum Propheten kommt, muss der Prophet zum Berg kommen. Die Entfernung von Quaqortoc nach Reykjavik beträgt etwa 800 Seemeilen, wir haben aber nur eine Woche Zeit bis zum Beginn des dritten Törns. Ist das zu schaffen? Nach langem Hin und Her und der Auskunft unserer Kieler Meteo-Experten, dass die Wetterlage mit uns sei, legen wir ab.

800 Seemeilen liegen vor uns bis Island, zunächst entlang der grönländischen Küste, dann über die Irmingersee. Durch den Prins Christian Sund gelangen wir von der La­b­radorsee zu dieser Wasserstraße, die zu den spektakulärsten der Welt zählt. Diesmal aber haben wir kein Auge für die überwältigende Landschaft, sondern konzentrieren uns auf eine schnelle Passage.

Per­manent an der Grenze der Belastbarkeit - und teils darüber hinaus

Entgegen der Prognose wird es einmal mehr eine sehr raue Überfahrt. Die ersten zwei Tage läuft alles nach Plan, und wir kommen gut voran. Dann jedoch bricht ein Tief nicht wie erwartet in sich zusammen, sondern bleibt einfach an Ort und Stelle liegen und verstärkt sich sogar noch. Eiskalter Nord­ostwind bläst uns mit 35 Knoten auf die Schnauze. Unter dreifach gerefftem Groß und gereffter Sturmfock absolvieren wir 670 Meilen binnen viereinhalb Tagen – per­manent an der Grenze der Belastbarkeit. Und teils darüber hinaus.

Gundolf legt sich im bockenden Schiff zweimal in der Kombüse lang. Beim Kochen wird er zudem mehrfach gegen die Schrankwände geschleudert. Mir selbst ergeht es kaum besser, ich ziehe mir Prellungen zu, am Ende tut uns beiden jeder Muskel weh. Auch „Freydis“ leidet. Die neue Genua zeigt Risse am Rand der Schothorn-Verstärkung. Also muss wieder die Sturmfock ran. Zwischendurch wird es so wild, dass zum ersten Mal seit zehn Jahren Brecher übers Deckshaus schlagen. Zu allem Überfluss wird es mit den nördlichen Winden saukalt. Wenigstens hält die neue hydraulische Selbststeuerung, sie entlastet uns beide erheblich.

Als wir die Höhe nicht mehr halten können, fallen wir ab auf die Südwestecke Islands und hoffen, dort unter Landschutz zu kommen. Das klappt. Wir nehmen Kurs auf Grindaviken, den ersten Fischereihafen an der Südküste. Am nächtlichen Himmel leuchtet der Widerschein des neuen isländischen Vulkans. Der Fagradalsfjall ist einige Monate zuvor auf der Halbinsel Reykjanes nahe Grindaviken ausgebrochen. Nun staunen wir über das nächtliche Schauspiel.

Kaum haben wir die „Freydis“ um fünf Uhr in der Frühe festgemacht, fallen wir todmüde in die Kojen. Doch bereits um zehn Uhr sind unsere neuen Mitsegler zur Stelle und wecken uns. Sie haben auf Island wartend via Marine Traffic unseren Kampf gegen Wind und Wellen verfolgt.

Am nächsten Tag, es ist der 29. Juli, beginnt laut Törnplan der dritte Abschnitt. Nach den Strapazen der Überfahrt hätte ich gern ein wenig länger pausiert, aber es hilft nichts: Am Abend bringt die neue Crew bereits Bier und Lebensmittel an Bord und richtet sich ein. Bei der Crewbesprechung stellt sich die Frage, ob wir nun zurück an die Ostküste Grönlands oder lieber rund Island segeln sollen. Da es in der vorgesehenen Zeit knapp werden könnte, zwei weitere Male über die Dänemarkstraße zu segeln, entscheiden sich unsere Mitsegler einhellig für die Island-Alternative. Da bleibt dann auch genügend Zeit für Zwischenstopps, um Land und Leute kennenzulernen.

Erich Wilts erinnert sich an seinen ersten Törn vor Island

Als ich 1964 das erste Mal auf der Ausbildungsyacht „Ortac“ des Hamburgischen Vereins Seefahrt rund Island gesegelt bin, waren Touristen dort noch rar. Erst seit Mitte der Neunziger nimmt der Touristenstrom jährlich in großem Maße zu. Heute zieht es über zwei Millionen Urlauber auf die Insel im Nordmeer, Tendenz kräftig steigend. Uns wundert, dass es so lange gedauert hat, bis Island ein Touristenmagnet geworden ist. Die spektakuläre Landschaft mit ihren Vulkanen, Geysiren, Thermalquellen und Lavafeldern hat mich schon damals beeindruckt.

Mit der neuen Crew ist der Westmänner-Archipel, eine Inselgruppe vulkanischen Ursprungs südlich der isländischen Küste, unser erstes Ziel. Auf dem Weg zur Hauptinsel Heimaey mit ihrem geschützten Hafen kommen wir an der Vulkaninsel Surtsey vorbei. Sie wuchs 1963, vor 58 Jahren, aus dem Meer. Ihren Namen bekam sie vom Feuerriesen Surt aus der nordischen Mythologie. Damals war ich als Student jüngstes Crewmitglied auf der „Ortac“. Der Ausbruch des Surtsey elektrisierte uns alle, und wir beschlossen, diese Ausgeburt der Hölle im Jahr darauf anzulaufen. Ein wagemutiger Entschluss, schließlich verfügte die 14 Meter lange Yacht über keine Maschine, Elektrik oder Elektronik – mit Ausnahme des batteriebetriebenen Grenzwellenempfängers.

Das Vorhaben gelang. Wir besuchten Heimaey und bestiegen die hochaktive neue Vulkaninsel Surtsey. Mein damaliger Skipper erhielt danach für diese Reise eine Auszeichnung, und ich war stolz, als jüngstes Crewmitglied und Bordfotograf dabei gewesen zu sein. Letztlich war für mich diese Reise ein Schlüsselerlebnis, ein Ansporn für viele weitere Törns in die Hohen Breiten.

Hier auf Heimaey trafen wir zuletzt 2019 Gisli Matthias Sigmarsson, einen Fischdampfer-Kapitän im Ruhestand. Sein inzwischen verstorbener Bruder Oskar hatte vor 55 Jahren mit seiner „Leo“ die motorlose „Ortac“ auf den Haken genommen und aus der berüchtigten Medalla-Bucht, in die wir uns wegen Nebels vernavigiert hatten, in den sicheren Hafen geschleppt. Dort waren wir ein paar Tage seine Gäste. Ein Jahr später war er mit seinem Fischkutter sogar zum Gegenbesuch nach Hamburg gekommen.

Zufällige Begegnung mit dem Bundespräsidenten

Noch eine Begegnung der besonderen Art: Als wir vor zwei Jahren auf Heimaey erneut den Vulkan Eldfell bestiegen, den wir schon 33 Jahre zuvor erklommen hatten, begegneten wir zufällig auf dem Gipfel unserem Bundespräsidenten und seiner Gemahlin, die zum Staatsbesuch auf Island weilten und einen Abstecher hierher unternommen hatten. In dieser ungewöhnlichen Umgebung haben wir uns angeregt unterhalten. Dabei hat uns Frank-Walter Steinmeier von der Zeit erzählt, in der er Leiter des persönlichen Büros von Ministerpräsident Gerhard Schröder in Hannover und auch für Leer in Ostfriesland tätig war – wo wir damals noch lebten und arbeiteten.

Und nun sind wir also wieder auf Heimaey. Der Hafenmeister er­kennt uns sofort. Weitere Stopps folgen auf Höfn an der Ostküste Islands, und wir besuchen von dort aus den Gletscher des Vatna­jö­kul. Das ist immerhin der größte Gletscher Europas. An der Nordküste nehmen wir uns von Husavik aus viel Zeit für die aufregende Vulkanlandschaft am Myvatn, dem Mückensee, sowie – noch ein Superlativ – für den größten Wasserfall Europas, den Detifoss.

An der Insel Grimsey im äußersten Norden Islands sind wir schon einige Male in unserem Leben vorbeigesegelt; diesmal ist die Wetterlage so günstig, dass wir sie an­laufen können. Eine zwei Meter große Kugel markiert dort den Polarkreis (66° 33’), auf dem die Insel liegt. Weil der Polarkreis nach Norden wandert, muss die Kugel jedes Jahr etwas dichter ans Meer gerollt werden. In nicht allzu ferner Zeit wird sie hineinfallen.

Um ein Haar wäre die Reise beendet gewesen

Die wenigen Menschen, die hier leben, sind ungemein gastfreundlich. Ein Fischer schenkt uns einige kapitale Kabeljaus, und der Wirt der gemütlichen Kneipe wird schnell unser Freund. Er besucht uns mit seiner kleinen Tochter an Bord. Und doch findet un­sere Reise hier um ein Haar ein jähes Ende: Kaum haben wir den kleinen Hafen Richtung Isa­fjördur verlassen, erfahren wir, dass die ganze Insel unter Quarantäne gestellt worden ist, da unser Freund, der Wirt, sich das Corona- Virus eingefangen hat. Wieder einmal haben wir Glück gehabt!

In Isafjördur, dicht am Polarkreis, endet dieser Reise-Abschnitt. Die letzte Crew der Saison hat wie die vorangegangene die Wahl zwischen Island rund und einem Abstecher an die Ostküste Grönlands. Diesmal fällt die Entscheidung für Grönland. Alle haben einige Reservetage eingeplant, falls das Wetter auf der Rückreise nicht mitspielt.

Auch dieser letzte Törn des Jahres wird spannend, vor allem wegen der ungeheuren Eismassen in den Fjorden und an der Küste. Die wilden Szenarien aus Felsen, Eis und Meer beeindrucken uns nicht nur zutiefst, sie fordern uns auch in navigatorischer und seemannschaftlicher Hinsicht.

Wir steuern Tasiilaq und kleinere Innuit-Dörfer weiter nördlich an. Dann zwingt uns das Wetter zur Umkehr – einmal mehr sind Hurrikan-Ausläufer im Anmarsch. Also zurück über die Dänemarkstraße nach Isafjördur. Wir lassen die Eisberge achteraus, dann frischt der Wind auf, und wir binden Reffs in die Segel. Es werden 240 holprige, aber pannenfreie Seemeilen.

In Isafjördur hat uns der Hafenmeister schon einen Winterliegeplatz für die „Freydis“ reserviert. Die ist bald darauf in guter Gesellschaft. Nicht nur die „Dagmar Aaen“ von Arved Fuchs trifft ein, sondern auch Michael Ziese auf seiner kleinen „X-Trip“. Er war ebenfalls an der Ostküste Grönlands und zeigt uns Fotos, wie eine Eisbärenmutter mit ihren Jungen sein Boot zu besteigen versucht, sich aber von ihm vertreiben lässt.

Am folgenden Nachmittag reist erst die Crew ab, eine Woche später wird es dann auch für Heide und mich Zeit. Doch leider, lange bleibe ich nicht in Deutschland. Ende September ziehen Orkane über Island und richten reichlich Schäden an den Schiffen an. Auch an der „Freydis“. Also noch einmal in den Flieger gen Norden zwecks Reparatur. Nun aber liegt sie da, mit Autoreifen abgefendert und von 21 Leinen gehalten. Und wartet, dass der Winter vorüber und im nächsten Jahr die Reise weitergeht.


Dieser Törn sollte die letzte große Reise von Erich und Heide Wilts sein. Den Plan, die “Freydis” im Sommer 2022 zurück nach Deutschland zu segeln, mussten sie aus gesundheitlichen Gründen aufgeben. Anfang Dezember verstarb Erich Wilts nach kurzer, schwerer Krankheit in seiner Heimat Heidelberg.


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