„Man muss sich für die Jahre der Rente ja auch Ziele setzen!“ Til Kleinstäuber sitzt auf seinem neuen Schiff und ist glücklich. Während rund um ihn herum selbst jüngere Stegnachbarn gerade auf ihr erstes Motorboot umsteigen, hat sich der 66-Jährige eine neue Segelyacht gekauft.
Nach 40 Jahren auf der familieneigenen Dehler 34 will Kleinstäuber die nach dem Berufsausstieg gewonnene Freiheit dazu nutzen, mit einer Beneteau First 36 ambitioniert Regatten und lange Reisen zu segeln.
Die Neue sollte keine Bequemere werden, sondern eine richtig Heiße. „Es ist wichtig, dass man beim Älterwerden nicht alt wird“, sagt der frischgebackene Eigner grinsend. Die Kinder sind aus dem Haus, das Berufsleben ist zu Ende, plötzlich ist Platz für neue Pläne.
„Warum nicht mal bis ans Ende der Ostsee?“ Der Düsseldorfer hat lange davon geträumt, aber auch lange gehadert. Vor einigen Jahren hatte er von seinen Eltern „De Zeven Geuzen“ übernommen, eine bald 40 Jahre alte Dehler 34. Wäre das geliebte Drei-Generationen-Schiff mit seiner begrenzten Stehhöhe und ohne Komfort wie Heißwasser die Richtige für lange Törns im Rentenalter? Oder sollte er doch auf ein bequemeres Fahrtenschiff umsteigen, steifer und im Vorschiff geräumiger?
Wer einmal mit dem Werbemanager gesegelt ist, weiß, dass so etwas gar nicht zu ihm passen würde. Zeit seines Seglerlebens war Kleinstäuber zwar umsichtig und geduldig unterwegs, dabei aber immer darauf erpicht, das letzte bisschen Speed herauszukitzeln.
Als Traumschiff hatte Kleinstäuber lange eine Dehler 38 im Blick. Doch deren Design ist auch schon 14 Jahre alt. Und als er im Januar 2025 auf der boot Düsseldorf die neue Beneteau First 30 besichtigte, machten ihn das Design, ihr Potenzial und das Versprechen, Segelperformance mit Cruising-Tauglichkeit zu einem attraktiven Preis zu verbinden, neugierig. „Nach 20 Minuten unter Deck habe ich aber gemerkt, dass es doch nicht passt.“ Stehhöhe, Platz im Vorschiff: objektiv zu wenig Boot für einen ganzen Seniorensommer. Sogar weniger als auf der Dehler.
Emotional war es um ihn geschehen. Immer wieder schlich Kleinstäuber um die größere Schwester First 36 herum, die als Vorführschiff in seinem Heimathafen lag. Er holte sich ein Angebot, verglich mit der Dehler 38 und der Hanse 360. Und langsam reifte die Entscheidung, mit diesem Racer in den Ruhestand zu starten. „Sonst macht man das ja nie mehr.“
Die Segelleidenschaft wurde Til Kleinstäuber schon seit dem Kindesalter vorgelebt. Mit Mutter, Vater und vier Geschwistern verbrachte er die Wochenenden auf dem Wasser. Sie waren „die sieben Geusen“, die Großfamilie vom Niederrhein, nach der auch die Boote benannt waren.
Das erste war eine offene BM-Kieljolle, mit der die Kleinstäubers von Wanssum aus die Maas vor der Haustür erkundeten. Til war acht Jahre alt. „Das war damals die große, weite Welt.“
Wenig später stieg die Arztfamilie auf einen „Ulan“ um, einen Sieben-Meter-Kajütkreuzer, mit dem sich der Aktionsradius auf der Maas vergrößerte. Vier Jahre später der Sprung auf die acht Meter lange Van de Stadt „Bries“, ein kleines Seeschiff mit Heimathafen Warns nahe am IJsselmeer. Im Sommer ging es raus ins Watt. Eine Weltreise.
Das nächste Boot war eine Dehler Optima 92. Mit ihr begannen die langen Reisen. Zu siebt nach England, die jüngsten Geschwister schliefen auf den Bodenbrettern im Salon. Oder in sechs Wochen von Lemmer in die ostschwedischen Schären und zurück. Mal mit der ganzen Familie, mal in Etappen, auf denen sich die Eltern mit den Kindern ablösten. „Ich war 17, mein Bruder Arne 18. Mein Vater hat uns das Boot gegeben, und wir konnten den Sommer in Schweden verbringen“, erinnert sich Kleinstäuber kopfschüttelnd und ergänzt, dass die solide Ausbildung in der Hanseatischen Yachtschule wohl zum Vertrauen der Eltern beigetragen hat.
Ungefähr zur selben Zeit begann die Regattakarriere. Bei der ersten Wettfahrt ging die ganze Familie an den Start, praktisch ahnungslos: „Da haben wir gemerkt, dieses Boot fährt ja wie der Teufel! Wir haben gewonnen und Blut geleckt – und die Optima schnell auf ein gutes Level gebracht.“
Nach zehn Jahren mit der Optima folgte 1987 die Dehler 34, die beinahe 40 Jahre im Familienbesitz bleiben sollte. Die dritte „De Zeven Geuzen“: hellgrauer Rumpf, innen ein Mix aus dem traditionellen Dehler-Holzausbau und der hellen „Nova“-Designlinie.
Das Schiff lag zunächst am IJsselmeer, Anfang der 2000er Jahre wechselten die Kleinstäubers nach Bruinisse in Zeeland. „In manchen Jahren haben wir erst Regatten im IJsselmeer gesegelt, sind dann zur Kieler Woche, zurück ins IJsselmeer, weiter in die Oosterschelde und wieder nach Lelystad.“ Und das alles neben Job und Studium. In den guten Jahren waren an die 30 Dehler 34 in Kiel gemeldet, „da haben wir erste, zweite, dritte Plätze gefahren“, sagt Kleinstäuber stolz. „Wir waren eine Kindercrew aus dem Binnenland.“
Im neuen Jahrtausend begann eine Parallelnutzung: Die Eltern genossen den Ruhestand auf dem Boot. Til segelte ebenso häufig mit seiner Familie. Als die Mobilität der Senioren abnahm, stand die Frage im Raum, welches Kind die letzte „De Zeven Geuzen“ übernehmen würde. Die Schwestern waren familiär gebunden, ein Bruder hatte wenig Interesse, der andere gerade ein eigenes Boot erworben, da zögerte Til nicht lange.
Kleinstäuber sind die Segelwochenenden heilig. Die Schläge an den Abschlussdeich, die Nächte an Bord und der Strandspaziergang zum Restaurant sind Erholung vom stressigen Werbejob. „Segeln spart den Kardiologen“, sagt er dazu. Neben dem eigenen Boot hat Kleinstäuber in den letzten 20 Jahren viel Zeit auf den großen Regatten im Mittelmeer verbracht, war als Stammcrew auf der 22-Meter-Jongert „Inspiration“ beim Maxi-Worldcup und nahm auf anderen Yachten an der Voiles de Saint-Tropez, dem Middle Sea Race und dem Giraglia Race teil – mit Topplatzierungen und Seriensiegen.
Zurück auf dem eigenen Boot kreisten dann die Gedanken. Doch die Vorstellung, seine perfekt gepflegte Dehler zu verkaufen, wirkte auf Kleinstäuber lange absurd. Seit der Düsseldorfer das Schiff unter seine Fittiche genommen hatte, investierte er jedes Jahr kräftig: ließ das Unterwasserschiff sanieren, schaffte neue Polster, neue Elektronik und immer wieder neue Segel an.
Doch dann strahlte ihn die First 36 an. Flach, sportlich, modern. Und je mehr er mit Freunden darüber sprach, desto mehr schlug sein Herz dafür.
Zum Saisonende ging es plötzlich schnell: Der Vertrag war geschrieben, und innerhalb von nur drei Wochen war „De Zeven Geuzen“ verkauft.
Ende einer Ära und Beginn einer neuen. Viele Themen musste Kleinstäuber über den Winter 2025/26 abarbeiten: Regattaplanung, Crew-Suche, Vermessung, Segelkauf. Ostern startete er dann unter Vollzeug in den dritten Lebensabschnitt – zur Taufe kamen viele Freunde, alle Geschwister und Mutter Ruth Kleinstäuber, die 95-jährig mit dem Champagnerglas für das Taufzeremoniell an Bord stieg.
Wenige Tage später folgte der erste Schlag. Kurz vor der ersten Wettfahrt standen zahlreiche Aufgaben auf der To-do-Liste. Und das Schiff wollte und musste von Grund auf kennengelernt, neue Technik verstanden werden. Die erste Reise über die Oosterschelde gab dann auch einen Vorgeschmack auf die geplante lange Sommerreise. Doch die soll noch nicht bis in die Ostsee führen, sondern vielmehr den Spuren der vorherigen Familienboote ins IJsselmeer und in die Waddensee folgen. Ganz gemütlich.
Ruhestand heißt für viele mehr Komfort. In einer neuen Lebensphase noch einmal bewusst auf Segelspaß und Ambition zu setzen – wie ist Ihre Meinung dazu? Schreiben Sie in die Kommentare.

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