GeisterschiffDarf man eigentlich eine verlassene Yacht behalten?

Pascal Schürmann

 · 18.01.2022

Geisterschiff: Darf man eigentlich eine verlassene Yacht behalten?Foto: U.S. Navy photo by Mass Communication Specialist 3rd Class Jonathan Clay/Released
Im Oktober 2017 geben zwei US-Seglerinnen ihr Schiff, die "Sea Nymph", im Pazifik auf. Die Küstenwache birgt die beiden ab. Ein Jahr später kollidiert um ein Haar ein Volvo Ocean Racer mit dem herumtreibenden Geisterschiff

Immer wieder lassen sich Crews auf See abbergen. Was passiert dann mit den Booten? Müssen sie versenkt werden? Dürfen Finder sie für sich beanspruchen? 6 Fakten

Erst jüngst geschah es wieder: Zwei Crews, die an der Atlantic Rally for Cruisers teilgenommen hatten, ließen sich abbergen. Sie gaben ihre Yachten mitten auf dem Ozean auf. In einem Fall hatte die Ruderanlage versagt, im anderen war es zu einem tödlichen Unfall an Bord gekommen (siehe Bericht in YACHT 2/2022. Beide Boote waren noch schwimmfähig; sie treiben nun als Geisterschiffe auf dem Meer.

Was folgt daraus? Würde der Eigner zur Verantwortung gezogen, wenn ein anderes Schiff mit seiner Yacht kollidiert? Gehört sie ihm überhaupt noch, oder dürfte ein Finder sie behalten? Sechs Fragen und Antworten zu den rechtlichen Folgen einer Schiffsaufgabe:

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Frage 1: Verliert ein Eigner, der sein Schiff auf See verlässt, das Eigentum daran?

Antwort: Nach deutschem Recht nicht. Dafür wäre nach § 959 BGB neben der bloßen Besitzaufgabe auch der deutlich erkennbare Wille, das Eigentum aufzugeben, Voraussetzung. Erst, wenn dies gegeben ist, erlischt das Eigentum, und es handelt sich bei der Yacht fortan um eine herrenlose Sache.

Frage 2: Kann eine aufgegebene Yacht von Dritten übernommen werden, also als Fundsache angeeignet werden?

Antwort: Nach deutschem Recht ja, wenn sie wie beschrieben eine herrenlose Sache ist. Auf einen sogenannten Verzichtswillen des Eigners kann aber nicht allein aus dem Verlassen des Schiffs geschlossen werden. Eindeutig ist die Situation nur dann, wenn klar erkennbar ist, dass der Eigner sein Eigentum aufgeben will. Hofft er hingegen, das Schiff später noch bergen zu können, darf es sich ein Finder nicht einfach aneignen.

Frage 3: Was passiert, wenn die verlassene Yacht irgendwo strandet, bevor der Eigner sie wiederfinden und bergen kann?

Antwort: Das ist von Land zu Land sehr unterschiedlich geregelt. In Deutschland spielt es hinsichtlich des Eigentumsanspruchs keine Rolle, ob ein Boot auf See treibt oder an der Küste gestrandet ist.

Frage 4: Kann der Eigner zur Verantwortung gezogen werden, wenn beispielsweise ein anderes Schiff mit der aufgegebenen Yacht kollidiert?

Antwort: Ja! Als Verursacher des zugrundeliegenden Zustandes haftet er für entstehende Schäden an anderen Schiffen oder auch der Umwelt. Das gilt selbst für den Fall, dass er seinen Willen bekundet, das Eigentum am Schiff aufgeben zu wollen – weil genau dadurch ja die Gefahr für Mensch und Umwelt verursacht wird.

Frage 5: Ist es verboten oder im Gegenteil sogar ratsam, seine Yacht beim Verlassen zu versenken?

Antwort: Die Yacht zu versenken schadet in jedem Fall der Umwelt. Es kann aber zumindest vermeiden, später als sogenannter Zustandsstörer haftbar gemacht zu werden – etwa im Falle einer Kollision. Ob es ratsam ist, hängt meist allerdings weniger von den rechtlichen als von den tatsächlichen Umständen ab. Ist es beispielsweise möglich, die Yacht später zu bergen und hat sie einen hohen Wert, wird man das Haftungsrisiko vielleicht in Kauf nehmen wollen. Auch kann es schwierig werden, dem Kaskoversicherer den Nachweis zu erbringen, dass das Versenken notwendig war. Das kann bei einem Totalverlust schwierig sein – auch weil immer wieder Yachten vorsätzlich in betrügerischer Absicht versenkt werden, um die Versicherungssumme zu kassieren. Davon muss man sich nachweisbar abgrenzen können.

Was tun im Schadensfall? Was Eigner im Falle einer Havarie zu tun haben, um ihren Versicherungsschutz nicht zu verlieren, lesen Sie in unserem Online-Versicherungs-Ratgeber (hier klicken!)

Frage 6: Spielt es eine Rolle, wo ein Schiff aufgegeben wird?

Antwort: Ja! Mitten auf dem Ozean gilt beispielsweise kein nationales Recht. Der Grundsatz der Zustandsverantwortlichkeit des Eigentümers ist hingegen von internationaler Bedeutung. Wenn allerdings etwa ein Fischer auf der Osterinsel eine scheinbar aufgegebene Yacht birgt und sich zu deren Eigentümer erklärt, wird ein Rechtsstreit nicht nach deutschem Regelwerk geführt. Dann würden die nationalen Vorschriften vor Ort gelten.

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