SeemannschaftSchau hin! Wie man lernt, den Blick zu schärfen

Ursula Meer

 · 26.02.2026

Für gestandene Skipper ist der wachsame Blick Routine. Einsteiger müssen ihn sich angewöhnen.
Foto: YACHT/H.-G. Kiesel
Ob beim Hafenmanöver oder auf See: Mit geschultem Blick lassen sich viele stressige oder gar gefährliche Situationen vermeiden. Profis verraten, wie das geht

​Das Groß bleibt beim Setzen auf halber Höhe stecken, weil das Fall nicht klariert ist. Ein vergessener Fender verklemmt sich beim Ablegen am Heckpfahl, prompt stellt sich die Yacht quer. Ein Crewmitglied klammert sich ängstlich an die Winsch, als sich in einer plötzlich einfallenden Bö das Boot auf die Seite legt. Situationen wie diese kommen immer wieder vor. Unvorhersehbar sind sie nicht.


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Wer es sich zur Gewohnheit macht, Boot und Crew, Wind und Wolken und auch die See stets im Blick zu behalten, wird unterwegs nur noch selten wirklich überraschende Situationen erleben. Zugegeben, am Anfang fällt das nicht ganz leicht. „Wer mit dem Segeln beginnt, hat im übertragenen Sinn oftmals Scheu­klappen auf und überblickt nicht sofort alles. Im Gegenteil. Viele achten nur auf das, was sie gerade tun“, erläutert Segelausbilder Constantin Claviez.

Selbst gestandene Segler brauchen zu Saisonbeginn mitunter erst eine Weile, bis der Helikopterblick über das gesamte Geschehen auf dem Schiff und drum herum wieder zur Routine wird und auf See die Orientierung auch ohne den ständigen Blick auf den Plotter gelingt.

Claviez beschreibt diese Entwicklung mit einem maritimen Bild. Er sagt: „Du musst vom Sektorenfeuer zum Rundumlicht werden!“ Wer das verinnerlicht, schafft sich selbst eine Grundlage für entspannte Segeltage. Anfängliche nervöse Anspannung oder gar ängstliche Unsicherheit hat dann keinen Platz mehr.

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Doch worauf genau gilt es, sein Augenmerk zu richten? Profis verraten die wichtigsten Aspekte, auf die Skipper gewohnheitsmäßig achten sollten.

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Das Boot

Den Törnstart empfinden viele Segler als den stressigsten Moment der Reise. Dagegen hilft gute Vorbereitung. Dazu gehört unter Deck der Kontrollblick in den Motorraum, auf Ölstand, Filter und Keilriemen. Seeventile – bis auf das für das Kühlwasser – sowie die Luken wollen geschlossen und lose herumliegende Gegenstände gesichert werden. An Deck dann der Check, ob Fallen, Schoten und Festmacher klar sind, das Rigg in Ordnung und die Navigationselek­tronik eingeschaltet ist. Drohen Gegenstände im Cockpit herumzufliegen, oder liegt etwas bei Manövern im Weg? Gerade zu Anfang hilft es vielen, sich eine Liste zu erstellen, welche Punkte sie vor Fahrtantritt und nach dem Anlegen durchgehen sollten.

Während der Fahrt geht das Hinsehen weiter, unter anderem bei laufendem Motor mit der Kontrolle des Kühlwassers und der Abgase. Regelmäßig sollte der Blick zudem über Deck und Plicht schweifen. Hängen Leinen über Bord, sind sie vertörnt oder haben Kinken gebildet? Ist die Winsch richtig herum belegt? Liegt Tauwerk herum, auf dem man beim Drauftreten wegzurutschen droht?

„Ich schaue mein Boot immer von oben bis unten, vom Bug bis zum Heck an. Unterwegs blicke ich beim Motoren in den Motorraum, beim Segeln auf Mast und Rigg und über Deck“, berichtet Segellehrer Leon Schulz. Er erkenne auf diese Weise sofort, ob sich etwas verändert habe. „Das ist wie bei diesen Vergleichsbildern: Man weiß, etwas ist in dem einen Bild anders als in dem anderen, aber man muss erst noch suchen, was das ist“, sagt er und ergänzt: „Das funktioniert übrigens am besten auf einem aufgeräumten Schiff.“


Alles im Blick – vom Zustand des Schiffs und der Crew bis hin zu Wellen und Wolken.Foto: T. RogowskiAlles im Blick – vom Zustand des Schiffs und der Crew bis hin zu Wellen und Wolken.

Die Crew

„Besonders für den Skipper, aber eigentlich für jeden gilt: immer auf den anderen schauen“, beschreibt Schulz den optimalen Bordbetrieb. Dabei geht es zunächst um das deutlich Sichtbare: Sind alle dem Wetter entsprechend gekleidet und haben die Rettungsweste korrekt angelegt? Wie sich Einzelne an Bord und bei Manövern bewegen, gibt Aufschluss darüber, wie sicher sie sind – oder ob sie sich mit ihrer Aufgabe überfordert fühlen. „Es ist wichtig, auf die Unerfahrensten am meisten zu achten. Nur dann macht es für alle Spaß“, erklärt Leon Schulz. Wer sich hingegen immer wieder den Anforderungen, die an ihn gestellt werden, nicht gewachsen sieht, wird früher oder später die Lust am Segeln verlieren.

Im Optimalfall schaut nicht nur der Skipper, ob alle Abläufe und Handgriffe der Crew sitzen. Bei Manövern hilft es, wenn auch die Mitsegler sich untereinander im Blick behalten. Dann lässt sich gemeinsam rechtzeitig reagieren, wenn sich beispielsweise beim Hafenmanöver ein Festmacher verklemmt oder sich bei der Halse ein Überläufer auf der Winsch bildet.

Nicht immer ist das Gefühl gut

Schwieriger wird das Sehen und Erkennen, wenn es um persönliche Befindlichkeiten geht. Segeln ist ja auch Gefühlssache, aber nicht immer ist das Gefühl gut. Oft überspielen Mitsegler jedoch ihre Ängste oder Sorgen. „Wenn jemand irgendeine vorsichtige Frage stellt, höre ich, dass da
vielleicht etwas innerlich aufkommt, das womöglich Angst auslöst. Wenn ich dann die Crew nach etwaigen Sorgen oder Bedenken frage, kommen meist aufschluss­reiche Antworten. Wie die Angst, dass das Wetter schlechter wird oder das Schiff umkippt“, beschreibt Schulz seinen Umgang mit solchen Unsicherheiten. Diese ließen sich mittels einer guten Erklärung der Situation ausräumen. „Aus besorgten werden dann rasch fröhliche Gesichter.“

Bleibt ein Crewmitglied stumm und blass, sitzt fröstelnd und gähnend in der Ecke, sind das Anzeichen für beginnende Seekrankheit. Rechtzeitig bemerkt, kann man gegensteuern. „Wenn ich das bei einem Mitsegler sehe, empfehle ich ihm, sich in die Koje zu legen und sich zurück ins Wohlbefinden zu schlafen“, berichtet André Freibote, der von Bremerhaven aus Hochseetörns auf der mitunter recht rauen Nordsee anbietet. Weiter sagt er: „Die meisten schlafen nach einer Viertelstunde selig und kommen frisch erholt auf Helgoland an.“

Die See

Anhand der Meeresoberfläche lässt sich vieles erkennen: Das Wellenbild zeigt Windstärke und -richtung an. Wenn sich auf ansonsten glatter See weiße Schaumkronen bilden, deutet das auf Brandungszonen, Untiefen oder Felsen hin, plötzlich heller werdendes Wasser auf ein Flach.

In Gezeitengewässern, aber auch in vermeintlich ruhigen Revieren wie der Ostsee kann Strom auftreten, wenn sich beispielsweise das Meer zwischen Inseln oder in Sunden verengt. Bei der Einfahrt in betonnte Fahrwasser sind tanzende und sich neigende Tonnen ein klares Indiz für Strom. Ihr Kopf zeigt dann in die Richtung, in die das Wasser strömt. Wie stark, lässt sich am Fuß der Tonne ablesen, wo sich eine Art Kielwasser bildet.

Auch in Wirbeln, kreisrunden glatten Flächen oder Veränderungen an der Wasser­oberfläche, die wie mit dem Lineal gezogen sind, zeigen sich Strömungen. Oft ändert sich jenseits dieser Linie die Farbe des Wassers. Meist handelt es sich dabei um Neerströme, die infolge von Tiefenveränderungen wie an Sandbänken oder im Bereich feststehender Objekte im Wasser wie etwa Molen entstehen. Sie weichen vom Hauptstrom ab; wer sie überquert, muss sich auf eine plötzliche Änderung des Stromversatzes einstellen.

Distanzen

Elektronische Navigation ist bequem, kann aber trügerisch sein. Denn sie zeigt längst nicht alles, was um das Boot herum geschieht: Keineswegs alle Boote haben AIS, und im Wasser treibende Gegenstände lassen sich auch nur entdecken, wenn Ausschau gehalten wird. Plotter und Co. können zudem die Wahrnehmung verändern. Wer nur zwei von drei möglichen Dimensionen betrachtet, bekommt ein anderes Bewusstsein für den Raum und die Situation.

Das kann gefährlich werden, etwa wenn die Bordinstrumente ausfallen, denn weder der rasche Umstieg auf die klassische Navigation mit der Papierkarte noch die räumliche Orientierung gelingen dann unter Umständen auf Anhieb. Constantin Claviez stellt zudem bei seinen Ausbildungstörns fest: „Die Menschen schauen auch an Bord zu viel auf das Handy und achten nicht mehr darauf, was um sie herum geschieht. Das wird immer mehr. Man verliert sich in dem kleinen Display mit dem Navigationsprogramm. Der Blick zu sehr aufs Detail kann aber dem globalen Überblick schaden.“

Übung schafft Sicherheit

Dem lässt sich entgegenwirken, indem man immer wieder trainiert, mit bloßem Auge Entfernungen, Kurs und Geschwindigkeit zu bestimmen. „Einfach mal schätzen – das ist bei uns zu einer Art Sport geworden“, erzählt etwa André Freibote. „Sich überlegen, wie weit ein Seezeichen entfernt sein könnte, und dann den Wert mit dem Radar vergleichen. Anfangs sind die Unterschiede noch groß, aber mit der Zeit werden die Schätzungen immer genauer, besonders im Nahbereich bis drei Meilen.“

Wie die Distanz lassen sich viele Informationen auf dem Bildschirm mit denen in der realen Umgebung abgleichen. Wer das häufig tut, wird irgendwann mit einem Blick erkennen, ob zum Beispiel Kollisionsgefahr mit einem nahenden Containerriesen besteht. Der Blick auf den Plotter wird damit immer öfter überflüssig.

Schiffe mit hohen Aufbauten lassen sich schon aus 15 bis 20 Meilen Entfernung ausmachen. Dann sind sie, von einer Segel­yacht aus gesehen, noch weit hinter der Kimm. Wie weit der Blick reicht, bis er auf den Horizont trifft, hängt von der Augen­höhe und damit vom eigenen Standort an Bord ab. Es kann sich durchaus lohnen, die Reichweite auf dem eigenen Boot an verschiedenen Plätzen wie Cockpit, Freibord und Aufbau zu ermitteln. Der Horizont ist beispielsweise bei einer Augenhöhe von zwei Metern über der Meeresoberfläche 2,9 Seemeilen entfernt, bei drei Metern sind es 3,6 Seemeilen.

Peilung – und dann rasch entscheiden

Ist erst einmal das Kielwasser beziehungs­weise die Wasserlinie eines anderen Schiffs zu erkennen, so ist es in etwa drei Seemeilen entfernt. Dann gilt es zu schauen, ob eine stehende Peilung besteht. Das geht – vorausgesetzt der Kurs wird sauber gesteuert –, indem man ein festes Objekt an Bord wählt, wie eine Relingstütze oder ein Want, und den Blick darüber auf das andere Schiff richtet. Wenn sich dessen Position eine ganze Weile nicht ändert, ist man auf Kollisionskurs. Dann gilt es, rasch zu reagieren. Bei drei Meilen Entfernung benötigt ein Frachter, der 18 Knoten läuft, bei stehender Peilung nur zehn Minuten bis zur eigenen Position!

Die Entfernung zum Land lässt sich mit der Daumensprung-Methode bestimmen – vorausgesetzt, man kann dort ein Objekt ausmachen, dessen Länge sich abschätzen lässt. Dafür peilt man über den am ausgestreckten Arm hochgereckten Daumen dieses Objekt an. Man schließt das linke Auge und bewegt den Daumen an das linke Ende des Objekts. Dann öffnet man das Auge und schließt das rechte. Der Daumen verspringt dabei optisch nach rechts. Die Strecke, die der Sprung an Land macht, ergibt mit zehn multipliziert die Distanz zum Land.

Der Kurs

Den Kurs zum Wind zeigt nicht nur der Verklicker. Bei einem einigermaßen klaren Wellenbild verrät ihn auch der Winkel, in dem sich das Boot zur Welle bewegt. So trifft beispielsweise die Welle, vom Wind getrieben, bei einem Kurs hoch am Wind im spitzen Winkel auf den Bug, bei Vorwindkursen rollt sie von achtern an. Dieser andere Fokus kann gerade bei längeren Schlägen eine willkommene Abwechslung zum dauernden Blick ins Masttopp sein.

Ein gerader Kurs durchs Wasser lässt sich in Küstennähe gut halten, wenn auf ein Objekt an Land zugesteuert werden kann. Wer nur auf die Kompassnadel schaut, kann ein bemerkenswert schlingerndes Kielwasser zeichnen. „Noch schwieriger ist die Kompassfahrt auf offener See. Da achten viele nur noch auf die Nadel“, hat André Freibote erfahren. „Dabei bieten zum Beispiel die Wolken da draußen eine recht gute Orientierungsmöglichkeit. Fliegt die Wolken­decke wie ein Wimmelbild vor dir weg, dann fährst du keinen klaren Kurs.“ Wenn sie sich nicht gerade im Jetstream bewegen, kann man sich auch eine Weile an einzelnen Wolken orientieren und sich auf diese Weise auf einen klaren Kurs einsteuern. „Wenn ich dann den Kompassdeckel zuklappe, fahren meine Schüler eine erstaunlich gerade Linie“, sagt Freibote.

Zwischendurch sollte der Blick auch mal achteraus gehen. Das Kielwasser verrät ebenso, ob ein gerader Kurs gefahren wird – und mit etwas Erfahrung auch, wie schnell die Fahrt durchs Wasser ist. Zudem zeigt nur der Blick übers Heck einen möglichen Querversatz, etwa auf einem Tonnenstrich.

Umgekehrt gilt für die Rückwärtsfahrt: Hier muss das Augenmerk auch immer wieder auf den Bug gerichtet werden, der bei einer vermeintlichen Geradeausfahrt hin und her schwenken kann.


Das Meer und der Himmel verraten unterwegs eine Menge von dem, was Segler erwartet.Foto: Nico KraussDas Meer und der Himmel verraten unterwegs eine Menge von dem, was Segler erwartet.

Wolken, Wind und Wetter

Kein Wetterbericht kann den Blick an den Himmel ersetzen. Schauer, Gewitter und mit ihnen Böen lassen sich nicht immer zuverlässig vorhersagen. Die Wolken hingegen verraten viel über das Wetter der nächs­ten Stunden – vor allem, ob Regen oder Gewitter im Anmarsch sind.

Sind die Wolken breiter als hoch und insgesamt weniger hoch als ihr Abstand zur See, handelt es sich meistens um Schönwetterboten. Sind sie hingegen höher als breit und höher als der Abstand zwischen ihrer Unterkante und der Wasseroberfläche, kündigen sie oft schlechtes Wetter an. Bilden sehr hohe Haufenwolken gar einen ambossförmigen Schirm, droht Gewitter.

Schauer ziehen wie graue Gardinen über die See, sie lassen sich gut von Weitem erkennen. Zirruswolken, kräftiges Morgenrot oder ein Halo um Sonne oder Mond sind ebenfalls Vorboten schlechten Wetters.

Krängt plötzlich das Boot und ist das Ruder vor lauter Luvgier kaum noch zu halten, hat eine Bö es fest im Griff. Auch sie lässt sich frühzeitig erkennen. Bei Quellwolken am Himmel, Schauern oder Gewittern in Sichtweite muss immer mit Böen gerechnet werden. Auszumachen sind sie daran, dass sich in Luv das Wasser verdunkelt und sich womöglich Schaumkronen bilden. Auch eine plötzliche Krängung bei anderen Booten in der Ferne zeigt sie an. Genug Zeit, den eigenen Segeltrimm anzupassen.

Ein Wetterphänomen ist dagegen kaum vorhersehbar: Seenebel. „Die einzige Vorwarnung ist vielleicht, dass man am Horizont sieht, wie sich von der Wasserober­fläche aus Wolken bilden. Das ist aber eine sehr kurzfristige Warnung, da sich die Bänke recht schnell bewegen“, erläutert der Kieler Meteorologe Dr. Meeno Schrader. Binnen Minuten kann die Sicht nur noch eine halbe Kabellänge oder weniger betragen. Dann gilt der Blick dem Plotter und dem AIS, dem Radar und dem Echolot – und das Gehör ist gefragt. Schließlich ist das Auge zwar ein wichtiges Organ, gesegelt wird jedoch stets mit allen Sinnen.


Interview mit Autor und Segellehrer Leon Schulz

Autor und Segellehrer Leon Schulz bildet für die britische Royal Yachting Association Skipper aus.Foto: Leon SchulzAutor und Segellehrer Leon Schulz bildet für die britische Royal Yachting Association Skipper aus.

​Vorm Ablegen sollte man nicht nur auf Schiff und Crew, sondern auch aufs eigene Befinden achten. Angst, Stress oder Unsicherheit können einem den Segelspaß verderben. Leon Schulz sagt, wie man damit umzugehen lernt.

​YACHT: Leon, was heißt „In sich hineinschauen“?

Leon Schulz: Jeder schaut in sich hinein. Gefühle sind beim Segeln sehr präsent, weil man in Situationen kommt, die man von Land aus so nicht kennt. Das kann durchaus auch Angst auslösen. Angst davor, in eine unbekannte Situation zu geraten, davor, dass etwas Unvorhergesehenes passiert.

Wie kann man mit solchen Ängsten umgehen?

Es geht darum, seine Angst zu erkennen, sich ihr zu stellen und auch mit den anderen darüber zu reden. Jeder empfindet das anders. Wenn man einer Situation gewachsen ist, hat man keine Angst. Man darf nur nicht überfordert werden – und das erkennt man nicht, wenn man nicht in sich hineinschaut. Denn dann weiß man nicht, wo die eigene Messlatte ist. Die hängt ja mit der Zeit, mit zunehmenden Herausforderungen, immer höher.

​»Der Blick nach innen ist wichtig«

Hast du dafür ein Beispiel?

Wenn ich Leuten erzähle, dass ich noch nie in schwerem Wetter gesegelt bin, sind sie überrascht. Aber das stimmt: Über die Jahre habe ich mich vielleicht immer wieder auch in mehr Wind und Welle wiedergefunden und auch Stürme abwettern müssen. Aber dabei habe ich auch unterscheiden gelernt, ob eine Situation unbequem oder gefährlich ist. Die eigene Messlatte hängt mithin immer höher.

Heißt das, wenn du jetzt vor dem Ablegen in dich hineinschaust, ist da keine Angst?

Auch ich habe Angst, und das ist sehr gesund! Man muss demütig sein der Natur und dem Meer gegenüber. Vor allen Dingen, wenn man lange nicht mehr gesegelt ist. Ich fühle mich dann auch unsicher.

Diese Unsicherheit kennen bestimmt viele Segler. Hast du einen Tipp, was dagegen hilft?

Zunächst einmal, ganz klar, gute Vorbereitung. Je besser man vorbereitet ist, umso weniger Überraschungen sind zu erwarten. Oft entsteht Unsicherheit aber auch, weil man sich weniger gut oder weniger erfahren als andere fühlt. Da hilft es zu wissen, dass andere auch nur mit Wasser kochen. Selbst die, die große Abenteuergeschichten erzählen, haben manchmal Angst und machen auch Fehler. Das muss man einsehen: Man ist nicht anders als alle anderen, es ist nur die Erfahrung, die noch fehlt. Sie zu machen, dafür muss man sich Zeit gönnen.

Ursula Meer

Ursula Meer

Redakteurin Panorama und Reise

Ursula Meer ist Redakteurin für Reisen, News und Panorama. Sie schreibt Segler-Porträts, Reportagen von Booten, Küsten & Meer und berichtet über Seenot und Sicherheit an Bord. Die Schönheit der Ostsee und ihrer Landschaften, erfahren auf langen Sommertörns, beschrieb sie im Bildband „Mare Balticum“. Ihr Fokus liegt jedoch auf Gezeitenrevieren, besonders der Nordsee und dem Wattenmeer, ihrem Heimatrevier.

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