Code ZeroDer Leichtwind-Turbo auch für Fahrtenyachten

Fridtjof Gunkel

 · 17.10.2022

Code Zero: Der Leichtwind-Turbo auch für FahrtenyachtenFoto: Cantiere del Pardo/C. Borlenghi
Der Code Zero bringt die doppelte Fläche der Genua ins Rigg und arbeitet auf einer großen Bandbreite

Der Code Zero etabliert sich zusehends und ist des Seglers erste Wahl auf der Suche nach mehr Speed. Worauf es ankommt

Kein Segel, das die Standard-Garderobe aus Groß und Fock oder Genua ergänzt, hat in den letzten Jahren so viel Zuspruch und Verbreitung erfahren wie der sogenannte Code Zero. Das Segel kommt ursprünglich aus dem Regattasport. 1997 wurde es erstmalig auf der „EF Language“ im Whitbread Race eingesetzt und galt eigentlich vermessungstechnisch als Gennaker, musste also eine gewisse Breite aufweisen, war tatsächlich aber als Flautengenua gedacht.

So auch heute auf Fahrtenbooten: Das Vorsegel wirkt bei leichtem Wind zwischen 80 und 140 Grad wahrem Windeinfallswinkel als wahrer Turbo und ist besonders auf modernen Booten mit kleinen Vorsegeln sinnvoll, ja geradezu zwingend für Boote mit Selbstwendefock. Denn: Die schmalen Segel sind nicht nur klein, sondern öffnen sich oben auf raumen Kursen über Gebühr und verlieren so viel Vortrieb.

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Beschläge für den optimalen Einsatz des Code Zero

Ein Bugspriet ermöglicht größere Segel, und auf bestimmten Kursen kann die Fock zusätzlich zum Code ausgerollt werden
Foto: Hersteller

Der Code Zero, als Faustregel etwa doppelt so groß wie die Genua desselben Bootes, bringt nicht nur Fläche, sondern auch ein volleres Profil für raumere Kurse. Er kann wie eine übergroße Genua recht dreieckig oder wie ein Gennaker mit breiter Schulter und viel Achterlieksrundung geschnitten sein, womit Kunden und Segelmacher die Wahl haben, sich für einen Code Zero als Flautengenua oder eher als flachen Raumwinder zu entscheiden, der sich im Einsatzbereich mit Spi oder Gennaker überlappt.

In jedem Fall ist das frei fliegende Segel im Vorliek mit einem eigenen Stag versehen, um das es wie eine Rollreffgenua aus- und eingerollt wird. Dafür benötigt die Wickelanlage einen festen Anschlagpunkt vor dem Vorstag. An Hardware sind weiterhin nötig: Umlenkungen für die endlose Wickelleine des Furlers, Schoten und Umlenkblöcke (hier lässt sich auch die Peripherie von Spi oder Gennaker nutzen), Barberholer und ein Fall, möglichst 1:2 untersetzt, um viel Zug auf das Stag des Code Zero bringen zu können.

Vom Handling her ist der Code Zero pflegeleichter als Gennaker oder Spi, selbst wenn diese in Bergeschläuchen gefahren werden. Der Code Zero kann auf Wunsch, wenn eng und gut gewickelt, bereits im Hafen gesetzt und auch erst dort wieder geborgen werden. Soll er zum Einsatz kommen, ist er schnell ausgerollt und später wieder eingefahren. Der Trimm ist einfach, das aus festerem Material gefertigte Segel obendrein deutlich weniger nervös als ein frei fliegendes Nylontuch. Somit ist der Code Zero auch für die Fahrt unter Autopilot die bessere Wahl.


Die möglichen Versionen eines Code Zero sind zahlreicher als die einer Genua

Der Segelmacher hat diverse Möglichkeiten, den Code Zero zu gestalten: Mit den Variablen Profil, Mittelbreite, Achterlieksrundung und schließlich auch der Größe sowie verschiedenen Tuchkonstruktionen und -gewichten lassen sich die Eigenschaften und Eignungen des Segels festlegen.

Code Zero als übergroßer Raumwinder ausgeführtFoto: YACHT/N. Krauss
Code Zero als übergroßer Raumwinder ausgeführt

Es kann beispielsweise als übergroßer Raumwinder mit einer ausgeprägten Achterlieksrundung und tiefem Profil gestaltet sein. Damit macht das Segel einen Gennaker fast obsolet, eignet sich aber nicht für spitzere Kurse.

Code Zero als große Genua
Foto: EYOTY/A. Lindlahr
Code Zero als große Genua

Oder Kunde und Segelmacher entscheiden sich für den Code Zero im Stil einer übergroßen Genua mit flachem Profil und dreieckiger Umrissform ohne Überrundung. Dieses Segel ist dann eher als Flautengenua geeignet und überlappt sich im Einsatzbereich mehr mit einer Genua als mit einem Gennaker, der dann zusätzlich zu einer gut funktionierenden Garderobe gehört.

Die verschiedenen Einsatzbereiche der Vorsegel zeigt das folgende Diagramm beispielhaft. Eine Selbstwendefock ist komfortabel, hat aber gegenüber der Genua 1 nur bei mehr Wind Vorteile und schwächelt auf Kursen mit geschrickten Schoten. Der Code Zero, der je nach Auslegung einen anderen Bereich abdecken kann, als hier dargestellt, stopft das Loch zwischen den Amwind-Vorsegeln und einem tiefen Gennaker.

Einsatzbereiche der verschiedenen SegelFoto: YACHT
Einsatzbereiche der verschiedenen Segel

In jedem Fall sollte sich der Kunde intensiv durch den Segelmacher beraten lassen und dabei ermitteln, was die Erwartungen an den Code Zero sind und welchen Einsatzbereich dieser abdecken soll.


Komfortables Stauen des Code Zero

Der Code Zero ist aufgerollt eine recht steife Wurst, die sich aber in Buchten gut wegpacken lässt, meist ohne den Furler, der an Deck angeschlagen bleibt oder separat gelagert wird.

Code Zero im Vorschiff gestautFoto: YACHT/Jozef Kubica
Code Zero im Vorschiff gestaut

Das Segel lässt sich direkt ins Vorluk oder optimalerweise in eine Segellast bergen, wo ein Sack bereithängen kann.

Ein Extra-Stausack für den Code ZeroFoto: elvstömsails
Ein Extra-Stausack für den Code Zero

Platzsparender unter Deck und eine gute Lösung bei Wasser an Deck: Eine Spezialtasche nimmt das Segel auf. Sie wird zum Setzen und Bergen beispielsweise an der Seereling befestigt und kann auch unterwegs an Deck verbleiben. Das Segel ist deutlich weniger feuchtigkeitsanfällig als ein Gennaker oder Spinnaker aus Nylon, sollte aber bei Gelegenheit dennoch getrocknet werden.


Einfaches Setzen des Code Zero

Das Setzen und Bergen des Code Zero ist komfortabler und weniger hektisch als das Gennaker-Handling. Der Furler und die Wickelleine können schon zum Törnbeginn angeschlagen und ausgelegt werden, das spart Rüstzeit unterwegs. Die endlose Wickelleine wird mit einem Block achtern an Deck umgelenkt. Der ist mit einem Gummistropp fixiert, welcher die Leine auf Spannung hält und so das einwandfreie Drehen des Furlers gewährleistet.

Der aufgerollte Code Zero wird in Luv von der Genua gesetztFoto: F. Gunkel
Der aufgerollte Code Zero wird in Luv von der Genua gesetzt

Im Gegensatz zu Gennaker oder Spi wird der Code Zero immer in Luv der ausgerollten Genua gesetzt. Das macht das Manöver sehr einfach, die Tuchwurst kann nicht weit nach Lee auswehen und gleitet quasi im Vorsegel nach oben. Dabei ist nur darauf zu achten, dass sich die Wurst nicht hinter den Salingen verfängt und dann schon viel Zug per Winsch auf das kräftige 1:2-Fall ausgeübt wird und so ein Schaden im Rigg entsteht. Das ist besonders beim Setzen mit eingerollter Genua zu beachten. Der Blick nach oben ist somit obligatorisch.

Beim Setzen sollte immer ein Crewmitglied kontrollieren, ob die Tuchwurst frei von den Salingen istFoto: YACHT/N. Krauss
Beim Setzen sollte immer ein Crewmitglied kontrollieren, ob die Tuchwurst frei von den Salingen ist

Wichtig beim Setzen in Luv ist der richtige Verlauf der Leeschot vorn um das Vorstag herum. Die Schoten können auch erst nach dem Setzen angeschlagen werden, wenn das Schothorn gut fixiert und erreichbar oder mit einem Stropp ausgestattet ist.

Die Leeschot muss um das Vorstag herum zum Schothorn laufenFoto: F. Gunkel
Die Leeschot muss um das Vorstag herum zum Schothorn laufen

Hilfreich beim Setzen und Bergen ist für kleine Crews ohne Autopilot eine Hebelklemme am Mast, durch die das Fall läuft und dort vorfixiert werden kann. Danach wird es per Fallenwinsch auf Spannung gebracht. Die Klemme hilft der Person auf dem Vorschiff auch beim Bergen des Segels.

Der Code Zero kann beim Einlaufen in einen Hafen oder zum Ankerplatz auch erst einmal gesetzt bleiben. Wegen seines größeren Windwiderstandes kann er jedoch das Manöver beeinflussen, je nach Windrichtung versetzt der Bug seitlich stärker als ohne die Tuchwurst.


Einfaches Bergen des Code Zero

Das Segel wird wie eine Genua gerollt, bringt dafür jedoch seine eigene Hardware mit: Wickelanlage mit -leine, Stag, Toppwirbel. Das Vorliek ist als Schlauch ausgeführt, in dem ein Stag in Form eines dicken reckarmen Textilkabels steckt. Gewickelt wird im Gegensatz zu Rollspinnakern, die von oben nach unten gerollt werden (top down), von unten nach oben (bottom up). Der Hals ist also auf der Trommel fixiert, oben dreht das Segel durch den Toppwirbel frei. Die Alternative sind kabellose Segel, die durch aufgenähte Streifen aus reckarmem Material im Vorliek beim Eindrehen ihr eigenes Kabel bilden. Solche Segel haben unter anderem Doyle, Elvstrøm, North und Quantum im Programm.

Egal wie ausgestattet, der Ablauf ist derselbe und ähnlich einfach wie das Ausrollen einer Rollreffgenua: auf Kurs gehen, Klemme der Wickelleine lösen und mit der Schot auf der Winsch das Segel ausrollen. Dazu muss natürlich auch die Luvschot gelöst sein.

Abfallen und den Code Zero ein gutes Stück fieren

Zum Bergen das Boot möglichst auf einen tieferen Kurs von rund 130 Grad zum wahren Wind bringen, das nimmt Druck aus dem Tuch und schafft Distanz zum Rigg. Darauf achten, dass die Luvschot unter dem Furler liegt, da sie sonst mit eingedreht werden kann und dann den Furler blockiert. Die Schot beherzt fieren und stoppen, das Segel bis auf etwa ein Drittel einrollen, dann die Schot leicht dagegenhalten und weiter eindrehen. Wenn noch eine Hand frei ist, sollte diese die Schot auf den letzten Metern auf dem Vorschiff nach unten ziehen, wodurch das Segel sauberer aufwickelt. Darauf achten, dass die Klettbänder am Schothorn ineinandergreifen und die Schot etwa zweimal mit aufgewickelt wird. Das sichert das Segel beim anschließenden Bergen.


Den Code Zero effektiv trimmen

Je mehr Fallspannung, desto weniger Durchhang. Der Bauch wandert nach vornFoto: F. Gunkel
Je mehr Fallspannung, desto weniger Durchhang. Der Bauch wandert nach vorn

Das Segel ist mit einer bestimmten Spannung an das Anti-Torsionskabel gelascht. Wird das Fall dichter geholt, streckt man nicht nur das Kabel, sondern auch das Segel im Vorliek. Das Liek sollte also nicht zu fest gelascht sein, will man Überdehnungen vermeiden. Die Fallspannung wird dem Windeinfallswinkel und der Windstärke angepasst. Spitze Kurse erfordern mehr Fallspannung, sonst wird der Durchhang zu groß.

Das Achterliek des Code Zero sollte parallel zu dem des Großsegels verlaufenFoto: H. Schmidt
Das Achterliek des Code Zero sollte parallel zu dem des Großsegels verlaufen

Das Segel nun mit der Schot so trimmen, dass das Vorliek gerade nicht einfällt. Ein zu dichtes Segel erzeugt zu viel Krängung, mehr Ruderdruck und erhöht die Abdrift. Wenn der Code Zero richtig getrimmt ist, sollte sein Achterliek parallel zu dem des Großsegels verlaufen. Der Traveller des Großsegels kann dafür nach Luv geholt, der Baumniederholer etwas gefiert werden. Die gleichmäßige Luftströmung stellt den optimalen Vortrieb sicher.

Barberholer an der SchotFoto: F. Gunkel
Barberholer an der Schot

Für die Kontrolle des Achterlieks sind Barberholer hilfreich, die auf halber Strecke zwischen Wanten und Schotblock auf der Außenkante des Bootes ansetzt.

Ein Code Zero kann auch als Schmetterling gefahren werdenFoto: YACHT/F. Gunkel
Ein Code Zero kann auch als Schmetterling gefahren werden

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