GriechenlandMit Rückenwind nach Korinth – und mitten durch den Fels

Antonia von Lamezan

 · 18.10.2026

Steile Felswände, schmale Passage: 
Die „Eleanor“ im Kanal von Korinth, 
von dem schon Nero fantasierte. 
Eröffnet wurde er schließlich 1893.
Foto: Rossán Tavassoli
Unter aufziehenden Gewitterwolken und auf achterlichen Wellen legt die Eleanor 38 Seemeilen zurück: Von Galaxidi nach Korinth segelt die Crew mit gerefften Tüchern die schnellste Etappe des Törns. Doch der eigentliche Höhepunkt folgt im Anschluss: Die Passage durch den Kanal von Korinth. Auf 3,4 Seemeilen schneidet sich der Seeweg durch bis zu 80 Meter hohe Felswände.

​In dieser Serie berichten Lukas und Toni von ihrer Langfahrt durch den Golf von Korinth. In Teil 1 sind sie von Patras über Nafpaktos und Trizonia und in Teil 2 weiter nach Galaxidi gesegelt und haben von dort die Orakelstätte Delphi besucht.

​Galaxidi – Korinth | 38 sm

Um 8 Uhr werfen wir in Galaxidi die Achterleinen los und holen unseren Anker ein. Für den Nachmittag sind Windgeschwindigkeiten von mehr als 30 Knoten vorhergesagt, denen wir zuvorkommen wollen. Die Segel rollen wir nur zu zwei Dritteln aus. Während wir bei moderaten 13 Knoten Wind lossegeln, erreichen die Böen schon bald kräftige 24 Knoten.

Mit jeder Böe legt sich die „Eleanor" etwas stärker auf die Seite und beschleunigt spürbar. Wir behalten den dunkler werdenden Himmel im Blick, genießen aber zugleich einen der schnellsten Segeltage unserer bisherigen Reise. Mit den gerefften Segeln laufen wir annähernd unsere Rumpfgeschwindigkeit von sieben Knoten. Die achterlich schiebenden Wellen tun ihr Übriges. Nach Monaten mediterranen Sonnenscheins segeln wir heute zum ersten Mal unter einer dicken Wolkendecke. Die Stimmung ist düster, am Horizont türmen sich Gewitterwolken auf. Bei den für uns astronomischen Geschwindigkeiten fühlt es sich beinahe an, als flögen wir nach Korinth.

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Schon am frühen Nachmittag erreichen wir den Hafen. Hier liegen wir längsseits vertäut, noch bevor der Wind richtig Fahrt aufnimmt.

Das moderne Korinth ist eine gepflegte Stadt mit breiten Fußgängerzonen und einem schönen Stadtstrand. Am Abend geht der heftige Regenschauer nieder, der sich den ganzen Tag über angekündigt hat.

​Korinth – Saronischer Golf | 5 sm

Wie jede Woche verbringen wir Montag und Dienstag im Hafen, um unserer Arbeit nachzugehen, die wir glücklicherweise online und ortsunabhängig verrichten können. Rosi hat Zeit für Sightseeing und kehrt begeistert von einem Besuch im antiken Korinth zurück.

Am Dienstagabend geht es weiter: Die Durchfahrt durch den Kanal von Korinth steht an. Wir melden die Passage online an. Neben den Angaben zum Boot müssen dabei Datum und Uhrzeit für die Durchfahrt festgelegt werden. Eingabe und Bezahlung sind erst nach mehreren Anläufen erfolgreich. Wer das unhandliche Onlineportal nicht nutzen möchte, kann die Gebühren auch vor Ort beim Kundenservice entrichten.

Bei völliger Windstille nähern wir uns der Kanaleinfahrt und funken pünktlich zur festgelegten Uhrzeit den Kontrollturm an. Wir werden angewiesen, außerhalb des Einfahrtsbereichs zu warten. Nach 45 Minuten vor Anker werden wir gerufen und machen uns für die Durchfahrt bereit. Langsam senkt sich die hydraulische Straßenbrücke an der Einfahrt ab, bis sie vollständig unter der Wasseroberfläche verschwunden ist. Der Kanal ist einspurig befahrbar. Fünf Schiffe kommen uns entgegen und setzen ihren Weg gen Westen fort.

Durch den Fels

Nun sind wir an der Reihe. Noch wirkt die Einfahrt recht unscheinbar, doch mit jedem Meter durch die künstlich geschaffene Schlucht verengt sich unser Blick und verändert sich unsere Umgebung. Die sanften Küstenlinien weichen fast senkrechten Felswänden aus rötlichem und gelblichem Gestein, die links und rechts von uns aufragen. Wir betrachten die Schichtungen des Gesteins und die hartnäckigen Pflanzen, die sich darin festklammern. Das Wasser ist etwa acht Meter tief, sehr klar und wirkt heute türkis.

An den höchsten Stellen ragen die Wände bis zu 80 Meter neben uns auf. Unsere „Eleanor" wirkt in dieser Enge plötzlich winzig. Von einer der Brücken über dem schnurgeraden Kanal wird uns zugewinkt. Die Abendsonne taucht die oberen Gesteinsschichten in goldenes Licht, während das Blau des Himmels nur einen schmalen Streifen über uns bildet. Auf Höhe des Wasserspiegels ist der Kanal etwa 25 Meter breit. Für uns fühlt es sich an, als könnten wir die Hände ausstrecken und die kühlen, rauen Felswände berühren.

Der Kanal von Korinth ist eine technische Meisterleistung. Von seiner Verwirklichung wurde bereits seit der Antike geträumt, realisiert wurde er jedoch erst im 19. Jahrhundert. Nach zwölf Jahren Bauzeit konnte er 1893 eröffnet werden und verkürzt den Seeweg zwischen Patras und Piräus um rund 200 Seemeilen. Zuvor mussten Schiffe die Halbinsel Peloponnes umrunden. Seine ursprünglich erhoffte wirtschaftliche Bedeutung konnte der Kanal allerdings nur kurze Zeit entfalten. Heute wird er überwiegend von privaten Yachten und Fahrgastschiffen genutzt. Für die immer größer gewordenen Frachtschiffe des 20. und 21. Jahrhunderts sind seine Abmessungen zu gering.

Nach etwa 40 Minuten haben wir die 3,4 Seemeilen durch den Fels passiert. Als wir aus der Schneise herausfahren, öffnet sich vor uns der weite Blick auf den Saronischen Golf, während hinter uns in leuchtenden Farben die Sonne untergeht. Ein spannender Reiseabschnitt geht zu Ende.

Rosi wird in zwei Tagen von Athen nach Hause fliegen, während wir die Reise in Richtung Ägäis fortsetzen. Begeistert hat uns am Golf von Korinth der Abwechslungsreichtum: Man besegelt sowohl ruhige Buchten als auch anspruchsvolle Passagen. Thermische Winde und Böen aus den umliegenden Bergen sorgen für sportliche Abwechslung am Steuer.

Auch an Land gibt es viel zu entdecken: charmante kleine Städte, schöne Wanderwege und Zeugnisse der reichen Kulturgeschichte. Ein weiterer Revier-Pluspunkt des Golfs von Korinth: Selbst im Hochsommer geht es hier auf dem Wasser deutlich beschaulicher zu als in vielen anderen griechischen Segelgebieten.


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Antonia von Lamezan ist gebürtige Hamburgerin und studierte Kultur- sowie Sozialwissenschaftlerin (Lüneburg/Kopenhagen). Obwohl die Seefahrt zur Familiengeschichte gehört, fand sie den eigenen Weg aufs Wasser erst als Erwachsene – dann jedoch mit voller Begeisterung und Konsequenz: Innerhalb eines Jahres absolvierte sie alle für die Langfahrt erforderlichen Scheine, tauschte das geregelte Stadtleben gegen das eigene Boot und segelte zwei Jahre lang auf eigenem Kiel durch Europa. Als Volontärin in der Redaktion verbindet sie nun fachlichen Hintergrund mit ihrer Leidenschaft für das Meer, Boote und das Schreiben.

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