Route du RhumEin Schiff gestrandet, Boris fährt direkt in die Flaute

Andreas Fritsch

 · 15.11.2022

Route du Rhum: Ein Schiff gestrandet, Boris fährt direkt in die FlauteFoto: Polaryse Malizia
Boris Herrmanns Boot, derzeit auf Platz 14 unterwegs

Die Hiobsbotschaften reißen nicht ab: Nachdem Fabrice Amedeos Open 60 gestern sank, strandete heute Erwan Thiboumérys Trimaran “Interaction” vor der Küste Spaniens

Der Franzose, der mit seinem Tri in der Klasse der Rhum-Multis, also der älteren Mehrrumpfer startete, musste sein Boot aufgeben, nachdem er zuerst seine Segel stark beschädigte und gestern dazu ein Motoren-Problem bekam. Er war bereist auf dem Weg zu einem Hafen am Festland, als er in der Nacht das Boot in schwerer See und starkem Wind nicht mehr richtig manövrieren konnte und von der spanischen Coastguard mit dem Helikopter abgeborgen werden musste. Wenig später strandete der rote Tri des 54-Jährigen vor Ferreira.

Verlagssonderveröffentlichung

Die Liste der Skipper mit Problemen riss gestern Abend einfach nicht ab. In der Class-40-Klasse kollidierte Matthieu Perrant („Inter Invest“) mit einem nicht identifizierten treibenden Objekt und beschädigte Kiel, Ruder und Bug so stark, dass er auf die Azoren ablaufen muss. Auf dem Boot derselben Klasse von François Jambou („l’Aveugle – Trim Control“) brach gestern das Rigg, und er versucht unter Notrigg zum Festland zu kommen. Dritte Aufgabe in der Class-40-Klasse war die von Jean-Pierre Balmes, der wegen Problemen mit den Ballast-Tanks seines Bootes „Full Save“ das Rennen aufgeben muss. Insgesamt mussten schon 21 Boote von 138 Startern die Route du Rhum beenden. Klingt nach viel, ist aber noch nichts zum Sturmrennen 2002, bei dem 48 Prozent der Starter ausfielen.

Bei den Open 60s wird es vor der Flaute spannend

Indessen geht das Rennen für die Open 60s um Boris Herrmann in eine taktisch schwierige Phase. Spätestens morgen wird das führende Drittel der Boote in eine Flautenzone segeln, die das Klassement kräftig durcheinanderwürfeln könnte. Die Boote im Westen um den Führenden Charlie Dalin scheinen dabei besser voranzukommen. Sie fahren teils noch 10 bis 12 Knoten, während die Boote weiter östlich schon unter 10 Knoten Speed gefallen sind.

Der Stand des Rennens bei den Imocas heute Mittag | RDR 2022
Der Stand des Rennens bei den Imocas heute Mittag | RDR 2022

Zu denen gehört leider auch Boris Herrmann mit seiner „Malizia – Seaexplorer“, der auf Platz 14 zurückgefallen ist und noch mit 9,2 Knoten unterwegs ist. Von Bord meldete er, dass er die Schwachwindzone für Reparaturen an seinem Bordcomputer nutzen werde und sich darauf freue, einmal wieder ohne hohen Seegang und enorm viel Spray an Deck gehen zu können. So richtig kommt der Hamburger einfach nicht in Fahrt.

Alle Skipper schielen schon sehnsüchtig auf die Passatwinde, die hinter dem Flautengürtel warten und endlich stabile, schnelle und freundlichere Bedingungen bringen sollen. Auf die hofft auch Herrmann, der bei dieser Route du Rhum noch nicht so richtig in Fahrt gekommen ist. Aber wenigstens konnte er sich bis auf 20 Meilen an Romain Attanasio („Fortinet Best Western“) heranarbeiten, der seine alte „Malizia“ gekauft hat und den Boris unbedingt bis zum Ziel hinter sich lassen will.

Ansonsten hat sich im Imoca-Feld wenig getan, die Führung hat Dalin, wie auch sonst, die Verfolger hält er auf fast 100 Meilen Abstand souverän in Schach. Dort kämpft das Quartett um Jérémie Beyou („Charal“), Thomas Ruyant („Linked Out“), Paul Meilhat („Biotherm“), und Kevin Escoffier („Holcim“) im Abstand von nicht einmal 20 Seemeilen verbissen um einen Podiumsplatz.

Die Ultims kurz vor dem Ziel

Während die Flotte der Open 60s sich also noch zu den Passatwinden durchschlagen muss, haben die Ultims bereits das Ziel vor Augen. Keine 500 Meilen hat der Führende Charles Caudrelier noch bis ins Ziel. Verfolger François Gabart kam mit seiner „SVR Lazartigue“ gestern bis auf 35 Meilen an den Führenden heran, doch dann riss die Leine zum Bewegen seines einen Foils, und die Reparatur kostete Stunden, in denen das Boot langsamer unterwegs war. Heute liegt er 85 Meilen zurück, gut drei Stunden Fahrt bei den derzeitigen Geschwindigkeiten der Ultims. Dritter im Bunde ist Thomas Covilles „Sodebo“, auch wieder rund 90 Meilen hinter Gabart.

Kurios ist ein Duell dahinter: Dort batteln sich der letzte Sieger der Route du Rhum, Francis Joyon und seine „Idec Sport“ und Yves Le Blevecs „Actual Ultim 3“ um Platz Nummer 4. Seit Tagen wechseln die beiden sich auf dem Platz ab, die Boote trennen keine 30 Meilen. Es ist eine Art Wiederholung des Finales der letzten Route du Rhum, bei der Le Blevecs heutiges Boot noch François Gabarts alte „Macif“ war und beide sich bis kurz vor die Ziellinie beharkten, bis Joyon schließlich mit unglaublichen 8 Minuten Vorsprung gewann. Beide Boote sind also noch immer auf Augenhöhe, genau wie ihre heutigen Skipper. Erstaunlich ist aber, was sich seitdem in der Klasse getan hat, heute liegt Gabart mit seiner neuen Generation von Foiler-Tri fast 700 Meilen vor den beiden.

Währenddessen stecken die Class 40s bei den Azoren nach der Passage der Sturmfront gestern heute in Leichtwind bei den Azoren. Der lange in Führung liegende Correntin Douguet meldete von seiner „Queguiner Innoveao“ Probleme mit dem Motor und erwog kurz, die Azoren für einen Stopp anzulaufen, entschied sich dann aber doch, den Fight um den Sieg mit Yoann Richomme („Arkea Paprec“) weiter auszufechten, auch wenn Energie-Probleme ihn reichlich Nerven kosten.

Bei den 50-Fuß-Trimaranen der Ocean-50-Klasse werden die verbliebenen sechs Boote heute wohl die Passatwinde auf Höhe der Kanaren erreichen und ordentlich Speed aufnehmen. In Führung liegt noch immer recht souverän Quentin Vlamynck mit seiner „Arkema“, gefolgt von „Koesio“ von Erwan Le Roux.


Mehr zum Thema


Meistgelesene Artikel