Vendée ArctiqueSo nah und doch so fern – harte Strafe gegen Bonafous

Tatjana Pokorny

 · 15.06.2026

Élodie Bonafous vor dem Start in ihr ersten großen Solos.
Foto: Eloi Stichelbaut/polaRYSE/Nefsea/SAEM Vendée
Das Vendée Arctique wird auf den letzten Seemeilen ins Ziel zur Zitterpartie, weil die Winde stark nachgelassen haben. Gleichzeitig wird eine hohe Zeitstrafe gegen Élodie Bonafous noch für Bewegung im Klassement sorgen. Die ersten Boote werden heute Abend vor Les Sables-d’Olonne erwartet.

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Fast das ganze Polarkreisrennen über sah Sam Goodchild wie der sichere Sieger im Vendée Arctique aus. Bis zu 212 Seemeilen Vorsprung hatte er vor Élodie Bonafous vor der Einfahrt in den Nordkanal zwischen Großbritannien und Irland. Bis Montagmorgen ist der Vorsprung aber nun auf rund 50 Seemeilen zusammengeschmolzen. Nur wird Élodie Bonafous ihr starkes Comeback in den leichten Biskayawinden, die Spitzenreiter Sam Goodchild zuerst ausgebremst hatten, nicht in einen Angriff ummünzen können.

Vendée Arctique: harte Zeitstrafe gegen Élodie Bonafous

Die Französin hat auf dem Kurs noch eine empfindliche Zeitstrafe abzusitzen. Diese Entscheidung hat die internationale Jury am Wochenende getroffen, nachdem die Französin das Verkehrstrennungsgebiet (TSS) im Nordkanal zwischen Irland und Schottland durchquert hatte. Nach der Anhörung wurde der Skipperin der „Association Petits Princes – Quéguiner“ eine Zwölf-Stunden-Strafe auferlegt.

Ihre Strafe muss Élodie Bonafous noch auf See und nach einem strengen Protokoll verbüßen. Dafür hatte sie zwei Optionen: entweder vor Erreichen von 50°20’ Nord oder nach Passieren der Île de Sein. Die erste Option ist bereits verstrichen. Für die Skipperin aus dem Finistère bedeutete das Urteil einen schweren Rückschlag. Sie hat bislang ein beeindruckendes Rennen absolviert und sich am Wochenende Platz zwei zurückerkämpft.

​Als ich von der Strafe erfuhr, fühlte es sich an, als würde mir der Boden unter den Füßen weggerissen.” Élodie Bonafous

Élodie Bonafous’ (”Association Petits Princes - Queguiner”) hat die heftige Strafe hart getroffen. Sie sagte: „ Seitdem segle ich mit einer Mischung aus Unverständnis, Frustration und, das muss ich zugeben, einer gewissen Wut.“ Sie bestreitet ihren Fehler nicht. „Ich akzeptiere voll und ganz, dass ich in ein Sperrgebiet gefahren bin. Das war mein Fehler.“ Die Herausforderung aber bestehe nun darin, mit den Konsequenzen umzugehen.

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Der Gedanke, zwölf Stunden lang anhalten zu müssen und den anderen beim Vorbeisegeln zuzusehen, ist extrem schwer zu akzeptieren.” Élodie Bonafous

Kurz vor dem Ziel verändert die Strafe das Kräfteverhältnis innerhalb der Verfolgergruppe dramatisch. Hier sah es am Montagmorgen vor den erwarteten Zieldurchgängen am Abend und in der Nacht so aus, dass Ambrogio Beccaria (”Allagrande Mapei”) mit etwa 30 Seemeilen Rückstand auf Bonafous an dritter Position lag. Violette Dorange (”Initiatives Cœur”) folgt zehn Seemeilen hinter ihm. Und 30 Seemeilen hinter ihr lag Francesca Clapcich mit “11th Hour Racing” auf Platz fünf. Ihnen allen wird Élodie Bonafous nur einen halben Tag Stillstand entgegenhalten können, wenn sie zwölf Stunden anhalten muss. Zum Tracking für das Vendée Arctique geht es hier.

Flauer Wind im Vendée-Arctique-Finale

​Indessen hat auch Vendée-Arctique-Dominator Sam Goodchild das Feld nicht mehr so im Griff wie über fast das gesamte Rennen. Die eingeschlafene Biskaya hat für die aktuell sichtbare Kompression gesorgt. Obwohl der “Macif Santé Prévoyance”-Skipper nach seinem schnellen Ritt zwischen Großbritannien und Irland hindurch noch mehr als 100 Seemeilen Vorsprung hatte, sind die inzwischen auf die Hälfte geschrumpft.

Vor seiner ersten Jägerin Élodie Bonafous muss er sich nach der Strafe gegen sie weniger fürchten. Doch auch Ambrogio Beccaria (”Allagrande Mapei”) ist nach seiner Entscheidung für die Außenbahn entlang der westirischen Küste inzwischen wieder dichter an Goodchild herangerückt. Es dürfte für den Italiener aber auch in leichten Winden schwer werden, seinen 85-Seemeilen-Rückstand auf Goodchild von Montagmorgen bis ins Ziel noch zu tilgen.

Für Goodchild steht nun als letzte wichtige Aufgabe im Vendée Arctique an, wie er seine Führung sauber bis zur Ziellinie verteidigen kann. Denn direkt über der Zielgerade nach Les Sables-d’Olonne hat sich ein riesiges Schwachwindgebiet ausgebreitet, in dem sich die Abstände zuletzt immer wieder verringerten, die Verfolger wertvollen Boden gutgemacht haben.

​Wie verteidigt man einen Vorsprung ohne Wind?

Einige Routings gewährten Goodchild zuletzt noch einen bescheidenen Vorsprung im Vendée-Arctique-Ziel vor Les Sables-d’Olonne. Andere zeichnen das Bild einer spektakulären Aufholjagd in der Schlussphase. Diejenigen, die vor nicht allzu langer Zeit völlig außer Reichweite schienen, könnten sehr schnell wieder ins Spiel kommen“, erklärte der Spitzenreiter selbst.

Es ist sogar möglich, dass wir uns alle irgendwann in Sichtweite voneinander befinden.” Sam Goodchild

Dem Imoca-Meister von 2025 stellt sich die Frage, wie man einen Vorsprung in der Flaute verteidigt. Seine Antwort fiel in den letzten Vendée-Arctique-Stunden philosophisch aus: „Letztendlich muss man einfach akzeptieren, was man nicht kontrollieren kann.“ Es ist eine Philosophie, die weit über seine eigene Situation hinausgeht. Hinter ihm bereiten sich alle Solisten darauf vor, ihre letzten Karten auszuspielen. Francesca Clapcich sagte: „Dieser Endspurt könnte jedem die Chance bieten, Plätze zu gewinnen oder zu verlieren. Noch ist nichts entschieden.“

In diesem Zusammenhang ist Geschwindigkeit im Vendée Arctique nicht mehr das Top-Thema. Es wird vielmehr auf einen klaren Kopf ankommen. Und in der Windlotterie auch ein bisschen Fortune. Die jüngsten Prognosen sahen Sam Goodchild am Montagabend (15. Juni) zwischen 20.30 und 23.30 Uhr ins Ziel kommen. Die gleiche Zeitspanne wurde von den Veranstaltern am Montagmorgen für Élodie Bonafous und Ambrogio Beccaria angegeben. Wobei diese Ankunft für Bonafous aufgrund der noch zu absolvierenden Zeitstrafe nur ein theoretischer Wert ist. Mit “Initiatives - Cœur” und “11th Hour Racing” wird in der Nacht zu Dienstag gerechnet.

Ein Finale für Charlie Dalin

Während sich die Solisten dem Vendée-Arctique Ziel nähern, laufen in Les Sables-d’Olonne die letzten Vorbereitungen auf den Empfang. Er wird dem am 11. Juni verstorbenen Charlie Dalin gewidmet sein. Darüber haben wir hier berichtet.

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Tatjana Pokorny

Tatjana Pokorny

Freie Reporterin Sport

Tatjana „tati“ Pokorny ist Autorin von neun Büchern. Sie arbeitet als Reporterin für die YACHT, berichtete unter anderem von neun Olympischen Spielen, als Korrespondentin für die Deutsche Presse-Agentur (DPA), das Hamburger Abendblatt sowie weitere nationale und internationale Medien. Kernthemen sind der America's Cup, das Ocean Race, die Vendée Globe, SailGP und weitere nationale und internationale Regatten und ihre Protagonisten. Lieblingsdisziplin: Portraits von und Interviews mit Segelsportpersönlichkeiten.

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